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Kei­ne Sperr­zeit bei Her­stel­lung ei­ner „Er­zie­hungs­ge­mein­schaft“

Wer kün­digt, um in ei­ner an­de­ren Stadt mit sei­nem Le­bens­part­ner ein Kind zu be­treu­en, wird nicht ge­sperrt: Bun­des­so­zi­al­ge­richt, Ur­teil vom 17.10.2007, B 11a/7a AL 52/06 R

28.11.2007. Ar­beit­neh­mer, die ihr Ar­beits­ver­hält­nis kün­di­gen, um zu ih­rem Le­bens­part­ner in ei­ne an­de­re Stadt zu zie­hen, müs­sen mit ei­ner Sperr­zeit beim Be­zug von Ar­beits­lo­sen­geld rech­nen.

Ei­ne Aus­nah­me zu­guns­ten der Mo­bi­li­tät müs­sen die Ar­beits­agen­tu­ren ma­chen, wenn der Um­zug dient der Er­zie­hung ei­nes ge­mein­sa­men Kin­des dient. Die­se Aus­nah­me hat das Bun­des­so­zi­al­ge­richt (BSG) nun­mehr zu­guns­ten der Ar­beit­neh­mer er­wei­tert:

Auch die be­ab­sich­tig­te ge­mein­sa­me Be­treu­ung ei­nes Kin­des, das nur von ei­nem der bei­den nicht­ehe­li­chen Part­ner ab­stammt, kann ein wich­ti­ger Grund für die Lö­sung des Ar­beits­ver­hält­nis­ses sein: BSG, Ur­teil vom 17.11.2007, B 11a/7a AL 52/06 R.

Ist die Betreuung eines Kindes zusammen mit dem Lebenspartner ein "wichtiger Grund" für die Lösung des Beschäftigungsverhältnisses?

Nach § 159 Abs.1 Nr.1 Drit­tes Buch So­zi­al­ge­setz­buch (SGB III) (früher: § 144 Abs.1 Nr.1 SGB III) verhält sich der Ar­beits­lo­se ver­si­che­rungs­wid­rig und erhält ei­ne Sperr­zeit von min­des­tens zwölf Wo­chen, wenn er das Beschäfti­gungs­verhält­nis löst und da­durch vorsätz­lich oder grob­fahrlässig die Ar­beits­lo­sig­keit her­beiführt, oh­ne dafür ei­nen „wich­ti­gen Grund“ zu ha­ben.

Ei­nen wich­ti­gen Grund für die Ar­beits­auf­ga­be hat die so­zi­al­ge­richt­li­che Recht­spre­chung bis­lang mit Blick auf den grund­recht­li­chen Schutz von Ehe und Fa­mi­lie (Art.6 GG) dann an­ge­nom­men, wenn ein Ehe­part­ner oder ein Ver­lob­ter zum Zwe­cke der Her­stel­lung der ehe­li­chen Ge­mein­schaft sein Ar­beits­verhält­nis kündigt, um in ei­ne an­de­re Stadt zum Ehe­part­ner zu zie­hen.

Dies gilt auch, wenn nicht­ehe­li­che Part­ner zu­sam­men­zie­hen wol­len, um in ei­ner ge­mein­sa­men Woh­nung ein ge­mein­sa­mes Kind zu be­treu­en. Dem­ge­genüber wird der Zu­zug zu ei­nem nicht­ehe­li­chen Le­bens­part­ner zum Zwe­cke der erst­ma­li­gen Be­gründung ei­ner eheähn­li­chen Ge­mein­schaft, falls kein ge­mein­sa­mes Kind vor­han­den ist, von der Recht­spre­chung nicht als wich­ti­ger Grund für die Lösung des Beschäfti­gungs­verhält­nis­ses im Sin­ne des Sperr­zeit­rechts an­er­kannt.

Frag­lich ist, ob auch die be­ab­sich­tig­te ge­mein­sa­me Be­treu­ung ei­nes Kin­des, das nur von ei­nem der bei­den nicht­ehe­li­chen Part­ner ab­stammt, d.h. die Her­stel­lung ei­ner „Er­zie­hungs­ge­mein­schaft“ ein wich­ti­ger Grund für die Lösung des Ar­beits­verhält­nis­ses sein kann. Über die­se Fra­ge hat­te das Bun­des­so­zi­al­ge­richt (BSG) bzw. des­sen Se­nat 11a mit Ur­teil vom am 17.11.2007 (B 11a/7a AL 52/06 R) ent­schie­den.

Der Fall des BSG: Schwäbische Arbeitnehmerin mit 14jähriger Tochter kündigt und zieht zu ihrem Lebenspartner in NRW

Ei­ne Ar­beit­neh­me­rin kündig­te ihr Ar­beits­verhält­nis als Verkäufe­r­in in Hei­den­heim (Ba­den-Würt­tem­berg) per En­de Au­gust 2004, um mit ih­rer 14 Jah­re al­ten Toch­ter zu ih­rem Ver­lob­ten, den sie drei Jah­re zu­vor ken­nen­ge­lernt hat­te, nach Glad­beck (Nord­rhein-West­fa­len) zu zie­hen.

Dort mel­de­te sie sich bei der Agen­tur für Ar­beit ar­beits­los und be­an­trag­te Gewährung von Ar­beits­lo­sen­geld. Dies lehnt die Ar­beits­agen­tur für ei­nen Zeit­raum von zwölf Wo­chen ab, weil ei­ne Sperr­zeit we­gen Ar­beits­auf­ga­be ein­ge­tre­ten sei. Hier­ge­gen er­hob die Ar­beit­neh­me­rin nach er­folg­lo­sem Wi­der­spruchs­ver­fah­ren Kla­ge vor dem So­zi­al­ge­richt.

So­zi­al­ge­richt und Lan­des­so­zi­al­ge­richt (LSG) ga­ben der Kla­ge statt. Da­bei ver­trat das LSG die Auf­fas­sung, dass sich die Kläge­rin für die Lösung ih­res Beschäfti­gungs­verhält­nis­ses in Hei­den­heim auf ei­nen wich­ti­gen Grund be­ru­fen könne.

Zwar sei ein kon­kre­ter Hoch­zeits­ter­min zum Kündi­gungs­zeit­punkt noch nicht ab­seh­bar ge­we­sen, zwi­schen der Kläge­rin und ih­rem Ver­lob­ten ha­be je­doch be­reits zum Zeit­punkt der Kündi­gung - auch oh­ne das Vor­han­den­sein ei­ner ge­mein­sa­men Woh­nung - ei­ne eheähn­li­che Ge­mein­schaft be­stan­den. Außer­dem kom­me dem Um­stand be­son­de­re Be­deu­tung zu, dass der Um­zug auch der Her­stel­lung ei­ner Er­zie­hungs­ge­mein­schaft ge­dient ha­be.

BSG: Keine Sperrzeit bei Kündigung und Umzug zwecks Herstellung einer „Erziehungsgemeinschaft“

Das BSG hat sich im We­sent­li­chen und im Er­geb­nis der Auf­fas­sung des LSG an­ge­schlos­sen, ver­wies den Rechts­streit trotz­dem aber zur wei­te­ren Aufklärung des Sach­ver­halts an das LSG zurück. Zur Be­gründung heißt es:

Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des LSG gehöre das In­ne­ha­ben ei­ner ge­mein­sa­men Woh­nung zu den not­wen­di­gen Vor­aus­set­zun­gen für das Vor­lie­gen ei­ner eheähn­li­chen Ge­mein­schaft. Des­halb könne der Zu­zug zu ei­nem nicht­ehe­li­chen Le­bens­part­ner zum Zwe­cke der erst­ma­li­gen Be­gründung ei­ner eheähn­li­chen Ge­mein­schaft nach wie vor nicht als wich­ti­ger Grund für die Lösung des Beschäfti­gungs­verhält­nis­ses an­er­kannt wer­den.

Al­ler­dings könne die erst­ma­li­ge Her­stel­lung ei­ner „ernst­haf­ten und auf Dau­er an­ge­leg­ten Er­zie­hungs­ge­mein­schaft“, d.h. der Zu­zug ei­nes Part­ners mit sei­nem min­derjähri­gen Kind zum an­de­ren (nicht­ehe­li­chen) Part­ner ei­nen wich­ti­gen Grund dar­stel­len, wenn Gründe des Kin­des­wohls dies er­for­dern. Das sei ins­be­son­de­re dann an­zu­neh­men, wenn durch den Zu­zug ei­ne Ver­bes­se­rung der Un­ter­brin­gung, Ver­pfle­gung oder Be­treu­ung des Kin­des gewähr­leis­tet wer­de.

Das BSG stellt in die­sem Zu­sam­men­hang aus­drück­lich klar, dass es mit die­ser Ent­schei­dung sei­ne bis­he­ri­ge Recht­spre­chung er­wei­tert. Die­se er­kann­te ei­nen wich­ti­gen Grund im Sin­ne des Sperr­zeit­rechts nur beim Zu­zug zum Va­ter oder zur Mut­ter ei­nes ge­mein­sa­men Kin­des an.

Ein­zel­hei­ten zu dem Vor­gang fin­den Sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 1. März 2015

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