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Be­triebs­über­gang trotz Be­schäf­ti­gungs­ge­sell­schaft

Wer­den Ar­beit­neh­mer nur zum Schein in ei­ner Be­schäf­ti­gungs­ge­sell­schaft "zwi­schen­ge­parkt", liegt ein Be­triebs­über­gang auf den Er­wer­ber vor: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 25.10.2012, 8 AZR 572/11

28.10.2012. Kauft ein In­ves­tor Tei­le ei­nes in­sol­ven­ten Un­ter­neh­mens, möch­te er in der Re­gel nicht die ge­sam­te Be­leg­schaft über­neh­men, und er möch­te auch nicht ein­fach in die be­ste­hen­den Ar­beits­ver­trä­ge ein­stei­gen, da die­se aus sei­ner Sicht zu teu­er sind.

Da­mit ge­rät der In­ves­tor in Kon­flikt mit § 613a Bür­ger­li­ches Ge­setz­buch (BGB), denn die­ser Pa­ra­graph schreibt zwin­gend vor, dass bei ei­nem Be­triebs­über­gang al­le Ar­beits­ver­hält­nis­se au­to­ma­tisch auf den Er­wer­ber über­ge­hen.

Al­so su­chen In­sol­venz­ver­wal­ter und In­ves­tor nach We­gen, § 613a BGB le­gal zu um­ge­hen, und da­bei hilft meist ei­ne Be­schäf­ti­gungs­ge­sell­schaft. Be­en­den die Ar­beit­neh­mer ih­re Ar­beits­ver­hält­nis­se end­gül­tig zu­guns­ten ei­ner sechs- oder zwölf­mo­na­ti­gen "Ar­beit" bei ei­ner Be­schäf­ti­gungs­ge­sell­schaft, kann der In­ves­tor mit den dort be­schäf­tig­ten Ar­beit­neh­mern nach Be­lie­ben neue Ver­trä­ge ma­chen.

Das geht aber schief, wenn die Tä­tig­keit in der Be­schäf­ti­gungs­ge­sell­schaft nur vor­ge­scho­ben ist: BAG, Ur­teil vom 25.10.2012, 8 AZR 572/11.

Wem nützen Beschäftigungsgesellschaften und was ist bei ihrem Einsatz rechtlich zu beachten?

Wird ein größeres Un­ter­neh­men in­sol­vent, ist ei­ne Beschäfti­gungs­ge­sell­schaft ein sinn­vol­les Auf­fang­an­ge­bot für die­je­ni­gen (meist älte­ren) Ar­beit­neh­mer, die nicht so­fort ei­ne An­schluss­beschäfti­gung fin­den. Sie ha­ben auf­grund der vorüber­ge­hen­den Tätig­keit in der Beschäfti­gungs­ge­sell­schaft Zeit, sich zu be­wer­ben, und manch­mal gibt es nütz­li­che Qua­li­fi­zie­rungs­an­ge­bo­te.

Aus die­sem Grund ste­hen auch en­ga­gier­te Be­triebsräte und Ge­werk­schaf­ten hin­ter ei­ner Beschäfti­gungs­ge­sell­schaft.

Auch der In­sol­venz­ver­wal­ter hat ein In­ter­es­se an ei­ner Beschäfti­gungs­ge­sell­schaft, weil sie ver­hin­dert, dass die Be­leg­schaft so­fort ar­beits­los wird. Und je mehr Ar­beits­verhält­nis­se ge­ret­tet wer­den können, des­to bes­ser der Job, den der Ver­wal­ter ge­macht hat.

Ein ganz spe­zi­el­les In­ter­es­se an ei­ner Beschäfti­gungs­ge­sell­schaft hat schließlich der Kauf­in­ter­es­sent, d.h. der In­ves­tor, der den Be­trieb oder pro­fi­ta­ble Tei­le des Be­triebs (die "As­sets") kau­fen möch­te. Denn wer­den die Ar­beit­neh­mer in ei­nem ers­ten Schritt in ei­ne Beschäfti­gungs­ge­sell­schaft überführt, en­den ih­re Ar­beits­verhält­nis­se mit dem in­sol­ven­ten Un­ter­neh­men, und zwar endgültig. Dann kann sich der In­ves­tor aus den Ar­beit­neh­mern "der Beschäfti­gungs­ge­sell­schaft" die­je­ni­gen her­aus­pi­cken, mit de­nen er wei­ter­ma­chen möch­te, und er kann auch neue Verträge ma­chen. 

§ 613a BGB gilt dann nicht, denn so et­was wie ei­nen "Be­trieb der Beschäfti­gungs­ge­sell­schaft" über­nimmt der In­ves­tor ja nicht, und auch der Be­trieb des in­sol­ven­ten ursprüng­li­chen Ar­beit­ge­bers wird nicht über­nom­men, wenn des­sen Ar­beit­neh­mer "endgültig" aus dem ursprüng­li­chen Ar­beits­verhält­nis aus­ge­schie­den sind. Das setzt nach der Recht­spre­chung des BAG vor­aus, dass sie beim Wech­sel in die Beschäfti­gungs­ge­sell­schaft kei­ne si­che­re Aus­sicht auf ei­ne künf­ti­ge Beschäfti­gung beim In­ves­tor hat­ten.

Ge­nau die­se Aus­sicht auf ei­ne "über­tra­gen­de Sa­nie­rung" und ei­ne "Kon­ti­nu­tität der Beschäfti­gung" möch­ten aber wie­der­um Ge­werk­schaft, Be­triebs­rat und ein biss­chen auch der In­sol­venz­ver­wal­ter den Ar­beit­neh­mern ver­mit­teln, um sie zu be­ru­hi­gen und um zu ver­hin­dern, dass die jünge­ren und gut aus­ge­bil­de­ten Ar­beit­neh­mer ab­wan­dern. Dann gerät aber die Um­ge­hung von § 613a BGB in Ge­fahr.

Der Streitfall: Beschäftigungsgesellschaft soll nur eine kleine Minderheit der Arbeitnehmer dauerhaft aufnehmen, die übrigen sollen nur für eine halbe Stunde (!) Arbeitnehmer der Beschäftigungsgesellschaft sein

Im Streit­fall war ein Un­ter­neh­men mit et­wa 1.600 Ar­beit­neh­mer 2007 in­sol­vent ge­wor­den.

Der In­sol­venz­ver­wal­ter führ­te das Un­ter­neh­men zunächst fort und ver­such­te es zu ver­kau­fen. Er hat­te auch bald ei­nen ernst­haf­ten In­ter­es­sen­ten ge­fun­den, der im März 2008 ei­nen Ta­rif­ver­trag mit der IG Me­tall ver­ein­bar­te, in dem er sich ver­pflich­te­te, über 1.100 Ar­beit­neh­mer un­be­fris­tet und 400 be­fris­tet wei­ter zu beschäfti­gen.

Im nächs­ten Schritt kauf­te der In­ves­tor dem Ver­wal­ter die sach­li­chen Be­triebs­mit­tel ab. Kurz dar­auf, im April 2008, ver­ein­bar­te der In­sol­venz­ver­wal­ter ei­nen In­ter­es­sen­aus­gleich und So­zi­al­plan zu ei­ner „über­tra­gen­den Sa­nie­rung“. Dar­in wird u.a. fest­ge­hal­ten, dass die Beschäfti­gungs­ge­sell­schaft nur Geld für ma­xi­mal 50 Ar­beit­neh­mer hat.

Auf ei­ner Be­triebs­ver­samm­lung An­fang Mai 2008 er­hiel­ten die Ar­beit­neh­mern fünf Ver­trags­for­mu­la­re mit der Bit­te, die­se zu un­ter­schrei­ben. Ei­nes der For­mu­la­re war ein Ver­trag zwi­schen Ver­wal­ter, Ar­beit­neh­mer und Beschäfti­gungs­ge­sell­schaft, dem zu­fol­ge das al­te Ar­beits­verhält­nis am 31.05.2008 en­den und am 01.06.2008 ein neu­es mit der Beschäfti­gungs­ge­sell­schaft be­gin­nen soll­te.

Die vier wei­te­ren Ver­trags­for­mua­re sa­hen zeit­lich be­fris­te­te Ar­beits­verträge mit dem In­ves­tor vor, und zwar mit ver­schie­den lan­ger Lauf­zeit. Be­ginn die­ser Ar­beits­verträge war eben­falls der 01.06.2008.

Lus­ti­ger­wei­se soll­ten die Ar­beits­verhält­nis­se mit dem In­ves­tor aber nicht am 01. Ju­ni um 00:00 Uhr be­gin­nen, son­dern erst ei­ne hal­be St­un­de später, d.h. um 00:30 Uhr, so dass die Ar­beit­neh­mer im Er­geb­nis ei­ne hal­be St­un­de "bei der Beschäfti­gungs­ge­sell­schaft tätig" wa­ren.

Ei­ner der be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer be­kam ei­nen auf 20 Mo­na­te be­fris­te­ten Ar­beits­ver­trag und klag­te vor Ab­lauf auf Ent­fris­tung. Da­mit hat­te er vor dem Ar­beits­ge­richt Sieg­burg kei­nen Er­folg, wohl aber in der Be­ru­fung vor dem Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Köln (LAG Köln, Ur­teil vom 25.02.2011, 3 Sa 673/10).

Denn das LAG mein­te, der Zeit­ver­trag hätte nicht auf der Grund­la­ge ei­ner sach­grund­lo­sen Be­fris­tung we­gen Neu­ein­stel­lung ab­ge­schlos­sen wer­den dürfen, da hier kei­ne Neu­ein­stel­lung vor­lag. Viel­mehr hat­te der In­ves­tor den kla­gen­den Ar­beit­neh­mer au­to­ma­tisch und mit dem al­ten Ar­beits­ver­trag über­nom­men, nämlich we­gen ei­nes Be­triebsüber­gangs. Das halbstünde Zwi­schen­spiel bei der Beschäfti­gungs­ge­sell­schaft be­wer­te­te das LAG als Ver­such der Um­ge­hung von § 613a BGB.

BAG: Eine halbstündige "Beschäftigung" bei einer Transfergesellschaft auf dem Weg vom insolventen Arbeitgeber hin zum Investor verhindert keinen Betriebsübergang

Auch vor dem BAG be­kam der Ar­beit­neh­mer recht. So­weit man das der der­zeit al­lein vor­lie­gen­den Pres­se­mel­dung des BAG ent­neh­men kann, stütz­te das BAG sein Ur­teil auf fol­gen­de Über­le­gun­gen:

Der Be­triebs­er­wer­ber kann sich auf die Un­ter­bre­chung des Ar­beits­verhält­nis­ses durch den mit der Beschäfti­gungs­ge­sell­schaft ge­schlos­se­nen Ar­beits­ver­trag, der nur ei­ne hal­be St­un­de be­stand, nicht be­ru­fen.

Nach den Umständen, un­ter de­nen der Ver­trag mit der Beschäfti­gungs­ge­sell­schaft zu­stan­de kam, muss­te al­len Be­tei­lig­ten klar sein, dass er dem Zweck dien­te, "die Kon­ti­nuität des Ar­beits­verhält­nis­ses zu un­ter­bre­chen und die Rechts­fol­gen des § 613a BGB zu um­ge­hen".

Dass der Ar­beit­neh­mer nicht dau­er­haft aus dem Be­trieb aus­schei­den soll­te, er­gab sich für ihn zum ei­nen aus dem vom Ver­wal­ter mit der IG Me­tall ver­ein­bar­ten Ta­rif­ver­trag und dem späte­ren In­ter­es­sen­aus­gleich und So­zi­al­plan, so das BAG. Zum an­de­ren war die Wei­ter­beschäfti­gung beim Er­wer­ber aber auch des­halb für den Ar­beit­neh­mer prak­tisch si­cher, weil er zeit­gleich ei­nen Ar­beits­ver­trag mit der Beschäfti­gungs­ge­sell­schaft und vier An­ge­bo­te für ein neu­es Ar­beits­verhält­nis mit dem Er­wer­ber ab­zu­ge­ben hat­te.

Fa­zit: Der Ar­beit­neh­mer­schutz bei Be­triebsübergängen auf der Grund­la­ge von § 613a BGB gilt zwar auch beim Be­triebs­er­werb aus der In­sol­venz­mas­se, doch las­sen die Ar­beits­ge­rich­te ei­ne "Ver­mei­dung" die­ser Vor­schrift zu, wenn die Ar­beit­neh­mer ei­ne ge­wis­se Wei­le von ei­ner Beschäfti­gungs­ge­sell­schaft beschäftigt wer­den.

Der Über­gang in die Beschäfti­gungs­ge­sell­schaft muss al­ler­dings mit ei­ner "ernst­haf­ten" Auf­ga­be des al­ten Ar­beits­verhält­nis­ses ver­bun­den sein, d.h. die Ar­beit­neh­mer dürfen nicht schon bei Über­lei­tung in die Beschäfti­gungs­ge­sell­schaft ei­ne si­che­re Aus­sicht auf Wei­ter­beschäfti­gung beim Er­wer­ber ha­ben. Ei­ne sol­che si­che­re Aus­sicht kann sich aus vie­len Umständen er­ge­ben, z.B. auch aus vor­be­rei­tend ab­ge­schlos­se­nen Ta­rif­verträgen zur Beschäfti­gungs­si­che­rung.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Hin­weis: In der Zwi­schen­zeit, d.h. nach Er­stel­lung die­ses Ar­ti­kels, hat das BAG sei­ne Ent­schei­dungs­gründe veröffent­licht. Das vollständig be­gründe­te Ur­teil des BAG fin­den Sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 22. Juli 2016

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