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Grün-Rot be­schließt Bil­dungs­zeit ge­gen Wi­der­stand der Wirt­schaft

Sinn­vol­le Wei­ter­bil­dung oder "Tauch­kurs auf Mal­lor­ca"? Grün-Rot hat mit dem "Bil­dungs­ur­laub" ein zen­tra­les Ver­spre­chen aus dem Ko­ali­ti­ons­ver­trag um­ge­setzt. Die Wirt­schaft tobt

12.03.2015. (dpa) - Ar­beit­neh­mer in Ba­den-Würt­tem­berg kön­nen sich ab 1. Ju­li an fünf be­zahl­ten Ta­gen im Jahr wei­ter­bil­den.

Der Land­tag be­schloss am Mitt­woch mit den Stim­men der grün-ro­ten Ko­ali­ti­on die Bil­dungs­zeit für Be­schäf­tig­te.

Da­mit hat die Re­gie­rung - ge­gen den mas­si­ven Wi­der­stand der Wirt­schaft - als ei­nes der letz­ten Bun­des­län­der den in­di­vi­du­el­len An­spruch auf be­ruf­li­che, po­li­ti­sche oder eh­ren­amt­li­che Qua­li­fi­zie­rung ein­ge­führt.

Die CDU-Op­po­si­ti­on sprach von ei­nem auf Dis­kus­sio­nen in der 70er Jah­ren fu­ßen­dem "Wil­ly-Brandt-Ge­dächt­nis­ge­setz", die FDP wet­ter­te über den "Bü­ro­kra­tie­mo­loch". Auch der Städ­te­tag mel­de­te Kri­tik an, weil die Kom­mu­nen als Ar­beit­ge­ber er­neut oh­ne fi­nan­zi­el­len Aus­gleich durch das Land er­heb­lich be­las­tet wür­den.

Da­ge­gen be­ton­te Wirt­schafts­mi­nis­ter Nils Schmid (SPD), mit dem Be­schluss be­gin­ne ei­ne "neue Ära für die Wei­ter­bil­dung" im Süd­wes­ten. "Da­mit sor­gen wir da­für, dass die Men­schen dem Ziel des le­bens­lan­gen Ler­nens nach­kom­men kön­nen. Und wir tra­gen da­zu bei, dass un­ser Stand­ort stark und at­trak­tiv bleibt." Brei­te Zu­stim­mung kam von den Ge­werk­schaf­ten.

Die Wirt­schaft war ge­gen den Zwang zur Wei­ter­bil­dungs-Frei­stel­lung Sturm ge­lau­fen und hat­te in letz­ter Mi­nu­te die Ab­ge­ord­ne­ten auf­ge­ru­fen, das Ge­setz zu stop­pen. Schmid re­agier­te mit der Be­reit­schaft, "im Zwei­fel un­ter­ge­setz­lich nach­zu­jus­tie­ren". Er ver­sprach, sein Res­sort wer­de rasch ent­spre­chen­de Ge­sprä­che füh­ren. Er ha­be aber grund­sätz­lich auf die Ba­lan­ce zwi­schen Ar­beit­ge­ber- und Ar­beit­neh­mer­inter­es­sen ge­ach­tet.

Die Ar­beit­ge­ber füh­len sich nach ei­ge­nen An­ga­ben hin­ter­gan­gen, weil zu­ge­sag­te An­rech­nun­gen von be­trieb­li­cher Wei­ter­bil­dung nach dem Ge­setz nun doch nicht im­mer mög­lich sei­en. Ar­beit­ge­ber­prä­si­dent Rai­ner Dul­ger be­zich­tig­te Grün-Rot ei­nes Wort­bruchs und gei­ßel­te die "Ta­schen­spie­ler­tricks" der Lan­des­re­gie­rung.

Aus Sicht der CDU im Land­tag schmä­lert die Bil­dungs­zeit die glo­ba­le Kon­kur­renz­fä­hig­keit der Wirt­schaft im Süd­wes­ten. Schöpf­ten die Ar­beit­neh­mer al­le fünf Ta­ge im Jahr für Wei­ter­bil­dung aus, kos­te das die Un­ter­neh­men vier Mil­li­ar­den Eu­ro im Jahr, sag­te der CDU-Ab­ge­ord­ne­te Rein­hard Löff­ler. Auch bei den Lan­des­be­schäf­tig­ten müs­se mit 247 Mil­lio­nen Eu­ro im Jahr kal­ku­liert wer­den. Da­bei ste­he Ba­den-Würt­tem­berg im Bun­des­ver­gleich schon am bes­ten da, und das oh­ne Ge­setz: 61 Pro­zent der Un­ter­neh­men hät­ten im Jahr 2012 in die Wei­ter­bil­dung in­ves­tiert.

Nach An­sicht des SPD-Ab­ge­ord­ne­ten Hans-Pe­ter Storz ist der ge­samt­ge­sell­schaft­li­che Nut­zen hö­her als die Kos­ten für die Un­ter­neh­men. Der Grü­ne Jörg Fritz zeig­te sich über­zeugt, dass der von der Op­po­si­ti­on un­ter­stell­te Miss­brauch der Bil­dungs­zeit gar nicht mög­lich sei, denn die An­ge­bo­te müss­ten von zer­ti­fi­zier­ten Bil­dungs­trä­gern kom­men. Mit dem "Tauch­kurs auf Mal­lor­ca" ha­be die Op­po­si­ti­on ei­nen Po­panz auf­ge­baut.

Der DGB be­grüß­te den Be­schluss als gro­ßen Er­folg für die Ge­werk­schaf­ten. Die Ge­werk­schaf­ten wür­den sich mit ei­ge­nen An­ge­bo­ten zur po­li­ti­schen Bil­dung und eh­ren­amt­li­chen Qua­li­fi­zie­rung an der Um­set­zung des Ge­set­zes be­tei­li­gen. Löff­ler be­zeich­ne­te das Ge­setz als "Kon­junk­tur­för­der­pro­gramm für klam­me ge­werk­schaft­li­che Schu­lungs­an­bie­ter". FDP-Frak­ti­ons­chef Hans-Ul­rich Rül­ke sag­te: "Wirt­schafts­mi­nis­ter Schmid be­kommt für sein Bil­dungs­zeit­ge­setz si­cher ein ro­tes Stern­chen in sein Ge­werk­schafts-Fleiß­heft­chen."

Ver­di-Lan­des­che­fin Le­ni Brey­mei­er nann­te die Ver­ab­schie­dung des Ge­set­zes "ei­ne sehr gu­te Nach­richt" für al­le Ar­beit­neh­mer in Ba­den-Würt­tem­berg. Da­ge­gen er­teil­te die Ge­schäfts­füh­re­rin des Städ­te­tags, Gu­drun Heu­te-Bluhm, der Neu­re­ge­lung ei­ne Ab­sa­ge. Die Ab­we­sen­hei­ten in­fol­ge der Bil­dungs­zeit müss­ten ent­we­der von den üb­ri­gen Be­schäf­tig­ten durch Über­stun­den oder aber durch zu­sätz­li­ches Per­so­nal aus­ge­gli­chen wer­den, kri­ti­sier­te sie. Wenn zehn Pro­zent er Be­schäf­tig­ten der Kom­mu­nen die Frei­stel­lung in An­spruch näh­men, sei­en jähr­lich rund 14 Mil­lio­nen Eu­ro struk­tu­rel­le Mehr­kos­ten zu er­war­ten.

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Letzte Überarbeitung: 11. April 2016

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