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"Aus­beu­ter­fleisch" con­tra "fai­res Fleisch"

Nie­der­sach­sens viel kri­ti­sier­te Schlacht­be­trie­be blei­ben un­be­irrt beim The­ma Lohn­dum­ping: Ei­ne be­din­gungs­lo­se frei­wil­li­ge Selbst­ver­pflich­tung für hö­he­re Löh­ne leh­nen sie ab. Die Lan­des­re­gie­rung re­agiert em­pört und kün­digt ei­ne här­te­re Gang­art an

29.06.2013. (dpa) - Die Ge­sprä­che über ei­ne Auf­sto­ckung der in vie­len nie­der­säch­si­schen Schlacht­hö­fen ge­zahl­ten Bil­lig­löh­ne sind ge­schei­tert.

Die Lan­des­mi­nis­ter für Wirt­schaft und Agrar, Olaf Lies (SPD) und Chris­ti­an Mey­er (Grü­ne), kün­dig­ten am Frei­tag an, dass sie nach ei­nem er­geb­nis­lo­sen Tref­fen am Vor­abend nun über den Bund, den Han­del und die Ver­brau­cher Druck auf­bau­en wür­den.

Mey­er schwebt ei­ne Art Gü­te­sie­gel für den Han­del vor, das für den Ver­brau­cher er­kenn­bar "Aus­beu­ter­fleisch" von "fai­rem Fleisch" un­ter­schei­det.

Die Miss­stän­de be­droh­ten be­reits das Image der Wirt­schaft des gan­zen Lan­des, be­ton­te Lies.

Am Don­ners­tag­abend hat­ten Ver­tre­ter von Schlacht­hof-Be­trei­bern ei­ne frei­wil­li­ge Selbst­ver­pflich­tung zur Zah­lung ei­nes Min­dest­lohns von 8,50 Eu­ro pro St­un­de für bei ih­nen tä­ti­ge Leih­ar­bei­ter ab­ge­lehnt. Lies be­ton­te, da­mit sei die Chan­ce ver­tan wor­den, ein kla­res Si­gnal weit über die Lan­des­gren­zen hin­aus zu sen­den. Die Lan­des­re­gie­rung will nun über die Kom­mu­nen - et­wa durch Auf­la­gen oder Kon­trol­len - schwar­zen Scha­fen der Bran­che das Le­ben schwer ma­chen.

Die in der Fleisch­in­dus­trie füh­ren­de Fir­ma Tön­nies re­agier­te in ei­ner Stel­lung­nah­me über­rascht und sprach sich für ei­ne Wie­der­auf­nah­me der Ge­sprä­che aus. Die Ein­füh­rung ei­nes Min­dest­loh­nes müs­se al­ler­dings flä­chen­de­ckend und bran­chen­weit ein­ge­führt wer­den, um Wett­be­werbs­ver­zer­run­gen zu ver­hin­dern.

Mi­nis­ter­prä­si­dent Ste­phan Weil (SPD) for­der­te die Bun­des­re­gie­rung zur Ein­füh­rung ei­nes ge­setz­li­chen Min­dest­lohns in der Bran­che auf. "Als Kon­se­quenz aus den skan­da­lö­sen Zu­stän­den wer­den wir in je­dem Fall ge­setz­li­che Maß­nah­men er­grei­fen müs­sen", sag­te er der "Nord­west-Zei­tung" (Sams­tag­aus­ga­be). Das be­trä­fe ei­nen flä­chen­de­cken­den ge­setz­li­chen Min­dest­lohn, der auch in der Fleisch­in­dus­trie gel­ten muss: "Hier muss sich der Bund en­ga­gie­ren."

Über die Lan­des­gren­zen hin­aus will Nie­der­sach­sen ne­ben ei­ner Initia­ti­ve im Bun­des­rat auch di­rekt die Bun­des­re­gie­rung an­spre­chen. Lies: "Die Fleisch­in­dus­trie macht ei­nen rie­sen­gro­ßen Feh­ler, wenn sie glaubt, dass sich der Bund dem Min­dest­lohn wei­ter ver­sa­gen wird." Es ge­be in Ber­lin ei­ne wach­sen­de po­li­ti­sche Ge­schlos­sen­heit, nach­dem nun auch der Druck aus dem Aus­land ge­gen das Lohn­dum­ping zu­neh­me.

Eben­so wie Mey­er sprach Lies von ei­nem "per­ver­sen Sys­tem". "Je­des In­stru­ment wird aus­ge­nutzt, um hier Lohn­dum­ping zu be­trei­ben und den So­zi­al­staat für die Lohn­sub­ven­ti­on zu nut­zen." Am Vor­tag hät­ten die Ge­sprächs­teil­neh­mer nach zwei­ein­halb­stün­di­gen Ver­hand­lun­gen ei­nen "ge­fühl­ten Min­dest­lohn" an­ge­bo­ten, bei dem der ge­zahl­te Lohn an den Ein­kom­mens­ver­hält­nis­sen in der Hei­mat der oft ost­eu­ro­päi­schen Leih­ar­bei­ter ge­mes­sen wür­den. Zu­dem hät­ten die Be­trei­ber gel­tend ge­macht, dass der Dum­ping­lohn ja noch durch Kin­der­geld und an­de­re So­zi­al­leis­tun­gen in Deutsch­land auf­ge­stockt wer­den könn­te.

"Die ak­tu­el­len Ver­hält­nis­se er­in­nern zum Teil an Men­schen­han­del und mo­der­ne Skla­ve­rei", er­klär­te Lies em­pört. Das Land wer­de ei­ne Be­ra­tungs­stel­le für der­ar­ti­ge Leih­ar­bei­ter im Ol­den­bur­ger Müns­ter­land fi­nan­zie­ren und Ge­werk­schaf­ten und Kir­chen zur Mit­hil­fe auf­for­dern.

Zwi­schen CDU und SPD lös­te die De­bat­te ei­ne Kon­tro­ver­se aus. SPD-Frak­ti­ons­vor­sit­zen­de Jo­han­ne Mod­der hielt der ab­ge­wähl­ten Vor­gän­ger­re­gie­rung vor, sie ha­be jah­re­lang die Miss­stän­de in der Fleisch­in­dus­trie ge­deckt. Die CDU wies das in ei­ner Er­klä­rung als "Un­ver­schämt­heit und Aus­druck der Hilf­lo­sig­keit" zu­rück. Lies be­kom­me in der De­bat­te um frag­wür­di­ge Ar­beits­be­din­gun­gen in der Fleisch­in­dus­trie zu­neh­mend ein Glaub­wür­dig­keits­pro­blem, mein­te der stell­ver­tre­ten­de Vor­sit­zen­de der CDU-Land­tags­frak­ti­on, Dirk To­e­pffer.

In Nie­der­sach­sens Schlacht­be­trie­ben ar­bei­ten laut Agrar­mi­nis­ter knapp 10 000 Men­schen. Hin­zu kommt ei­ner gro­ßer An­teil von Leih­ar­bei­tern. Über die Hö­he der ge­zahl­ten St­un­den­löh­ne kann nur spe­ku­liert wer­den - Kri­ti­ker ge­hen von drei bis fünf Eu­ro aus. Of­fi­zi­el­le Zah­len über die vor al­lem we­gen um­strit­te­ner Werk­ver­trä­ge pre­kär Be­schäf­tig­ten gibt es nicht. Nach Schät­zun­gen stel­len sie bis zu 80 Pro­zent al­ler Be­schäf­tig­ten in ei­nem Be­trieb.

Nä­he­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 29. Mai 2014

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