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Di­rekt­ver­si­che­rung in der In­sol­venz

Kein An­spruch auf Über­tra­gung ei­ner Di­rekt­ver­si­che­rung im In­sol­venz­fall vor Un­ver­fall­bar­keit der Ver­sor­gungs­zu­sa­ge: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 18.09.2012, 3 AZR 176/10

21.09.2012. Ei­ne oft ge­wähl­te Form der be­trieb­li­chen Al­ters­ver­sor­gung ist die Di­rekt­ver­si­che­rung.

Da­bei ist der Ar­beit­ge­ber Ver­si­che­rungs­neh­mer, d.h. Ver­trags­part­ner der Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft, und nor­ma­ler­wei­se zahlt auch die Ver­si­che­rungs­bei­trä­ge. Be­zugs­be­rech­tig­te Per­son ist al­ler­dings der Ar­beit­neh­mer, denn ihm sol­len die Leis­tun­gen der Ver­si­che­rung ja im Ver­sor­gungs­fall zu­kom­men.

Wird der Ar­beit­ge­ber in­sol­vent, ha­ben Ar­beit­neh­mer ein In­ter­es­se dar­an, dass der In­sol­venz­ver­wal­ter ih­nen "ih­re" Ver­si­che­rung her­aus­gibt. Ein An­spruch dar­auf be­steht aber nicht un­be­dingt: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 18.09.2012, 3 AZR 176/10.

Kann der Arbeitnehmer im Insolvenzfall und bei Beendigung des Arbeitsverhältnisses die Übertragung "seiner" Direktversicherung verlangen?

Ver­spricht der Ar­beit­ge­ber dem Ar­beit­neh­mer ei­ne Be­triebs­ren­te, d.h. gibt er ei­ne Ver­sor­gungs­zu­sa­ge ab, hat er die Wahl zwi­schen ver­schie­de­nen Durchführungs­we­gen. Klei­ne­re Ar­beit­ge­ber ent­schei­den sich hier meist für ei­ne sog. Di­rekt­ver­si­che­rung.

Bei die­ser Form der be­trieb­li­chen Al­ters­ver­sor­gung ist der Ar­beit­ge­ber Ver­si­che­rungs­neh­mer, d.h. Ver­trags­part­ner der Ver­si­che­rung, und der Ar­beit­ge­ber ist be­zugs­be­rech­tigt, d.h. er ist die begüns­tig­te bzw. ver­si­cher­te Per­son. Die Beiträge für die Ver­si­che­rung zahlt der Ar­beit­ge­ber im Nor­mall ei­ner be­trieb­li­chen Al­ters­ver­sor­gung al­lein, d.h. er über­nimmt ne­ben dem Lohn bzw. dem Ge­halt zusätz­li­che fi­nan­zi­el­le Auf­wen­dun­gen.

En­det das Ar­beits­verhält­nis, wird der Ver­si­che­rungs­ver­trag oft­mals vom Ar­beit­ge­ber auf den aus­schei­den­den Ar­beit­neh­mer über­tra­gen, d.h. er ist dann nicht mehr nur be­zugs­be­rech­tigt, son­dern Ver­si­che­rungs­neh­mer. Ei­ne sol­che Über­tra­gung der Ver­si­che­rungs­neh­mer­ei­gen­schaft vom Ar­beit­ge­ber auf den Ar­beit­neh­mer funk­tio­niert nur im drei­sei­ti­gen Zu­sam­men­wir­ken von Ar­beit­ge­ber, Ver­si­che­rung und Ar­beit­neh­mer, weil drei Per­so­nen an die­sem Rechts­verhält­nis be­tei­ligt sind.

Frag­lich ist im Ein­zel­fall, ob der Ar­beit­neh­mer auch ei­nen An­spruch dar­auf hat, dass der Ar­beit­ge­ber bei der Über­tra­gung des Ver­si­che­rungverhält­nis­ses mit­wirkt, d.h. ob er ei­nen An­spruch auf ent­spre­chen­de recht­li­che Mit­wir­kungs­hand­lun­gen hat mit dem Ziel, dass der Ar­beit­neh­mer den Ar­beit­ge­ber als Ver­si­che­rungs­neh­mer ablöst.

Die­se Fra­ge stellt sich auch im Fal­le ei­ner In­sol­venz des Ar­beit­ge­bers, wo­bei dann der In­sol­venz­ver­wal­ter An­sprech­part­ner für die For­de­run­gen des Ar­beit­neh­mers ist. Über ei­nen sol­chen Fall hat­te das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) am Mitt­woch die­ser Wo­che zu ent­schei­den: BAG, Ur­teil vom 18.09.2012, 3 AZR 176/10.

Der Fall des BAG: Arbeitnehmer wird vom Insolvenzverwalter gekündigt und verlangt unter Berufung auf den Gleichbehandlungsgrundsatz Übertragung der Direktversicherung

Im Streit­fall war der kla­gen­de Ar­beit­neh­mer vom 01.12.1998 bis zum 31.12.2005, d.h. sie­ben Jah­re und ei­nen Mo­nat bei ei­nem Ham­bur­ger Kran­ken­trans­port­un­ter­neh­men beschäftigt, das auf­grund ei­ner frist­lo­sen Auf­tragskündi­gung durch die Stadt Ham­burg im Sep­tem­ber 2005 in­sol­vent wur­de.

Der dar­auf­hin ein­ge­setz­te In­sol­venz­ver­wal­ter kündig­te dem Ar­beit­neh­mer zum 31.12.2005, wo­ge­gen sich die­ser mit ei­ner Kündi­gungs­schutz­kla­ge zur Wehr setz­te, al­ler­dings letzt­lich oh­ne Er­folg, da das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Ham­burg die Kündi­gung für wirk­sam hielt.

Im Rah­men die­ses Ver­fah­rens ver­lang­te der Kläger, gleich­sam als Min­dest­for­de­rung, die Über­tra­gung ei­ner Di­rekt­ver­si­che­rung, die der in­sol­ven­te Ar­beit­ge­ber für ihn En­de Au­gust 1999 ab­ge­schlos­sen hat­te. Das Pro­blem für den Kläger be­stand al­ler­dings dar­in, dass der Ar­beit­ge­ber dem Kläger nur ein wi­der­ruf­li­ches Be­zugs­recht ein­geräumt hat­te, wo­bei die Wi­der­rufsmöglich­keit bis zum Ab­lauf der ge­setz­li­chen Un­ver­fall­bar­keit be­ste­hen soll­te. Nach Eröff­nung des In­sol­venz­ver­fah­rens wi­der­rief der In­sol­venz­ver­wal­ter dann promt ge­genüber der Ver­si­che­rung das Be­zugs­recht.

Und un­ver­fall­bar war die An­wart­schaft auf die zu­ge­sag­te Be­triebs­ren­te in Form der Di­rekt­ver­si­che­rung bei Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses am 31.12.2005 noch nicht, da hier zu Un­guns­ten des Klägers ei­ne ge­setz­li­che Über­g­angs­vor­schrift an­zu­wen­den war (§ 30f Abs. Be­triebs­ren­ten­ge­setz - Be­trAVG). Die­ser Vor­schrift zu­fol­ge hätte das Ar­beits­verhält­nis min­des­tens zehn Jah­re un­ter der Gel­tung der Ver­sor­gungs­zu­sa­ge be­ste­hen müssen, was nicht der Fall war. Denn zwi­schen der Ver­sor­gungs­zu­sa­ge am 30.08.2009 und dem Aus­schei­dens­zeit­punkt la­gen nur knapp sechs­ein­halb Jah­re.

Der Kläger ar­gu­men­tier­te trotz­dem, der Wi­der­ruf des Be­zugs­rechts durch den Ver­wal­ter sei un­wirk­sam, weil er ge­gen den ar­beits­recht­li­chen Gleich­be­hand­lungs­grund­satz ver­s­toße. Da­bei ver­wies der Kläger dar­auf, dass der Ver­wal­ter in an­de­ren Fällen zu ei­ner Über­tra­gung von Di­rekt­ver­si­che­run­gen be­reit ge­we­sen war.

Hilfs­wei­se woll­te der Kläger als Scha­dens­er­satz die Er­stat­tung der an die Ver­si­che­rung ge­zahl­ten Beiträge, zu­min­dest aber Zah­lung des Rück­kaufs­werts der Ver­si­che­rung.

Mit die­sen For­de­run­gen in be­zug auf die Ver­si­che­rung hat­te der Kläger we­der vor dem Ar­beits­ge­richt Ham­burg (Ur­teil vom 06.09.2006, 10 Ca 183/05) noch in der Be­ru­fung vor dem Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Ham­burg Er­folg (LAG Ham­burg, Ur­teil vom 29.09.2009, 2 Sa 127/09). Denn bei­de Ge­rich­te wa­ren der An­sicht, dass ein Über­tra­gungs­an­spruch nicht ge­ge­ben war, weil die Ren­ten­an­wart­schaft bei Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses noch nicht un­ver­fall­bar war. Da­her durf­te der Ver­wal­ter auch die Be­zugs­be­rech­ti­gung frei wi­der­ru­fen. Und der Gleich­be­hand­lungs­grund­satz halft dem Kläger eben­falls nicht wei­ter, weil der Ver­wal­ter zur Über­tra­gung von Ver­si­che­run­gen nur in den Fällen be­reit war, in de­nen die Ren­ten­an­wart­schaft be­reits un­ver­fall­bar war.

BAG: Kein Anspruch auf Übertragung einer Direktversicherung im Insolvenzfall vor Unverfallbarkeit der Versorgungszusage

Auch das Bun­des­ar­beits­ge­richt ent­schied ge­gen den Kläger, der da­mit in al­len drei In­stan­zen den Kürze­ren ge­zo­gen hat. Zur Be­gründung heißt es in der der­zeit al­lein vor­lie­gen­den Pres­se­mel­dung des BAG:

Hat der Ar­beit­ge­ber zum Zwe­cke der be­trieb­li­chen Al­ters­ver­sor­gung ei­ne Di­rekt­ver­si­che­rung ab­ge­schlos­sen und dem Ar­beit­neh­mer ein Be­zugs­recht ein­geräumt, das bis zum Ab­lauf der ge­setz­li­chen Un­ver­fall­bar­keits­frist wi­der­ruf­lich ist, hat Ar­beit­neh­mer bei ei­ner In­sol­venz des Ar­beit­ge­bers kein Aus­son­de­rungs­recht nach § 47 In­sol­venz­ord­nung (In­sO) in be­zug auf die Ver­si­che­rung, wenn der In­sol­venz­ver­wal­ter das Be­zugs­recht wirk­sam wi­der­ru­fen hat.

Denn ein Aus­son­de­rungs­recht be­steht nur, wenn ein Vermögens­ge­gen­stand nicht zur In­sol­venz­mas­se gehört, wie das z.B. bei Sa­chen der Fall ist, die sich im Be­sitz des In­sol­venz­schuld­ners be­fin­den, aber ei­nem an­de­ren gehören. Dem Ar­beit­neh­mer gehört die Di­rekt­ver­si­che­rung aber nicht, wenn der In­sol­venz­ver­wal­ter das Be­zugs­recht wirk­sam wi­der­ru­fen hat.

Die Fra­ge, wann ein sol­cher Wi­der­ruf des Be­zugs­rechts "wirk­sam" ist be­ant­wor­tet das BAG un­ter Hin­weis auf das Ver­si­che­rungs­recht: Die Zulässig­keit des Wi­der­rufs, so das BAG, rich­tet sich nur nach dem Ver­si­che­rungs­recht, d.h. dem Rechts­verhält­nis zwi­schen Ar­beit­ge­ber und Ver­si­che­rung, nicht aber nach den ar­beits­recht­li­chen Ver­ein­ba­run­gen zwi­schen Ar­beit­ge­ber und Ar­beit­neh­mer.

Im Er­geb­nis heißt das, dass ein Wi­der­ruf des Be­zugs­rechts prak­tisch im­mer wirk­sam ist und dann nur ei­nen Scha­dens­er­satz­an­spruch des Ar­beit­neh­mers zur Fol­ge ha­ben kann, falls der Ar­beit­ge­ber bzw. der In­sol­venz­ver­wal­ter mit dem Wi­der­ruf ar­beits­ver­trag­li­che Ver­pflich­tun­gen ver­letzt. Al­ler­dings ist ein sol­cher Scha­dens­er­satz­an­spruch, so das BAG, mit­nich­ten auf Er­stat­tung der Beiträge zur Di­rekt­ver­si­che­rung oder gar auf die Zah­lung des Rück­kaufs­werts der Ver­si­che­rung ge­rich­tet. Viel­mehr kann der Ar­beit­neh­mer hier nur den Aus­gleich sei­nes Ver­sor­gungs­scha­dens ver­lan­gen, d.h. der Ren­ten­min­de­rung.

Fa­zit: We­der der Ar­beit­ge­ber noch ein In­sol­venz­ver­wal­ter sind da­zu ver­pflich­tet, aus­schei­den­den Ar­beit­neh­mern bei ei­nem ar­beits­ver­trag­lich "un­zulässi­gen" Wi­der­ruf der Be­zugs­be­rech­ti­gung Scha­dens­er­satz in Form der Ver­si­cherugns­beiträge oder des Rück­kaufs­werts zu leis­ten. Da­her müssen Ar­beit­neh­mer, die ei­nen sol­chen Wi­der­ruf der Be­zugs­be­rech­ti­gung für ar­beits­ver­trag­lich rechts­wid­rig an­se­hen, auf Er­satz des Ver­sor­gungs­scha­dens kla­gen. Of­fen­ge­las­sen hat das BAG in der hier be­spro­che­nen Ent­schei­dung, wie der Scha­dens­er­satz­an­spruch in­sol­venz­recht­lich ab­ge­si­chert ist, wenn der Ver­wal­ter das Be­zugs­recht zu Un­recht wi­der­ru­fen hat, d.h. ob der Scha­dens­er­satz­an­spruch dann ei­ne bloße In­sol­venz­for­de­rung oder ei­ne vor­ab aus der Mas­se zu erfüllen­de und da­her bes­ser ge­si­cher­te Mas­se­for­de­rung ist.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Hin­weis: In der Zwi­schen­zeit, d.h. nach Er­stel­lung die­ses Ar­ti­kels, hat das BAG sei­ne Ent­schei­dungs­gründe veröffent­licht. Das vollständig be­gründe­te Ur­teil des BAG fin­den Sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 7. Dezember 2014

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