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Be­triebs­be­ding­te Kün­di­gung nach feh­ler­haf­ter Mas­sen­ent­las­sungs­an­zei­ge

We­gen über­höh­ter An­ga­ben feh­ler­haf­te Mas­sen­ent­las­sungs­an­zei­ge führt nicht in je­dem Fall zur Un­wirk­sam­keit ei­ner be­triebs­be­ding­ten Kün­di­gung: Lan­des­ar­beits­ge­richt Ba­den-Würt­tem­berg, Ur­teil vom 16.09.2010, 11 Sa 35/10

09.02.2011. Ein Ar­beit­ge­ber mit mehr als 20 re­gel­mä­ßig bei ihm be­schäf­tig­ten Ar­beit­neh­mern muss ei­nen grö­ße­ren Per­so­nal­ab­bau, d.h. ei­ne "Mas­sen­ent­las­sung", der Agen­tur für Ar­beit an­zei­gen (§ 17 Abs.1 Satz 1 Kün­di­gungs­schutz­ge­setz - KSchG).

Der Ar­beits­ver­wal­tung soll da­mit die Mög­lich­keit ge­ge­ben wer­den, sich vor­aus­schau­end auf den Zu­strom neu­er Ar­beits­lo­ser ein­zu­stel­len und die Fol­gen der Mas­sen­ent­las­sung von den Be­trof­fe­nen mög­lichst ab­zu­wen­den.

Vor die­sem Hin­ter­grund gibt es für Mas­sen­ent­las­sun­gen ei­ne Ent­las­sungs­sper­re. Ge­mäß § 18 Abs,1 KSchG wer­den an­zei­ge­pflich­ti­ge Ent­las­sun­gen vor Ab­lauf ei­nes Mo­nats nach Ein­gang der An­zei­ge bei der Agen­tur für Ar­beit nur mit de­ren Zu­stim­mung wirk­sam. Auf die­se Wei­se ist ihr ein Min­dest­maß an Vor­be­rei­tungs­zeit si­cher.

Hin­ter der An­zei­ge­pflicht und der Ent­las­sungs­sper­re steht ei­ne eu­ro­päi­sche Richt­li­nie, die "Mas­s­ent­las­sungs­richt­li­nie" (Richt­li­nie 98/59/EG des Ra­tes vom 20.07.1998 zur An­glei­chung der Rechts­vor­schrif­ten der Mit­glieds­staa­ten über Mas­sen­ent­las­sun­gen). Nach ei­ner grund­le­gen­den Ent­schei­dung des Eu­ro­päi­schen Ge­richts­ho­fes (EuGH) ist mit "Ent­las­sung" nicht erst der Ab­lauf der Kün­di­gungs­frist ge­meint, son­dern be­reits die Kün­di­gungs­er­klä­rung selbst. Ar­beit­ge­ber müs­sen da­her schon die be­ab­sich­tig­ten Kün­di­gun­gen der Agen­tur für Ar­beit mit­tei­len.

Die An­zei­ge muss An­ga­ben über den Na­men des Ar­beit­ge­bers, den Sitz und die Art des Be­trie­bes ent­hal­ten, fer­ner die Grün­de für die ge­plan­ten Ent­las­sun­gen, die Zahl und die Be­rufs­grup­pen der zu ent­las­sen­den und der in der Re­gel be­schäf­tig­ten Ar­beit­neh­mer, den Zeit­raum, in dem die Ent­las­sun­gen vor­ge­nom­men wer­den sol­len und die vor­ge­se­he­nen Kri­te­ri­en für die Aus­wahl der zu ent­las­sen­den Ar­beit­neh­mer ( § 17 Abs. 3 S. 4 KSchG).

In der Li­te­ra­tur wird über­wie­gend da­von aus­ge­gan­gen, dass in­halt­li­che Feh­ler in die­sen Punk­ten ei­ne be­triebs­be­ding­te Kün­di­gung un­wirk­sam ma­chen. Ob das aber auch für al­le Feh­ler der An­zei­ge gilt, ist um­strit­ten.

So war das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Ba­den-Würt­tem­berg in ei­nem vor kur­zem ent­schie­de­nen Fall der Mei­nung, dass es im All­ge­mei­nen nicht zur Un­wirk­sam­keit der spä­ter aus­ge­spro­che­nen Kün­di­gun­gen führt, wenn der Ar­beit­ge­ber in der Mas­sen­ent­las­sungs­an­zei­ge die An­zahl der zu kün­di­gen­den Ar­beit­neh­mer ver­se­hent­lich zu hoch an­setzt.

In dem vom LAG ent­schie­de­nen Fall war statt den in der An­zei­ge ge­nann­ten 66 Ar­beit­neh­mern le­dig­lich ins­ge­samt 58 Ar­beit­neh­mern be­triebs­be­dingt ge­kün­digt wor­den, zu de­nen auch der Klä­ger ge­hör­te. Die­ser wehr­te sich mit ei­ner Kün­di­gungs­schutz­kla­ge, weil er die Kün­di­gung we­gen feh­ler­haf­ter Mas­sen­ent­las­sungs­an­zei­ge für un­wirk­sam hielt.

Mit die­ser Ar­gu­men­ta­ti­on hat­te er aber so­wohl vor dem Ar­beits­ge­richt Frei­burg (Ur­teil vom 20.02.2010, 4 Ca 557/09) als auch vor dem LAG Ba­den-Würt­tem­berg kei­nen Er­folg (LAG Ba­den-Würt­tem­berg, Ur­teil vom 16.09.2010, 11 Sa 35/10).

Das LAG mein­te mit Hin­weis auf ei­ne äl­te­re Ent­schei­dung des Bun­des­ar­beits­ge­richts (BAG, Ur­teil vom 21.03.2001, 8 AZR 565/00), dass die fal­sche An­ga­be in der An­zei­ge im Er­geb­nis un­be­acht­lich sei, weil die Agen­tur für Ar­beit in ih­rer sach­li­chen Prü­fung nicht be­ein­flusst wur­de.

Ei­ne sol­che Rechts­fol­ge kommt nur in Be­tracht, so das Ge­richt, wenn die Zah­len so (grob) falsch sind, dass bei rich­ti­ger Zah­len­an­ga­be ei­ne Mas­sen­ent­las­sungs­an­zei­ge gar nicht er­for­der­lich ge­we­sen oder aber um­ge­kehrt die Agen­tur von ih­rer Ar­beit ab­ge­hal­ten wor­den wä­re, so das Ge­richt. Da aber auch bei An­ga­be ei­ner über­höh­ten Zahl von zu ent­las­sen­den Mit­ar­bei­tern die von § 17 Abs. 3 S. 4 KSchG vor­ge­se­he­ne vor­aus­schau­en­de Ar­beits­ver­mitt­lung um­zu­set­zen ist, müs­sen auch in die­sem Fall die nö­ti­gen Ak­ti­vi­tä­ten ent­wi­ckelt wer­den.

Die vom Lan­des­ar­beits­ge­richt Ba­den-Würt­tem­berg ent­schie­de­ne Fra­ge hat grund­sätz­li­che Be­deu­tung, wes­halb es die Re­vi­si­on zu­ließ. In dem hier be­spro­che­nen Fall ist die­se un­ter dem Ak­ten­zei­chen 2 AZR 621/10 und in ei­nem von ei­ner an­de­ren LAG-Kam­mer ent­schie­de­nen Par­al­lel­ver­fah­ren (LAG Ba­den-Würt­tem­berg, Ur­teil vom 16.09.2010, 9 Sa 33/10) un­ter dem Ak­ten­zei­chen 2 AZR 699/10 an­hän­gig.

Fa­zit: Die Auf­fas­sung des LAG Ba­den-Würt­tem­berg ist zwar für be­trof­fe­ne Ar­beit­neh­mer al­les an­de­re als po­si­tiv, kann aber mit Sinn und Zweck der Mas­sen­ent­las­sungs­an­zei­ge ein gut ver­tret­ba­res Ar­gu­ment vor­wei­sen. Da auch das BAG sich in der Ver­gan­gen­heit ähn­lich ge­äu­ßert hat, spricht viel da­für, dass es sei­ne Recht­spre­chung auch für die Zeit nach der Ent­schei­dung des EuGH be­stä­ti­gen wird.

Ar­beit­neh­mer soll­ten sich da­von al­ler­dings nicht ein­schüch­tern las­sen, da ei­ne be­triebs­be­ding­te Kün­di­gung be­kannt­lich nicht nur we­gen (an­de­rer) feh­ler­haf­ter An­ga­ben in der Mas­sen­ent­las­sungs­an­zei­ge, son­dern noch aus vie­len an­de­ren Grün­den un­wirk­sam sein kann.

Nä­he­re In­for­ma­tio­nen fin­den sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 2. Oktober 2016

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