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Au­ßer­or­dent­li­che Kün­di­gung we­gen fal­scher ei­des­statt­li­cher Ver­si­che­rung?

Miss­ver­ständ­li­che ei­des­statt­li­che Ver­si­che­rung recht­fer­tigt kei­ne au­ßer­or­dent­li­che frist­lo­se Kün­di­gung: Lan­des­ar­beits­ge­richt Hamm, Ur­teil vom 29.05.2015, 18 Sa 1663/14

15.09.2015. Tref­fen sich Ar­beit­neh­mer und Ar­beit­ge­ber vor dem Ar­beits­ge­richt, steht oft viel auf dem Spiel. Dann ist die Ver­lo­ckung groß, den Rich­tern Un­wahr­hei­ten auf­zu­ti­schen, um die ei­ge­ne Haut zu "ret­ten".

Be­son­ders vor­sich­tig muss man sein, wenn man ei­ne ei­des­statt­li­che Ver­si­che­run­gen ab­gibt. Denn die Ab­ga­be ei­ner fal­schen ei­des­statt­li­chen Ver­si­che­rung vor Ge­richt ist nicht nur straf­bar, son­dern kann auch ei­ne ver­hal­tens­be­ding­ten Kün­di­gung nach sich zie­hen.

Dem­ge­gen­über ist ei­ne nur miss­ver­ständ­li­che ei­des­statt­li­che Ver­si­che­rung noch kein Grund für ei­ne au­ßer­or­dent­li­che und frist­lo­se Kün­di­gung: Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Hamm, Ur­teil vom 29.05.2015, 18 Sa 1663/14.

Falsche eidesstattliche Versicherung als außerordentlicher Kündigungsgrund?

Ar­beits­verträge können frist­los gekündigt wer­den, wenn die kündi­gen­de Ver­trags­par­tei dafür ei­nen "wich­ti­gen Grund" im Sin­ne von § 626 Bürger­li­ches Ge­setz­buch (BGB) hat.

Die lan­ge Lis­te der wich­ti­gen Gründe, die den Ar­beit­ge­ber zu ei­ner frist­lo­se Kündi­gung be­rech­ti­gen, be­inhal­tet vor al­lem straf­ba­re Hand­lun­gen wie zum Bei­spiel Be­lei­di­gun­gen, Diebstähle, Spe­sen-, Ab­rech­nungs- oder Ar­beits­zeit­betrüge­rei­en oder auch das Vortäuschen ei­ner Ar­beits­unfähig­keit.

Im letz­ten Jahr hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) sei­ne Recht­spre­chung be­kräftigt, dass auch ei­ne fal­sche ei­des­statt­li­che Ver­si­che­rung des Ar­beit­neh­mers ei­ne or­dent­li­che ver­hal­tens­be­ding­te und je nach dem Umständen auch ei­ne außer­or­dent­li­che frist­lo­se Kündi­gung recht­fer­ti­gen kann (BAG, Ur­teil vom 31.07.2014, 2 AZR 434/13).

Mit ei­des­statt­li­chen Ver­si­che­run­gen wer­den in ge­richt­li­chen Eil­ver­fah­ren Tat­sa­chen­be­haup­tun­gen ei­ner Par­tei "glaub­haft ge­macht" (§ 294 Abs.1 Zi­vil­pro­zess­ord­nung - ZPO). Ei­des­statt­li­che Ver­si­che­run­gen sind ei­ne Art Schnell­be­weis, die den Nutz­ef­fekt ha­ben, dass das Ge­richt kei­ne Zeu­gen ver­neh­men muss, son­dern sich auf ei­ne zu den Ak­ten ge­reich­te Un­ter­la­ge stützen kann.

Vor­aus­set­zung ist al­ler­dings, dass die Par­tei, die ei­ne ei­des­statt­li­che Ver­si­che­rung ein­reicht, das Ri­si­ko der Straf­bar­keit auf sich nimmt, wenn sich die Ver­si­che­rung später als un­rich­tig er­weist. Denn wer vor Ge­richt (vorsätz­lich) ei­ne fal­sche Ver­si­che­rung an Ei­des Statt ab­gibt, be­geht ei­ne Straf­tat gemäß § 156 Straf­ge­setz­buch (StGB) in Verb. mit § 11 Abs.1 Nr.7 StGB.

Mit fal­schen ei­des­statt­li­chen Ver­si­che­run­gen verstößt man aber nicht nur ge­gen das StGB, son­dern auch ge­gen sei­ne ar­beits­ver­trag­li­chen Ne­ben­pflich­ten, wes­halb das BAG ein sol­ches Ver­hal­ten im Prin­zip als Kündi­gungs­grund an­er­kennt.

Das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Hamm hat­te kürz­lich ei­nen ein­schlägi­gen Fall zu ent­schei­den.

Der Fall des LAG Hamm: Pflegedienstleiter wehrt sich gegen eine Änderungskündigung und legt dem Gericht eine eidesstattliche Versicherung vor

Im Streit­fall ging es um ei­nen seit 1984 als bei der ka­tho­li­schen Ca­ri­tas an­ge­stell­ten Kran­ken­pfle­ger, der seit 1989 in lei­ten­der Po­si­ti­on als Pfle­ge­dienst­lei­ter (PDL) tätig war, zu­letzt für ein Ge­halt von 5.516,64,00 EUR brut­to.

Nach ei­ner Fu­si­on des von ihm be­treu­ten Kran­ken­hau­ses mit drei wei­te­ren Ca­ri­tas-Kran­kenhäusern wur­de ihm zum Ok­to­ber 2012 die Pfle­ge­dienst­lei­tung für al­le vier Häuser über­tra­gen. In die­ser Po­si­ti­on soll­te er pro­be­wei­se und da­her be­fris­tet bis zum 31.03.2014 tätig wer­den.

Die Ca­ri­tas war mit sei­ner Tätig­keit nicht zu­frie­den, da er aus ih­rer Sicht für zu ho­he Per­so­nal­kos­ten ver­ant­wort­lich war. Da­her teil­te man ihm im März 2014 mit, dass sein Ein­satz als PDL für al­le vier Häuser wie ge­plant zum En­de des Mo­nats en­de. Außer­dem sprach man ihm ei­ne Ände­rungskündi­gung mit dem Ziel aus, den langjähri­gen PDL ab Ok­to­ber 2014 als ein­fa­chen Kran­ken­pfle­ger (!) ein­zu­set­zen, natürlich für deut­lich we­ni­ger Geld.

Der PDL war mit die­ser Ver­tragsände­rung nicht ein­ver­stan­den und nahm sie da­her nur un­ter dem Vor­be­halt der so­zia­len Recht­fer­ti­gung gemäß § 2 Kündi­gungs­schutz­ge­setz (KSchG) an. Ne­ben ei­ner Ände­rungs­schutz­kla­ge vor dem Ar­beits­ge­richt Pa­der­born (1 Ca 545/14) streng­te er auch ein Eil­ver­fah­ren an mit dem Ziel, die Ca­ri­tas zur vorläufi­gen wei­te­ren Beschäfti­gung als Pfle­ge­dienst­lei­ter zu ver­pflich­ten (2 Ga 4/14).

Mit die­sem Eil­an­trag schei­ter­te er vor dem Ar­beits­ge­richt Pa­der­born und leg­te da­her Be­ru­fung zum LAG Hamm ein. Dort wie­der­um leg­te er ei­ne ei­des­statt­li­che Ver­si­che­rung vor, in der er be­haup­te­te, auf die (ihm vor­ge­wor­fe­nen) Per­so­nal­mehr­kos­ten teil­wei­se kei­nen (al­lei­ni­gen) Ein­fluss ge­habt zu ha­ben. Kon­kret ging es hier um den kos­tenträch­ti­gen Ein­satz von Dritt­fir­men, die mit ei­ge­nem Per­so­nal Leis­tun­gen er­brach­ten.

Die Ca­ri­tas kündig­te dar­auf­hin noch­mals, aber dies­mal außer­or­dent­lich und frist­los, und zwar mit der Be­gründung, dass der Pfle­ge­dienst­lei­ter vor Ge­richt vorsätz­lich ei­ne fal­sche ei­des­statt­li­che Ver­si­che­rung ab­ge­ge­ben ha­be. Die da­ge­gen ge­rich­te­te Kündi­gungs­schutz­kla­ge hat­te vor dem Ar­beits­ge­richt Pa­der­born Er­folg (Ur­teil vom 24.10.2014, 3 Ca 1013/14).

LAG Hamm: Eine missverständliche eidesstattliche Versicherung rechtfertigt keine außerordentliche fristlose Kündigung

Das LAG Hamm schloss sich der Mei­nung sei­ner Vor­in­stanz an und wies die Be­ru­fung des Ar­beit­ge­bers zurück.

Denn hier im Streit­fall hat­te der frist­los gekündig­te Ar­beit­neh­mer gar kei­ne fal­sche ei­des­statt­li­che Ver­si­che­rung ab­ge­ge­ben. Denn "falsch" ist ei­ne ei­des­statt­li­che Ver­si­che­rung nur, wenn sie die Wirk­lich­keit un­zu­tref­fend wie­der­gibt, und das war hier nicht der Fall. Letzt­lich hat­te sich die Ca­ri­tas nicht auf den Wort­laut der strei­ti­gen Äußerun­gen, son­dern auf ih­re ar­gu­men­ta­ti­ve Stoßrich­tung im Vor­pro­zess be­zo­gen, und das war nicht kor­rekt.

Auch der Vor­wurf der Ca­ri­tas, der PDL hätte sei­ne ei­des­statt­li­che Erklärung zu­min­dest vor­sich­ti­ger for­mu­lie­ren und miss­verständ­li­che Aus­sa­gen ver­mei­den müssen, zog vor dem LAG Hamm nicht. Denn auch wenn man dem Ar­beit­neh­mer hier et­was vor­hal­ten könn­te (was das Ge­richt of­fen ließ), war ei­ne außer­or­dent­li­che und frist­lo­se Kündi­gung ei­ne un­verhält­nismäßige Re­ak­ti­on, d.h. hier hätte ei­ne Ab­mah­nung aus­ge­reicht.

Fa­zit: Strei­ten Ar­beit­neh­mer und Ar­beit­ge­ber vor dem Ar­beits­ge­richt, müssen sie wahr­heits­gemäß vor­tra­gen, d.h. die zi­vil­pro­zes­sua­le Wahr­heits­pflicht be­ach­ten. Die Wahr­heits­pflicht gilt we­gen § 156 StGB bei ei­des­statt­li­chen Ver­si­che­run­gen in ge­stei­ger­tem Maße. An­de­rer­seits sind be­trieb­li­che Kom­pe­ten­zen und Abläufe oft nicht so ein­deu­tig fest­ge­legt, dass man die dar­auf be­zo­ge­nen In­ter­pre­ta­tio­nen und Sicht­wei­sen der Pro­zess­par­tei­en aus­sch­ließlich als "Tat­sa­chen­vor­trag" ver­ste­hen könn­te. Ist man hier ver­schie­de­ner Mei­nung, soll­te man der Ge­gen­par­tei nicht vor­schnell Pro­zess­be­trug und Falsch­aus­sa­ge vor­wer­fen.

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Letzte Überarbeitung: 2. November 2016

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