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Fehl­ein­schät­zung ei­nes Ge­sche­hens kann vor frist­lo­ser Kün­di­gung schüt­zen

"Das ist schlecht, aber das kann pas­sie­ren.": Lan­des­ar­beits­ge­richt Schles­wig-Hol­stein, Ur­teil vom 16.06.2010, 3 Sa 144/10
03.01.2011. Ei­ne au­ßer­or­dent­li­che, frist­lo­se Kün­di­gung ist ein schwer­wie­gen­der Ein­griff in das Ar­beits­ver­hält­nis, denn es wird da­mit mit so­for­ti­ger Wir­kung be­en­det. Zu­dem be­steht auch stets das Ri­si­ko ei­ner Sperr­zeit der Agen­tur für Ar­beit und we­gen des "krum­men" Be­en­di­gungs­da­tums eben­so von Schwie­rig­kei­ten bei der Su­che nach ei­ner neu­en Ar­beits­stel­le. Die Ar­beits­ge­rich­te se­hen ei­ne sol­che Kün­di­gung da­her zu Recht als letz­tes Mit­tel ("ul­ti­ma ra­tio"), wenn kei­ne sinn­vol­le Mög­lich­keit mehr be­steht, künf­tig für ei­nen ver­trags­ge­rech­tes Ar­beits­ver­hält­nis zu sor­gen. Da­her darf die frist­lo­se Kün­di­gung eben nicht als Stra­fe, son­dern nur als vor­beu­gen­de Maß­nah­me aus­ge­spro­chen wer­den.

Ob die in § 626 Abs. 1 Bür­ger­li­ches Ge­setz­buch (BGB) sehr abs­trakt und ju­ris­tisch um­schrie­be­nen Vor­aus­set­zun­gen für die so­for­ti­ge Ent­las­sung des Ar­beit­neh­mers vor­lie­gen, prü­fen die Ar­beits­ge­rich­te in stän­di­ger Recht­spre­chung zwei­stu­fig. Auf der ers­ten Stu­fe wird ge­fragt, ob ein be­stimm­ter Sach­ver­halt oh­ne die be­son­de­ren Um­stän­de des Ein­zel­falls ("an sich") als wich­ti­ger Kün­di­gungs­grund ge­eig­net ist. Das wird prak­tisch in je­dem Fall an­ge­nom­men. Auf der zwei­ten Stu­fe folgt die Prü­fung, ob die Fort­set­zung des Ar­beits­ver­diens­tes un­ter Be­rück­sich­ti­gung der kon­kre­ten Um­stän­de des Ein­zel­falls und un­ter Ab­wä­gung der In­ter­es­sen bei­der Ver­trags­tei­le auf Dau­er zu­mut­bar ist oder nicht.

Seit der öf­fent­lich viel dis­ku­tier­ten frist­lo­sen Kün­di­gung der Ber­li­ner Kas­sie­re­rin "Em­me­ly" we­gen ei­ner Ba­ga­tell­straf­tat ist bei der In­ter­es­sen­ab­wä­gung ein ge­wis­ser Wan­del in der Recht­spre­chung der Ar­beits­ge­rich­te zu be­ob­ach­ten. Es scheint, als wür­de nun (wie­der?) be­son­ders ge­nau hin­ge­se­hen und be­son­ders kri­tisch ab­ge­wo­gen. Da­bei wird ei­nem lan­gen, un­be­an­stan­det ge­blie­be­nen Be­schäf­ti­gungs­ver­hält­nis und dem da­mit er­ho­be­nen "Ver­trau­en­s­ka­pi­tal" so­wie dem "Nacht­tat­ver­hal­ten", al­so der Ein­sicht des Ar­beit­neh­mers in das ei­ge­ne Fehl­ver­hal­ten, ei­ne be­son­de­re Be­deu­tung bei­ge­mes­sen.

So ent­schie­den das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Schles­wig-Hol­stein (Ur­teil vom 16.06.2010, 3 Sa 144/10) und das Ar­beits­ge­richt Lü­beck (Ur­teil vom 25.02.2010, 1 Ca 3237 b/09) im Rah­men ei­ner Kün­di­gungs­schutz­kla­ge zu Guns­ten ei­nes Ar­beit­neh­mers, der nach fast 30 Jah­ren Tä­tig­keit für sei­nen Ar­beit­ge­ber ein Not­fall völ­lig falsch ein­ge­schätzt hat­te und dies, je­den­falls nach ei­ge­nem Be­kun­den, sehr be­dau­er­te und nun für das Pro­blem "hoch­gra­dig sen­si­bi­li­siert" ist. Was war ge­sche­hen?

Der Klä­ger ar­bei­tet im Nacht­dienst ei­nes In­ter­nats. Sein Be­treu­er­zim­mer ist mit ei­nem Not­ruf­te­le­fon aus­ge­stat­tet und liegt un­ter der Eta­ge für die weib­li­chen In­ter­nats­be­woh­ner. Dort kam es in der Nacht vom 07. auf den 08.10.2009 zu ei­nem dra­ma­ti­schen Zwi­schen­fall: Ei­ne knapp 17 Jah­re al­te Be­woh­ne­rin wur­de von ei­nem an­ge­trun­ken Schü­ler der be­nach­bar­ten See­mann­schu­le se­xu­ell an­ge­grif­fen. Sie konn­te in ihr Zim­mer zu zwei Mit­be­woh­ne­rin­nen flüch­ten und den An­grei­fer aus­sper­ren. An­schlie­ßend rief sie den Klä­ger an. Der In­halt des Ge­sprächs ist strei­tig. Statt nun un­ver­züg­lich zum Zim­mer zu ge­hen und zu über­prü­fen, ob Hand­lungs­be­darf be­steht, be­gnüg­te sich der Klä­ger mit ei­ner "Fern­dia­gno­se", hielt den Vor­fall für un­be­deu­tend und tat nichts. Erst nach ei­nem zwei­ten An­ruf ging er zu den Mäd­chen, emp­fahl dann aber nur, dass Zim­mer zu ver­schlie­ßen und ver­trös­te­te sie auf den nächs­ten Mor­gen. Den An­grei­fer traf er an­schlie­ßend mit ei­nem im In­ter­nat un­ter­ge­brach­ten Mit­schü­ler an. Der Klä­ger wuss­te da­mit, dass der Über­grei­fer auf die­ser Ba­sis in­ner­halb kür­zes­ter Zeit er­mit­tel­bar ist. Das ge­schah auch am nächs­ten Mor­gen, al­ler­dings nicht auf Ver­an­las­sung des Klä­gers, son­dern auf­grund ei­ner Mit­tei­lung der Be­trof­fe­nen an die Heim­lei­tung. Um die Mäd­chen hat­te sich der Klä­ger die­sem Abend nicht mehr ge­küm­mert.

Das LAG Schles­wig-Hol­stein nahm an, der kla­gen­de Be­treu­er ha­be pflicht­wid­rig zu­nächst gar nichts und da­nach zu we­nig un­ter­nom­men. Gleich­wohl hielt es an­ge­sichts der Ge­samt­um­stän­de nur ei­ne Ab­mah­nung für ei­ne an­ge­mes­se­ne Re­ak­ti­on. Denn die Pflicht­ver­let­zun­gen wa­ren Teil ei­nes ein­heit­li­chen Ge­sche­hens, das auf ei­ner völ­li­gen Fehl­ein­schät­zung der Si­tua­ti­on ba­sier­te. Dies sei schlecht, meint das Ge­richt, kön­ne aber pas­sie­ren. Men­sch­li­ches Ver­sa­gen sei nicht aus­schließ­bar. Auch das fort­ge­schrit­te­ne Al­ter des Klä­gers, die lan­ge Dau­er des im üb­ri­gen un­be­an­stan­det ge­blie­be­nen Ar­beits­ver­hält­nis­ses und sein nach Auf­fas­sung des Ge­richts glaub­haf­tes Be­dau­ern tru­gen zu die­ser Ein­schät­zung bei.

Die Ent­schei­dung ist rechts­kräf­tig.

Nä­he­re In­for­ma­tio­nen fin­den sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 24. August 2016

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