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Ar­beits­ver­wei­ge­rung kann zur frist­lo­sen Kün­di­gung füh­ren

Ein Streit um künf­ti­ge Lohn­an­sprü­che be­rech­tigt nicht zur Ar­beits­ver­wei­ge­rung: Lan­des­ar­beits­ge­richt Schles­wig-Hol­stein, Ur­teil vom 17.10.2013, 5 Sa 111/13

06.01.2014. Wer ei­ne ihm zu­ge­wie­se­ne Ar­beit be­harr­lich ver­wei­gert, weil er meint, der für die Ar­beit zu er­war­ten­de Lohn sei zu ge­ring, ris­kiert ei­ne au­ßer­or­dent­li­che und frist­lo­se Kün­di­gung. Denn so­lan­ge der Lohn noch gar nicht fäl­lig und ab­ge­rech­net ist, ist ein Zah­lungs­ver­zug des Ar­beit­ge­bers aus­ge­schlos­sen.

Da­bei hilft es dem Ar­beit­neh­mer nichts, wenn er irr­tüm­lich der Mei­nung ist, zu ei­ner Leis­tungs­ver­wei­ge­rung be­rech­tigt zu sein.

Das hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Schles­wig-Hol­stein in ei­nem ak­tu­el­len Ur­teil ent­schie­den: LAG Schles­wig-Hol­stein, Ur­teil vom 17.10.2013, 5 Sa 111/13.

Fristlose Kündigung wegen beharrlicher Arbeitsverweigerung ohne vorherige Abmahnung?

In älte­ren Ur­tei­len und in den Kom­men­ta­ren zum Ar­beits­recht kann man le­sen, dass der Ar­beit­ge­ber gemäß § 626 Bürger­li­ches Ge­setz­buch (BGB) zur außer­or­dent­li­chen und frist­lo­sen Kündi­gung be­rech­tigt ist, wenn der Ar­beit­neh­mer be­harr­lich sei­ne Ar­beit ver­wei­gert.

Fälle, in de­nen der Streit über ei­ne sol­che Kündi­gung vom Ge­richt zu­guns­ten des Ar­beit­ge­bers ent­schie­den wird, sind aber sel­ten. Denn oft kom­men die Ar­beits­ge­rich­te zu dem Er­geb­nis, die Ar­beits­ver­wei­ge­rung sei nicht "be­harr­lich" (ge­nug) ge­we­sen und/oder der Ar­beit­ge­ber hätte vor Aus­spruch der Kündi­gung ei­ne Ab­mah­nung aus­spre­chen müssen.

Und so­gar dann, wenn ei­ne be­harr­li­che Ar­beits­ver­wei­ge­rung und auch ei­ne Ab­mah­nung vor­liegt (oder wenn ei­ne Ab­mah­nung auf­grund der be­son­de­ren Umstände des Fal­les nicht er­for­der­lich ist), kann die Abwägung der bei­der­sei­ti­gen In­ter­es­sen zu­guns­ten des Ar­beit­neh­mers aus­ge­hen, vor al­lem bei lan­ger Beschäfti­gungs­dau­er. Auch dann ist die Kündi­gung un­wirk­sam.

Trotz­dem ist die of­fen erklärte Ver­wei­ge­rung von Ar­beit für den Ar­beit­neh­mer ris­kant. Denn wenn die Ar­beits­an­wei­sung rech­tens ist und der Ar­beit­neh­mer kein Zurück­be­hal­tungs­recht hat (das vor al­lem bei Zah­lungs­ver­zug des Ar­beit­ge­bers be­ste­hen kann), setzt er sich mit der Ar­beits­ver­wei­ge­rung ins Un­recht.

Spricht der Ar­beit­ge­ber dann oh­ne vor­he­ri­ge Ab­mah­nung ei­ne frist­lo­se Kündi­gung aus, kann es dem Ar­beit­neh­mer pas­sie­ren, dass er bei ei­ner Kündi­gungs­schutz­kla­ge den Kürze­ren zieht. So war es in dem Fall des LAG Schles­wig-Hol­stein (Ur­teil vom 17.10.2013, 5 Sa 111/13).

Der Streitfall: Fliesenleger mit Akkordlohn streitet mit dem Arbeitgeber über seinen voraussichtlichen laufenden Monatslohn und weigert sich zu arbeiten

Ein 49jähri­ger Flie­sen­le­ger war seit Au­gust 2011 bei ei­ner Bau­fir­ma beschäftigt. Gemäß Ar­beits­ver­trag soll­te er nach Ak­kord be­zahlt wer­den, d.h. be­stimm­te Bo­den­ver­le­ge­ar­bei­ten soll­ten pro Qua­drat­me­ter mit ei­nem Ak­kord­satz be­zahlt wer­den. Für an­de­re Ar­bei­ten soll­te der St­un­den­lohn 12,00 EUR brut­to be­tra­gen.

An­fang Sep­tem­ber 2012 kam es zum Streit über Ver­leg­ar­bei­ten, die der Flie­sen­le­ger in 40 na­he­zu iden­ti­schen Häusern im Ak­kord ausführen soll­te. Da er da­bei auch den Be­lag in die Häuser trans­por­tie­ren und den Un­ter­grund rei­ni­gen muss­te und weil außer­dem Zu­schnei­de­ar­bei­ten er­for­der­lich wa­ren, be­rech­ne­te der Flie­sen­le­ger zu­sam­men mit ei­nem Kol­le­gen nach zwei Ta­gen auf der Bau­stel­le sei­nen vor­aus­sicht­li­chen St­un­den­lohn und kam da­bei auf ma­ge­re 7,86 EUR brut­to. Da­her ver­lang­te er vom Ar­beit­ge­ber am 03.09.2012 ei­nen höhe­ren Lohn oder ei­nen an­de­ren Ein­satz­ort.

Der Ar­beit­ge­ber lehn­te das ab und for­der­te den Flie­sen­le­ger am 03.09.2012 un­ter An­dro­hung ei­ner frist­lo­sen Kündi­gung da­zu auf, sei­ne Ar­beit wie­der auf­zu­neh­men, was die­ser ge­mein­sam mit sei­nem Kol­le­gen un­ter Hin­weis auf den zu ge­rin­gen Lohn von 7,86 EUR ver­wei­ger­te. Am Fol­ge­tag er­schie­nen bei­de Ar­beit­neh­mer in Frei­zeit­klei­dung bei der Ar­beit und überg­a­ben ih­re Ar­beits­geräte. Im Ge­gen­zug er­hiel­ten sie die frist­lo­se Kündi­gung.

Das Ar­beits­ge­richt Elms­horn gab der Kündi­gungs­schutz­kla­ge des Flie­sen­le­gers trotz­dem statt. Be­gründung des Ar­beits­ge­richts: Der Ar­beit­ge­ber hätte ihm vor der Kündi­gung die Möglich­keit ge­ben müssen, sei­ne Po­si­ti­on zu über­den­ken und zu über­prüfen (Ar­beits­ge­richt Elms­horn, Ur­teil vom 07.02.2013, 4 Ca 15987 b/1).

LAG Schleswig-Holstein: Ein Streit um künftig fällige Lohnansprüche gibt dem Arbeitnehmer kein Zurückbehaltungsrecht

Das LAG hob das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Elms­horn auf und wies die Kla­ge ab. Denn die we­gen der Ar­beits­ver­wei­ge­rung aus­ge­spro­che­ne Kündi­gung war wirk­sam, so das LAG.

Der Ar­beit­ge­ber hat­te hier nämlich ei­nen wich­ti­gen Grund im Sin­ne von § 626 Abs.1 BGB für ei­ne außer­or­dent­li­che Kündi­gung, denn hier lag ei­ne "in­ten­si­ve bzw. nach­hal­ti­ge Ar­beits­ver­wei­ge­rung" vor. Der Flie­sen­le­ger hat­te sich be­wusst und wil­lent­lich ei­ner für ihn er­kenn­ba­ren und ein­deu­ti­gen Ar­beits­auf­for­de­rung sei­nes Ar­beit­ge­bers wi­der­setzt, so das LAG.

Zu ei­ner Leis­tungs­ver­wei­ge­rung war er da­bei nicht be­rech­tigt, d.h. ihm stand kein Zurück­be­hal­tungs­recht zu. Das er­gab sich im Streit­fall schon al­lein dar­aus, dass der vom Flie­sen­le­ger be­rech­ne­te Ar­beits­lohn zum Zeit­punkt der Ar­beits­ver­wei­ge­rung An­fang Sep­tem­ber 2012 noch gar nicht fällig war, so dass der Ar­beit­ge­ber dem­ent­spre­chend auch noch nicht im Lohn­ver­zug sein konn­te.

Und selbst wenn sich kon­kret ab­ge­zeich­net hätte, dass der Ar­beit­ge­ber vor­hat­te, dem Flie­sen­le­ger ei­nen ver­trags­wid­rig ge­rin­gen Lohn zu zah­len, hätte der Flie­sen­le­ger die Be­rech­nung und Aus­zah­lung des Lohns erst ein­mal ab­war­ten müssen. Dann erst hätte er recht­li­che Schrit­te un­ter­neh­men dürfen wie z.B. ei­ne Lohn­kla­ge.

Dass der Ar­beit­neh­mer hier irrtümlich an­ge­nom­men hat­te, zu ei­ner Leis­tungs­ver­wei­ge­rung be­rech­tigt zu sein, war recht­lich un­er­heb­lich. Denn wer als Ar­beit­neh­mer sei­ne Ar­beit ver­wei­gert, han­delt auf ei­ge­nes Ri­si­ko, so das LAG un­ter Ver­weis auf die ein­deu­ti­ge Rechts­la­ge.

Auch ei­ne Ab­mah­nung oder ei­ne wei­te­re Be­denk­zeit war hier nicht nötig, da der Ar­beit­ge­ber die Auf­for­de­rung, zur Bau­stel­le zu fah­ren, am Vor­tag un­ter An­dro­hung ei­ner frist­lo­se Kündi­gung aus­ge­spro­chen hat­te. Der Flie­sen­le­ger wuss­te al­so auch oh­ne Ab­mah­nung, was die Uhr ge­schla­gen hat­te.

Sch­ließlich zog der Ar­beit­neh­mer auch bei der Abwägung der bei­der­sei­ti­gen In­ter­es­sen den Kürze­ren. Denn er war zum Zeit­punkt der Kündi­gung erst ein Jahr beschäftigt und sei­ne Aus­sich­ten auf dem Ar­beits­markt wa­ren trotz sei­nes fort­ge­schrit­te­nen Al­ters nicht schlecht, hat­te er doch ei­nen Mo­nat nach sei­ner Ent­las­sung schon ei­nen neu­en Job ge­fun­den.

Fa­zit: Ei­ne un­be­rech­tig­te Ar­beits­ver­wei­ge­rung kann ei­ne frist­lo­se Kündi­gung nach sich zie­hen, und künf­ti­ge Lohn­ansprüche können kein Zurück­be­hal­tungs­recht auslösen. Im Streit­fall hat­te der Ar­beit­neh­mer letzt­lich in ziem­li­cher dreis­ter Wei­se ver­sucht, den Ar­beit­ge­ber zum Nach­ver­han­deln über den Lohn zu nöti­gen, und ein sol­ches Vor­ge­hen ist schlicht rechts­wid­rig.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Hin­weis: In der Zwi­schen­zeit, d.h. nach Er­stel­lung die­ses Ar­ti­kels, hat das LAG sei­ne Ent­schei­dungs­gründe veröffent­licht. Das vollständig be­gründe­te Ur­teil des LAG fin­den Sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 20. September 2016

Bewertung: Ar­beits­ver­wei­ge­rung kann zur frist­lo­sen Kün­di­gung füh­ren 5.0 von 5 Sternen (1 Bewertung)

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