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Bil­lig-Piz­za in der Ucker­mark mit freund­li­cher Un­ter­stüt­zung des Job­cen­ters

Job­cen­ter ver­klagt Piz­za­lie­fe­ran­ten, der Löh­ne zwi­schen 1,59 bis 3,46 EUR brut­to zahlt, auf Er­stat­tung von Auf­sto­ckungs­leis­tun­gen: Ar­beits­ge­richt Ebers­wal­de, Ur­teil vom 10.09.2013, 2 Ca 428/13

30.12.2013. Die Ucker­mark ist ei­ne länd­li­che Re­gi­on, die im Nor­den Bran­den­burgs und im Sü­den Meck­len­burg-Vor­pom­merns liegt. Sie ist dünn be­sie­delt und das all­ge­mei­ne Lohn­ni­veau ist nied­rig. Aber so nied­rig, dass St­un­den­löh­ne zwi­schen 1,59 bis 3,46 EUR brut­to pro St­un­de noch in Ord­nung sind?

Der In­ha­ber ei­nes Piz­za-Lie­fer­ser­vice in der Ucker­mark mit zwei Fi­lia­len und im­mer­hin 26 Ar­beit­neh­mern woll­te es wis­sen und zahl­te drei Ar­beit­neh­me­rin­nen 100,00 EUR brut­to mo­nat­lich für 14 bzw. 14,5 St­un­den pro Wo­che, was ei­nem St­un­den­lohn von 1,65 EUR bzw. von 1,59 EUR ent­spricht.

Ei­ne an­de­re Ar­beit­neh­me­rin be­kam 165,00 EUR brut­to mo­nat­lich für 14 St­un­den pro Wo­che und da­mit 2,72 EUR pro St­un­de. Drei wei­te­re Ar­beit­neh­mer er­hiel­ten 430,00 EUR mo­nat­lich brut­to für 40 St­un­den pro Wo­che, was pro St­un­de 2,48 EUR er­gibt.

Ge­ra­de­zu gut ver­dien­te ei­ne An­ge­stell­te mit 600,00 EUR pro Mo­nat, die da­für 40 St­un­den wö­chent­lich ar­bei­ten muss­te und so­mit im­mer­hin 3,46 EUR in der St­un­de ver­dien­te.

Al­le acht Ar­beit­neh­mer er­hiel­ten vom Job­cen­ter Auf­sto­ckungs­leis­tun­gen. Das Job­cen­ter war über die­sen Zu­stand nicht froh und frag­te da­her An­fang März 2013 beim Ar­beit­ge­ber freund­lich an, ob er sich ei­ne Lohn­er­hö­hung vor­stel­len könn­te. Konn­te er zwar, mach­te dann aber nichts.

An­fang April 2013 wur­de das Job­cen­ter förm­lich und for­der­te den Ar­beit­ge­ber zur Zah­lung von 10.726,11 EUR auf. Denn in den zu­rück­lie­gen­den sechs Mo­na­ten (Ok­to­ber 2012 bis März 2013) hät­te es die­sen Be­trag an Auf­sto­ckungs­leis­tun­gen spa­ren kön­nen, wenn der Ar­beit­ge­ber sei­nen acht Ar­beit­neh­mern den ih­nen zu­ste­hen­den Lohn ge­zahlt hät­te. Und den be­zif­fer­te das Job­cen­ter so:

Der Piz­za-Ser­vice ist dem Ho­tel- und Gast­stät­ten­ge­wer­be zu­zu­ord­nen, und in die­ser Bran­che im Land­krei­ses Ucker­mark ver­die­nen Hel­fer im Kü­chen­be­reich im Durch­schnitt 6,78 EUR brut­to pro St­un­de. Die­sen orts­üb­li­chen Lohn konn­te das Job­cen­ter aus sei­nen In­te­gra­ti­ons­lis­ten er­rech­nen, d.h. aus den Lis­ten über die von ihm ver­mit­tel­ten Ar­beit­neh­mer. Im Jah­re 2012 hat­te das Job­cen­ter näm­lich 14 Bei­kö­che und Kü­chen­hil­fen in neue Stel­len ver­mit­telt. Und dort ver­dien­ten sie Löh­ne zwi­schen 5,65 EUR und 7,65 EUR, im Durch­schnitt 6,78 EUR.

Ge­mes­sen an die­sem in der Ucker­mark orts­üb­li­chen Lohn für ge­ring qua­li­fi­zier­te Hel­fer in der Gas­tro­no­mie wa­ren die den acht Auf­sto­ckern ge­zahl­ten Löh­ne zu mick­rig. Ge­nau­er ge­sagt be­ka­men sie­ben der acht Ar­beit­neh­mer we­ni­ger als die Hälf­te die­ses orts­üb­li­chen Lohns (= 6,78 : 2 = 3,39 EUR) und die "am bes­ten" ver­die­nen­de Kraft nur sie­ben Cent mehr als die Hälf­te.

Al­le acht la­gen da­her mit ih­rem Lohn deut­lich un­ter der Gren­ze, die das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) für die "Sit­ten­wid­rig­keit" ei­ner Ver­gü­tung im Sin­ne von § 138 Bür­ger­li­ches Ge­setz­buch (BGB) zieht: Da­nach sind ver­ein­bar­te Löh­ne sit­ten­wid­rig ge­ring und da­her un­wirk­sam, wenn sie um mehr als ein Drit­tel den orts­üb­li­chen Ta­rif­lohn oder (falls es ei­nen sol­chen Ta­rif­lohn nicht gibt) den orts­üb­li­chen Ver­gleichs­lohn un­ter­schrei­ten.

Auf den et­was hö­he­ren Ta­rif­lohn im Ho­tel- und Gast­stät­ten­ge­wer­be für ge­ring Qua­li­fi­zier­te (6,87 EUR) hat­te sich das Job­cen­ter erst gar nicht be­ru­fen, denn in die­ser Bran­che be­steht in der Ucker­mark kei­ne über­wie­gen­de Ta­rif­bin­dung, d.h. es sind nicht mehr als die Hälf­te der gas­tro­no­mi­schen Be­trie­be der Ucker­mark an die­sen Ta­rif­lohn ge­bun­den.

Da der Piz­za-Lie­fe­rant die 10.726,11 EUR nicht frei­wil­lig zahl­te, zog das Job­cen­ter vor das Ar­beits­ge­richt Ebers­wal­de und hat­te dort Er­folg. Das Ar­beits­ge­richt ver­ur­teil­te den Piz­za­bä­cker an­trags­ge­mäß (Ar­beits­ge­richt Ebers­wal­de, Ur­teil vom 10.09.2013, 2 Ca 428/13).

Denn weil der Ar­beit­ge­ber den acht Auf­sto­ckern den ih­nen zu­ste­hen­den orts­üb­li­chen Lohn nicht ge­zahlt hat­te, be­fand er sich im Lohn­rück­stand, d.h. der Lohn­an­spruch (§ 612 BGB) war zum Teil nicht er­füllt wor­den. Statt des­sen war das Job­cen­ter ein­ge­sprun­gen und hat­te ge­zahlt. Und für die­sen Fall sieht § 115 Abs.1 Zehn­tes Buch So­zi­al­ge­setz­buch (SGB X) vor, dass der vom Ar­beit­ge­ber nicht er­füll­te und da­her "ver­tre­tungs­hal­ber" von ei­nem So­zi­al­leis­tungs­trä­ger ge­tra­ge­ne Lo­h­an­spruch auf den So­zi­al­leis­tungs­trä­ger über­geht.

Fa­zit: Wer Auf­sto­cker be­schäf­tigt, soll­te die orts­üb­li­chen Ta­rif- und Ver­gleichs­löh­ne ge­nau ken­nen und gut rech­nen kön­nen. Wie der vor­lie­gen­de Fall zeigt, wä­ren Zwei-Drit­tel von 6,87 EUR für Gas­tro­no­mie­hel­fer in der Ucker­mark noch ge­ra­de eben "ju­ris­tisch in Ord­nung", d.h. 4,52 EUR brut­to (!) pro St­un­de.

Der hier ver­klag­te Piz­za-Lie­fe­rant da­ge­gen litt nach ei­ge­nen (al­ler­dings nicht be­weis­ba­ren) An­ga­ben an Dys­kal­ku­lie, d.h. an ei­ner Re­chen­schwä­che (wes­halb er das Miss­ver­hält­nis von Leis­tung und Ge­gen­leis­tung an­geb­lich nicht er­ken­nen konn­te). Soll­te er aus die­sem Grund bei der Über­wei­sung der 10.726,11 EUR nebst Zin­sen an das Job­cen­ter rech­ne­ri­sche Pro­ble­me ha­ben, kann das Job­cen­ter be­hilf­lich sein, denn mit Hil­fe des Ti­tels kann es sich den aus­ge­ur­teil­ten Be­trag im We­ge der Zwangs­voll­stre­ckung selbst ver­schaf­fen.

Nä­he­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Hin­weis: In der Zwi­schen­zeit, d.h. nach Er­stel­lung die­ses Ar­ti­kels, hat der ver­klag­te Ar­beit­ge­ber ge­gen das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Ebers­wal­de Be­ru­fung beim Lan­des­ar­beits­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg ein­ge­legt. Die Be­ru­fung hat er aber zwi­schen­zeit­lich wie­der zu­rück­ge­nom­men, so dass das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts rechts­kräf­tig ist:

 

Letzte Überarbeitung: 13. Mai 2015

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