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Be­sol­dung von W 2-Pro­fes­so­ren in Hes­sen ist ver­fas­sungs­wid­rig

BVerfG: Grund­ver­gü­tung von W2-Pro­fes­so­ren in Hö­he von 4.250 EUR ist "evi­dent un­zu­rei­chend": Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Ur­teil vom 14.02.2011, 2 BvL 4/10

14.02.2012. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt (BVerfG) in Karls­ru­he hat heu­te ent­schie­den, dass die Be­zah­lung hes­si­scher Pro­fes­so­ren der Be­sol­dungs­grup­pe W2 ver­fas­sungs­wid­rig ge­ring ist und spä­tes­tens bis zum Jah­res­an­fang 2013 ge­än­dert wer­den muss (Ur­teil vom 14.02.2012, 2 BvL 4/10).

Da die hes­si­sche Vor­schrif­ten den bis 2006 gel­ten­den ehe­ma­li­gen bun­des­ge­setz­li­chen Vor­schrif­ten ent­spre­chen und da­her in ähn­li­cher Form auch in an­de­ren Bun­des­län­dern gel­ten, hat das Ur­teil Si­gnal­wir­kung auch für die Be­zah­lung von W 2-Pro­fes­so­ren in an­de­ren Bun­des­län­dern.

Im Aus­gangs­ver­fah­ren hat­te ein jun­ger Pro­fes­sor für Phy­si­ka­li­sche Che­mie ge­klagt, und zwar die ge­richt­li­che Fest­stel­lung, dass sei­ne Be­zah­lung nach der Be­sol­dungs­grup­pe W2 den ver­fas­sungs­recht­li­chen An­for­de­run­gen an ei­ne amts­an­ge­mes­se­ne Be­sol­dung nicht ent­spricht. Zum Zeit­punkt sei­ner Be­ru­fung in das Be­am­ten­ver­hält­nis er­hielt er ein Grund­ge­halt von ge­ra­de ein­mal 3.890,03 EUR für sei­ne Pro­fes­so­ren­tä­tig­keit an der Uni Mar­burg. Das mit dem Fall be­fass­te Ver­wal­tungs­ge­richt Gie­ßen setz­te das Ver­fah­ren aus und frag­te beim BVerfG nach, ob die strit­ti­gen Be­sol­dungs­re­ge­lun­gen ver­fas­sungs­ge­mäß sind oder nicht.

Seit 2005 er­gibt sich die Be­zah­lung von Pro­fes­so­ren aus ei­ner Kom­bi­na­ti­on von Grund­ver­gü­tung und leis­tungs­ab­hän­gi­gen Ge­halts­ele­men­ten. Im Ver­gleich zur vor­he­ri­gen Ver­gü­tung der Pro­fes­so­ren nach den al­ten Ge­halts­grup­pen C2, C3 und C4 ging mit der Ein­füh­rung der Ge­halts­grup­pen W2 und W 3 im Jah­re 2005 - in­fol­ge der Be­to­nung der Leis­tung - ei­ne deut­li­che Ab­sen­kung der Grund­ver­gü­tung ein­her, teil­wei­se um mehr als ein Vier­tel.

Doch nicht nur das: Auf Leis­tungs­be­zü­ge be­steht kein An­spruch und es steht hier­für nur ein be­schränk­tes jähr­li­ches Bud­get („Ver­ga­be­rah­men“) zur Ver­fü­gung.

Schon im Ge­setz­ge­bungs­ver­fah­ren gab es da­her Zwei­fel dar­an, ob die neue nied­ri­ge Grund­ver­gü­tung dem aus Art.33 Abs.5 Grund­ge­setz (GG) ab­ge­lei­te­ten Ali­men­ta­ti­ons­prin­zip ent­spricht. Das Ali­men­ta­ti­ons­prin­zip ver­pflich­tet Bund und Län­der, ih­ren Be­am­ten le­bens­lang ei­nen nach Dienstrang, Ver­ant­wor­tung, Ar­beits­leis­tung ("Be­an­spru­chung") und Qua­li­fi­ka­ti­on „an­ge­mes­se­nen“ Le­bens­un­ter­halt zu ge­wäh­ren. Un­ter an­de­rem spielt da­bei auch ei­ne Rol­le, dass die Be­sol­dung at­trak­tiv ge­nug aus­fal­len muss, um über­durch­schnitt­lich qua­li­fi­zier­te Per­so­nen "an­zu­lo­cken".

Zwar hat der Ge­setz­ge­ber ei­nen gro­ßen Spiel­raum bei der Be­ur­tei­lung, was „an­ge­mes­sen“ ist und darf des­halb auch das Be­sol­dungs­sys­tem kom­plett um­ge­stal­ten. Er muss al­ler­dings dar­auf ach­ten, dass die neue Be­sol­dungs­me­tho­de wei­ter den An­for­de­run­gen des je­wei­li­gen Am­tes ent­spricht.

Die (neue) Grund­be­sol­dung nach W2, die der­zeit (2012) in Hes­sen rund 4.250 EUR be­trägt und deut­lich nied­ri­ger ist als die ehe­ma­li­ge Grund­ver­gü­tung von C-3-Pro­fes­so­ren, ist vor die­sem Hin­ter­grund nach An­sicht des BVerfG „evi­dent un­zu­rei­chend“. Ei­ne so ge­rin­ge Be­zah­lung be­ach­tet u.a. nicht den von Pro­fes­so­ren er­war­te­ten be­son­ders an­spruchs­vol­len aka­de­mi­schen Wer­de­gang, die Be­deu­tung ih­rer Lehr­tä­tig­keit und ih­re an­spruchs­vol­len For­schungs­auf­ga­ben, so das BVerfG.

Denn je nach den in­di­vi­du­el­len Um­stän­den kann die Be­sol­dung nach W2 mo­men­tan da­zu füh­ren, dass ein Pro­fes­sor we­ni­ger ver­dient als ein ihm zu­ge­ord­ne­ter wis­sen­schaft­li­cher Be­am­ter, der die Qua­li­fi­ka­ti­ons­vor­aus­set­zun­gen für ei­ne Be­ru­fung zum Pro­fes­sor nicht er­füllt. Im Ver­gleich zu pri­vat be­schäf­tig­ten Füh­rungs­kräf­ten mit Uni­ver­si­täts­ab­schluss wird das De­fi­zit noch deut­li­cher: Nur 20 Pro­zent ver­die­nen hier we­ni­ger als W2-Pro­fes­so­ren, wäh­rend es nach al­tem Recht im­mer­hin noch 40 Pro­zent wa­ren.

Ins­ge­samt ist die Grund­ver­gü­tung da­her un­zu­rei­chend. Um der Be­sol­dung von W2-Pro­fes­so­ren nicht die Grund­la­ge zu ent­zie­hen, gibt das BVerfG dem hes­si­schen Ge­setz­ge­ber knapp ein Jahr Zeit,

Ob­wohl das BVerfG ei­ne Rück­wir­kung sei­ner Ent­schei­dung aus­ge­schlos­sen hat, macht es ei­ne Aus­nah­me zu­guns­ten des Klä­gers. Er hat, so das BVerfG aus­drück­lich, ei­nen An­spruch auf "rück­wir­ken­de Be­he­bung" der Ver­fas­sungs­wid­rig­keit sei­ner bis­he­ri­gen Be­zah­lung. Was das kon­kret heißt, wird das Ver­wal­tungs­ge­richt Gie­ßen zu ent­schei­den ha­ben, und zwar vor­aus­sicht­lich auf der Grund­la­ge der zum Jah­res­an­fang 2013 zu er­war­ten­den Neu­re­ge­lung.

Fa­zit: W2-Pro­fes­so­ren an­de­rer Bun­des­län­der soll­ten die Hö­he ih­rer Grund­ver­gü­tung kri­tisch über­prü­fen. Ent­spricht die­se un­ge­fähr der hes­si­schen Grund­ver­gü­tung nach W2, ist mög­li­cher­wei­se ei­ne Kla­ge vor dem Ver­wal­tungs­ge­richt rat­sam.

Denn die an­de­ren Bun­des­län­der sind an das heu­ti­ge Ur­teil des BVerfG for­mal­ju­ris­tisch nicht ge­bun­den und wer­den sein recht­li­chen Kon­se­quen­zen da­her "mit der ge­bo­te­nen Ru­he und Sorg­falt prü­fen". Es kann da­her in an­de­ren Bun­des­län­dern lan­ge dau­ern, bis sich hier et­was än­dert.

Und wenn die Be­sol­dung für die W2-Pro­fes­so­ren an­ge­ho­ben wird, dann vor­aus­sicht­lich nicht mit Rück­wir­kung. W2-Pro­fes­so­ren kön­nen da­her je nach den Um­stän­den des Ein­zel­falls durch ra­sche Kla­ge­er­he­bung ih­re Chan­cen ver­bes­sern, be­reits mit Wir­kung ab Kla­gein­rei­chung von künf­ti­gen ge­setz­li­chen Be­sol­dungs­er­hö­hun­gen zu pro­fi­tie­ren.

Nä­he­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 30. September 2016

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