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Urteile zum Arbeitsrecht
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Schlag­worte: Urlaubsabgeltung, Ausschlussfrist
   
Gericht: Bundesarbeitsgericht
Akten­zeichen: 9 AZR 399/10
Typ: Urteil
Ent­scheid­ungs­datum: 13.12.2011
   
Leit­sätze: Der vom Ge­richts­hof der Eu­ropäischen Uni­on auf­ge­stell­te Rechts­satz, dass die Dau­er des Über­tra­gungs­zeit­raums, in­ner­halb des­sen der Ur­laubs­an­spruch bei durchgängi­ger Ar­beits­unfähig­keit nicht ver­fal­len kann, die Dau­er des Be­zugs­zeit­raums deut­lich über­stei­gen muss, ist auf die Min­destlänge ei­ner ta­rif­li­chen Aus­schluss­frist für die Gel­tend­ma­chung des An­spruchs auf Ur­laubs­ab­gel­tung nicht über­trag­bar. Sol­che Aus­schluss­fris­ten können deut­lich kürzer als ein Jahr sein.
Vor­ins­tan­zen: Arbeitsgericht Fulda, Urteil vom 13.11.2009, 1 Ca 431/09
Hessisches Landesarbeitsgericht, Urteil vom 21.04.2010, 6 Sa 1944/09
   


BUN­DES­AR­BEITS­GERICHT


9 AZR 399/10
6 Sa 1944/09

Hes­si­sches
Lan­des­ar­beits­ge­richt

 

Im Na­men des Vol­kes!

Verkündet am

13. De­zem­ber 2011

UR­TEIL

Brüne, Ur­kunds­be­am­tin

der Geschäfts­stel­le

In Sa­chen

Be­klag­te, Be­ru­fungskläge­rin, Be­ru­fungs­be­klag­te, Re­vi­si­onskläge­rin und Re­vi­si­ons­be­klag­te,

pp.


Kläger, Be­ru­fungs­be­klag­ter, Be­ru­fungskläger, Re­vi­si­ons­be­klag­ter und Re­vi­si­onskläger,

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hat der Neun­te Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts auf­grund der münd­li­chen Ver­hand­lung vom 13. De­zem­ber 2011 durch den Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Krasshöfer als Vor­sit­zen­den, die Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Dr. Suckow und Klo­se so­wie den eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Meh­nert und die eh­ren­amt­li­che Rich­te­rin Neu­mann für Recht er­kannt:

Auf die Re­vi­si­on der Be­klag­ten wird das Ur­teil des Hes­si­schen Lan­des­ar­beits­ge­richts vom 21. April 2010 - 6 Sa 1944/09 - teil­wei­se auf­ge­ho­ben, so­weit es die Be­ru­fung der Be­klag­ten zurück­ge­wie­sen hat.

Auf die Be­ru­fung der Be­klag­ten wird das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Ful­da vom 13. No­vem­ber 2009 - 1 Ca 431/09 - ab­geändert, so­weit es der Kla­ge statt­ge­ge­ben hat. Die Kla­ge wird ins­ge­samt ab­ge­wie­sen.

Die Re­vi­si­on des Klägers ge­gen das Ur­teil des Hes­si­schen Lan­des­ar­beits­ge­richts vom 21. April 2010 - 6 Sa 1944/09 - wird zurück­ge­wie­sen.

Der Kläger hat die Kos­ten des Rechts­streits zu tra­gen.

Von Rechts we­gen!

Tat­be­stand

Der Kläger ver­langt von der Be­klag­ten die Ab­gel­tung des ta­rif­li­chen Mehr­ur­laubs, des ge­setz­li­chen Min­des­t­ur­laubs und des Schwer­be­hin­der­ten­zu­satz­ur­laubs so­wie die Zah­lung des ta­rif­li­chen Ur­laubs­gelds.

Der mit ei­nem Grad von min­des­tens 50 schwer­be­hin­der­te Kläger war seit dem 1. Ju­ni 1978 bei der Be­klag­ten, ei­ner Rei­fen­her­stel­le­rin, in ei­ner Fünf-Ta­ge-Wo­che beschäftigt. Auf das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en fan­den die Ta­rif­verträge für die Kau­tschu­k­in­dus­trie in Hes­sen kraft bei­der­sei­ti­ger Ta­rif­bin­dung so­wie auf­grund ein­zel­ver­trag­li­cher In­be­zug­nah­me An­wen­dung. In § 16 des Man­tel­ta­rif­ver­trags für die Kau­tschu­k­in­dus­trie in den Ländern Hes­sen,

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Nie­der­sach­sen, Rhein­land-Pfalz und Saar­land vom 17. De­zem­ber 2003 (im Fol­gen­den: MTV) heißt es:

Aus­schluss­fris­ten


1. Al­le Ansprüche aus dem Ar­beits­verhält­nis müssen bei­der­sei­tig in­ner­halb von drei Mo­na­ten nach ih­rem Ent­ste­hen gel­tend ge­macht wer­den, und zwar sei­tens des Ar­beit­neh­mers bei der Be­triebs­lei­tung oder ih­rem Be­auf­trag­ten, sei­tens der Be­triebs­lei­tung beim Ar­beit­neh­mer.


2. Beim Aus­schei­den ei­nes Ar­beit­neh­mers sind Ansprüche spätes­tens zwei Mo­na­te nach Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses gel­tend zu ma­chen. Wer­den Ansprüche erst später fällig, so be­rech­net sich die Frist von zwei Mo­na­ten vom Tag der Fällig­keit an.

3. Nach Ab­lauf die­ser Fris­ten ist die Gel­tend­ma­chung aus­ge­schlos­sen. Das gilt nicht, wenn die Be­ru­fung auf ei­ne Aus­schluss­frist we­gen des Vor­lie­gens be­son­de­rer Umstände ei­ne un­zulässi­ge Rechts­ausübung ist.“

Der für meh­re­re Bun­desländer - ua. für das Land Hes­sen - gel­ten­de Ur­laubs­ta­rif­ver­trag für die Be­trie­be der kau­tschuk- und kunst­stoff­ver­ar­bei­ten­den In­dus­trie vom 11. Fe­bru­ar 2000 (im Fol­gen­den: Ur­laubsTV) sieht aus­zugs­wei­se Fol­gen­des vor:

㤠3
Ur­laubs­dau­er


(1) Die Ur­laubs­dau­er beträgt 30 Ta­ge.


(2) Als Ur­laubs­ta­ge zählen al­le Ka­len­der­ta­ge mit Aus­nah­me der Sams­ta­ge, der Sonn­ta­ge so­wie der ge­setz­li­chen Fei­er­ta­ge.

...


(3) Der Zu­satz­ur­laub für Schwer­be­hin­der­te re­gelt sich nach den ge­setz­li­chen Be­stim­mun­gen.

§ 4
Ur­laubs­vergütung


...


II. Zusätz­li­ches Ur­laubs­geld

(1) Für al­le Ar­beit­neh­mer beträgt das zusätz­li­che Ur-

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laubs­geld je ta­rif­li­chen Ur­laubs­tag 35,00 DM. ...“


Das Ar­beits­ent­gelt des Klägers be­trug zu­letzt je Ar­beits­tag 108,02 Eu­ro brut­to.

Der Kläger konn­te we­gen durchgängig an­dau­ern­der Ar­beits­unfähig­keit zwei Ta­ge Ur­laub des Jah­res 2004 so­wie den ge­sam­ten Ur­laub des Jah­res 2005 und auch nicht den für die Mo­na­te Ja­nu­ar bis April 2006 ent­stan­de­nen an­tei­li­gen Ur­laub in An­spruch neh­men. Das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en en­de­te am 30. April 2006. Die Ar­beits­unfähig­keit des Klägers dau­er­te auch über die Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses an. Seit dem 1. Mai 2006 be­zieht der Kläger ei­ne Ren­te we­gen vol­ler Er­werbs­min­de­rung auf Dau­er.

Mit Schrei­ben vom 15. Ju­li 2009 for­der­te der Kläger von der Be­klag­ten ver­geb­lich die Ab­gel­tung des nicht ge­nom­me­nen Ur­laubs iHv. zwei Ar­beits­ta­gen aus dem Jahr 2004, von 35 Ar­beits­ta­gen aus dem Jahr 2005 und von 12 Ar­beits­ta­gen aus dem Jahr 2006 so­wie die Zah­lung des ta­rif­li­chen Ur­laubs­gelds für die­se 49 Ur­laubs­ta­ge.

Der Kläger hat die An­sicht ver­tre­ten, Art. 7 Abs. 2 der Richt­li­nie 2003/88/EG des Eu­ropäischen Par­la­ments und des Ra­tes vom 4. No­vem­ber 2003 über be­stimm­te As­pek­te der Ar­beits­zeit­ge­stal­tung (im Fol­gen­den: Ar­beits­zeit­richt­li­nie) in sei­ner Aus­le­gung durch den Ge­richts­hof der Eu­ropäischen Uni­on (im Fol­gen­den: EuGH) und das Bun­des­ar­beits­ge­richt las­se es nicht zu, dass Ur­laubs­ansprüche bei an­dau­ern­der Ar­beits­unfähig­keit des Ar­beit­neh­mers ver­fal­len. Ta­rif­li­che Aus­schluss­fris­ten von nur zwei bzw. drei Mo­na­ten ver­stießen ge­gen die Vor­ga­ben des EuGH.

Der Kläger hat be­an­tragt, 


die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, an ihn 6.170,08 Eu­ro brut­to nebst Zin­sen in Höhe von fünf Pro­zent­punk­ten über dem Ba­sis­zins­satz seit dem 15. Ju­li 2009 zu zah­len.

Die Be­klag­te hat be­an­tragt, die Kla­ge ab­zu­wei­sen. Sie hat die Auf­fas­sung ver­tre­ten, die neue­re Recht­spre­chung des EuGH und des Bun­des­ar­beits-

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ge­richts ste­he nicht mit Art. 7 der Ar­beits­zeit­richt­li­nie in Ein­klang. Die Kla­ge­for­de­rung sei je­den­falls gemäß § 16 MTV ver­fal­len, da der Kläger die Kla­ge­ansprüche nicht frist­gemäß gel­tend ge­macht ha­be.


Das Ar­beits­ge­richt hat der Kla­ge auf Ab­gel­tung des ge­setz­li­chen Teil­ur­laubs ein­sch­ließlich des Schwer­be­hin­der­ten­zu­satz­ur­laubs für das Jahr 2006 iHv. 899,81 Eu­ro brut­to statt­ge­ge­ben und sie im Übri­gen ab­ge­wie­sen. Die hier­ge­gen ein­ge­leg­te Be­ru­fung des Klägers blieb er­folg­los. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts auf die Be­ru­fung der Be­klag­ten teil­wei­se ab­geändert und die­se nur zur Zah­lung von 756,14 Eu­ro brut­to ver­ur­teilt, weil auch der Schwer­be­hin­der­ten­zu­satz­ur­laub für das Jahr 2006 ver­fal­len sei. Die Par­tei­en ver­fol­gen mit der vom Lan­des­ar­beits­ge­richt für bei­de Par­tei­en zu­ge­las­se­nen Re­vi­si­on ih­re Anträge auf Zah­lung des vol­len Kla­ge­be­trags bzw. auf vollständi­ge Kla­ge­ab­wei­sung wei­ter.


Ent­schei­dungs­gründe

A. Die Re­vi­si­on der Be­klag­ten ist be­gründet. Die Re­vi­si­on des Klägers war da­ge­gen zurück­zu­wei­sen. Die Kla­ge ist ins­ge­samt un­be­gründet. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat zu Un­recht an­ge­nom­men, der An­spruch des Klägers auf Ab­gel­tung des an­tei­li­gen ge­setz­li­chen Min­des­t­ur­laubs für das Jahr 2006 un­ter­fal­le nicht der ta­rif­li­chen Aus­schluss­frist. Der Kläger ist gemäß § 16 MTV von der Gel­tend­ma­chung sämt­li­cher streit­ge­genständ­li­cher Ansprüche aus­ge­schlos­sen.

I. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat die Be­klag­te zu Un­recht ver­ur­teilt, den an­tei­li­gen ge­setz­li­chen Ur­laubs­an­spruch des Klägers von sie­ben Ar­beits­ta­gen für das Jahr 2006 in Höhe von 756,14 Eu­ro brut­to ab­zu­gel­ten und die hier­auf ent­fal­len­den Zin­sen zu zah­len.

1. Die ua. im Land Hes­sen gel­ten­den Ta­rif­verträge für die Kau­tschu­k­in­dus­trie fan­den auf das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en schon kraft bei­der­sei­ti­ger Ta­rif­bin­dung An­wen­dung.
 


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2. Der Se­nat hat be­reits ent­schie­den, dass Ansprüche auf Ab­gel­tung des ta­rif­li­chen Mehr­ur­laubs und des ge­setz­li­chen Min­des­t­ur­laubs ta­rif­li­chen Aus-schluss­fris­ten un­ter­fal­len können. Der un­ab­ding­ba­re Schutz des ge­setz­li­chen Min­des­t­ur­laubs nach §§ 1, 3 Abs. 1, § 13 Abs. 1 Satz 1 BUrlG steht dem nicht ent­ge­gen (BAG 9. Au­gust 2011 - 9 AZR 365/10 - Rn. 12 ff., NZA 2011, 1421).

Sei­ne frühe­re Recht­spre­chung, der zu­fol­ge ta­rif­li­che Aus­schluss­fris­ten nicht auf Ur­laubs­ab­gel­tungs­ansprüche an­zu­wen­den sei­en (vgl. zu­letzt BAG 20. Ja­nu­ar 2009 - 9 AZR 650/07 - Rn. 21; 20. Mai 2008 - 9 AZR 219/07 - Rn. 48, BA­GE 126, 352), hat der Se­nat im Hin­blick auf Art. 7 Abs. 2 der Ar­beits­zeit­richt­li­nie und sei­ner Aus­le­gung durch den EuGH für die Fälle fort­dau­ern­der Ar­beits­unfähig­keit des Ar­beit­neh­mers aus­drück­lich auf­ge­ge­ben (BAG 9. Au­gust 2011 - 9 AZR 365/10 - Rn. 14 ff., NZA 2011, 1421). Das ist ei­ne not­wen­di­ge Fol­ge­wir­kung der Auf­ga­be der Sur­ro­gats­theo­rie (vgl. BAG 24. März 2009 - 9 AZR 983/07 - Rn. 44 ff., BA­GE 130, 119; fort­geführt von BAG 4. Mai 2010 - 9 AZR 183/09 - Rn. 17, BA­GE 134, 196). Nach der re­for­mier­ten Recht­spre­chung ist der Ur­laubs­ab­gel­tungs­an­spruch ein rei­ner Geld­an­spruch, der als sol­cher den Be­din­gun­gen un­terfällt, die nach dem an­wend­ba­ren Ta­rif­ver­trag für die Gel­tend­ma­chung von Geld­ansprüchen vor­ge­schrie­ben sind. Da­zu gehören ta­rif­li­che Aus­schluss­fris­ten.


3. Der Kläger ist gemäß § 16 Ziff. 3 Satz 1 MTV mit der Gel­tend­ma­chung des Ab­gel­tungs­an­spruchs für den an­tei­li­gen ge­setz­li­chen Min­des­t­ur­laub für das Jahr 2006 aus­ge­schlos­sen. Er mach­te den An­spruch nicht in­ner­halb der Fris­ten des § 16 Ziff. 1, Ziff. 2 MTV gel­tend. Die Ob­lie­gen­heit, die ta­rif­li­chen Aus­schluss­fris­ten ein­zu­hal­ten, verkürzt ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Klägers sei­ne Rech­te nicht in un­zulässi­ger Wei­se.


a) Der An­spruch gemäß § 7 Abs. 4 BUrlG auf Ab­gel­tung des im Jahr des Aus­schei­dens ent­stan­de­nen Teil­ur­laubs nach § 5 Abs. 1 Buchst. c BUrlG fällt un­ter die Aus­schluss­fris­ten des § 16 MTV. Sie be­tref­fen nach dem Ta­rif­wort­laut al­le Ansprüche aus dem Ar­beits­verhält­nis. Zu die­sen gehört der An­spruch auf Ur­laubs­ab­gel­tung. For­mu­lie­ren Ta­rif­ver­trags­par­tei­en kei­ne Ein­schränkun­gen, so fal­len un­ter den Be­griff der „Ansprüche aus dem Ar­beits­verhält­nis” al­le
 


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ge­setz­li­chen, ta­rif­li­chen und ver­trag­li­chen Ansprüche, die Ar­beits­ver­trags­par­tei­en auf­grund ih­rer durch den Ar­beits­ver­trag be­gründe­ten Rechts­stel­lung ge­gen­ein­an­der ha­ben (vgl. BAG 22. Ja­nu­ar 2008 - 9 AZR 416/07 - Rn. 19, AP TVG § 4 Aus­schluss­fris­ten Nr. 191 = EzA TVG § 4 Aus­schluss­fris­ten Nr. 190).


§ 16 Ziff. 2 MTV ver­langt, dass beim Aus­schei­den ei­nes Ar­beit­neh­mers „Ansprüche“ spätes­tens zwei Mo­na­te nach Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses gel­tend zu ma­chen sind. Ei­ne Be­schränkung auf be­stimm­te Ar­ten von Ansprüchen sieht die Ta­rif­norm nicht vor. Zu­dem ist die Re­ge­lung im Zu­sam­men­hang mit der vor­an­ge­hen­den Zif­fer aus­zu­le­gen. Nach § 16 Ziff. 1 MTV müssen aus­drück­lich „al­le“ Ansprüche aus dem Ar­beits­verhält­nis bei­der­sei­tig in­ner­halb von drei Mo­na­ten nach ih­rem Ent­ste­hen gel­tend ge­macht wer­den. Es gibt kei­ne An­halts­punk­te dafür, dass die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en die Ab­gel­tung von Ur­laubs­ansprüchen trotz des all­ge­mein und weit ge­fass­ten Wort­lauts von den ta­rif­li­chen Aus­schluss­fris­ten des § 16 MTV aus­neh­men woll­ten, zu­mal der Ur­laubsTV kei­ne ei­genständi­ge Aus­schluss­fris­ten­re­ge­lung für die­se Ansprüche enthält. So­weit die älte­re Recht­spre­chung des Se­nats an­nahm, ta­rif­li­che Aus­schluss­fris­ten sei­en da­hin­ge­hend aus­zu­le­gen, dass Ur­laubs­ab­gel­tungs­ansprüche im Zwei­fel von ih­nen nicht er­fasst wer­den, so wird dar­an nicht fest­ge­hal­ten. Die Recht­spre­chung be­ruh­te auf der Sur­ro­gats­theo­rie, der zu­fol­ge Ur­laubs­ab­gel­tungs­ansprüche wie Ur­laubs­ansprüche be­fris­tet für ei­nen be­stimm­ten Zeit­raum be­stan­den und de­ren Erfüllung während die­ses Zeit­raums stets ver­langt wer­den konn­te (vgl. BAG 24. No­vem­ber 1992 - 9 AZR 549/91 - zu 3 der Gründe, AP BUrlG § 1 Nr. 23 = EzA TVG § 4 Aus­schluss­fris­ten Nr. 102). Die­se Aus­le­gungs­re­gel kann nicht mehr auf­recht­er­hal­ten wer­den. Denn nach der neue­ren Recht­spre­chung sind Ur­laubs­ab­gel­tungs­ansprüche rei­ne Geld­ansprüche. Je­den­falls bei Ta­rif­verträgen, die wie der MTV nach Ab­lauf der Um­set­zungs­frist der ers­ten Ar­beits­zeit­richt­li­nie 93/104/EG am 23. No­vem­ber 1996 ab­ge­schlos­sen wur­den, ist grundsätz­lich da­von aus­zu­ge­hen, dass Aus­schluss­fris­ten, die al­le Ansprüche aus dem Ar­beits­verhält­nis er­fas­sen sol­len, auch den An­spruch auf Ur­laubs­ab­gel­tung zeit­lich be­gren­zen.


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b) Das Schrei­ben vom 15. Ju­li 2009, mit dem der Kläger die Ansprüche erst­mals gel­tend mach­te, wahr­te nicht die Aus­schluss­frist von zwei Mo­na­ten nach Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses gemäß § 16 Ziff. 2 MTV.

Das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en en­de­te am 30. April 2006. Ab dem 1. Mai 2006 be­gann da­mit die Aus­schluss­frist des § 16 Ziff. 2 MTV zu lau­fen. Der Frist­be­ginn wur­de nicht gemäß § 16 Ziff. 2 Satz 2 MTV auf ei­nen späte­ren Zeit­punkt hin­aus­ge­scho­ben. Nach die­ser Vor­schrift be­rech­net sich die Frist von zwei Mo­na­ten vom Tag der Fällig­keit an, wenn Ansprüche erst später nach Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses fällig wer­den. Auch wenn ei­ne Ar­beits­unfähig­keit über den Be­en­di­gungs­zeit­punkt hin­aus fort­be­steht, ent­steht der Ur­laubs­ab­gel­tungs­an­spruch nach § 7 Abs. 4 BUrlG stets mit Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses und wird gemäß § 271 BGB auch so­fort fällig (vgl. BAG 9. Au­gust 2011 - 9 AZR 365/10 - Rn. 18 mwN, NZA 2011, 1421; 11. Ok­to­ber 2010 - 9 AZN 418/10 - Rn. 20, AP ArbGG 1979 § 72a Nr. 75 = EzA ArbGG 1979 § 72a Nr. 125). Der Kläger mach­te sei­ne For­de­rung ge­genüber der Be­klag­ten nicht bin­nen zwei Mo­na­ten ab dem En­de des Ar­beits­verhält­nis­ses bis zum 30. Ju­ni 2006, son­dern erst­mals mit Schrei­ben vom 15. Ju­li 2009 gel­tend.


c) Die Be­klag­te kann sich auf die Aus­schluss­frist be­ru­fen, oh­ne dass hier­in auf­grund be­son­de­rer Umstände ei­ne un­zulässi­ge Rechts­ausübung iSd. § 16 Ziff. 3 Satz 2 MTV läge. Die Par­tei­en ha­ben kei­ne An­halts­punk­te hierfür vor­ge­tra­gen; im Übri­gen sind sie nicht er­sicht­lich. Der Kläger be­ruft sich auch nicht dar­auf, es sei ihm auf­grund sei­nes Ge­sund­heits­zu­stands schlecht­hin unmöglich ge­we­sen, sei­ne An­ge­le­gen­hei­ten zu be­sor­gen. Des­halb wur­de der Lauf der Aus­schluss­frist auch nicht aus­nahms­wei­se ent­spre­chend § 206 BGB ge­hemmt (vgl. zu den all­ge­mei­nen Vor­aus­set­zun­gen ei­ner Hem­mung: BAG 9. Au­gust 2011 - 9 AZR 365/10 - Rn. 34 mwN, NZA 2011, 1421; 9. Au­gust 2011 - 9 AZR 475/10 - Rn. 49 f., NZA 2012, 166).

d) Die Aus­schluss­fris­ten­re­ge­lung des § 16 MTV steht auch in Ein­klang mit den Vor­ga­ben der Ar­beits­zeit­richt­li­nie. Ent­ge­gen der Rechts­an­sicht des Klägers ge­bie­tet Art. 7 der Ar­beits­zeit­richt­li­nie nicht, dass ei­ne Aus­schluss­frist für den
 


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Ur­laubs­ab­gel­tungs­an­spruch die Dau­er des Be­zugs­zeit­raums des Ur­laubs­an­spruchs deut­lich über­steigt. Ei­ne Vor­la­ge­pflicht nach Art. 267 Abs. 3 AEUV be­steht nicht (zur Vor­la­ge­ver­pflich­tung: vgl. BAG 23. März 2010 - 9 AZR 128/09 - Rn. 20 ff., BA­GE 134, 1, un­ter Be­zug­nah­me auf BVerfG 25. Fe­bru­ar 2010 - 1 BvR 230/09 - Rn. 15 mwN, AP GG Art. 101 Nr. 65 = EzA KSchG § 17 Nr. 21). Dies gilt selbst dann, wenn man die Fra­ge, wie die Ab­gel­tung des Ur­laubs­an­spruchs iSd. Art. 7 Abs. 2 der Ar­beits­zeit­richt­li­nie dog­ma­tisch ein­zu­ord­nen ist, als vom EuGH noch nicht erschöpfend be­ant­wor­tet an­sieht (vgl. zur Pro­ble­ma­tik des Sur­ro­gats­be­griffs: Düwell DB 2011, 2492 f.).


aa) Nach Art. 267 AEUV ent­schei­det der EuGH im We­ge der Vor­ab­ent­schei­dung über die Aus­le­gung der Hand­lun­gen der Or­ga­ne, mit­hin auch über die Aus­le­gung von Richt­li­ni­en (vgl. ErfK/Wißmann 12. Aufl. Art. 267 AEUV Rn. 10). Ei­ne Vor­la­ge kommt nur in Be­tracht, wenn die Fra­ge des Uni­ons­rechts nach Auf­fas­sung des vor­le­gen­den Ge­richts für des­sen Ent­schei­dung er­for­der­lich ist. Es ist al­lein Sa­che des mit dem Rechts­streit be­fass­ten na­tio­na­len Ge­richts, im Hin­blick auf die Be­son­der­hei­ten der Rechts­sa­che so­wohl die Er­for­der­lich­keit ei­ner Vor­ab­ent­schei­dung für den Er­lass sei­nes Ur­teils als auch die Er­heb­lich­keit der dem EuGH ggf. vor­zu­le­gen­den Fra­gen zu be­ur­tei­len (vgl. EuGH 18. De­zem­ber 2007 - C-341/05 - [La­val] Rn. 45 mwN, Slg. 2007, I-11767).

bb) Die Fra­ge, ob die Ab­gel­tung des Ur­laubs iSd. Art. 7 Abs. 2 der Ar­beits­zeit­richt­li­nie ein Sur­ro­gat des Ur­laubs­an­spruchs dar­stellt, und wel­che Rechts-fol­gen mit die­ser Ein­ord­nung ver­bun­den wären, ist im vor­lie­gen­den Ver­fah­ren nicht ent­schei­dungs­er­heb­lich. Die bei­den denk­ba­ren dog­ma­ti­schen Ein­ord­nun­gen des Ur­laubs­ab­gel­tungs­an­spruchs führen vor­lie­gend zum sel­ben Er­geb­nis.

(1) Sieht man die Ab­gel­tung des Ur­laubs­an­spruchs im Rah­men des Art. 7 der Ar­beits­zeit­richt­li­nie ent­spre­chend der neu­en Recht­spre­chung des Se­nats zu § 7 Abs. 4 BUrlG - je­den­falls für die Fälle der lang an­dau­ern­den Krank­heit des Ar­beit­neh­mers - als rei­nen Geld­an­spruch an, so enthält die Richt­li­nie kei­ne Vor­ga­ben hin­sicht­lich der Möglich­keit, die­sen An­spruch nach na­tio­na­lem Recht ei­ner zeit­lich be­fris­te­ten Gel­tend­ma­chung zu un­ter­wer­fen. Sei­nem bloßen

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Wort­laut nach enthält Art. 7 Abs. 2 der Ar­beits­zeit­richt­li­nie nicht ein­mal das Ge­bot der Ur­laubs­ab­gel­tung bei Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses, son­dern nur das Ver­bot der Ur­laubs­ab­gel­tung im be­ste­hen­den Ar­beits­verhält­nis.

(a) Nach der Aus­le­gung des EuGH be­gründet Art. 7 Abs. 2 der Ar­beits­zeit­richt­li­nie al­ler­dings ei­nen An­spruch des Ar­beit­neh­mers auf ei­ne fi­nan­zi­el­le Vergütung. Es steht den Mit­glied­staa­ten aber frei, für den we­gen der Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses nicht mehr ge­nom­me­nen Ur­laub in ih­ren in­ner-staat­li­chen Rechts­vor­schrif­ten die Vor­aus­set­zun­gen für die Ausübung und die Um­set­zung des An­spruchs auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub fest­zu­le­gen. Sie dürfen le­dig­lich die Ent­ste­hung die­ses sich un­mit­tel­bar aus der Richt­li­nie 93/104/EG er­ge­ben­den An­spruchs nicht von ir­gend­ei­ner Vor­aus­set­zung abhängig ma­chen (EuGH 20. Ja­nu­ar 2009 - C-350/06 und C-520/06 - [Schultz-Hoff] Rn. 46, 56, Slg. 2009, I-179). Fehlt es - wie bei dem Ur­laubs­ab­gel­tungs­an­spruch - an ei­ner uni­ons­recht­li­chen Re­ge­lung des Ver­fah­rens der Rechts­durch­set­zung, ist es Sa­che der Mit­glied­staa­ten, das Ver­fah­ren - ein­sch­ließlich der Verjährungs­re­ge­lun­gen - für die Kla­gen aus­zu­ge­stal­ten, die den Schutz der dem Ein­zel­nen aus dem Uni­ons­recht er­wach­sen­den Rech­te gewähr­leis­ten sol­len. Bei der Aus­ge­stal­tung müssen die Grundsätze der Gleich­wer­tig­keit und der Ef­fek­ti­vität ge­wahrt wer­den (vgl. EuGH 18. Sep­tem­ber 2003 - C-125/01 - [Pflücke] Rn. 34 mwN, Slg. 2003, I-9375; vgl. zum Ver­fall von Ur­laubs­ab­gel­tungs­ansprüchen: LAG Düssel­dorf 5. Mai 2010 - 7 Sa 1571/09 - zu III 2 der Gründe, NZA-RR 2010, 568). Die Fest­le­gung an­ge­mes­se­ner Aus­schluss­fris­ten für die Rechts­ver­fol­gung wahrt die­se Grundsätze. Die Ausübung der durch das Uni­ons­recht ver­lie­he­nen Rech­te wird da­durch we­der prak­tisch unmöglich ge­macht noch übermäßig er­schwert (vgl. EuGH 24. März 2009 - C-445/06 - [Dans­ke Slag­te­ri­er] Rn. 48, Slg. 2009, I-2119). In Be­zug auf die Erfüllung von Ar­beits­ent­gelt­ansprüchen hat der EuGH ent­schie­den, dass in­so­weit die Verjährungs­frist nicht so kurz sein darf, dass es den Be­trof­fe­nen in der Pra­xis nicht ge­lingt, die Frist ein­zu­hal­ten, und sie da­mit den Schutz ver­lie­ren, den ih­nen die Richt­li­nie ga­ran­tie­ren soll (EuGH 16. Ju­li 2009 - C-69/08 - [Vi­scia­no] Rn. 44, Slg. 2009, I-6741). Die Prüfung, ob die Aus­schluss­frist den Grund­satz der
 


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Ef­fek­ti­vität wahrt, ob­liegt dem na­tio­na­len Ge­richt (vgl. EuGH 24. März 2009 - C-445/06 - [Dans­ke Slag­te­ri­er] Rn. 34, aaO).

(b) Es spricht ei­ne Ver­mu­tung dafür, dass die zwei­mo­na­ti­ge Ver­fall­frist des § 16 Ziff. 2 MTV an­ge­mes­sen ist. Als ta­rif­li­che Re­ge­lung un­ter­liegt sie nach deut­schem Recht kei­ner An­ge­mes­sen­heits­kon­trol­le (vgl. BAG 22. Sep­tem­ber 1999 - 10 AZR 839/98 - zu II 3 b cc der Gründe, AP TVG § 1 Ta­rif­verträge: Bau Nr. 226 = EzA TVG § 4 Aus­schluss­fris­ten Nr. 132; 6. Sep­tem­ber 1995 - 5 AZR 174/94 - zu III 1 der Gründe, BA­GE 81, 5). Un­abhängig da­von er­scheint ei­ne Frist von zwei Mo­na­ten ab Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses nicht so kurz, dass es Ar­beit­neh­mern, de­ren Ar­beits­verhält­nis en­det, nicht ge­lin­gen kann, die Frist zur Gel­tend­ma­chung ih­rer Ur­laubs­ab­gel­tungs­ansprüche zu wah­ren. Da­bei ist zu be­ach­ten, dass der aus­schei­den­de Ar­beit­neh­mer grundsätz­lich da­zu in der La­ge ist, sei­ne Ansprüche an­hand des Bun­des­ur­laubs­ge­set­zes und der ein­schlägi­gen ta­rif­li­chen Vor­schrif­ten selbst zu be­rech­nen; er ist nicht auf zusätz­li­che Auskünf­te, de­ren Ein­ho­lung zusätz­li­che Zeit be­an­spru­chen würde, an­ge­wie­sen. Durch ei­nen Ver­fall der Ur­laubs­ab­gel­tungs­ansprüche droht - an­ders als beim Ver­fall des Vergütungs­an­spruchs - nicht, dass der für das Ver­trags­verhält­nis we­sent­li­che Leis­tungs­aus­tausch ver­fehlt wird.

Selbst wenn man den An­wen­dungs­be­reich des Grund­sat­zes der Gleich­wer­tig­keit so aus­deh­nend ver­ste­hen müss­te, dass es eu­ro­pa­recht­lich ge­bo­ten wäre, die zu For­mu­lar­verträgen ent­wi­ckel­ten Grundsätze (vgl. BAG 28. Sep­tem­ber 2005 - 5 AZR 52/05 - zu II 5 der Gründe, BA­GE 116, 66) auch für die An­ge­mes­sen­heits­prüfung der ta­rif­li­chen Re­ge­lung des § 16 Ziff. 2 MTV her­an­zu­zie­hen und die Zwei­mo­nats­frist des­halb als un­an­ge­mes­sen kurz er­schie­ne, wären die Ansprüche des Klägers je­den­falls auf­grund der an­ge­mes­se­nen drei­mo­na­ti­gen Frist nach § 16 Ziff. 1 MTV ver­fal­len.

(2) Wäre der Ab­gel­tungs­an­spruch nach der Ar­beits­zeit­richt­li­nie als Sur­ro­gat im Sin­ne der frühe­ren Recht­spre­chung des Se­nats zu ver­ste­hen, so be­deu­te­te dies, dass der Ur­laubs­ab­gel­tungs­an­spruch kein ein­fa­cher Geld­an­spruch wäre, son­dern für ihn die­sel­ben recht­li­chen Re­ge­lun­gen gölten wie für den Ur­laubs­an­spruch selbst. Die Fra­ge, ob der eu­ro­pa­recht­lich ga­ran­tier­te Min­dest-

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ur­laub ver­fal­len kann, ist - so­weit vor­lie­gend von Re­le­vanz - durch die Recht­spre­chung des EuGH geklärt: Nach Art. 7 Abs. 1 der Ar­beits­zeit­richt­li­nie tref­fen die Mit­glied­staa­ten die er­for­der­li­chen Maßnah­men, da­mit je­der Ar­beit­neh­mer ei­nen be­zahl­ten Min­dest­jah­res­ur­laub von vier Wo­chen nach Maßga­be der Be­din­gun­gen für die In­an­spruch­nah­me und die Gewährung erhält, die in den ein­zel­staat­li­chen Rechts­vor­schrif­ten und/oder nach den ein­zel­staat­li­chen Ge­pflo­gen­hei­ten vor­ge­se­hen sind. Der EuGH hat da­zu fest­ge­stellt, dass Art. 7 Abs. 1 der Ar­beits­zeit­richt­li­nie grundsätz­lich ei­ner na­tio­na­len Re­ge­lung nicht ent­ge­gen­steht, die für die Ausübung des mit die­ser Richt­li­nie aus­drück­lich ver­lie­he­nen An­spruchs auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub Mo­da­litäten vor­sieht, die so­gar den Ver­lust die­ses An­spruchs am En­de ei­nes Be­zugs­zeit­raums oder ei­nes Über­tra­gungs­zeit­raums um­fas­sen. Die­ser grundsätz­li­chen Fest­stel­lung hat der EuGH die Vor­aus­set­zung hin­zu­gefügt, dass der Ar­beit­neh­mer, des­sen An­spruch auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub er­lo­schen ist, tatsächlich die Möglich­keit ge­habt ha­ben muss, den ihm mit der Richt­li­nie ver­lie­he­nen An­spruch aus­zuüben (EuGH 22. No­vem­ber 2011 - C-214/10 - [KHS] Rn. 26, NZA 2011, 1333; 20. Ja­nu­ar 2009 - C-350/06 und C-520/06 - [Schultz-Hoff] Rn. 43, Slg. 2009, I-179).


Be­zo­gen auf den Ur­laubs­ab­gel­tungs­an­spruch be­deu­tet die An­wen­dung die­ser Grundsätze, dass die Richt­li­nie ei­ner na­tio­na­len ta­rif­li­chen Re­ge­lung nicht ent­ge­gen­steht, die vor­sieht, dass der An­spruch in­ner­halb von zwei Mo­na­ten nach Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses und der da­mit ein­her­ge­hen­den Fällig­keit des An­spruchs gel­tend ge­macht wer­den muss. Es han­delt sich um Be­din­gun­gen für die In­an­spruch­nah­me und die Gewährung, die sich nach dem ein­zel­staat­li­chen und nicht nach dem eu­ropäischen Recht rich­ten. Auch die wei­te­re Vor­aus­set­zung, an die der EuGH die Zulässig­keit von Aus­schluss­fris­ten knüpft, ist erfüllt. Der Ar­beit­neh­mer hat vor Ab­lauf der ta­rif­li­chen Ver­fall­frist tatsächlich die Möglich­keit, den ihm mit der Richt­li­nie ver­lie­he­nen An­spruch aus­zuüben. Die­sen we­sent­li­chen Un­ter­schied zwi­schen dem eu­ro­pa­recht­lich ga­ran­tier­ten Ur­laubs­an­spruch während des be­ste­hen­den Ar­beits­verhält­nis­ses und dem eu­ro­pa­recht­lich ga­ran­tier­ten Ur­laubs­ab­gel­tungs­an­spruch bei Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses ver­kennt der Kläger. Auch der ar­beits­unfähig
 


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er­krank­te Ar­beit­neh­mer ist grundsätz­lich da­zu in der La­ge, den auf Zah­lung von Geld ge­rich­te­ten An­spruch gel­tend zu ma­chen und sei­ne Erfüllung ent­ge­gen­zu­neh­men (vgl. BAG 9. Au­gust 2011 - 9 AZR 365/10 - Rn. 29, NZA 2011, 1421). Dass die Ar­beits­unfähig­keit für sich ge­nom­men ei­ner Gel­tend­ma­chung des Ur­laubs­ab­gel­tungs­an­spruchs und der Ent­ge­gen­nah­me von Geld nicht ent­ge­gen­steht, hält der Se­nat für of­fen­kun­dig. Er geht da­von aus, dass für die Ge­rich­te der übri­gen Mit­glied­staa­ten und den EuGH die glei­che Ge­wiss­heit be­steht.


Des­halb ist die Vor­ga­be des EuGH, dass der Über­tra­gungs­zeit­raum deut­lich länger sein müsse als der Be­zugs­zeit­raum (EuGH 22. No­vem­ber 2011 - C-214/10 - [KHS] Rn. 38, NZA 2011, 1333), nicht auf den Ur­laubs­ab­gel­tungs­an­spruch des dau­er­haft er­krank­ten Ar­beit­neh­mers über­trag­bar. Die Vor­ga­be gilt nur für den Ur­laubs­an­spruch selbst, den der dau­er­haft er­krank­te Ar­beit­neh­mer im be­ste­hen­den Ar­beits­verhält­nis tatsächlich nicht in An­spruch neh­men kann. Die Länge ei­ner ta­rif­li­chen Frist, nach der der Ur­laubs­ab­gel­tungs­an­spruch dem Ver­fall un­ter­liegt, kann da­her deut­lich kürzer als zwölf Mo­na­te sein.

4. Der Kläger kann im Hin­blick auf die Versäum­ung der ta­rif­li­chen Aus­schluss­frist auch kei­nen Ver­trau­ens­schutz in An­spruch neh­men. Da­bei kann da­hin­ge­stellt blei­ben, ob die dar­ge­stell­te langjähri­ge Recht­spre­chung des Se­nats zur Un­ab­ding­bar­keit (§ 13 Abs. 1 BUrlG) des Ab­gel­tungs­an­spruchs hin­sicht­lich des ge­setz­li­chen Min­des­t­ur­laubs aus § 7 Abs. 4 BUrlG über­haupt ge­eig­net war, ein schutzwürdi­ges Ver­trau­en der Ar­beit­neh­mer in de­ren Fort­be­stand zu be­gründen. Der Se­nat braucht auch nicht darüber zu be­fin­den, ob für Ar­beit­neh­mer eben­so wie für Ar­beit­ge­ber mit Ab­lauf der Um­set­zungs­frist der ers­ten Ar­beits­zeit­richt­li­nie 93/104/EG am 23. No­vem­ber 1996 be­reits kein schützens­wer­tes Ver­trau­en in den Fort­be­stand der bis­he­ri­gen Se­nats­recht­spre­chung mehr be­ste­hen konn­te. Der Kläger hat das Be­kannt­wer­den des Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chens des Lan­des­ar­beits­ge­richts Düssel­dorf in der Sa­che Schultz-Hoff vom 2. Au­gust 2006 (- 12 Sa 486/06 - LA­GE BUrlG § 7 Nr. 43) nicht zum An­lass ge­nom­men, tätig zu wer­den. Spätes­tens ab die­sem Zeit­punkt konn­ten auch Ar­beit­neh­mer nicht mehr da­von aus­ge­hen, dass die Se­nats­recht-

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spre­chung zu den Grundsätzen der Un­ab­ding­bar­keit des Ur­laubs­ab­gel­tungs­an­spruchs im Fall lang an­dau­ern­der Ar­beits­unfähig­keit un­verändert fort­geführt würde (BAG 9. Au­gust 2011 - 9 AZR 365/10 - Rn. 31, NZA 2011, 1421). Der Ver­trau­ens­ver­lust be­trifft nicht le­dig­lich den ein­zel­nen As­pekt des Erlöschens von Ur­laubs­ab­gel­tungs­ansprüchen bei lang an­dau­ern­der Ar­beits­unfähig­keit, son­dern um­fasst auch die Recht­spre­chungs­grundsätze zum Nicht­ein­grei­fen von ta­rif­li­chen Aus­schluss­fris­ten. Ge­gen die Gewährung von Ver­trau­ens­schutz zu­guns­ten des Klägers spricht zu­dem, dass ihm durch die Recht­spre­chungsände­rung nichts ge­nom­men wird, was ihm bei Fort­be­ste­hen der bis­he­ri­gen Recht­spre­chung zu­ge­stan­den hätte (BAG 9. Au­gust 2011 - 9 AZR 365/10 - Rn. 32, aaO). Denn auch nach der bis­he­ri­gen Recht­spre­chung hätte dem Kläger kein An­spruch auf Ur­laubs­ab­gel­tung zu­ge­stan­den. Die­ser wäre we­gen der an­dau­ern­den Ar­beits­unfähig­keit nach Ab­lauf des Über­tra­gungs­zeit­raums zum 31. März 2007 er­lo­schen.

II. Die Re­vi­si­on des Klägers ist un­be­gründet. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat die Be­ru­fung des Klägers ge­gen das teil­wei­se kla­ge­ab­wei­sen­de Ur­teil des Ar­beits­ge­richts im Er­geb­nis zu Recht zurück­ge­wie­sen.

1. Dem Kläger steht kein An­spruch auf Ab­gel­tung et­wai­ger, bei Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses noch be­ste­hen­der ge­setz­li­cher Min­des­t­ur­laubs­ansprüche für die Jah­re 2004 und 2005 zu. Die Re­vi­si­on des Klägers rügt zwar zu­tref­fend, dass das Lan­des­ar­beits­ge­richt der Be­klag­ten in­so­weit zu Un­recht Ver­trau­ens­schutz zu­ge­bil­ligt hat. Das Be­ru­fungs­ur­teil ist je­doch aus an­de­ren Gründen im Er­geb­nis zu­tref­fend (§ 561 ZPO). Et­waig ent­stan­de­nen Ansprüchen auf Ur­laubs­ab­gel­tung steht je­den­falls § 16 Ziff. 3 Satz 1 MTV ent­ge­gen.


a) Die An­nah­me des Lan­des­ar­beits­ge­richts, die Be­klag­te ge­nieße hin­sicht­lich der Ansprüche auf Ab­gel­tung des ge­setz­li­chen Min­des­t­ur­laubs Ver­trau­ens­schutz, ist rechts­feh­ler­haft.

Mögli­ches Ver­trau­en pri­va­ter Ar­beit­ge­ber auf den Fort­be­stand der frühe­ren ständi­gen Recht­spre­chung zum Ver­fall des Ur­laubs­an­spruchs gemäß § 7 Abs. 3 BUrlG auch bei fort­be­ste­hen­der krank­heits­be­ding­ter Ar­beits­unfähig­keit

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ist seit dem 24. No­vem­ber 1996 nicht länger schutzwürdig und nicht erst - wie das Lan­des­ar­beits­ge­richt an­ge­nom­men hat - seit dem Be­kannt­wer­den des Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chens des Lan­des­ar­beits­ge­richts Düssel­dorf in der Sa­che Schultz-Hoff vom 2. Au­gust 2006 (- 12 Sa 486/06 - LA­GE BUrlG § 7 Nr. 43). Die Grund­la­ge des Ver­trau­ens auf die Fort­dau­er der frühe­ren Se­nats­recht­spre­chung, die den Ver­fall von Ur­laubs(-ab­gel­tungs)ansprüchen bei Ar­beits­unfähig­keit bis zum En­de des Über­tra­gungs­zeit­raums an­nahm, war nach Ab­lauf der Um­set­zungs­frist für die ers­te Ar­beits­zeit­richt­li­nie 93/104/EG am 23. No­vem­ber 1996 zerstört. Dies hat der Se­nat in sei­ner Ent­schei­dung vom 23. März 2010 (- 9 AZR 128/09 - Rn. 96 ff., BA­GE 134, 1) fest­ge­stellt und ein­ge­hend be­gründet.

b) Es kann im vor­lie­gen­den Fall of­fen­blei­ben, ob auch nach der neu­en Recht­spre­chung des Se­nats ins­be­son­de­re der An­spruch auf Ur­laub für das Jahr 2004 zum Zeit­punkt der Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses am 30. April 2006 noch Be­stand hat­te oder be­reits ver­fal­len war. Der EuGH hat in sei­ner Ent­schei­dung vom 22. No­vem­ber 2011 (- C-214/10 - [KHS] Rn. 28, 44, NZA 2011, 1333) die Rechts­grundsätze, die er in der Rechts­sa­che Schultz-Hoff auf­ge­stellt hat, „nu­an­ciert“. Er geht nun­mehr da­von aus, Art. 7 Abs. 1 der Ar­beits­zeit­richt­li­nie ste­he ein­zel­staat­li­chen Rechts­vor­schrif­ten oder Ge­pflo­gen­hei­ten nicht ent­ge­gen, die die Möglich­keit ei­nes lang­fris­tig ar­beits­unfähi­gen Ar­beit­neh­mers, Ansprüche auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub an­zu­sam­meln, da­durch ein­schränken, dass sie ei­nen Über­tra­gungs­zeit­raum von 15 Mo­na­ten vor­se­hen, nach des­sen Ab­lauf der An­spruch auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub er­lischt. Vor die­sem Hin­ter­grund könn­te der Se­nat ge­hal­ten sein, sei­ne mit Ur­teil vom 24. März 2009 (- 9 AZR 983/07 - BA­GE 130, 119) vor­ge­nom­me­ne eu­ro­pa-rechts­kon­for­me Aus­le­gung bzw. Fort­bil­dung des BUrlG auf das eu­ro­pa­recht­lich ge­for­der­te Min­dest­maß zu be­schränken. In­dem § 7 Abs. 3 BUrlG ei­nen sehr kur­zen Über­tra­gungs­zeit­raum nor­miert, gewähr­leis­tet das Ge­setz ei­ne en­ge zeit­li­che Bin­dung des Ur­laubs an das Ur­laubs­jahr (vgl. BAG 18. Ok­to­ber 2011 - 9 AZR 303/10 - Rn. 19, NZA 2012, 143). Der dar­in zum Aus­druck kom­men­de Wil­le des Ge­setz­ge­bers könn­te es ge­bie­ten, dass der Ur­laubs­an­spruch bei Ar­beit­neh­mern, die meh­re­re Be­zugs­zeiträume in Fol­ge ar­beits­unfähig er­krankt

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sind, nach der kürzes­ten Frist, die eu­ro­pa­recht­lich zulässig ist, verfällt. Bei ei­ner sol­chen Be­gren­zung der eu­ro­pa­rechts­kon­for­men Aus­le­gung bzw. Rechts­fort­bil­dung wäre zu prüfen, ob der Recht­spre­chung des EuGH be­reits mit aus­rei­chen­der Klar­heit zu ent­neh­men ist, von wel­cher ex­ak­ten Dau­er der Über­tra­gungs­zeit­raum nach der Ar­beits­zeit­richt­li­nie min­des­tens sein muss. Ei­ne sol­che so­for­ti­ge Wei­ter­ent­wick­lung der neu­en Recht­spre­chung zum Ver­fall von Ur­laubs­ansprüchen im ge­nann­ten Sinn könn­te al­ler­dings die Gren­ze der rich­ter­li­chen Rechts­an­wen­dung und -fort­bil­dung in un­zulässi­ger Wei­se über­schrei­ten. Es ist frag­lich, ob die Fest­le­gung der kon­kre­ten Länge des Über­tra­gungs­zeit­raums den Ge­rich­ten für Ar­beits­sa­chen zu­kommt oder ob es nach dem Grund­satz der Ge­wal­ten­tei­lung Auf­ga­be des Ge­setz­ge­bers ist, den ent­spre­chen­den Über­tra­gungs­zeit­raum fest­zu­le­gen (vgl. zu den Gren­zen ver­tret­ba­rer Aus­le­gung und zulässi­ger rich­ter­li­cher Rechts­fort­bil­dung: jüngst BVerfG 25. Ja­nu­ar 2011 - 1 BvR 918/10 - Rn. 50 ff., BVerfGE 128, 193; da­zu Höpfner NZA 2011, 893, 896 mwN). Zu be­den­ken sind fer­ner die Fol­gen aus der nun­mehr vom EuGH aus­drück­lich be­ton­ten Ver­an­ke­rung des Ur­laubs­an­spruchs im Primärrecht der Uni­on (vgl. da­zu Stie­bert/Pötters EuZW 2011, 960, 961 f.).


c) Im Streit­fall steht der Gel­tend­ma­chung die­ser Ansprüche je­den­falls § 16 Ziff. 3 Satz 1 MTV ent­ge­gen. So­weit am 30. April 2006 mit Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses gemäß § 7 Abs. 4 BUrlG Ansprüche auf Ab­gel­tung des ge­setz­li­chen Min­des­t­ur­laubs aus den Vor­jah­ren ent­stan­den wa­ren, wahr­te der Kläger die ta­rif­li­che Aus­schluss­frist nicht. Denn die erst­ma­li­ge Gel­tend­ma­chung er­folg­te mit Schrei­ben vom 15. Ju­li 2009 (vgl. oben un­ter A I).


2. Dem Kläger steht auch kein An­spruch auf Ab­gel­tung et­wai­ger, bei Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses noch be­ste­hen­der Ansprüche auf Schwer­be­hin­der­ten­zu­satz­ur­laub zu. Die Re­vi­si­on des Klägers rügt zwar zu­tref­fend, das Lan­des­ar­beits­ge­richt ha­be zu Un­recht an­ge­nom­men, der Ur­laubs­an­spruch nach § 125 SGB IX sei trotz der langjähri­gen Ar­beits­unfähig­keit des Klägers nach § 7 Abs. 3 Satz 3 BUrlG spätes­tens am 31. März des je­wei­li­gen Fol­ge­jah­res ver­fal­len. Das Be­ru­fungs­ur­teil ist je­doch aus an­de­ren Gründen im Er­geb­nis
 


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zu­tref­fend (§ 561 ZPO). Et­waig ent­stan­de­nen Ansprüchen auf Ab­gel­tung des Schwer­be­hin­der­ten­zu­satz­ur­laubs steht § 16 Ziff. 3 Satz 1 MTV ent­ge­gen.


a) Auf den Zu­satz­ur­laub nach § 125 SGB IX sind die Vor­schrif­ten über die Ent­ste­hung, Über­tra­gung, Kürzung und Ab­gel­tung des ge­setz­li­chen Min­des­t­ur­laubs an­zu­wen­den. Auch der Schwer­be­hin­der­ten­zu­satz­ur­laub ist da­her nach der neue­ren Se­nats­recht­spre­chung ab­zu­gel­ten, wenn der Ar­beit­neh­mer bis zum En­de des Über­tra­gungs­zeit­raums ar­beits­unfähig ist (BAG 23. März 2010 - 9 AZR 128/09 - Rn. 69, 71, BA­GE 134, 1). Der Zu­satz­ur­laubs­an­spruch nach § 125 Abs. 1 Satz 1 SGB IX teilt das recht­li­che Schick­sal des Min­des­t­ur­laubs­an­spruchs, es sei denn ta­rif­li­che oder ein­zel­ver­trag­li­che Be­stim­mun­gen se­hen für den Ar­beit­neh­mer güns­ti­ge­re Re­ge­lun­gen vor. Der Ar­beit­ge­bern zu gewähren­de Ver­trau­ens­schutz geht nicht wei­ter als bei dem Min­des­t­ur­laubs­an­spruch nach dem BUrlG (vgl. BAG 23. März 2010 - 9 AZR 128/09 - Rn. 72 ff., aaO).

b) So­weit am 30. April 2006 mit Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses gemäß § 7 Abs. 4 BUrlG Ansprüche auf Ab­gel­tung des Schwer­be­hin­der­ten­zu­satz­ur­laubs aus den Vor­jah­ren ent­stan­den wa­ren, sind sie ver­fal­len. Aus der An­wend­bar­keit der Vor­schrif­ten über die Ab­gel­tung des ge­setz­li­chen Min­des­t­ur­laubs folgt not­wen­dig, dass es sich auch bei dem An­spruch auf Ab­gel­tung des Zu­satz­ur­laubs nach § 125 SGB IX um ei­nen ein­fa­chen Geld­an­spruch han­delt, auf den ta­rif­li­che Aus­schluss­fris­ten An­wen­dung fin­den. Die erst­ma­li­ge Gel­tend­ma­chung mit dem Schrei­ben vom 15. Ju­li 2009 hat die Aus­schluss­fris­ten des an­wend­ba­ren § 16 MTV nicht ge­wahrt (vgl. oben un­ter A I).


3. Ent­ge­gen der Rechts­an­sicht der Re­vi­si­on des Klägers hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt rechts­feh­ler­frei an­ge­nom­men, dass der Kläger die Ab­gel­tung des ta­rif­li­chen Mehr­ur­laubs in­ner­halb der Frist von zwei Mo­na­ten nach Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses hätte gel­tend ma­chen müssen. § 16 MTV er­fasst auf­grund sei­ner wei­ten For­mu­lie­rung auch Ansprüche auf Ab­gel­tung des ta­rif­li­chen Mehr­ur­laubs. Der ta­rif­li­che Mehr­ur­laub und des­sen Ab­gel­tung un­ter-fal­len we­der dem ta­rif­lich un­ab­ding­ba­ren Schutz der §§ 1, 3 Abs. 1, § 13 Abs. 1 Satz 1 BUrlG noch Art. 7 der Ar­beits­zeit­richt­li­nie. Ei­nem ta­rif­lich an­ge­ord­ne­ten Ver­fall des über­ge­setz­li­chen Ur­laubs­an­spruchs und sei­ner Ab­gel­tung steht

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nach dem kla­ren Richt­li­ni­en­recht und der ge­si­cher­ten Recht­spre­chung des EuGH kein Uni­ons­recht ent­ge­gen (BAG 9. Au­gust 2011 - 9 AZR 365/10 - Rn. 13 mwN, NZA 2011, 1421). Die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en können Ur­laubs- und Ur­laubs­ab­gel­tungs­ansprüche, die den von Art. 7 Abs. 1 der Ar­beits­zeit­richt­li­nie gewähr­leis­te­ten und von §§ 1, 3 Abs. 1 BUrlG be­gründe­ten An­spruch auf Min­dest­jah­res­ur­laub von vier Wo­chen über­stei­gen, frei re­geln (BAG 23. März 2010 - 9 AZR 128/09 - Rn. 19, BA­GE 134, 1).

4. Die Re­vi­si­on des Klägers rügt eben­so oh­ne Er­folg, dass das Lan­des­ar­beits­ge­richt an­ge­nom­men hat, sei­nen Ansprüchen auf Zah­lung von ta­rif­li­chem Ur­laubs­geld iSd. Ur­laubsTV ste­he eben­falls § 16 Ziff. 3 Satz 1 MTV ent­ge­gen.

a) Es kann of­fen­blei­ben, ob der Kläger nach § 4 Ab­schn. II Ur­laubsTV für die ge­setz­li­chen Zu­satz­ur­laubs­ta­ge nach § 125 SGB IX ein zusätz­li­ches Ur­laubs­geld zu ver­lan­gen be­rech­tigt war. Be­den­ken hier­ge­gen be­ste­hen in­so­weit, als der Wort­laut des § 4 Ab­schn. II Ziff. 1 Ur­laubsTV al­lein auf ta­rif­li­che Ur­laubs­ta­ge ab­stellt und § 3 Ziff. 3 Ur­laubsTV zu­dem be­stimmt, dass sich der Zu­satz­ur­laub für Schwer­be­hin­der­te nach den ge­setz­li­chen Be­stim­mun­gen „re­gelt“, die kein zusätz­li­ches Ur­laubs­geld vor­se­hen (vgl. zum zusätz­li­chen Ur­laubs­geld für „ge­nom­me­nen“ ta­rif­li­chen Ur­laub nach § 13 Rah­men­ta­rif­ver­trag Be­ton­st­ein­ge­wer­be Nord­west­deutsch­land vom 14. Sep­tem­ber 1993: BAG 17. No­vem­ber 1998 - 9 AZR 507/97 - zu I 2 b der Gründe, AP TVG § 1 Ta­rif­verträge: Be­ton­st­ein­ge­wer­be Nr. 6 = EzA TVG § 4 Be­ton­st­ein­ge­wer­be Nr. 1).


b) § 16 MTV ist auch auf das ta­rif­li­che Ur­laubs­geld an­zu­wen­den. Schon nach der frühe­ren Recht­spre­chung un­ter­lag der An­spruch auf (zusätz­li­ches) Ur­laubs­geld - eben­so wie der An­spruch auf Ur­laubs­ent­gelt - als Zah­lungs­an­spruch aus dem Ar­beits­verhält­nis den ta­rif­li­chen Aus­schluss­fris­ten und konn­te ver­fal­len, wenn der Ar­beit­neh­mer die Ansprüche nicht frist­ge­recht gel­tend mach­te (vgl. BAG 22. Ja­nu­ar 2002 - 9 AZR 601/00 - zu A II 4 c der Gründe, BA­GE 100, 189; 11. April 2000 - 9 AZR 225/99 - zu I 3 der Gründe, AP TVG § 1 Ta­rif­verträge: Luft­fahrt Nr. 13 = EzA TVG § 4 Luft­fahrt Nr. 4; vgl. fer­ner AnwK-ArbR/Düwell 2. Aufl. § 11 BUrlG Rn. 69; ErfK/Gall­ner § 11 BUrlG Rn. 35).
 


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Un­abhängig da­von, ob das zusätz­li­che Ur­laubs­geld nach § 4 Ab­schn. II Ur­laubsTV ei­ne von der Ur­laubs­nah­me un­abhängi­ge Gra­ti­fi­ka­ti­on oder ei­ne zum Ur­laub ak­zes­s­o­ri­sche Son­der­zah­lung dar­stellt (vgl. zu die­ser Dif­fe­ren­zie­rung: BAG 12. Ok­to­ber 2010 - 9 AZR 531/09 - Rn. 22 ff., AP TVG § 1 Ta­rif­verträge: Dach­de­cker Nr. 9 = EzA BUrlG § 7 Nr. 122; 19. Mai 2009 - 9 AZR 477/07 - Rn. 15 mwN, DB 2009, 2051), steht der An­wen­dung ta­rif­li­cher Aus-schluss­fris­ten we­der der Un­ab­ding­bar­keits­schutz der §§ 1, 3 Abs. 1, § 13 Abs. 1 Satz 1 BUrlG noch der­je­ni­ge des Art. 7 der Ar­beits­zeit­richt­li­nie ent­ge­gen. Das zusätz­li­che Ur­laubs­geld stellt, auch so­weit es zum ge­setz­li­chen Min­des­t­ur­laub hin­zu­tritt, ei­ne rei­ne Geld­for­de­rung dar. Es un­terfällt von vorn­her­ein we­der dem Un­ab­ding­bar­keits­schutz des ge­setz­li­chen Min­des­t­ur­laubs nach § 13 BUrlG noch dem Schutz des Art. 7 der Ar­beits­zeit­richt­li­nie, da es sich um ei­ne darüber hin­aus­ge­hen­de we­der vom BUrlG noch von der Ar­beits­zeit­richt­li­nie ga­ran­tier­te zusätz­li­che Leis­tung han­delt. Vor die­sem Hin­ter­grund sind die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en frei, zusätz­li­ches Ur­laubs­geld ta­rif­li­chen Aus­schluss­fris­ten zu un­ter­wer­fen.

B. Der Kläger hat gemäß § 97 Abs. 1 ZPO die Kos­ten sei­ner er­folg­lo­sen Re­vi­si­on und als un­ter­le­ge­ne Par­tei gemäß § 91 Abs. 1 ZPO die Kos­ten des Rechts­streits zu tra­gen.


Krasshöfer 

Suckow 

Klo­se

Meh­nert 

Neu­mann

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