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Be­triebs­ren­te ge­mäß Ar­beits­ver­trag oder Be­triebs­ver­ein­ba­rung

Aus­schluss von Be­triebs­ren­ten­an­sprü­chen ge­mäß Be­triebs­ver­ein­ba­rung auf­grund ar­beits­ver­trag­li­cher An­sprü­che nur bei Gleich­wer­tig­keit: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 19.07.2016, 3 AZR 134/15

20.07.2016. Kön­nen Be­triebs­ver­ein­ba­run­gen, aus de­nen sich An­sprü­che auf ei­ne Be­triebs­ren­te er­ge­ben, Ar­beit­neh­mer mit ar­beits­ver­trag­li­chen Be­triebs­ren­ten­an­sprü­chen ge­ne­rell aus ih­rem An­wen­dungs­be­reich aus­klam­mern?

Ei­ne sol­che Aus­nah­me­re­ge­lung wä­re je­den­falls dann nicht in Ord­nung, wenn die ar­beits­ver­trag­li­chen Ren­ten­an­sprü­che deut­lich hin­ter den An­sprü­chen zu­rück­blei­ben, die sich aus der Be­triebs­ver­ein­ba­rung er­ge­ben.

Hier müs­sen Ar­beit­ge­ber und Be­triebs­rat den ar­beits­recht­li­chen Gleich­be­hand­lungs­grund­satz be­ach­ten: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 19.07.2016, 3 AZR 134/15.

Können Arbeitnehmer auf arbeitsvertragliche Betriebsrentenansprüche verwiesen und mit dieser Begründung von einer Pensions-Betriebsvereinbarung ausgenommen werden?

Im Be­triebs­ren­ten­recht wird im­mer wie­der dar­um ge­strit­ten, ob bzw. un­ter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen Ar­beit­neh­mer von An­wart­schaf­ten auf ei­ne späte­re Be­triebs­ren­te bzw. (nach Ren­ten­ein­tritt) von Be­triebs­ren­ten­ansprüchen aus­ge­schlos­sen wer­den können.

Auf der ei­nen Sei­te steht hier das In­ter­es­se des Ar­beit­ge­bers an der Kal­ku­lier­bar­keit und Be­gren­zung sei­ner fi­nan­zi­el­len Be­las­tun­gen, auf der an­de­ren Sei­te das In­ter­es­se von Ar­beit­neh­mern, die nicht ver­ste­hen können, dass sie kei­ne oder ei­ne ver­gleichs­wei­se ungüns­tig be­rech­ne­te Be­triebs­ren­te er­hal­ten sol­len.

Da­her er­kennt § 1b Abs.1 Satz 4 des Ge­set­zes zur Ver­bes­se­rung der be­trieb­li­chen Al­ters­ver­sor­gung (Be­trAVG) aus­drück­lich an, dass sich be­trieb­li­che Ver­sor­gungs­zu­sa­gen auch aus dem Gleich­be­hand­lungs­grund­satz er­ge­ben können.

Der Gleich­be­hand­lungs­grund­satz ver­bie­tet es Ar­beit­ge­bern, ein­zel­ne Ar­beit­neh­mer oder Ar­beit­neh­mer­grup­pen aus un­sach­li­chen Gründen von all­ge­mein gewähr­ten Vergüns­ti­gun­gen aus­zu­neh­men, d.h. ver­bie­tet "willkürli­che" Schlech­ter­stel­lun­gen. Wer­den Ar­beit­neh­mer(-grup­pen) aus sach­lich nicht ge­recht­fer­tig­ten Gründen von ei­ner Be­triebs­ren­te aus­ge­schlos­sen, ha­ben sie auf der Grund­la­ge des Gleich­be­hand­lungs­grund­sat­zes die­sel­ben Ren­ten­an­wart­schaf­ten bzw. Ren­ten­ansprüche wie ih­re bes­ser ge­stell­ten Kol­le­gen.

Wo hier die Gren­ze zwi­schen ge­recht­fer­tig­ter und nicht ge­recht­fer­tig­ter Schlech­ter­stel­lung verläuft, hängt von den Un­ter­schei­dungs­merk­ma­len ab. Ei­ni­ge sind "ta­bu" wie z.B. der ge­ne­rel­le Aus­schluss von Teil­zeit­kräften von Be­triebs­ren­ten, an­de­re Merk­ma­le wie das Le­bens­al­ter können zwar im Prin­zip ver­wen­det wer­den, aber nur mit Au­gen­maß.

So ist z.B. ei­ne Höchst­al­ters­gren­ze von 45 Jah­ren für die Teil­nah­me an ei­ner be­trieb­li­chen Al­ters­ver­sor­gung al­ters­dis­kri­mi­nie­rend (BAG, Ur­teil vom 18.03.2014, 3 AZR 69/12, wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 14/097 Be­triebs­ren­te und Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung), während ei­ne Al­ters­gren­ze von 50 Jah­ren (ge­ra­de noch) sach­lich ge­recht­fer­tigt ist (BAG, Ur­teil vom 12.11.2013, 3 AZR 356/12, wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 13/334 Höchst­al­ters­gren­ze für Be­triebs­ren­te).

Frag­lich ist, ob Be­triebs­ver­ein­ba­run­gen, die im Prin­zip al­len Mit­ar­bei­tern An­rech­te auf ei­ne Be­triebs­ren­te ver­schaf­fen, ein­zel­ne Ar­beit­neh­mer von die­ser Vergüns­ti­gung aus­neh­men können, wenn die­se be­reits auf ar­beits­ver­trag­li­cher Grund­la­ge Be­triebs­ren­ten­an­wart­schaf­ten be­sit­zen. Und geht das auch dann, wenn die ar­beits­ver­trag­li­chen Pen­si­ons­be­rech­ti­gun­gen ungüns­ti­ger sind als die Be­rech­ti­gun­gen, die sich aus der Be­triebs­ver­ein­ba­rung er­ge­ben?

Im Streit: Bankangestellter im Vorruhestand fällt aufgrund seines Altvertrags aus dem betrieblichen Pensionssystem heraus

Im Streit­fall ging es um ei­nen 1952 ge­bo­re­nen und seit 1986 beschäftig­ten Fonds­ma­na­ger, dem sein Ar­beit­ge­ber, ei­ne Bank, 1987 per Ar­beits­ver­trag ei­ne be­trieb­li­che Al­ters­ver­sor­gung zu­ge­sagt hat­te. Da­bei ver­pflich­te­te sich die Bank zur Zah­lung von Beiträgen an ei­ne Pen­si­ons­kas­se.

Ein Jahr nach die­ser ar­beits­ver­trag­li­chen Ver­ein­ba­rung trat ei­ne Be­triebs­ver­ein­ba­rung in Kraft, der zu­fol­ge al­le Ar­beit­neh­mer ei­ne be­trieb­li­che Al­ters­ver­sor­gung vom Ar­beit­ge­ber er­hal­ten soll­ten (Di­rekt­zu­sa­ge). Un­ter die­se Be­triebs­ver­ein­ba­rung fiel auch der Fonds­ma­na­ger.

Die Be­triebs­ver­ein­ba­rung wur­de später mehr­fach durch Fol­ge­ver­ein­ba­run­gen ab­gelöst, zu­letzt 2007. Die zu­letzt gülti­ge Be­triebs­ver­ein­ba­rung sah vor, dass Ar­beit­neh­mer mit ein­zel­ver­trag­li­cher Be­triebs­ren­ten­zu­sa­ge ge­ne­rell nicht un­ter die Be­triebs­ver­ein­ba­rung fal­len.

Der Fonds­ma­na­ger, der sich ab 2009 im Vor­ru­he­stand be­fand, klag­te auf die Fest­stel­lung, dass ihm ei­ne Be­triebs­ren­te auf der Grund­la­ge der Be­triebs­ver­ein­ba­rung zu­ste­he. Das Ar­beits­ge­richt Frank­furt am Main wies die Kla­ge ab (Ur­teil vom 19.12.2013, 19 Ca 3380/13), während das Hes­si­sche Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) dem Fonds­ma­na­ger im We­sent­li­chen Recht gab (Hes­si­sches LAG, Ur­teil vom 22.10.2014, 6 Sa 106/14).

Nach An­sicht des LAG war die ein­zel­ver­trag­li­che Pen­si­ons­re­ge­lung für den Kläger als Ar­beit­neh­mer ungüns­ti­ger als die Be­triebs­ver­ein­ba­rung, wes­halb die Be­triebs­ver­ein­ba­rung vor­ging. Das be­sagt das Güns­tig­keits­prin­zip.

BAG: Ausschluss von Betriebsrentenansprüchen aus einer Betriebsvereinbarung aufgrund arbeitsvertraglicher Ansprüche setzt Gleichwertigkeit der Ansprüche voraus

Das BAG hob das Ur­teil des LAG auf und ver­wies den Rechts­streit zur wei­te­ren Aufklärung des Sach­ver­halts zurück an das LAG. Zur Be­gründung heißt es in der der­zeit al­lein vor­lie­gen­den Pres­se­mel­dung des BAG:

Ar­beit­neh­mer, de­nen be­reits ein­zel­ver­trag­lich ei­ne be­trieb­li­che Al­ters­ver­sor­gung zu­ge­sagt wur­de, dürfen nur dann vollständig von ei­nem auf ei­ner Be­triebs­ver­ein­ba­rung be­ru­hen­den kol­lek­ti­ven Ver­sor­gungs­sys­tem des Ar­beit­ge­bers aus­ge­nom­men wer­den, wenn ih­re ar­beits­ver­trag­li­che Pen­si­ons­be­rech­ti­gung "zu­min­dest annähernd gleich­wer­tig" ist. Hier macht das BAG al­ler­dings zwei Ein­schränkun­gen:

Ers­tens kommt es nicht auf die Gleich­wer­tig­keit der Pen­si­ons­be­rech­ti­gun­gen im Ein­zel­fall an, son­dern dar­auf, ob die von der Pen­si­ons-Be­triebs­ver­ein­ba­rung aus­ge­schlos­se­nen Ar­beit­neh­mer "ty­pi­scher­wei­se" gleich­wer­ti­ge ar­beits­ver­trag­li­che Ansprüche ha­ben.

Zwei­tens ha­ben Be­triebs­rat und Ar­beit­ge­ber hier ei­nen Be­ur­tei­lungs­spiel­raum, d.h. sie können und müssen die ar­beits­ver­trag­li­chen Ansprüche der Ar­beit­neh­mer, die von ei­ner Pen­si­ons-Be­triebs­ver­ein­ba­rung aus­ge­schlos­sen wer­den, be­wer­ten und mit den Ansprüchen ver­glei­chen, die sich aus der Be­triebs­ver­ein­ba­rung er­ge­ben.

Fa­zit: Es ist im Prin­zip möglich, Ar­beit­neh­mer mit ein­zel­ver­trag­li­chen Pen­si­ons­ansprüchen per Be­triebs­ver­ein­ba­rung von be­trieb­li­chen Ver­sor­gungs­ord­nun­gen aus­zu­neh­men. Al­ler­dings muss ein sol­cher Aus­schluss da­durch ge­recht­fer­tigt sein, dass die aus­ge­schlos­se­nen Ar­beit­neh­mer im All­ge­mei­nen ("ty­pi­scher­wei­se") annähernd gleich­wer­ti­ge ein­zel­ver­trag­li­che Pen­si­ons­be­rech­ti­gun­gen ha­ben.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Hin­weis: In der Zwi­schen­zeit, d.h. nach Er­stel­lung die­ses Ar­ti­kels, hat das BAG sei­ne Ent­schei­dungs­gründe veröffent­licht. Das vollständig be­gründe­te Ur­teil des BAG fin­den Sie hier:

 

 

Letzte Überarbeitung: 28. November 2016

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