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Be­fris­tung von Ar­beits­ver­trä­gen mit Schau­spie­lern

Lang­jäh­ri­ge Fern­seh­kom­mis­sa­re aus der ZDF-Kri­mi­se­rie "Der Al­te" schei­tern in Er­furt: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­tei­le vom 30.08.2017, 7 AZR 864/15 und 7 AZR 440/16

31.08.2017. Lan­ge Jah­re stan­den sie ih­rem Chef­er­mitt­ler in der ZDF-Se­rie "Der Al­te" als Nach­wuchs­kom­mis­sa­re zur Sei­te. Ges­tern war vor dem Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) end­gül­tig Dienst­schluss für die Fern­seh­kri­mi­na­lis­ten "Axel Rich­ter" ali­as Pier­re Sa­nous­si-Bliss und "Wer­ner Ried­mann" ali­as Mar­kus Bött­cher.

Denn das BAG kam zu dem Er­geb­nis, dass die Ver­trags­be­fris­tun­gen, über de­ren Wirk­sam­keit Sa­nous­si-Bliss und Bött­cher mit der ZDF-Pro­duk­ti­ons­fir­ma ge­strit­ten hat­ten, wirk­sam wa­ren. Sach­grund für die Be­fris­tung war die "Ei­gen­art der Ar­beits­leis­tung" ge­mäß § 14 Abs.1 Satz 2 Nr.4 Teil­zeit- und Be­fris­tungs­ge­setz (Tz­B­fG): BAG, Ur­tei­le vom 30.08.2017, 7 AZR 864/15 und 7 AZR 440/16 (Pres­se­mel­dung des BAG).

Wie lange können Arbeitsverträge mit Schauspielern immer erneut aufgrund der "Eigenart der Arbeitsleistung" befristet werden?

Im All­ge­mei­nen soll­ten Ar­beit­neh­mer auf der Grund­la­ge un­be­fris­te­ter Ar­beits­verträge tätig sein, d.h. die Be­fris­tung von Ar­beits­verträgen soll­te die Aus­nah­me sein. Denn mit be­fris­te­ten Ar­beits­verträgen ist die Ge­fahr ver­bun­den, dass Kündi­gungs­fris­ten und/oder der ge­setz­li­che Kündi­gungs­schutz um­gan­gen wer­den.

Da­her sieht § 14 Abs.1 Tz­B­fG vor, dass Be­fris­tun­gen im All­ge­mei­nen durch ei­nen sach­li­chen Grund ge­recht­fer­tigt sein müssen. Kei­nen Sach­grund braucht der Ar­beit­ge­ber bei be­fris­te­ten Neu­ein­stel­lun­gen bis zur Höchst­dau­er von zwei Jah­ren (§ 14 Abs.2 Tz­B­fG) und bei der be­fris­te­ten Beschäfti­gung älte­rer Ar­beit­neh­mer bis zur Höchst­dau­er von fünf Jah­ren (§ 14 Abs.3 Tz­B­fG).

Aus die­sen ge­setz­li­chen Re­ge­lun­gen folgt, dass Be­fris­tun­gen auf der Grund­la­ge ei­nes sach­li­chen Grun­des im Prin­zip end­los an­ein­an­der ge­reiht wer­den können. Trotz­dem kann ei­ne sol­che "Ket­ten­be­fris­tung" mit zu­neh­men­der Ge­samt­ver­trags­dau­er rechts­miss­bräuch­lich und da­her letzt­lich un­wirk­sam sein (Ar­beits­recht ak­tu­ell: 17/138 Wann sind Sach­grund­be­fris­tun­gen miss­bräuch­lich?).

Bei der be­fris­te­ten Beschäfti­gung von Schau­spie­lern, Re­dak­teu­ren und Pro­fi­sport­lern ist vor al­lem ei­ner der in § 14 Abs.1 Tz­B­fG ge­nann­ten Sach­gründe wich­tig, nämlich der in § 14 Abs.1 Satz 2 Nr.4 Tz­B­fG ge­nann­te Grund. Er liegt vor, wenn "die Ei­gen­art der Ar­beits­leis­tung die Be­fris­tung recht­fer­tigt".

Hin­ter die­sem Be­fris­tungs­grund steht u.a. die grund­recht­lich geschütz­te Kunst­frei­heit (Art.5 Abs.3 Satz 1 Grund­ge­setz - GG) von Ar­beit­ge­bern, die mit an­ge­stell­ten Schau­spie­lern zu­sam­men­ar­bei­ten. Denn da Fern­seh­pro­duk­tio­nen, Thea­terstücke und ähn­li­che "For­ma­te" je nach Pu­bli­kums­ge­schmack und künst­le­ri­scher (Neu-)Aus­rich­tung im­mer wie­der ein­mal geändert oder auch ein­ge­stellt wer­den müssen, können sich die für die künst­le­ri­sche Kon­zep­ti­on ver­ant­wort­li­chen Ar­beit­ge­ber (Thea­ter, Fern­seh­an­stal­ten) nicht dau­er­haft an be­stimm­te Schau­spie­ler bin­den.

Frag­lich ist al­ler­dings, ob auch jahr­zehn­te­lan­ge Ket­ten­be­fris­tun­gen mit Schau­spie­lern durch § 14 Abs.1 Satz 2 Nr.4 Tz­B­fG ge­recht­fer­tigt sind.

Die­se Fra­ge stellt sich zum ei­nen des­halb, weil das BAG bei der recht­li­chen Über­prüfung von be­fris­te­ten Schau­spie­ler­verträgen im­mer wie­der be­tont, dass die Kunst­frei­heit des Ar­beit­ge­bers und sein Be­fris­tungs­in­ter­es­se im Rah­men ei­ner In­ter­es­sen­abwägung mit der Be­rufs­frei­heit des Schau­spie­lers und sei­nem In­ter­es­se an ei­ner dau­er­haf­ten Beschäfti­gung ver­gli­chen wer­den müssen. Die­se vom BAG ge­for­der­te In­ter­ess­abwägung legt na­he, dass ex­trem lan­ge Ket­ten­be­fris­tun­gen zu "ar­beit­ge­ber­las­tig" und da­her un­zulässig sein könn­ten.

Un­abhängig da­von fragt sich auch, ob ket­ten­be­fris­te­te Ar­beits­verträge mit Schau­spie­lern nicht (eben­so wie an­de­re Ket­ten­be­fris­tun­gen) ab ei­ner sehr lan­gen Ge­samt­ver­trags­dau­er miss­bräuch­lich sind.

Im Streit: Das ZDF besetzt die Krimiserie "Der Alte" neu, so dass für Sanoussi-Bliss nach 18 Jahren und für Böttcher nach 28 Jahren Schluss ist

Der 1962 ge­bo­re­ne Pier­re Sa­nous­si-Bliss wirk­te seit 1997 in der ZDF-Fern­seh­se­rie "Der Al­te" als Nach­wuchs­kri­mi­na­list „Axel Rich­ter“ mit. Grund­la­ge sei­ner ins­ge­samt 18-jähri­gen Tätig­keit wa­ren zeit­lich be­fris­te­te „Mit­ar­bei­ter­verträge“ bzw. „Schau­spie­ler­verträge“, die er mit ei­ner für das ZDF ar­bei­ten­den Pro­duk­ti­ons­fir­ma ab­schloss. Die Schau­spie­ler­verträge be­zo­gen sich je­weils nur auf ein­zel­ne Fol­gen der Kri­mi­se­rie oder auf die Fol­gen, die in ei­nem Ka­len­der­jahr pro­du­ziert wer­den soll­ten.

Zu­letzt wur­de Sa­nous­si-Bliss durch ei­nen im Ok­to­ber 2014 ge­schlos­se­nen Ver­trag in der Zeit bis zum 18.11.2014 für ins­ge­samt 16 Dreh­ta­ge zur Pro­duk­ti­on der Fol­gen Nr.391 und Nr.392 ver­pflich­tet. Da­nach war Schluss, d.h. ZDF und Pro­duk­ti­ons­fir­ma woll­ten die Se­rie künf­tig an­ders be­set­zen. Um die Ver­trags­be­en­di­gung recht­lich was­ser­dicht zu ge­stal­ten, be­rief sich die Pro­duk­ti­ons­fir­ma nicht nur auf die Be­fris­tung, son­dern sprach ergänzend bzw. vor­sorg­lich ei­ni­ge Kündi­gun­gen aus. Sa­nous­si-Bliss klag­te ge­gen die Be­fris­tung bzw. die Ent­las­sung, hat­te da­mit aber we­der vor dem Ar­beits­ge­richt München (Ur­teil vom 21.04.2015, 3 Ca 14163/14) noch in der Be­ru­fung vor dem Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) München Er­folg (LAG München, Ur­teil vom 29.10.2015, 4 Sa 527/15).

Ähn­lich wie Sa­nous­si-Bliss er­ging es sei­nem 1964 ge­bo­re­nen Schau­spie­ler-Kol­le­gen Mar­kus Bött­cher, der 28 Jah­re lang (von 1986 bis 2014) als Chef der Spu­ren­si­che­rung „Wer­ner Ried­mann“ in der Se­rie mit­wirk­te und in 280 Fol­gen zu se­hen war. Auch mit ihm woll­te man En­de 2014 nicht mehr wei­ter­ma­chen, und auch er klag­te ge­gen die Ket­ten­be­fris­tung sei­ner Schau­spie­ler­verträge. Eben­so wie Sa­nous­si-Bliss zog Bött­cher vor dem Ar­beits­ge­richt München (Ur­teil vom 08.04.2015, 3 Ca 14162/14) und vor dem LAG München den Kürze­ren (LAG München, Ur­teil vom 11.05.2016, 8 Sa 541/15).

BAG: Die Eigenart der Arbeitsleistung eines Schauspielers kann auch langjährig wiederholte Befristungen rechtfertigen

Das BAG wies mit sei­nen ges­tern er­gan­ge­nen Ur­tei­len die Re­vi­sio­nen von Sa­nous­si-Bliss und Bött­cher zurück, die da­mit in al­len drei In­stan­zen ver­lo­ren hat­ten. Zur Be­gründung heißt es in der der­zeit al­lein vor­lie­gen­den Pres­se­mel­dung des BAG:

Der in § 14 Abs.1 Satz 2 Nr.4 Tz­B­fG ge­nann­te Sach­grund soll Be­fris­tun­gen ermögli­chen, die durch die Kunst­frei­heit des Ar­beit­ge­bers (Art.5 Abs.3 Satz 1 GG) ge­recht­fer­tigt sind. Da­bei steht die Kunst­frei­heit des Ar­beit­ge­bers der Be­rufs­frei­heit des Schau­spie­lers ge­genüber. Sie ist eben­falls durch die Ver­fas­sung geschützt (Art.12 Abs.1 GG) und be­inhal­tet ei­nen recht­li­chen "Min­dest­be­stands­schutz des künst­le­risch täti­gen Ar­beit­neh­mers". Da­her ist § 14 Abs.1 Satz 2 Nr.4 Tz­B­fG "ver­fas­sungs­kon­form" aus­zu­le­gen und an­zu­wen­den, d.h. un­ter Berück­sich­ti­gung der grund­recht­lich geschütz­ten In­ter­es­sen bei­der Ver­trags­part­ner.

Dar­aus folgt, so das BAG in Übe­rein­stim­mung mit sei­ner bis­he­ri­gen Recht­spre­chung, dass die bei­der­sei­ti­gen In­ter­es­sen bzw. Be­lan­ge der Ver­trags­par­tei­en ge­gen­ein­an­der ab­zuwägen sind. Bei die­ser Abwägung muss "auch das Be­stands­schutz­in­ter­es­se des Ar­beit­neh­mers an­ge­mes­sen Berück­sich­ti­gung fin­den", so die Er­fur­ter Rich­ter. Die­se In­ter­es­sen­abwägung hat nichts mit der Miss­brauchs­kon­trol­le ei­ner Ket­ten­be­fris­tung zu tun, son­dern muss be­reits ei­nen Schritt zu­vor statt­fin­den, nämlich als "Be­stand­teil der Sach­grund­prüfung nach § 14 Abs.1 Satz 2 Nr.4 Tz­B­fG".

Im Er­geb­nis hat­ten aber we­der Sa­nous­si-Bliss noch Bött­cher ei­nen Vor­teil von die­ser In­ter­es­sen­abwägung, denn sie ging in bei­den Fällen zu­guns­ten des Ar­beit­ge­bers aus. Des­sen Ent­schei­dung, die Rol­len der Kläger nur be­fris­tet zu be­set­zen, be­ruht nach An­sicht des BAG auf künst­le­ri­schen Erwägun­gen. Trotz der jah­re- bzw. jahr­zehn­te­lan­gen Mit­wir­kung von Sa­nous­si-Bliss und Bött­cher an der Kri­mi­se­rie war das Ar­beit­ge­ber­in­ter­es­se hier vor­ran­gig, nämlich das In­ter­es­se "an ei­ner kurz­fris­tig mögli­chen Fort­ent­wick­lung des For­mats", ggf. auch durch die Strei­chung der von den Klägern be­setz­ten Rol­len.

Fa­zit: Die gest­ri­gen BAG-Ur­tei­le ma­chen deut­lich, dass die Kunst­frei­heit von Thea­tern und Fern­seh­an­stal­ten prak­tisch im­mer Vor­fahrt hat, d.h. das Beschäfti­gungs­in­ter­es­se ei­nes langjährig mit der­sel­ben Rol­le be­trau­ten Se­ri­en­schau­spie­lers hat selbst dann kei­ne über­wie­gen­de Be­deu­tung, wenn der Schau­spie­ler sei­ne Rol­le mehr als 28 Jah­re (!) verkörpert hat. Und of­fen­bar ist die­se Be­wer­tung der wi­der­strei­ten­den In­ter­es­sen aus Sicht der Er­fur­ter Rich­ter so ein­deu­tig, dass sie kein Wort zur Miss­brauchs­kon­trol­le ver­lie­ren.

Außer­dem er­gibt sich aus den BAG-Ur­tei­len, dass nicht nur die be­auf­tra­gen­de Sen­de­an­stalt (hier das ZDF), son­dern auch die be­auf­trag­te Pro­duk­ti­ons­fir­ma sämt­li­che Ar­beit­ge­ber­rech­te (vor al­lem die Kunst­frei­heit) in An­spruch neh­men kann, die ei­ne Be­fris­tung gemäß § 14 Abs.1 Satz 2 Nr.4 Tz­B­fG ju­ris­tisch recht­fer­ti­gen.

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Letzte Überarbeitung: 2. September 2017

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