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Sperr­zeit bei Auf­he­bungs­ver­trä­gen

Bei Auf­he­bungs­ver­trä­gen mit „maß­vol­ler“ Ab­fin­dung droht künf­tig kei­ne Sperr­zeit: Än­de­rung der Durch­füh­rungs­an­wei­sung Sperr­zeit der Bun­des­agen­tur für Ar­beit (Stand Ok­to­ber 2007)

12.11.2007. Ar­beit­neh­mer, die ei­nen Auf­he­bungs­ver­trag ab­schlie­ßen, han­deln sich da­mit im All­ge­mei­nen ei­ne Sperr­zeit ein, d. h. ei­ne min­des­tens zwölf­wö­chi­ge Kür­zung ih­res Ar­beits­lo­sen­geld­an­spruchs.

Dies folgt aus § 159 Abs.1 Satz 2 Nr.1 Drit­tes Buch So­zi­al­ge­setz­buch (SGB III) (frü­her: § 144 Abs.1 Satz 2 Nr.1 SGB III). Da­nach tritt ei­ne Sperr­zeit ein, wenn der Ver­si­cher­te sein Be­schäf­ti­gungs­ver­hält­nis löst und da­durch vor­sätz­lich oder grob­fahr­läs­sig die Ar­beits­lo­sig­keit her­bei­führt, oh­ne da­für ei­nen „wich­ti­gen Grund“ zu ha­ben.

Als ei­nen sol­chen wich­ti­gen Grund ha­ben die Ar­beits­agen­tu­ren bis­lang im An­schluss an die so­zi­al­ge­richt­li­che Recht­spre­chung die Ver­mei­dung ei­ner an­sons­ten dro­hen­den recht­mä­ßi­gen be­triebs­be­ding­ten Kün­di­gung durch den Ar­beit­ge­ber an­er­kannt, falls die­se Kün­di­gung das Ar­beits­ver­hält­nis un­ter Be­ach­tung der für den Ar­beit­ge­ber gel­ten­den re­gu­lä­ren Kün­di­gungs­frist zum sel­ben Zeit­punkt wie der Auf­he­bungs­ver­trag be­en­det hät­te. Nach der ak­tu­el­len Fas­sung der Durch­füh­rungs­an­wei­sung Sperr­zeit kommt es auf die Recht­mä­ßig­keit der an­ge­droh­ten Ar­beit­ge­ber­kün­di­gung nicht mehr an.

Was hat sich bei der Sperrzeitpraxis der Bundesagentur für Arbeit geändert?

Von die­ser bis­he­ri­gen, stren­gen Hand­ha­bung des § 159 Abs.1 Satz 2 Nr.1 SGB III (früher: § 144 Abs.1 Satz 2 Nr.1 SGB III) ist die Bun­des­agen­tur für Ar­beit nun­mehr deut­lich zu­guns­ten des Ar­beits­lo­sen ab­gerückt.

Wie An­fang No­vem­ber 2007 be­kannt wur­de, sieht die von der Bun­des­agen­tur für den in­ter­nen Ver­wal­tungs­ge­brauch be­stimm­te Durchführungs­an­wei­sung (DA) Sperr­zeit in ih­rer der­zei­ti­gen Fas­sung (Stand Ok­to­ber 2007) vor, dass Auf­he­bungs­verträge un­ter fol­gen­den Umständen ge­recht­fer­tigt sind und da­her kei­ne Sperr­zeit nach sich zie­hen (DA Sperr­zeit Rn.144.102 und Rn.144.103):

  1. Ei­ne Kündi­gung wur­de durch den Ar­beit­ge­ber „mit Be­stimmt­heit“ in Aus­sicht ge­stellt.
  2. Die Ar­beit­ge­berkündi­gung würde auf be­trieb­li­che Gründe gestützt wer­den. Auf die Rechtmäßig­keit der Ar­beit­ge­berkündi­gung kommt es nicht mehr an.
  3. Die Ar­beit­ge­berkündi­gung würde zu dem­sel­ben oder zu ei­nem frühe­ren Zeit­punkt wie die im Auf­he­bungs­ver­trag ver­ein­bar­te Ver­trags­be­en­di­gung wirk­sam.
  4. Die Ar­beit­ge­berkündi­gung würde die vom Ar­beit­ge­ber zu be­ach­ten­de Kündi­gungs­frist ein­hal­ten.
  5. Der Ar­beit­neh­mer erhält ei­ne Ab­fin­dung von min­des­tens 0,25 und höchs­tens 0,50 Gehältern pro Beschäfti­gungs­jahr. Liegt die Ab­fin­dung un­ter oder über die­ser Span­ne, wird nur dann ein wich­ti­ger Grund von der Ar­beits­agen­tur an­er­kannt, wenn die Kündi­gung so­zi­al ge­recht­fer­tigt wäre.

(Hin­weis: Die­se Re­ge­lung enthält die ak­tu­el­le Fas­sung der Geschäfts­an­wei­sung Ar­beits­lo­sen­geld (Stand 12/2013) in ih­rem Punkt 9.1.2.)

Mit die­ser Ände­rung zieht die Bun­des­agen­tur für Ar­beit nach ei­ge­nem Be­kun­den die Kon­se­quenz aus dem Ur­teil des Bun­des­so­zi­al­ge­richts (BSG) vom 12.07.2006 (B 11a AL 47/05 R) (wir be­rich­te­ten in: Ar­beits­recht ak­tu­ell: 06/10 Sperr­zeit bei Auf­he­bungs­verträgen). In die­sem Ur­teil hat­te das BSG fest­ge­stellt, dass bei ei­ner dro­hen­den rechtmäßigen Ar­beit­ge­berkündi­gung im Re­gel­fall ein wich­ti­ger Grund für den Ab­schluss ei­nes Auf­he­bungs­ver­trags vor­liegt, oh­ne dass es auf wei­te­re, vom Ar­beit­neh­mer dar­zu­le­gen­de Umstände an­kommt.

Kommt es die­ser Ent­schei­dung zu­fol­ge noch auf die in der Re­gel schwie­ri­ge Prüfung der Rechtmäßig­keit der an­ge­droh­ten Ar­beit­ge­berkündi­gung an, geht die ak­tua­li­sier­te DA Sperr­zeit nun­mehr weit darüber hin­aus, da die Prüfung der Rechtmäßig­keit der an­ge­droh­ten be­triebs­be­ding­ten Ar­beit­ge­berkündi­gung ge­ra­de un­ter­blei­ben soll und es nur noch auf die Höhe der ver­ein­bar­ten Ab­fin­dung an­kommt.

Auch in­so­weit kann sich die Bun­des­agen­tur auf das o.g. Ur­teil des BSG be­ru­fen, da hier fol­gen­de Ände­rung der Recht­spre­chung an­gekündigt bzw. „er­wo­gen“ wird:

Der Se­nat erwägt, für Streitfälle ab dem 1.1.2004 un­ter Her­an­zie­hung der Grundsätze des § 1a KSchG auf ei­ne aus­nahms­lo­se Prüfung der Rechtmäßig­keit der Ar­beit­ge­berkündi­gung zu ver­zich­ten, wenn die Ab­fin­dungshöhe die in § 1a Abs.2 KSchG vor­ge­se­he­ne Gren­ze nicht über­schrei­tet.

Welche Konsequenzen hat die Änderung der Durchführungsanweisung zur Sperrzeit?

Die Ände­rung der DA Sperr­zeit hat zur Fol­ge, dass künf­tig häufi­ger als bis­her Auf­he­bungs­verträge ver­ein­bart wer­den. Ins­be­son­de­re wird man künf­tig sel­te­ner als bis­her An­lass ha­ben, bei be­triebs­be­ding­ten Kündi­gun­gen aus Furcht vor ei­ner Sperr­zeit „pro for­ma“ Kündi­gungs­schutz­kla­ge zu er­he­ben, um sich so­dann auf ei­nen ge­richt­li­chen Ab­fin­dungs­ver­gleich zu ei­ni­gen.

Al­ler­dings hat die geänder­te Pra­xis der Bun­des­agen­tur für Ar­beit ih­re Gren­zen:

Ers­tens: Wenn die Ab­fin­dung mehr als 0,5 oder we­ni­ger als 0,25 Mo­nats­gehälter pro Beschäfti­gungs­jahr be­tra­gen soll, ver­bie­tet sich ein Auf­he­bungs­ver­trag nach wie vor, da die Ar­beits­agen­tur dann ei­ne Prüfung der Rechtmäßig­keit der an­ge­droh­ten Ar­beit­ge­berkündi­gung vor­nimmt. Die Höhe der Ab­fin­dung muss sich al­so in dem von der Ar­beits­ver­wal­tung vor­ge­ge­be­nen Kor­ri­dor be­we­gen. Hat der Ar­beit­neh­mer An­lass, über ei­ne höhe­re Ab­fin­dung zu ver­han­deln (oder der Ar­beit­ge­ber, über ein ge­rin­ge­re), so hat sich sperr­zeit­recht­lich nichts geändert.

Zwei­tens: Auch bei Ab­wick­lungs­verträgen ist nach wie vor Vor­sicht ge­bo­ten. Sie sind zwar gemäß DA Sperr­zeit (Rn.144.109) „wie Auf­he­bungs­verträge“ zu be­wer­ten, doch heißt es in der DA Sperr­zeit wei­ter­hin:

Wird ein Ab­wick­lungs­ver­trag bin­nen der Frist zur Er­he­bung der Kündi­gungs­schutz­kla­ge ge­schlos­sen, liegt ein wich­ti­ger Grund für die Auflösung des Beschäfti­gungs­verhält­nis­ses vor, wenn die Kündi­gung rechtmäßig war.“ (Rn.144.110)

Da Ab­wick­lungs­verträge prak­tisch im­mer während des Laufs der dreiwöchi­gen Kla­ge­frist ge­schlos­sen wer­den (vor­her gibt es kei­ne Kündi­gung und nach­her ist ent­we­der ei­ne Kla­ge anhängig oder die Be­reit­schaft des Ar­beit­ge­bers zur Ab­fin­dungs­zah­lung nicht mehr vor­han­den), läuft die Pri­vi­le­gie­rung der maßvol­len Ab­fin­dungshöhe bei Ab­wick­lungs­verträgen prak­tisch leer.

Ein­zel­hei­ten zu dem Vor­gang fin­den Sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 24. Februar 2015

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