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Ta­rif­ver­trag und Be­triebs­über­gang

Kein An­spruch aus Haus­ta­rif­ver­trag ge­gen den Be­triebs­er­wer­ber, wenn der Ta­rif­ver­trag erst nach Be­triebs­über­gang in Kraft tritt: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­tei­le vom 16.05.2012, 4 AZR 320/10 und 321/10

17.05.2012. Wird ein Be­trieb ver­äu­ßert, wird der Be­triebs­er­wer­ber Ar­beit­ge­ber al­ler im Be­trieb be­schäf­tig­ten Ar­beit­neh­mer, mit al­len Rech­ten und Pflich­ten. Al­ler­dings tritt der Er­wer­ber nicht als Ta­rif­par­tei in ei­nen be­ste­hen­den Haus­ta­rif­ver­trag ein. Da­her wer­den des­sen Re­ge­lun­gen ge­mäß § 613a Abs.1 Satz 2 Bür­ger­li­ches Ge­setz­buch (BGB) "nur" Be­stand­teil der Ar­beits­ver­trä­ge der Ar­beit­neh­mer des Be­triebs wer­den und kön­nen da­her nach Ab­lauf ei­nes Jah­res ge­än­dert wer­den, so das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) mit Be­schluss vom 10.06.2009, 4 ABR 21/08 (wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 09/222 Haus­ta­rif­ver­trag nach Be­triebs­über­gang).

Aber auch dann, wenn ein be­ste­hen­der Fir­men­ta­rif­ver­trag nur zum Be­stand­teil des Ar­beits­ver­trags wird, kön­nen sei­ne Re­ge­lun­gen für ei­nen Be­triebs­er­wer­ber teu­er wer­den. Manch­mal tritt ei­ne sol­che Be­las­tung erst län­ge­re Zeit nach dem Be­triebs­über­gang zu­ta­ge, wenn näm­lich die im Haus­ta­rif­ver­trag des Be­triebs­ver­äu­ße­rers ent­hal­te­nen An­sprü­che erst ei­ni­ge Zeit nach dem Be­triebs­über­gang in Kraft tre­ten.

In ei­nem Ur­teil vom gest­ri­gen Mitt­woch hat­te das BAG zu ent­schei­den, ob der Be­triebs­er­wer­ber un­ter sol­chen Um­stän­den den Haus­ta­rif­ver­trag sei­nes Vor­gän­gers er­fül­len muss oder nicht: BAG, Ur­teil vom 16.05.2012, 4 AZR 320/10, BAG, Ur­teil vom 16.05.2012, 4 AZR 321/10.

Vor einem Betriebsübergang vereinbarter Haustarifvertrag tritt erst danach in Kraft - mit Bindungswirkung zulasten des Erwerbers?

Die wich­tigs­ten Re­ge­lun­gen, die in Ta­rif­verträgen ent­hal­ten sind, be­tref­fen Gehälter und Ar­beit­zei­ten. Sol­che Re­ge­lun­gen sind wich­tig für Ar­beit­neh­mer und teu­er für Ar­beit­ge­ber. Da­her tre­ten ta­rif­ver­trag­li­che Loh­nerhöhun­gen oft nicht be­reits zum Zeit­punkt des Ta­rif­ab­schlus­ses in Kraft, son­dern stu­fen­wei­se ver­teilt über die nächs­ten Mo­na­te oder Jah­re.

Ein sol­cher Stu­fen­ta­rif­ver­trag ist be­reits mit sei­nem Ab­schluss in Kraft, d.h. er gilt als Ta­rif­ver­trag be­reits vor Er­rei­chen der späte­ren Stu­fen ei­ner ta­rif­li­chen Loh­nerhöhung. Wer ei­nen Be­trieb er­wirbt, des­sen bis­he­ri­ger Ar­beit­ge­ber ei­nen sol­chen ge­stuf­ten Haus­ta­rif­ver­trag ver­ein­bart hat, hat da­mit auch künf­ti­ge Loh­nerhöhun­gen mit­ge­kauft, die sich aus ei­nem sol­chen Ta­rif­ver­trag er­ge­ben.

Aber gilt das auch dann, wenn ein "nor­ma­ler" Ta­rif­ver­trag zwar vor ei­nem Be­triebsüber­gang schon fest ver­ein­bart ist, aber erst ei­ni­ge Jah­re später und da­mit nach dem Be­triebsüber­gang in Kraft tre­ten soll? Hier sind zwei Mei­nun­gen denk­bar:

Ei­ner­seits könn­te man sa­gen, dass hier kein wirk­li­cher Un­ter­schied zum Stu­fen­ta­rif­ver­trag be­steht. Dann würde der erst künf­tig in Kraft tre­ten­de Ta­rif­ver­trag be­reits beim Be­triebsüber­gang zu den "Rech­ten" der be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer gehören, d.h. sie hätten ei­ne Art An­wart­schaft auf die Leis­tun­gen aus dem später in Kraft tre­ten­den Ta­rif­ver­trag.

An­de­rer­seits könn­te man aber auch ar­gu­men­tie­ren, dass ein erst künf­tig in Kraft tre­ten­der Ta­rif­ver­trag nicht zu den ar­beits­ver­trag­li­chen Rech­ten gehört, die den vom Be­triebsüber­gang be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mern zu­ste­hen, weil der Be­triebs­er­wer­ber an ei­nen sol­chen Ta­rif nie ge­bun­den war: Als Ta­rif­par­tei nicht, denn den Ta­rif hat sein Vorgänger ab­ge­schlos­sen, und auch nicht als Be­triebs­er­wer­ber, weil der Ta­rif­ver­trag bei Über­gang des Be­triebs noch nicht in Gel­tung war.

BAG: Kein Anspruch aus Haustarifvertrag gegen den Betriebserwerber, wenn der Tarifvertrag erst nach Betriebsübergang in Kraft tritt

In dem vom BAG ent­schie­de­nen Fall ging es um fi­nan­zi­el­le Leis­tung aus ei­nem Haus­ta­rif­ver­trag über ei­ne Zu­satz­zah­lung (TV Zu­satz­zah­lung). Der TV Zu­satz­zah­lung wur­de En­de 2004 zu­sam­men mit ei­nem so­fort in Kraft ge­tre­te­nen Sa­nie­rungs­ta­rif­ver­trag ver­ein­bart. Um die Bi­lanz des Ar­beit­ge­bers zu ent­las­ten, soll­te der TV Zu­satz­zah­lung erst drei Jah­re später, nämlich An­fang 2008 in Kraft tre­ten. In der Zwi­schen­zeit, zum 01.01.2006, wur­de der Be­trieb - ein Call­cen­ter - per Be­triebsüber­gang auf ei­nen neu­en Ar­beit­ge­ber über­tra­gen. Die­ser wei­ger­te sich, die Leis­tun­gen gemäß dem 2008 in Kraft ge­tre­te­ten TV Zu­satz­zah­lung an die Ar­beit­neh­mer zu zah­len.

Die Zah­lungs­kla­gen hat­ten vor dem Ar­beits­ge­richt Des­sau-Roßlau (Ur­tei­le vom 13.05.2009, 1 Ca 73/09 und 1 Ca 72/09) und in der Be­ru­fung vor dem Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Sach­sen-An­halt zunächst Er­folg (LAG Sach­sen-An­halt, Ur­teil vom 10.03.2010, 4 Sa 215/09 und Ur­teil vom 10.03.2010, 4 Sa 218/09). Beim BAG kam dann al­ler­dings die kal­te Du­sche für die Kläge­rin­nen: Das BAG hob die Vorgänger-Ent­schei­dun­gen auf. Zur Be­gründung heißt es in der der­zeit al­lein vor­lie­gen­den Pres­se­mel­dung des BAG:

Tritt ein Ta­rif­ver­trag erst nach sei­nem Ab­schluss in Kraft, be­ginnt die Ta­rif­gel­tung erst mit dem In­kraft­tre­ten, so das BAG. Vor­her gehört ein sol­cher Ta­rif­ver­trag nicht zu den ar­beits­ver­trag­li­chen Rech­ten und Pflich­ten, die gemäß § 613a Abs.1 BGB auf den Be­triebs­er­wer­ber über­ge­hen. Und auch dann, wenn in den Ar­beits­verträgen auf ei­nen sol­chen Ta­rif­ver­trag Be­zug ge­nom­men wird, ist der Er­wer­ber laut BAG nicht an ihn ge­bun­den, denn ei­ne ar­beits­ver­trag­li­che Be­zug­nah­me auf die „je­weils gülti­gen Ta­rif­verträge“ er­fasst nicht Haus­ta­rif­verträge ei­nes an­de­ren Un­ter­neh­mens.

Fa­zit: Ar­beit­neh­mer, de­ren Ar­beits­verhält­nis­se auf­grund ei­nes Be­triebsüber­gangs auf ei­nen neu­en Ar­beit­neh­mer über­ge­hen, können ge­gen den Er­wer­ber kei­ne Rech­te aus ei­nem Haus­ta­rif­ver­trag her­lei­ten, der zwar be­reits vor dem Be­triebsüber­gang ab­ge­schlos­sen war, aber erst da­nach in Kraft tritt. Mit die­ser Ent­schei­dung, die for­mal­ju­ris­tisch nach­voll­zieh­bar ist, be­tont das BAG den Un­ter­schied zwi­schen ei­nem be­reits wirk­sa­men Ta­rif­ver­trag, des­sen Stu­fen noch nicht al­le­samt in Gel­tung sind, und ei­nem Ta­rif­ver­trag, der als Gan­zes erst zu ei­nem späte­ren Zeit­punkt in Kraft tre­ten soll. 

Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Hin­weis: In der Zwi­schen­zeit, d.h. nach Er­stel­lung die­ses Ar­ti­kels, hat das BAG die Ent­schei­dungs­gründe für die be­spro­che­nen bei­den Ur­tei­le veröffent­licht. Die vollständig be­gründe­ten Ur­tei­le fin­den Sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 1. Juli 2014

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