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Urteile zum Arbeitsrecht
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Schlag­worte: Sozialplan
   
Gericht: Bundesarbeitsgericht
Akten­zeichen: 1 AZR 764/09
Typ: Urteil
Ent­scheid­ungs­datum: 12.04.2011
   
Leit­sätze:
Vor­ins­tan­zen: Arbeitsgericht Leipzig, Urteil vom 8.08.2008, 15 Ca 4926/07
Sächsisches Landesarbeitsgericht, Urteil vom 18.09.2009, 3 Sa 640/08
   

BUN­DES­AR­BEITS­GERICHT

1 AZR 764/09

3 Sa 640/08 Säch­si­sches

Lan­des­ar­beits­ge­richt

Im Na­men des Vol­kes!

Verkündet am 12. April 2011

UR­TEIL

Klapp, Ur­kunds­be­am­ter der Geschäfts­stel­le

In Sa­chen

Kläge­rin, Be­ru­fungskläge­rin und Re­vi­si­onskläge­rin,

pp.

Be­klag­te, Be­ru­fungs­be­klag­te und Re­vi­si­ons­be­klag­te,

hat der Ers­te Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts auf­grund der münd­li­chen Ver­hand­lung vom 12. April 2011 durch die Präsi­den­tin des Bun­des­ar­beits­ge­richts Schmidt, die Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Dr. Linck und Prof. Dr. Koch so­wie die eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Rath und Kunz für Recht er­kannt:


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1. Die Re­vi­si­on der Kläge­rin ge­gen das Ur­teil des Säch­si­schen Lan­des­ar­beits­ge­richts vom 18. Sep­tem­ber 2009- 3 Sa 640/08 - wird zurück­ge­wie­sen.

2. Die Kläge­rin hat die Kos­ten der Re­vi­si­on zu tra­gen.

Von Rechts we­gen!

Tat­be­stand

Die Par­tei­en strei­ten über die Höhe ei­ner So­zi­al­plan­ab­fin­dung.

Die 1969 ge­bo­re­ne Kläge­rin war bei der Be­klag­ten bzw. de­ren Rechts-

vorgänge­rin vom 1. Ja­nu­ar 1997 bis zum 31. März 2008 als Kun­den­be­ra­te­rin in L beschäftigt. Ihr Brut­to­mo­nats­ver­dienst be­lief sich zu­letzt auf 3.167,75 Eu­ro.

Die Be­klag­te ver­mie­tet Ar­beitsbühnen. Sie be­trieb zunächst ei­ne

Haupt­ver­wal­tung in F so­wie sechs Re­gio­nal­di­rek­tio­nen und beschäftig­te bun­des­weit über 250 Ar­beit­neh­mer. Am 5. Ok­to­ber 2007 ver­ein­bar­te die Rechts­vorgänge­rin der Be­klag­ten mit dem Be­triebs­rat ei­nen In­ter­es­sen­aus­gleich und So­zi­al­plan. Da­nach soll­te ua. die Re­gio­nal­di­rek­ti­on L ge­schlos­sen wer­den. In dem So­zi­al­plan sind für den Ver­lust der Ar­beitsplätze Ab­fin­dungs­zah­lun­gen ver­ein­bart. Die Höhe der Ab­fin­dung be­stimmt sich nach ei­nem Fak­tor, der mit dem Pro­dukt aus Be­triebs­zu­gehörig­keit und Brut­to­mo­nats­ver­dienst er­rech­net wird. Der Fak­tor beträgt nach Nr. 2.1.1 des So­zi­al­plans bis zum 29. Le­bens­jahr des Mit­ar­bei­ters 80 %, ab dem 30. bis zum 39. Le­bens­jahr des Mit­ar­bei­ters 90 % und ab dem 40. Le­bens­jahr des Mit­ar­bei­ters 100 %.

Das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en en­de­te durch ei­ne be­triebs­be­ding­te

Kündi­gung der Rechts­vorgänge­rin der Be­klag­ten zum 31. März 2008. Die­se zahl­te der Kläge­rin ei­ne mit dem Fak­tor von 90 % er­rech­ne­te Ab­fin­dung in Höhe von 31.199,02 Eu­ro.


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Mit ih­rer Kla­ge hat die Kläge­rin gel­tend ge­macht, ihr ste­he ei­ne un-

gekürz­te Ab­fin­dung zu. Die Ab­schläge für jünge­re Beschäftig­te ver­stießen ge­gen das Ver­bot der Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung.

Die Kläge­rin hat be­an­tragt,

die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, an die Kläge­rin aus dem So­zi­al­plan vom 5. Ok­to­ber 2007 wei­te­re 3.466,56 Eu­ro brut­to nebst Zin­sen in Höhe von fünf Pro­zent­punk­ten über dem je­wei­li­gen Ba­sis­zins­satz hier­aus seit dem 1. April 2008 zu zah­len.

Die Be­klag­te hat zur Be­gründung ih­res Kla­ge­ab­wei­sungs­an­trags aus-

geführt, die un­ter­schied­li­che Be­hand­lung der Ar­beit­neh­mer sei gemäß § 10 Satz 3 Nr. 6 AGG zulässig. Die Dif­fe­ren­zie­rung berück­sich­ti­ge die sich mit zu­neh­men­dem Al­ter der Ar­beit­neh­mer ty­pi­scher­wei­se ver­rin­gern­den Chan­cen auf dem Ar­beits­markt.

Die Vor­in­stan­zen ha­ben die Kla­ge ab­ge­wie­sen. Mit ih­rer Re­vi­si­on ver-

folgt die Kläge­rin ihr Kla­ge­be­geh­ren wei­ter.

Ent­schei­dungs­gründe

Die Re­vi­si­on ist un­be­gründet. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat die Kla­ge

zu Recht ab­ge­wie­sen. Die Kläge­rin hat kei­nen An­spruch auf ei­ne wei­te­re Ab­fin­dungs­leis­tung in Höhe von 3.466,56 Eu­ro aus dem be­triebs­ver­fas­sungs­recht­li­chen Gleich­be­hand­lungs­grund­satz (§ 75 Abs. 1 Be­trVG).

I. So­zi­alpläne un­ter­lie­gen, wie an­de­re Be­triebs­ver­ein­ba­run­gen, der

ge­richt­li­chen Rechtmäßig­keits­kon­trol­le. Sie sind dar­auf­hin zu über­prüfen, ob sie mit höher­ran­gi­gem Recht, wie ins­be­son­de­re dem be­triebs­ver­fas­sungs­recht­li­chen Gleich­be­hand­lungs­grund­satz, ver­ein­bar sind.

1. Ar­beit­ge­ber und Be­triebs­rat ha­ben nach § 75 Abs. 1 Be­trVG darüber zu

wa­chen, dass je­de Be­nach­tei­li­gung von Per­so­nen aus den in die­ser Vor­schrift ge­nann­ten Gründen un­ter­bleibt. § 75 Abs. 1 Be­trVG enthält nicht nur ein Über-


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wa­chungs­ge­bot, son­dern ver­bie­tet zu­gleich Ver­ein­ba­run­gen, durch die Ar­beit­neh­mer auf­grund der dort auf­geführ­ten Merk­ma­le be­nach­tei­ligt wer­den. Der Ge­setz­ge­ber hat dar­in die in § 1 AGG ge­re­gel­ten Be­nach­tei­li­gungs­ver­bo­te über­nom­men. Ei­ne un­mit­tel­bar auf dem Al­ter be­ru­hen­de Un­gleich­be­hand­lung iSd. § 3 Abs. 1 Satz 1 AGG kann da­bei un­ter den in § 10 AGG ge­nann­ten Vor­aus­set­zun­gen zulässig sein. In die­sem Fall ist auch der be­triebs­ver­fas­sungs­recht­li­che Gleich­be­hand­lungs­grund­satz ge­wahrt (BAG 23. März 2010 - 1 AZR 832/08 - Rn. 14 f., AP Be­trVG 1972 § 75 Nr. 55 = EzA Be­trVG 2001 § 112 Nr. 35). Nach § 10 Satz 1 und 2 AGG ist die un­ter­schied­li­che Be­hand­lung we­gen des Al­ters zulässig, wenn die­se ob­jek­tiv und an­ge­mes­sen und durch ein le­gi­ti­mes Ziel ge­recht­fer­tigt ist. Die Mit­tel zur Er­rei­chung die­ses Ziels müssen ih­rer­seits an­ge­mes­sen und er­for­der­lich sein. Gemäß § 10 Satz 3 Nr. 6 AGG kann ei­ne un­ter­schied­li­che Be­hand­lung auch durch ei­ne nach Al­ter ge­staf­fel­te Ab­fin­dungs­re­ge­lung er­fol­gen, in der die we­sent­lich vom Al­ter abhängen­den Chan­cen auf dem Ar­beits­markt durch ei­ne verhält­nismäßig star­ke Be­to­nung des Le­bens­al­ters er­kenn­bar berück­sich­tigt wer­den.

2. § 10 Satz 3 Nr. 6 AGG verstößt nicht ge­gen das Ver­bot der Al­ters­dis-

kri­mi­nie­rung im Recht der Eu­ropäischen Uni­on. Die zur Be­ur­tei­lung der Wirk­sam­keit von § 10 Satz 3 Nr. 6 AGG her­an­zu­zie­hen­den Grundsätze zum Verständ­nis und zur An­wen­dung von Art. 6 Abs. 1 Satz 1 der Richt­li­nie 2000/78/EG des Ra­tes vom 27. No­vem­ber 2000 zur Fest­le­gung ei­nes all­ge­mei­nen Rah­mens für die Ver­wirk­li­chung der Gleich­be­hand­lung in Beschäfti­gung und Be­ruf sind durch die jünge­re Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs der Eu­ropäischen Uni­on geklärt, so dass ein Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen nach Art. 267 Abs. 3 AEUV nicht ge­bo­ten ist.

a) Nach der Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs ha­ben die Mit­glied­staa­ten

so­wie ggf. die So­zi­al­part­ner auf na­tio­na­ler Ebe­ne so­wohl bei der Ent­schei­dung, wel­ches kon­kre­te Ziel von meh­re­ren im Be­reich der Ar­beits- und So­zi­al­po­li­tik sie ver­fol­gen wol­len, als auch bei der Fest­le­gung der Maßnah­men zu sei­ner Er­rei­chung ei­nen wei­ten Er­mes­sens­spiel­raum (22. No­vem­ber 2005 - C-144/04 -


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[Man­gold] Rn. 63, Slg. 2005, I-9981; 16. Ok­to­ber 2007 - C-411/05 - [Pa­la­ci­os de la Vil­la] Rn. 68, Slg. 2007, I-8531). Da­bei darf je­doch nicht der Grund­satz des Ver­bots der Dis­kri­mi­nie­rung aus Gründen des Al­ters aus­gehöhlt wer­den (EuGH 12. Ok­to­ber 2010 - C-499/08 - [An­der­sen] Rn. 33, EzA Richt­li­nie 2000/78 EG-Ver­trag 1999 Nr. 17). Die Prüfung, ob die na­tio­na­le Re­ge­lung ei­nem rechtmäßigen Ziel iSd. Art. 6 Abs. 1 Satz 1 Richt­li­nie 2000/78/EG dient, ob­liegt den Ge­rich­ten der Mit­glied­staa­ten. Glei­ches gilt für die Fra­ge, ob der na­tio­na­le Ge­setz- und Ver­ord­nungs­ge­ber an­ge­sichts des vor­han­de­nen Wer­tungs­spiel­raums da­von aus­ge­hen durf­te, dass die gewähl­ten Mit­tel zur Er­rei­chung die­ses Ziels an­ge­mes­sen und er­for­der­lich wa­ren (EuGH 5. März 2009 - C-388/07 - [Age Con­cern Eng­land] Rn. 49 ff., Slg. 2009, I-1569).

b) Hier­nach ist § 10 Satz 3 Nr. 6 AGG durch ein im All­ge­mein­in­ter­es­se

lie­gen­des so­zi­al­po­li­ti­sches Ziel des deut­schen Ge­setz­ge­bers iSd. Art. 6 Abs. 1 Satz 1 der Richt­li­nie 2000/78/EG ge­recht­fer­tigt.

aa) Die­ser hat berück­sich­tigt, dass die den Ar­beit­neh­mern durch den

Ver­lust ih­res Ar­beits­plat­zes dro­hen­den Nach­tei­le maßgeb­lich durch die Aus­sich­ten, als­bald ei­nen neu­en ver­gleich­ba­ren Ar­beits­platz zu fin­den, be­stimmt wer­den. Mit der Re­ge­lung in § 10 Satz 3 Nr. 6 AGG will der Ge­setz­ge­ber dem Um­stand Rech­nung tra­gen, dass älte­re Ar­beit­neh­mer auf dem Ar­beits­markt ty­pi­scher­wei­se größere Schwie­rig­kei­ten ha­ben als jünge­re (BT-Drucks. 16/1780 S. 36). Dies liegt im all­ge­mei­nen so­zi­al­po­li­ti­schen In­ter­es­se und nicht nur im rein in­di­vi­du­el­len In­ter­es­se der Ar­beit­ge­ber an ei­ner Kos­ten­re­du­zie­rung oder der Erhöhung der Wett­be­werbsfähig­keit (BAG 26. Mai 2009 - 1 AZR 198/08 - Rn. 43, BA­GE 131, 61). Ob Letz­te­re al­lein aus­rei­chend wären, ei­ne Un­gleich­be­hand­lung der Ar­beit­neh­mer aus Gründen des Al­ters zu recht­fer­ti­gen, kann des­halb da­hin­ste­hen (da­zu EuGH 5. März 2009 - C-388/07 - [Age Con­cern Eng­land] Rn. 46, Slg. 2009, I-1569).

bb) Es ist auch nicht zu be­an­stan­den, dass der Ge­setz­ge­ber kei­ne wei­ter-

ge­hen­den Vor­ga­ben für die Aus­ge­stal­tung von So­zi­alplänen ge­macht hat, son­dern in­so­weit den Be­triebs­par­tei­en er­heb­li­che Ge­stal­tungs­spielräume einräumt. Dies ist we­gen der im Ein­zel­fall er­for­der­li­chen Fle­xi­bi­lität ge­bo­ten


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(BAG 26. Mai 2009 - 1 AZR 198/08 - Rn. 44, BA­GE 131, 61). Am Maßstab des Verhält­nismäßig­keits­grund­sat­zes ist al­ler­dings stets zu prüfen, ob die kon­kret ge­trof­fe­ne Re­ge­lung den ge­setz­li­chen und uni­ons­recht­li­chen An­for­de­run­gen ent­spricht. Da­nach muss die So­zi­al­plan­ge­stal­tung ge­eig­net sein, das mit § 10 Satz 3 Nr. 6 AGG ver­folg­te Ziel, älte­ren Ar­beit­neh­mern we­gen de­ren schlech­te­ren Ar­beits­markt­chan­cen ei­nen höhe­ren Nach­teils­aus­gleich zu gewähren, tatsächlich zu fördern. Die In­ter­es­sen der be­nach­tei­lig­ten Al­ters­grup­pen dürfen da­bei nicht un­verhält­nismäßig stark ver­nachlässigt wer­den (BAG 23. März 2010 - 1 AZR 832/08 - Rn. 20, AP Be­trVG 1972 § 75 Nr. 55 = EzA Be­trVG 2001 § 112 Nr. 35).

II. Nach die­sen Grundsätzen ist die Re­ge­lung des al­ters­be­zo­ge­nen

Fak­tors in dem So­zi­al­plan nicht zu be­an­stan­den.

1. Die Be­triebs­par­tei­en ha­ben in Nr. 2.1.1 des So­zi­al­plans ei­ne Grup­pen

bil­dung vor­ge­nom­men, die ei­ne un­mit­tel­ba­re Be­nach­tei­li­gung der Ar­beit­neh­mer

we­gen des Al­ters be­wirkt. Erst ab dem 40. Le­bens­jahr er­hal­ten Beschäftig­te die

vol­le Ab­fin­dung, ab dem 30. bis zum 39. Le­bens­jahr da­ge­gen nur 90 % und bis

zum 29. Le­bens­jahr nur 80 %.

2. Die­se Un­gleich­be­hand­lung steht je­doch im Ein­klang mit § 10 Satz 3
Nr. 6 AGG und ist in ih­rer kon­kre­ten Aus­ge­stal­tung nicht un­verhält­nismäßig.

a) Der mit dem Al­ters­fak­tor ver­folg­te Re­ge­lungs­zweck er­gibt sich aus dem

Ge­samt­zu­sam­men­hang des So­zi­al­plans. Die So­zi­al­plan­ab­fin­dung er­rech­net sich zunächst nach der Dau­er der Be­triebs­zu­gehörig­keit in Jah­ren mul­ti­pli­ziert mit dem Brut­to­mo­nats­ver­dienst. Der sich hier­aus er­ge­ben­de Be­trag soll die nach An­sicht der Be­triebs­par­tei­en bei ei­nem Ar­beits­platz­ver­lust ent­ste­hen­den wirt­schaft­li­chen Nach­tei­le aus­glei­chen. Durch die Ver­wen­dung des Al­ters­fak­tors ha­ben sie die ih­rer Auf­fas­sung nach un­ter­schied­li­chen Ar­beits­markt­chan­cen der Ar­beit­neh­mer nach Al­ters­grup­pen ge­wich­tet. Dies ent­spricht auch dem übli­chen Verständ­nis sol­cher Re­ge­lun­gen. An­halts­punk­te für ei­ne hier­von ab­wei­chen­de Zweck­be­stim­mung sind dem So­zi­al­plan nicht zu ent­neh­men.


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b) Die Al­ters­grup­pen­bil­dung ist ge­eig­net, das Re­ge­lungs­ziel - Aus­gleich

der erhöhten wirt­schaft­li­chen Nach­tei­le älte­rer Ar­beit­neh­mer in­fol­ge des Ar­beits­platz­ver­lus­tes - zu fördern.

aa) Nach der Se­nats­recht­spre­chung ha­ben die Be­triebs­par­tei­en bei der

Be­stim­mung der ih­rer Mei­nung nach aus­gleichs­bedürf­ti­gen Nach­tei­le ei­nen Be­ur­tei­lungs­spiel­raum. Die­ser be­trifft zum ei­nen die tatsächli­che Einschätzung der mit der Be­triebsände­rung für die be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer ver­bun­de­nen wirt­schaft­li­chen Fol­gen, die sich re­gelmäßig nicht in al­len Ein­zel­hei­ten si­cher vor­her­sa­gen las­sen, son­dern nur Ge­gen­stand ei­ner Pro­gno­se sein können. Bei der Be­en­di­gung von Ar­beits­verhält­nis­sen hängen die Chan­cen der ein­zel­nen Ar­beit­neh­mer, über­haupt oder in ab­seh­ba­rer Zeit ei­ne gleich­wer­ti­ge neue Ar­beits­stel­le zu fin­den, von ei­ner Viel­zahl nicht ge­nau fest­stell­ba­rer sub­jek­ti­ver und ob­jek­ti­ver Umstände ab. Ei­ne pau­scha­lie­ren­de und ty­pi­sie­ren­de Be­wer­tung der wirt­schaft­li­chen Nach­tei­le ist da­her zu­meist un­umgäng­lich (BAG 11. No­vem­ber 2008 - 1 AZR 475/07 - Rn. 21, BA­GE 128, 275). Darüber hin­aus ha­ben die Be­triebs­par­tei­en ei­nen Ge­stal­tungs­spiel­raum in Be­zug auf die Fra­ge, ob, in wel­chem Um­fang und wie sie die pro­gnos­ti­zier­ten wirt­schaft­li­chen Nach­tei­le aus­glei­chen oder ab­mil­dern wol­len. Im Rah­men ih­res Er­mes­sens können sie nach der Ver­meid­bar­keit der Nach­tei­le un­ter­schei­den und sind nicht ge­hal­ten, al­le denk­ba­ren Nach­tei­le zu entschädi­gen (BAG 19. Fe­bru­ar 2008 - 1 AZR 1004/06 - Rn. 25, BA­GE 125, 366). Der Spiel­raum schließt ty­pi­sie­ren­de Ge­stal­tun­gen ein.

bb) Die Be­triebs­par­tei­en durf­ten im Rah­men ih­res Be­ur­tei­lungs­spiel­raums

da­von aus­ge­hen, dass sich die Ar­beits­markt­chan­cen der von der Be­triebsände­rung be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer fort­schrei­tend ver­schlech­tern. Die­se dem All­ge­mei­nen Gleich­be­hand­lungs­ge­setz zu­grun­de lie­gen­de Einschätzung des Ge­setz­ge­bers wird durch veröffent­lich­te Ar­beits­markt­zah­len bestätigt. Nach An­ga­ben der Bun­des­agen­tur für Ar­beit be­trug im Jah­re 2007 der Ar­beits­lo­sen­be­stand in den Al­ters­grup­pen 25 bis un­ter 30 Jah­re 11,4 %, 30 bis un­ter 35 Jah­re 10,7 %, 35 bis un­ter 40 Jah­re 12,7 %, 40 bis un­ter 45 Jah­re 14,2 %, 45 bis un­ter 50 Jah­re 13,9 % und 50 bis un­ter 55 Jah­re 13,6 % (Amt­li­che Nach-


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rich­ten der Bun­des­agen­tur für Ar­beit - Ar­beits­markt 2007 S. 194). Dar­in zeigt sich - ab­ge­hen von dem ge­ringfügi­gen Rück­gang in der Grup­pe 30 bis un­ter 35 Jah­re - mit zu­neh­men­dem Al­ter ein ste­ti­ger An­stieg am An­teil des Ar­beits­lo­sen­be­stan­des. Die­ses Er­geb­nis wird durch die Sta­tis­tik der Bun­des­agen­tur für Ar­beit zur durch­schnitt­li­chen Dau­er der Ar­beits­lo­sig­keit nach Al­ters­grup­pen un­ter­mau­ert. Im Jah­re 2007 be­lief sich die Durch­schnitts­dau­er der Ar­beits­lo­sig­keit in der Grup­pe der 25- bis 29-Jähri­gen auf 200 Ta­ge, in der Grup­pe der 30-bis 34-Jähri­gen auf 267 Ta­ge, in der Grup­pe der 35- bis 39-Jähri­gen auf 303 Ta­ge, in der Grup­pe der 40- bis 44-Jähri­gen auf 330 Ta­ge, in der Grup­pe der 45- bis 49-Jähri­gen auf 362 Ta­ge und in der Grup­pe der 50- bis 54-Jähri­gen auf 415 Ta­ge (Sta­tis­tik der Bun­des­agen­tur für Ar­beit - Durch­schnitt­li­che Dau­er der Ar­beits­lo­sig­keit nach Al­ters­grup­pen 2007). Dies macht deut­lich, dass das Ri­si­ko des Ver­bleibs in der Ar­beits­lo­sig­keit be­reits nach Voll­endung des 25. Le­bens­jahrs in 5-Jah­res-Stu­fen ste­tig an­steigt.

cc) Die Be­triebs­par­tei­en wa­ren ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Kläge­rin nicht

ver­pflich­tet, die Ar­beits­markt­chan­cen der vom Ar­beits­platz­ab­bau be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer in den ein­zel­nen Re­gio­nen kon­kret zu er­mit­teln. Im Hin­blick dar­auf, dass bei der Be­en­di­gung von Ar­beits­verhält­nis­sen die Chan­cen der ein­zel­nen Ar­beit­neh­mer, über­haupt oder in ab­seh­ba­rer Zeit ei­ne gleich­wer­ti­ge neue Ar­beits­stel­le zu fin­den, von ei­ner Viel­zahl nicht ge­nau fest­stell­ba­rer sub­jek­ti­ver und ob­jek­ti­ver Umstände abhängen, war viel­mehr ei­ne pau­scha­lie­ren­de und ty­pi­sie­ren­de Be­wer­tung der wirt­schaft­li­chen Nach­tei­le zulässig. Die Kläge­rin hat im Übri­gen nicht näher dar­ge­legt, dass die re­gio­na­len Un­ter­schie­de von sol­chem Ge­wicht sind, dass die er­folg­te Pau­scha­lie­rung un­ver­tret­bar er­scheint.

c) Die aus der Al­ters­grup­pen­bil­dung re­sul­tie­ren­den Un­ter­schie­de bei der

Be­mes­sung der Ab­fin­dung sind an­ge­mes­sen und er­for­der­lich iSd. § 10 Satz 2 AGG. Die von den Be­triebs­par­tei­en vor­ge­nom­me­ne Grup­pen­bil­dung ist er­for­der­lich, um die sich mit zu­neh­men­dem Al­ter ver­schlech­tern­den Chan­cen auf dem Ar­beits­markt und die da­mit ver­bun­de­nen wirt­schaft­li­chen Nach­tei­le aus­zu­glei­chen oder zu mil­dern. Mit den gewähl­ten Al­ters­grup­pen ha­ben sie den ih­nen


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zu­ste­hen­den Ge­stal­tungs­spiel­raum nicht über­schrit­ten, son­dern das zu­neh­men­de Ri­si­ko länge­rer Er­werbs­lo­sig­keit in ver­tret­ba­rer Wei­se berück­sich­tigt. Die Grup­pe der 30- bis 39-Jähri­gen, zu wel­cher auch die Kläge­rin gehörte, hat­te aus­weis­lich der Sta­tis­tik der Bun­des­agen­tur für Ar­beit be­tref­fend die durch­schnitt­li­che Dau­er der Ar­beits­lo­sig­keit im Jah­re 2007 bes­se­re Chan­cen auf dem Ar­beits­markt als die Grup­pe der Beschäftig­ten ab dem 40. Le­bens­jahr. Dies be­le­gen die oben ge­nann­ten Zah­len. An­de­rer­seits hat die Grup­pe der 30- bis 39-Jähri­gen schlech­te­re Ar­beits­markt­chan­cen als die Grup­pe der bis zu 29-jähri­gen Ar­beit­neh­mer, so dass die­sen ge­genüber ein höhe­rer Fak­tor ge­recht­fer­tigt ist. Die Ab­stu­fung um je­weils zehn Pro­zent­punk­te berück­sich­tigt das an­stei­gen­de Ri­si­ko der Ar­beits­lo­sig­keit in an­ge­mes­se­ner Wei­se. Dass der So­zi­al­plan in­ner­halb der Per­so­nen­grup­pe, die älter als 40 Jah­re alt ist, nicht wei­ter dif­fe­ren­ziert, stellt an­ge­sichts ei­nes So­zi­al­plan-vo­lu­mens, das nach der ge­setz­li­chen Kon­zep­ti­on des § 112 Be­trVG Rück­sicht auf die wirt­schaft­li­che Leis­tungsfähig­keit der Ar­beit­ge­be­rin zu neh­men hat, die An­ge­mes­sen­heit der Stu­fung nicht in Fra­ge.

Schmidt Koch Linck

Rath Olaf Kunz

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