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Kurz­ar­beit schließt be­triebs­be­ding­te Kün­di­gung nicht aus

Kurz­ar­beit schützt nicht vor be­triebs­be­ding­ter Kün­di­gung - Ar­beit­ge­ber darf sei­ne Mei­nung än­dern: Lan­des­ar­beits­ge­richt Hamm, Ur­teil vom 24.06.2010, 8 Sa 1488/09
20.01.2011. Ar­beit­neh­mer, die be­reits län­ger als sechs Mo­na­te füh­ren Ar­beit­ge­ber tä­tig sind, wer­den durch das Kün­di­gungs­schutz­ge­setz (KSchG) ab­ge­si­chert. Ei­ne Kün­di­gung ist dann nur noch mög­lich, wenn sie "so­zi­al ge­recht­fer­tigt" ist. Das kann bei­spiels­wei­se bei so ge­nann­ten be­triebs­be­ding­ten Grün­den der Fall sein (§ 1 Abs.1, Abs.2 KSchG).

Im KSchG wer­den be­triebs­be­ding­te Grün­de als "drin­gen­de be­trieb­li­che Er­for­der­nis­se, die ei­ner Wei­ter­be­schäf­ti­gung des Ar­beit­neh­mers in die­sem Be­trieb ent­ge­gen­ste­hen" um­schrie­ben.

Die "be­trieb­li­chen Er­for­der­nis­se" müs­sen da­zu füh­ren, dass der Be­darf an Ar­beits­leis­tun­gen dau­er­haft ge­rin­ger wird. Ob das der Fall ist oder nicht, ent­schei­det zu­nächst ein­mal der Ar­beit­ge­ber. Er muss an­hand der bis­he­ri­gen be­triebs­wirt­schaft­li­chen Ent­wick­lung vor­her­sa­gen, d.h. an­hand von Tat­sa­chen pro­gnos­ti­zie­ren, ob ein Ar­beits­man­gel nur vor­über­ge­hend ist. Grund­sätz­lich geht das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) hier da­von aus, dass die Ein­füh­rung von Kurz­ar­beit da­für spricht, dass der Ar­beit­ge­ber nur von ei­nem vor­über­ge­hen­den Ar­beits­man­gel aus­ge­gan­gen ist (BAG, Ur­teil vom 26.06.1997, 2 AZR 494/96).

Zu der da­mit ver­bun­de­nen Fra­ge, in­wie­weit sich ein Ar­beit­ge­ber durch die Ein­füh­rung von Kurz­ar­beit an sei­ner da­mit zum Aus­druck ge­brach­ten Pro­gno­se selbst bin­det, nahm Mit­te des Jah­res 2010 das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Hamm Stel­lung (Ur­teil vom 24.06.2010, 8 Sa 1488/09; Vor­in­stanz: Ar­beits­ge­richt Her­ford, Ur­teil vom 07.10.2009, 3 Ca 439/09).

Im Kern meint das Ge­richt, der Ar­beit­ge­ber sei - je­den­falls nach ei­nem ge­wis­sen Zeit­ab­lauf - nicht an sei­ne Pro­gno­se ge­bun­den bzw. dür­fe die­se kor­ri­gie­ren. Schon das Aus­blei­ben ei­ner er­hoff­ten bes­se­ren Auf­trags­la­ge sei ein nach­voll­zieh­ba­rer Grund da­für, je­den­falls für ei­nen Teil der Ar­beits­plät­ze von ei­nem dau­er­haf­ten Weg­fall des Be­schäf­ti­gungs­be­darfs aus­zu­ge­hen.

In ei­nem et­was re­si­gnie­rend wir­ken­den Fa­zit führt das LAG aus, die Vor­her­sa­ge des Ar­beit­ge­bers sei von "zahl­rei­chen Un­wäg­bar­kei­ten ge­prägt und ei­ner ge­richt­li­chen Über­prü­fung nur be­grenzt zu­gäng­lich". Selbst mit fach­kun­di­ger Hil­fe sei in den meis­ten Fäl­len die je­wei­li­ge Ein­schät­zung der La­ge nicht zu­ver­läs­sig be­gründ­bar. "Dem­ent­spre­chend", so das Ge­richt wei­ter, "wä­ren die Ge­rich­te für Ar­beits­sa­chen über­for­dert, wenn sie - über die kon­kre­te Fest­stel­lung des ak­tu­el­len Auf­trags­man­gels im We­ge ei­ner Be­weis­auf­nah­me hin­aus - et­wa mit­hil­fe ei­nes be­triebs­wirt­schaft­li­chen Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­tens Aus­sa­gen über die künf­ti­ge Auf­trags­ab­wick­lung tref­fen soll­ten".

Der Rück­blick auf die Ver­gan­gen­heit bie­te re­gel­mä­ßig kei­nen Er­kennt­nis­wert, wenn es um die Fra­ge geht, ob und in­wie­weit ein fest­ge­stell­ter ak­tu­el­ler Auf­trags­man­gel nur vor­über­ge­hend oder ein An­zei­chen für ei­nen dau­er­haf­ten Auf­trags­rück­gang ist. "Letzt­lich ent­zieht sich da­mit die vom Ar­beit­ge­ber ge­trof­fe­ne Be­ur­tei­lung der künf­ti­gen Ent­wick­lung re­gel­mä­ßig der ge­richt­li­chen Kon­trol­le".

Im üb­ri­gen wür­de sich "die auch oh­ne­hin schon dürf­ti­ge" Tat­sa­chen­grund­la­ge der Pro­gno­se schon al­lein durch blo­ßen Zeit­ab­lauf än­dern. Der Ar­beit­ge­ber sei nicht ge­hin­dert, die zu ei­nem frü­he­ren Zeit­punkt ge­trof­fen Ein­schät­zung in­fra­ge zu stel­len und selbst bei un­ver­än­der­ter Auf­trags­la­ge - et­wa un­ter dem Ein­druck ge­gen­sätz­li­cher Ein­schät­zun­gen von an­de­ren Wirt­schafts­teil­neh­mern - ei­ne an­de­re Pro­gno­se zu tref­fen. Ei­ne "Selbst­bin­dung" wür­de den zu­rück­hal­ten­den, zu­nächst Kurz­ar­beit ein­füh­ren­den Ar­beit­ge­ber ge­gen­über ei­nem ag­gres­siv kün­di­gen­den Ar­beit­ge­ber grund­los schlech­ter stel­len.

Die Ent­schei­dung, mit der ei­ne Pro­duk­ti­ons­hel­fe­rin er­folg­los ge­gen ih­re be­triebs­be­ding­te Kün­di­gung vor­ging, ist rechts­kräf­tig.

Fa­zit: Für be­trof­fe­ne Ar­beit­neh­mer bleibt es vor die­sem Hin­ter­grund wei­ter­hin we­sent­lich aus­sichts­rei­cher, die bei be­triebs­be­ding­ten Kün­di­gun­gen eben­falls stets er­for­der­li­che So­zi­al­aus­wahl an­zu­grei­fen oder zu an­der­wei­ti­gen Be­schäf­ti­gungs­mög­lich­kei­ten im Be­trieb vor­zu­tra­gen.

Nä­he­re In­for­ma­tio­nen fin­den sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 24. August 2016

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