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Durch­set­zung ei­nes be­triebs­ver­fas­sungs­recht­li­chen Wei­ter­be­schäf­ti­gungs­an­spruchs im Eil­ver­fah­ren

Ein gu­tes Wi­der­spruchs­schrei­ben des Be­triebs­ra­tes ist Gold wert: LAG Ber­lin-Bran­den­burg, Be­schluss vom 25.03.2010, 2 Ta 387/10
07.07.2010. Ge­kün­dig­te Ar­beit­neh­mer sind nach Ab­lauf der Kün­di­gungs­frist in al­ler Re­gel selbst dann "drau­ßen", wenn ei­ne Kün­di­gungs­schutz­kla­ge er­ho­ben wur­de. Das Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­setz (Be­trVG) sieht für sol­che Fäl­le in Er­gän­zung zum all­ge­mei­nen Wei­ter­be­schäf­ti­gungs­an­spruch ei­nen spe­zi­el­len be­triebs­ver­fas­sungs­recht­li­chen Wei­ter­be­schäf­ti­gungs­an­spruch vor.

Er setzt un­ter an­de­rem ei­nen ord­nungs­ge­mä­ßen Wi­der­spruch des Be­triebs­ra­tes vor­aus. Da­mit sind Ar­beit­neh­mer als An­spruchs­stel­ler in der miss­li­chen La­ge, die­se Ord­nungs­mä­ßig­keit be­wei­sen zu müs­sen, oh­ne Ein­blick in die In­ter­na des Be­trie­bes und des Be­triebs­ra­tes zu ha­ben. Meist bleibt da­mit nur, das Wi­der­spruchs­schrei­ben des Be­triebs­ra­tes vor­zu­le­gen. Sei­ne Qua­li­tät kann al­so über Sieg und Nie­der­la­ge ent­schei­den, wie ei­ne Ent­schei­dung des Lan­des­ar­beits­ge­richts (LAG) Ber­lin-Bran­den­burg zeigt, LAG Ber­lin-Bran­den­burg, Be­schluss vom 25.03.2010, 2 Ta 387/10.

Betriebsverfassungsrechtlicher Weiterbeschäftigungsanspruch und Widerspruchsschreiben

§ 102 Abs. 5 Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­setz (Be­trVG) sieht ei­nen spe­zi­el­len be­triebs­ver­fas­sungs­recht­li­chen Wei­ter­beschäfti­gungs­an­spruch vor. Die­ser An­spruch greift ein, wenn ei­nem Ar­beit­neh­mer or­dent­lich gekündigt wur­de, wenn er ge­gen die Kündi­gung recht­zei­tig nach dem Kündi­gungs­schutz­ge­setz (KSchG) Kündi­gungs­schutz­kla­ge er­ho­ben hat, wenn er - eben­falls recht­zei­tig - vom Ar­beit­ge­ber ver­langt, bis zum Ab­schluss des Ge­richts­ver­fah­rens wei­ter­beschäftigt zu wer­den, wenn der Ar­beit­ge­ber die Möglich­keit hat, die­sen Wunsch zu erfüllen, und wenn der Be­triebs­rat der Kündi­gung form- und frist­ge­rech­ten wi­der­spro­chen hat.

Der Be­triebs­rat muss hier schrift­lich und in­ner­halb ei­ner Wo­che nach Anhörung zu der Kündi­gung ei­ne ausführ­li­che, ein­zel­fall­be­zo­ge­ne Be­gründung da­zu ab­ge­ben, war­um sei­ner Auf­fas­sung nach ei­ner der fünf in § 102 Abs.3 Be­trVG ge­nann­ten Wi­der­spruchs­gründe, bei­spiels­wei­se ei­ne feh­ler­haf­te So­zi­al­aus­wahl vor­lie­gen. Flos­keln oder ei­ne bloße Wie­der­ho­lung des Ge­set­zes­wort­lau­tes genügen nicht. Äußert er sich in­ner­halb die­ser Frist nicht oder nur un­zu­rei­chend, gilt sei­ne Zu­stim­mung zur Kündi­gung als er­teilt.

Ins­be­son­de­re wenn der Ar­beit­neh­mer die Vor­aus­set­zun­gen sei­nes An­spruch aus § 102 Abs.5 Be­trVG im vorläufi­gen Rechts­schutz be­le­gen will, kann die Qua­lität die­ses Schrei­bens ent­schei­dend sein, da hier nur un­mit­tel­bar vor Ge­richt verfügba­re Be­weis­mit­tel zu­ge­las­sen sind.

Ein ak­tu­el­ler Fall des Lan­des­ar­beits­ge­rich­tes (LAG) Ber­lin-Bran­den­burg (Be­schluss vom 25.03.2010, 2 Ta 387/10) zeigt bei­spiel­haft, wel­che Hürden Ar­beit­neh­mer da­bei neh­men müssen.

Der Fall: Betriebsbedingte Kündigung einer Teamassistentin

Die An­trag­stel­le­rin war als Tea­m­as­sis­ten­tin in ei­nem Ber­li­ner Be­trieb beschäftigt. Die An­trags­geg­ne­rin, ih­re Ar­beit­ge­be­rin, ent­schloss sich Mit­te 2009, die Ber­li­ner Team­se­kre­ta­ria­te auf­zulösen. Übrig blieb nur die Stel­le ei­ner As­sis­ten­tin des Nie­der­las­sungs­lei­ters, die al­ler­dings nicht mit der An­trag­stel­le­rin be­setzt wur­de.

Bei der im Rah­men ih­rer Kündi­gung er­folg­ten Be­triebs­rats­anhörung wi­der­sprach der Be­triebs­rat der Ent­las­sung ausführ­lich un­ter Hin­weis auf die be­son­de­re so­zia­le Schutz­bedürf­tig­keit, die er an­hand ei­ner So­zi­al­plan-Aus­wahl­richt­li­nie fest­ge­stellt hat­te. Der Tea­m­as­sis­ten­tin hätte, so der Rat, die ver­blei­ben­de As­sis­tenz­stel­le an­ge­bo­ten wer­den müssen.

Die Ar­beit­ge­be­rin kündig­te der Ar­beit­neh­me­rin gleich­wohl zum 31.01.2010, wor­auf­hin die­se Kündi­gungs­schutz­kla­ge er­hob. Im De­zem­ber 2009 wur­de sie frei­ge­stellt. Hier­ge­gen wehr­te sie sich im vorläufi­gen Rechts­schutz, in dem sie sich auf den Wei­ter­beschäfti­gungs­an­spruch nach § 102 Abs.5 S.1 Be­trVG be­rief.

Das Ar­beits­ge­richt Ber­lin wies ih­ren An­trag je­doch zurück. Das Ge­richt hielt ihr vor, dass sie ihr Wei­ter­beschäfti­gungs­be­geh­ren auch (schon) im Rah­men der Kündi­gungs­schutz­kla­ge hätte gel­tend ma­chen können. Es feh­le da­her an der im vorläufi­gen Rechts­schutz not­wen­di­gen Eil­bedürf­tig­keit ih­res An­tra­ges, d.h. dem Verfügungs­grund. Dar­auf­hin leg­te die An­trag­stel­le­rin so­for­ti­ge Be­schwer­de beim LAG Ber­lin-Bran­den­burg ein.

Die Entscheidung: Präzises Widerspruchsschreiben kann ordnungsgemäßen Betriebsratsbeschluss beweisen / Weiterbeschäftigungsanspruch kann auch noch am Tag nach Fristablauf geltend gemacht werden

Das LAG Ber­lin-Bran­den­burg gab ihr Recht.

Zum ei­nen hielt das Ge­richt den Vor­trag zur Ord­nungsmäßig­keit des Be­triebs­rats­be­schlus­ses für völlig aus­rei­chend. Die An­trag­stel­le­rin hat­te im We­sent­li­chen nur das Wi­der­spruchs­schrei­ben vor­le­gen können. Die­ses wies je­doch, wie das LAG her­vor­hob, in Auf­bau und In­halt ein ho­hes Maß an Präzi­si­on auf, ins­be­son­de­re war der Ein­gang des Anhörungs­schrei­bens der Ar­beit­ge­be­rin ex­akt ver­merkt. Da die­se im Übri­gen auch nichts ge­gen die Ord­nungsmäßig­keit des Be­schlus­ses vor­ge­bracht hat­te, war für das Ge­richt die Qua­lität des Schrei­bens aus­schlag­ge­bend.

Zum an­de­ren be­ton­te das LAG Ber­lin-Bran­den­burg, die Ar­beit­ge­be­rin könne sich nicht auf das Feh­len ei­nes frei­en Ar­beits­plat­zes be­ru­fen. Es sei ge­ra­de strei­tig, ob der Platz als As­sis­ten­tin des Nie­der­las­sungs­lei­ters für die An­trag­stel­le­rin als so­zi­al Schwächs­te hätte „re­ser­viert“ wer­den müssen. Es sei mit dem Wi­der­spruchs­grund der feh­ler­haf­ten So­zi­al­aus­wahl nicht ver­ein­bar, wenn der Wei­ter­beschäfti­gungs­an­spruch schon al­lein des­halb ent­fie­le, weil die ver­blie­be­ne Stel­le (schon wie­der) be­setzt ist.

Den Hin­weis der Vor­in­stanz auf die mögli­che Gel­tend­ma­chung des Wei­ter­beschäfti­gungs­an­spruchs im Kündi­gungs­schutz­ver­fah­ren wid­me­te das LAG hin­ge­gen kei­ne größere Be­ach­tung. Zu Recht ver­weist es auf die Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­rich­tes (BAG), nach der ein der An­spruch aus § 102 Be­trVG auch dann noch recht­zei­tig ist, wenn er am ers­ten Ar­beits­tag nach Ab­lauf der Kündi­gungs­frist ge­stellt wird.

Die An­trag­stel­le­rin hat­te so be­trach­tet so­gar noch über ei­nen Mo­nat Zeit. Ab­ge­se­hen da­von er­ge­be sich der Verfügungs­grund schon aus dem Vor­lie­gen der spe­zi­el­len Vor­aus­set­zun­gen des Wei­ter­beschäfti­gungs­an­spruchs und der da­mit ver­bun­den Wer­tung, dass das Beschäfti­gungs­in­ter­es­se des Ar­beit­neh­mers hier im Re­gel­fall über­wie­gen soll. Es dro­he nämlich sonst ein endgülti­ger Rechts­ver­lust.

Fa­zit: Das pro­fes­sio­nel­le Auf­tre­ten des Be­triebs­ra­tes ge­genüber dem Ar­beit­ge­ber war hier ent­schei­dend für den Er­folg der Ar­beit­neh­me­rin. Der Fall ist da­mit ein schönes Bei­spiel für die alt­be­kann­te Re­gel, dass die Form häufig den In­halt be­stimmt. Ar­beit­neh­mer können aus die­sem Fall mit­neh­men, dass ein star­ker, trans­pa­rent ar­bei­ten­der Be­triebs­rat so man­ches Mal das sprichwört­li­che „Züng­lein an der Waa­ge“ sein kann.

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Letzte Überarbeitung: 31. Mai 2014

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