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En­ga­ge­ment als Be­triebs­rat ist kei­ne Welt­an­schau­ung

Der Be­griff der Welt­an­schau­ung ist um­fas­send zu ver­ste­hen und kann nicht auf ei­nen Teil­as­pekt wie das Ar­beits­recht oder die Be­triebs­rat­s­tä­tig­keit ver­engt wer­den: Ar­beits­ge­richt Wup­per­tal, Ur­teil vom 01.03.2012, 6 Ca 3382/11

11.12.2012. Das All­ge­mei­ne Gleich­be­hand­lungs­ge­setz (AGG) ver­bie­tet Dis­kri­mi­nie­run­gen im Ar­beits­le­ben. Ei­ne Dis­kri­mi­nie­rung im Sin­ne des AGG liegt al­ler­dings nur bei sach­lich nicht ge­recht­fer­tig­ten Be­nach­tei­li­gun­gen vor, und auch das nur, wenn die Be­nach­tei­li­gung auf be­stimm­ten, im Ge­setz ge­nann­ten per­sön­li­chen Merk­ma­len des Be­trof­fe­nen be­ruht wie z.B. auf sei­nem Al­ter, sei­nem Ge­schlecht oder auf sei­ner Welt­an­schau­ung (§ 1 AGG).

Was man un­ter ei­ner Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Ge­schlechts zu ver­ste­hen hat und wann ei­ne al­ters­be­ding­te Dis­kri­mi­nie­rung vor­liegt und wann nicht, da­zu gibt es mitt­ler­wei­le vie­le Ge­richts­ent­schei­dun­gen.

Da­ge­gen ha­ben Ur­tei­le, die sich mit ei­ner mög­li­chen Dis­kri­mi­nie­rung we­gen ei­ner Welt­an­schau­ung be­fas­sen, Sel­ten­heits­wert. Ein sol­ches Ur­teil hat das Ar­beits­ge­richt Wup­per­tal im März 2012 ge­fällt. Da­bei ging es um die un­ge­wöhn­li­che Fra­ge, ob die en­ga­gier­te Ar­beit als Be­triebs­rat ei­ne "Welt­an­schau­ung" ist oder nicht: Ar­beits­ge­richt Wup­per­tal, Ur­teil vom 01.03.2012, 6 Ca 3382/11.

Was ist eine „Weltanschauung“ im Sinne des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes?

Die meis­ten Kom­men­ta­re und Ur­tei­le ver­ste­hen un­ter ei­ner "Welt­an­schau­ung" so et­was wie das welt­li­che Ge­genstück zu ei­ner Re­li­gi­on. Ei­ne Welt­an­schau­ung ist dem­zu­fol­ge mehr als ei­ne Mei­nung:

Welt­schau­un­gen sind Ge­dan­ken­sys­te­me, die sich mit der Stel­lung des Men­schen in der Welt be­fas­sen und ei­ne ge­wis­se ge­dank­li­che Ge­schlos­sen­heit auf­wei­sen. Da­her ge­ben Welt­an­schau­un­gen Ant­wor­ten auf prak­tisch al­le Fra­gen des ge­sell­schaft­li­chen Zu­sam­men­le­bens und persönli­cher Ge­wis­sens­ent­schei­dun­gen.

Ein Bei­spiel für ei­ne sol­che Welt­an­schau­ung ist der Mar­xis­mus-Le­ni­nis­mus, da es sich hier­bei um ei­ne ge­samt­ge­sell­schaft­li­che Theo­rie han­delt (wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 09/225 Kei­ne Dis­kri­mi­nie­rung we­gen der Welt­an­schau­ung).

Ei­ni­ge Au­to­ren schla­gen da­ge­gen vor, den Be­griff der Welt­an­schau­ung we­gen sei­nes eu­ro­pa­recht­li­chen Hin­ter­grun­des wei­ter zu ver­ste­hen. Dem­zu­fol­ge sol­len dar­un­ter al­le mögli­chen fes­ten Über­zeu­gun­gen fal­len, auch dann, wenn sie nicht zu ei­nem um­fas­sen­den ge­dank­li­chen Ge­samt­sys­tem aus­ge­ar­bei­tet sind.

Sch­ließt man sich ei­ner sol­chen Be­trach­tungs­wei­se an, kann man die An­sicht ver­tre­ten, dass be­reits das En­ga­ge­ment für ei­nen ge­rech­ten Aus­gleich zwi­schen Ar­beit­neh­mern und Ar­beit­ge­bern ei­ne "Welt­an­schau­ung" im Sin­ne des AGG ist. Dann müss­ten Ar­beit­ge­ber auf­pas­sen, wenn sich sich mit en­ga­gier­ten Be­triebsräte an­le­gen, weil sie sich da­mit dem Vor­wurf aus­set­zen könn­ten, Ar­beit­neh­mer­ver­tre­ter we­gen ih­rer Welt­an­schau­ung zu dis­kri­mi­nie­ren. Hier hat das Ar­beits­ge­richt Wup­per­tal aber nicht mit­ge­macht.

Der Streitfall: Betriebsratsvorsitzende legt sich mit dem Arbeitgeber und ihren Betriebsratskollegen an - und wird wegen Arbeitszeitbetrugs gefeuert

Ei­ne kaufmänni­sche An­ge­stell­te war seit 2008 Vor­sit­zen­de des Be­triebs­ra­tes und von der Ar­beit frei­ge­stellt. Im Jah­re 2010 kam es zu mas­si­ven Kon­flik­ten zwi­schen al­len Be­tei­lig­ten. Von Sei­ten des Ar­beit­ge­bers ha­gel­te es Ab­mah­nun­gen und frist­lo­se Kündi­gun­gen. Und auch meh­re­re Be­triebs­rats­mit­glie­der er­stat­te­ten Straf­an­zei­ge ge­gen ih­re Vor­sit­zen­de. Die­se er­litt im Ok­to­ber 2012 ei­nen Ner­ven­zu­sam­men­bruch.

Ein Jahr später ver­klag­te sie ih­ren Ar­beit­ge­ber auf ei­ne statt­li­che Gel­dentschädi­gung, im­mer­hin knapp 450.000 Eu­ro. Sie sei we­gen ih­rer Welt­an­schau­ung dis­kri­mi­niert wor­den. Ih­re Welt­an­schau­ung be­ste­he dar­in, dass sie sich ei­ne gleich­be­rech­tig­te Ver­tre­tung der Ar­beit­neh­mer und für ei­nen ge­rech­ten so­zia­len Aus­gleich zwi­schen den In­ter­es­sen Ar­beit­ge­ber und Ar­beit­neh­mer ein­set­ze.

Arbeitsgericht Wuppertal: Der Begriff der Weltanschauung ist umfassend zu verstehen und kann nicht auf einen Teilaspekt wie das Arbeitsrecht oder die Betriebsratstätigkeit verengt werden

Das Ar­beits­ge­richt wies die Kla­ge ab, weil es den Be­griff der Welt­an­schau­ung im Sin­ne der vor­herr­schen­den An­sicht, d.h. im Sin­ne ei­nes um­fas­sen­den Ge­dan­ken­gebäudes ver­steht. Der Be­griff der Welt­an­schau­ung kann nicht auf ei­nen Teil­as­pekt von Mei­nun­gen be­schränkt wer­den wie z.B. auf das Ar­beits­recht oder die Ar­beit als Be­triebs­rat. Sol­che Über­zeu­gun­gen sind noch kei­ne Welt­an­schau­ung, so das Ge­richt.

Fa­zit: Das Ar­beits­ge­richt Wup­per­tal ori­en­tiert sich am herkömmli­chen Verständ­nis des Be­griffs der „Welt­an­schau­ung“ und ver­liert kein Wort darüber, ob nicht aus eu­ro­pa­recht­li­chen Gründen ein wei­te­res Verständ­nis not­wen­dig ist. Mögli­cher­wei­se wird sich das nun mit dem Fall be­fass­te Lan­des­ar­beits­ge­richt Düssel­dorf (Ak­ten­zei­chen 13 Sa 676/12) mit die­sen Fra­gen gründ­li­cher aus­ein­an­der­set­zen.

Ei­nes ist je­doch jetzt schon klar: Ei­ne hal­be Mil­li­on Eu­ro Entschädi­gung ist für deut­sche Verhält­nis­se ei­ne völlig uto­pi­sche Sum­me. Selbst wenn tatsächlich ei­ne Dis­kri­mi­nie­rung vor­lie­gen soll­te, würde die Kläge­rin mit ei­ner sol­chen For­de­rung kei­nen Er­folg ha­ben.

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Letzte Überarbeitung: 30. September 2016

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