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Chef­arzt - Pri­vat­li­qui­da­ti­ons­recht durch Scha­dens­er­satz­an­spruch ge­si­chert

BAG er­leich­tert un­be­rech­tigt ge­kün­dig­ten Chef­ärz­ten die Durch­set­zung ih­res Pri­vat­li­qui­da­ti­ons­rechts: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 15.09.2011, 8 AZR 846/09

08.02.2012. Zur Ver­gü­tung ei­nes Chef­arz­tes ge­hört das Recht, an den Er­lö­sen der Be­hand­lung von Pri­vat­pa­ti­en­ten be­tei­ligt zu wer­den. Tra­di­tio­nell ist der Chef­arzt be­rech­tigt, die­se Leis­tun­gen di­rekt ge­gen­über dem Pa­ti­en­ten ab­zu­rech­nen.

Die­ses Li­quda­ti­ons­recht kann der Chef­arzt al­ler­dings nicht nut­zen, wenn der Kran­ken­haus­trä­ger ihm in­fol­ge ei­ner Kün­di­gung die Be­schäf­ti­gung ver­wei­gert. Stellt sich die Kün­di­gung dann spä­ter als un­be­rech­tigt her­aus, kann der Chef­arzt ei­nen fi­nan­zi­el­len Aus­gleich für die Ein­kom­mens­ver­lus­te ver­lan­gen, die ihm in­fol­ge der un­ter­blie­be­nen Be­hand­lung von Pri­vat­pa­ti­en­ten ent­stan­den sind.

Das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) hat die­se Re­gress­mög­lich­keit in ei­ner ak­tu­el­len Ent­schei­dung auf ei­ne ein­heit­li­che und für Chef­ärz­te güns­ti­ge Grund­la­ge ge­stellt (Ur­teil vom 15.09.2011, 8 AZR 846/09).

Wie kann ein Chefarzt kündigungsbedingt entgangene Liquidationerlöse geltend machen?

Ein Chef­arzt erhält für sei­ne Tätig­keit nicht nur ei­ne vom Kran­ken­haus­träger zu zah­len­de Fest­vergütung, son­dern ei­nen mehr oder we­ni­ger großen An­teil an den Ho­no­ra­ren für die Be­hand­lung von Pri­vat­pa­ti­en­ten. Der Um­fang die­ser Erlöse ist vom Kran­ken­haus natürlich nicht ga­ran­tiert, son­dern hier muss der Chef­arzt selbst zu­se­hen, dass er Ho­no­ra­re er­wirt­schaf­tet.

Rech­net er Pri­vat­rech­nun­gen vorsätz­lich falsch ab, ris­kiert er ei­ne ver­hal­tens­be­ding­te Kündi­gung. Da ein Chef­arzt aber nach der Recht­spre­chung des BAG prak­tisch im­mer Ar­beit­neh­mer ist und da­her dem Kündi­gungs­schutz­ge­setz un­ter­steht, muss der Kran­ken­haus­träger bei ei­ner Kündi­gung "we­gen un­rich­ti­ger Ab­rech­nun­gen" nach­wei­sen, dass der Chef­arzt sei­ne Pflich­ten tatsächlich schuld­haft ver­letzt hat. Un­rich­ti­ge Ab­rech­nun­gen sind da­bei zwar oft leicht nach­zu­wei­sen, ein ent­spre­chen­der Vor­satz aber nur sel­ten, da ei­ne ob­jek­tiv un­rich­ti­ge Ab­rech­nung auf ei­nem Ver­se­hen, d.h. auf Fahrlässig­keit be­ru­hen kann. Die rich­ti­ge Re­ak­ti­on des Kran­ken­haus­trägers wäre dann ei­ne Ab­mah­nung, d.h. ei­ne Kündi­gung wäre un­verhält­nismäßig und da­her un­wirk­sam.

Während der Dau­er ei­ner Kündi­gungs­schutz­kla­ge wird der Chef­arzt wie je­der Ar­beit­neh­mer nicht mehr beschäftigt und kann da­her sein Be­hand­lungs- und Li­qui­da­ti­ons­recht fak­tisch nicht ausüben. Das BAG hat in ei­ner ak­tu­el­len Ent­schei­dung die Möglich­keit des Chef­arz­tes ver­bes­sert, den bei ei­ner un­wirk­sa­men Kündi­gung ent­ge­hen­den Li­qui­da­ti­ons­erlös gel­tend zu ma­chen.

BAG: Chefarzt kann bei entgangener Liquidationsmöglichkeit Schadensersatz verlangen

Ei­nem Chef­arzt ge­lang es nach ei­nem jah­re­lang er­bit­tert geführ­ten Rechts­streit, ver­schie­de­ne Kündi­gun­gen we­gen an­geb­li­chen Ab­rech­nungs­be­trugs ab­zu­weh­ren. Während der Dau­er des Ver­fah­rens konn­te er sein ver­trag­li­ches Recht zur Be­hand­lung von Pri­vat­pa­ti­en­ten bzw. zur Pri­vat­li­qui­da­ti­on nicht ausüben. Den da­durch ent­gan­ge­nen Li­qui­da­ti­ons­erlös klag­te er ein.

Nach ei­ner Nie­der­la­ge vor dem Lan­des­ar­beits­ge­richt Hamm (Ur­teil vom 04.06.2009, 16 Sa 1557/08) hat­te er vor dem BAG Er­folg. Das BAG stütz­te sei­ne Ent­schei­dung - an­ders als bis­her - ein­heit­lich auf ei­nen Scha­dens­er­satz­an­spruch aus § 280 Abs.1 Satz 1 und § 283 Satz 1 Bürger­li­ches Ge­setz­buch (BGB).

Das Kran­ken­haus hätte nämlich in dem hier ent­schie­de­nen Fall, so das BAG, nicht da­von aus­ge­hen dürfen, dass sei­ne Kündi­gun­gen wirk­sam wa­ren. Es hat­te dem Chef­arzt da­her schuld­haft die Ausübung sei­nes Li­qui­da­ti­ons­rechts unmöglich ge­macht und muss­te ihn da­her so stel­len, als hätte es die­sen Feh­ler nicht be­gan­gen. Dass die Ab­rech­nun­gen, die Auslöser der un­rechtmäßigen Kündi­gun­gen wa­ren, mögli­cher­wei­se un­rich­tig er­stellt wor­den wa­ren, führt nicht zu ei­nem Mit­ver­schul­den des Chef­arz­tes und da­mit auch nicht zu ei­ner Kürzung sei­ner Ansprüche, so das BAG.

Fa­zit: Das Ur­teil des BAG über­zeugt im Er­geb­nis und in der Be­gründung. Ei­ne un­wirk­sa­me Kündi­gung und die da­mit ver­bun­de­ne un­be­rech­tig­te Ver­wei­ge­rung der Beschäfti­gung des Ar­beit­neh­mers ist letzt­lich Ver­trags­bruch. Nach ei­ner un­be­rech­tig­ten Chef­arzt-Kündi­gung müssen Kran­ken­haus­träger da­her für sämt­li­che fi­nan­zi­el­len Ein­bußen ge­ra­de­ste­hen, die dem un­wirk­sam gekündig­ten Chef­arzt durch die­se recht­li­che Fehl­leis­tung des Kran­ken­hau­ses ent­stan­den sind. Bei der Be­rech­nung ih­rer Ansprüche können Chefärz­te auf die Ein­nah­men ver­an­ge­gang­ner Jah­re oder auf die Erlöse ih­rer Nach­fol­ger ver­wei­sen.

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Letzte Überarbeitung: 21. September 2016

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