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Urteile zum Arbeitsrecht
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Schlag­worte: Bewerbung, Diskriminierung: Bewerbung, Diskriminierung: Auskunftsanspruch, Diskriminierung: Beweiserleichterung
   
Gericht: Europäischer Gerichtshof
Akten­zeichen: C-415/10
Typ: Urteil
Ent­scheid­ungs­datum: 19.04.2012
   
Leit­sätze:
Vor­ins­tan­zen: Bundesarbeitsgericht, Beschluss vom 20.05.2010, 8 AZR 287/08 (A)
   

UR­TEIL DES GERICH­TSHOFS (Zwei­te Kam­mer)

19. April 2012(*)

„Richt­li­ni­en 2000/43/EG, 2000/78/EG und 2006/54/EG – Gleich­be­hand­lung in Beschäfti­gung und Be­ruf – Ar­beit­neh­mer, der schlüssig dar­legt, dass er die in ei­ner Stel­len­aus­schrei­bung ge­nann­ten Vor­aus­set­zun­gen für ei­ne aus­ge­schrie­be­ne Stel­le erfüllt – An­spruch die­ses Ar­beit­neh­mers auf Aus­kunft darüber, ob der Ar­beit­ge­ber ei­nen an­de­ren Be­wer­ber ein­ge­stellt hat“

In der Rechts­sa­che C‑415/10

be­tref­fend ein Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen nach Art. 267 AEUV, ein­ge­reicht vom Bun­des­ar­beits­ge­richt (Deutsch­land) mit Ent­schei­dung vom 20. Mai 2010, beim Ge­richts­hof ein­ge­gan­gen am 20. Au­gust 2010, in dem Ver­fah­ren

Ga­li­na Meis­ter

ge­gen

Speech De­sign Car­ri­er Sys­tems GmbH

erlässt

DER GERICH­TSHOF (Zwei­te Kam­mer)

un­ter Mit­wir­kung des Kam­mer­präsi­den­ten J. N. Cun­ha Ro­d­ri­gues so­wie der Rich­ter U. Lõhmus, A. Ro­sas (Be­richt­er­stat­ter), A. Ara­b­ad­jiev und C. G. Fern­lund,

Ge­ne­ral­an­walt: P. Men­goz­zi,

Kanz­ler: K. Ma­lacek, Ver­wal­tungs­rat,

auf­grund des schrift­li­chen Ver­fah­rens und auf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 30. No­vem­ber 2011,

un­ter Berück­sich­ti­gung der Erklärun­gen

– von Frau Meis­ter, ver­tre­ten durch Rechts­an­walt R. Wißbar,

– der Speech De­sign Car­ri­er Sys­tems GmbH, ver­tre­ten durch Rechts­anwältin U. Kap­pel­hoff,

– der deut­schen Re­gie­rung, ver­tre­ten durch T. Hen­ze und J. Möller als Be­vollmäch­tig­te,

– der Eu­ropäischen Kom­mis­si­on, ver­tre­ten durch V. Kreu­schitz als Be­vollmäch­tig­ten,

nach Anhörung der Schluss­anträge des Ge­ne­ral­an­walts in der Sit­zung vom 12. Ja­nu­ar 2012

fol­gen­des

Ur­teil

1 Das Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen be­trifft die Aus­le­gung von Art. 8 Abs. 1 der Richt­li­nie 2000/43/EG des Ra­tes vom 29. Ju­ni 2000 zur An­wen­dung des Gleich­be­hand­lungs­grund­sat­zes oh­ne Un­ter­schied der Ras­se oder der eth­ni­schen Her­kunft (ABl. L 180, S. 22), Art. 10 Abs. 1 der Richt­li­nie 2000/78/EG des Ra­tes vom 27. No­vem­ber 2000 zur Fest­le­gung ei­nes all­ge­mei­nen Rah­mens für die Ver­wirk­li­chung der Gleich­be­hand­lung in Beschäfti­gung und Be­ruf (ABl. L 303, S. 16) und Art. 19 Abs. 1 der Richt­li­nie 2006/54/EG des Eu­ropäischen Par­la­ments und des Ra­tes vom 5. Ju­li 2006 zur Ver­wirk­li­chung des Grund­sat­zes der Chan­cen­gleich­heit und Gleich­be­hand­lung von Männern und Frau­en in Ar­beits- und Beschäfti­gungs­fra­gen (ABl. L 204, S. 23).
2

Die­ses Er­su­chen er­geht im Rah­men ei­nes Rechts­streits zwi­schen Frau Meis­ter und der Speech De­sign Car­ri­er Sys­tems GmbH (im Fol­gen­den: Speech De­sign) über ei­ne von ihr gel­tend ge­mach­te Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Ge­schlechts, des Al­ters und der eth­ni­schen Her­kunft in ei­nem Ein­stel­lungs­ver­fah­ren.

Recht­li­cher Rah­men

Uni­ons­recht

Richt­li­nie 2000/43

3 Der 15. Erwägungs­grund der Richt­li­nie 2000/43 lau­tet: „Die Be­ur­tei­lung von Tat­beständen, die auf ei­ne un­mit­tel­ba­re oder mit­tel­ba­re Dis­kri­mi­nie­rung schließen las­sen, ob­liegt den ein­zel­staat­li­chen ge­richt­li­chen In­stan­zen oder an­de­ren zuständi­gen Stel­len nach den na­tio­na­len Rechts­vor­schrif­ten oder Ge­pflo­gen­hei­ten. In die­sen ein­zel­staat­li­chen Vor­schrif­ten kann ins­be­son­de­re vor­ge­se­hen sein, dass mit­tel­ba­re Dis­kri­mi­nie­rung mit al­len Mit­teln, ein­sch­ließlich sta­tis­ti­scher Be­wei­se, fest­zu­stel­len ist.“
4

Der 21. Erwägungs­grund der Richt­li­nie lau­tet: „Ei­ne Ände­rung der Re­geln für die Be­weis­last­ver­tei­lung ist ge­bo­ten, wenn ein glaub­haf­ter An­schein ei­ner Dis­kri­mi­nie­rung be­steht. Zur wirk­sa­men An­wen­dung des Gleich­be­hand­lungs­grund­sat­zes ist ei­ne Ver­la­ge­rung der Be­weis­last auf die be­klag­te Par­tei er­for­der­lich, wenn ei­ne sol­che Dis­kri­mi­nie­rung nach­ge­wie­sen ist.“

5

Art. 1 der Richt­li­nie lau­tet:

„Zweck die­ser Richt­li­nie ist die Schaf­fung ei­nes Rah­mens zur Bekämp­fung der Dis­kri­mi­nie­rung auf­grund der Ras­se oder der eth­ni­schen Her­kunft im Hin­blick auf die Ver­wirk­li­chung des Grund­sat­zes der Gleich­be­hand­lung in den Mit­glied­staa­ten.“

6

Art. 3 Abs. 1 der Richt­li­nie be­stimmt:

„Im Rah­men der auf die Ge­mein­schaft über­tra­ge­nen Zuständig­kei­ten gilt die­se Richt­li­nie für al­le Per­so­nen in öffent­li­chen und pri­va­ten Be­rei­chen, ein­sch­ließlich öffent­li­cher Stel­len, in Be­zug auf:

a) die Be­din­gun­gen – ein­sch­ließlich Aus­wahl­kri­te­ri­en und Ein­stel­lungs­be­din­gun­gen – für den Zu­gang zu un­selbständi­ger und selbständi­ger Er­werbstätig­keit, un­abhängig von Tätig­keits­feld und be­ruf­li­cher Po­si­ti­on, so­wie für den be­ruf­li­chen Auf­stieg;

…“

7

Art. 7 Abs. 1 der Richt­li­nie 2000/43 sieht vor:

„Die Mit­glied­staa­ten stel­len si­cher, dass al­le Per­so­nen, die sich durch die Nicht­an­wen­dung des Gleich­be­hand­lungs­grund­sat­zes in ih­ren Rech­ten für ver­letzt hal­ten, ih­re Ansprüche aus die­ser Richt­li­nie auf dem Ge­richts- und/oder Ver­wal­tungs­weg so­wie, wenn die Mit­glied­staa­ten es für an­ge­zeigt hal­ten, in Sch­lich­tungs­ver­fah­ren gel­tend ma­chen können, selbst wenn das Verhält­nis, während des­sen die Dis­kri­mi­nie­rung vor­ge­kom­men sein soll, be­reits be­en­det ist.“

8

Art. 8 („Be­weis­last“) der Richt­li­nie lau­tet:

„(1) Die Mit­glied­staa­ten er­grei­fen im Ein­klang mit ih­rem na­tio­na­len Ge­richts­we­sen die er­for­der­li­chen Maßnah­men, um zu gewähr­leis­ten, dass im­mer dann, wenn Per­so­nen, die sich durch die Nicht­an­wen­dung des Gleich­be­hand­lungs­grund­sat­zes für ver­letzt hal­ten und bei ei­nem Ge­richt oder ei­ner an­de­ren zuständi­gen Stel­le Tat­sa­chen glaub­haft ma­chen, die das Vor­lie­gen ei­ner un­mit­tel­ba­ren oder mit­tel­ba­ren Dis­kri­mi­nie­rung ver­mu­ten las­sen, es dem Be­klag­ten ob­liegt zu be­wei­sen, dass kei­ne Ver­let­zung des Gleich­be­hand­lungs­grund­sat­zes vor­ge­le­gen hat.

(2) Ab­satz 1 lässt das Recht der Mit­glied­staa­ten, ei­ne für den Kläger güns­ti­ge­re Be­weis­last­re­ge­lung vor­zu­se­hen, un­berührt.

(3) Ab­satz 1 gilt nicht für Straf­ver­fah­ren.

(4) Die Absätze 1, 2 und 3 gel­ten auch für Ver­fah­ren gemäß Ar­ti­kel 7 Ab­satz 2.

(5) Die Mit­glied­staa­ten können da­von ab­se­hen, Ab­satz 1 auf Ver­fah­ren an­zu­wen­den, in de­nen die Er­mitt­lung des Sach­ver­halts dem Ge­richt oder der zuständi­gen Stel­le ob­liegt.“

Richt­li­nie 2000/78

9 Der 15. Erwägungs­grund der Richt­li­nie 2000/78 lau­tet: „Die Be­ur­tei­lung von Tat­beständen, die auf ei­ne un­mit­tel­ba­re oder mit­tel­ba­re Dis­kri­mi­nie­rung schließen las­sen, ob­liegt den ein­zel­staat­li­chen ge­richt­li­chen In­stan­zen oder an­de­ren zuständi­gen Stel­len nach den ein­zel­staat­li­chen Rechts­vor­schrif­ten oder Ge­pflo­gen­hei­ten; in die­sen ein­zel­staat­li­chen Vor­schrif­ten kann ins­be­son­de­re vor­ge­se­hen sein, dass mit­tel­ba­re Dis­kri­mi­nie­rung mit al­len Mit­teln, ein­sch­ließlich sta­tis­ti­scher Be­wei­se, fest­zu­stel­len ist.“
10 Der 31. Erwägungs­grund der Richt­li­nie lau­tet: „Ei­ne Ände­rung der Re­geln für die Be­weis­last ist ge­bo­ten, wenn ein glaub­haf­ter An­schein ei­ner Dis­kri­mi­nie­rung be­steht. Zur wirk­sa­men An­wen­dung des Gleich­be­hand­lungs­grund­sat­zes ist ei­ne Ver­la­ge­rung der Be­weis­last auf die be­klag­te Par­tei er­for­der­lich, wenn ei­ne sol­che Dis­kri­mi­nie­rung nach­ge­wie­sen ist. Al­ler­dings ob­liegt es dem Be­klag­ten nicht, nach­zu­wei­sen, dass der Kläger ei­ner be­stimm­ten Re­li­gi­on an­gehört, ei­ne be­stimm­te Welt­an­schau­ung hat, ei­ne be­stimm­te Be­hin­de­rung auf­weist, ein be­stimm­tes Al­ter oder ei­ne be­stimm­te se­xu­el­le Aus­rich­tung hat.“
11

Art. 1 der Richt­li­nie lau­tet:

„Zweck die­ser Richt­li­nie ist die Schaf­fung ei­nes all­ge­mei­nen Rah­mens zur Bekämp­fung der Dis­kri­mi­nie­rung we­gen der Re­li­gi­on oder der Welt­an­schau­ung, ei­ner Be­hin­de­rung, des Al­ters oder der se­xu­el­len Aus­rich­tung in Beschäfti­gung und Be­ruf im Hin­blick auf die Ver­wirk­li­chung des Grund­sat­zes der Gleich­be­hand­lung in den Mit­glied­staa­ten.“

12

In Art. 3 Abs. 1 der Richt­li­nie heißt es:

„Im Rah­men der auf die Ge­mein­schaft über­tra­ge­nen Zuständig­kei­ten gilt die­se Richt­li­nie für al­le Per­so­nen in öffent­li­chen und pri­va­ten Be­rei­chen, ein­sch­ließlich öffent­li­cher Stel­len, in Be­zug auf

a) die Be­din­gun­gen – ein­sch­ließlich Aus­wahl­kri­te­ri­en und Ein­stel­lungs­be­din­gun­gen – für den Zu­gang zu un­selbständi­ger und selbständi­ger Er­werbstätig­keit, un­abhängig von Tätig­keits­feld und be­ruf­li­cher Po­si­ti­on, ein­sch­ließlich des be­ruf­li­chen Auf­stiegs;

…“

13

Art. 9 Abs. 1 der Richt­li­nie 2000/78 sieht vor:

„Die Mit­glied­staa­ten stel­len si­cher, dass al­le Per­so­nen, die sich durch die Nicht­an­wen­dung des Gleich­be­hand­lungs­grund­sat­zes in ih­ren Rech­ten für ver­letzt hal­ten, ih­re Ansprüche aus die­ser Richt­li­nie auf dem Ge­richts- und/oder Ver­wal­tungs­weg so­wie, wenn die Mit­glied­staa­ten es für an­ge­zeigt hal­ten, in Sch­lich­tungs­ver­fah­ren gel­tend ma­chen können, selbst wenn das Verhält­nis, während des­sen die Dis­kri­mi­nie­rung vor­ge­kom­men sein soll, be­reits be­en­det ist.“

14

Art. 10 („Be­weis­last“) der Richt­li­nie lau­tet:

„(1) Die Mit­glied­staa­ten er­grei­fen im Ein­klang mit ih­rem na­tio­na­len Ge­richts­we­sen die er­for­der­li­chen Maßnah­men, um zu gewähr­leis­ten, dass im­mer dann, wenn Per­so­nen, die sich durch die Nicht­an­wen­dung des Gleich­be­hand­lungs­grund­sat­zes für ver­letzt hal­ten und bei ei­nem Ge­richt oder ei­ner an­de­ren zuständi­gen Stel­le Tat­sa­chen glaub­haft ma­chen, die das Vor­lie­gen ei­ner un­mit­tel­ba­ren oder mit­tel­ba­ren Dis­kri­mi­nie­rung ver­mu­ten las­sen, es dem Be­klag­ten ob­liegt zu be­wei­sen, dass kei­ne Ver­let­zung des Gleich­be­hand­lungs­grund­sat­zes vor­ge­le­gen hat.

(2) Ab­satz 1 lässt das Recht der Mit­glied­staa­ten, ei­ne für den Kläger güns­ti­ge­re Be­weis­last­re­ge­lung vor­zu­se­hen, un­berührt.

(3) Ab­satz 1 gilt nicht für Straf­ver­fah­ren.

(4) Die Absätze 1, 2 und 3 gel­ten auch für Ver­fah­ren gemäß Ar­ti­kel 9 Ab­satz 2.

(5) Die Mit­glied­staa­ten können da­von ab­se­hen, Ab­satz 1 auf Ver­fah­ren an­zu­wen­den, in de­nen die Er­mitt­lung des Sach­ver­halts dem Ge­richt oder der zuständi­gen Stel­le ob­liegt.“

Richt­li­nie 2006/54

15

Der 30. Erwägungs­grund der Richt­li­nie 2006/54 lau­tet:

„Der Er­lass von Be­stim­mun­gen zur Be­weis­last ist we­sent­lich, um si­cher­zu­stel­len, dass der Grund­satz der Gleich­be­hand­lung wirk­sam durch­ge­setzt wer­den kann. Wie der Ge­richts­hof ent­schie­den hat, soll­ten da­her Be­stim­mun­gen vor­ge­se­hen wer­den, die si­cher­stel­len, dass die Be­weis­last – außer im Zu­sam­men­hang mit Ver­fah­ren, in de­nen die Er­mitt­lung des Sach­ver­halts dem Ge­richt oder der zuständi­gen na­tio­na­len Stel­le ob­liegt – auf die be­klag­te Par­tei ver­la­gert wird, wenn der An­schein ei­ner Dis­kri­mi­nie­rung be­steht. Es ist je­doch klar­zu­stel­len, dass die Be­wer­tung der Tat­sa­chen, die das Vor­lie­gen ei­ner un­mit­tel­ba­ren oder mit­tel­ba­ren Dis­kri­mi­nie­rung ver­mu­ten las­sen, wei­ter­hin der ein­schlägi­gen ein­zel­staat­li­chen Stel­le im Ein­klang mit den in­ner­staat­li­chen Rechts­vor­schrif­ten oder Ge­pflo­gen­hei­ten ob­liegt. Außer­dem bleibt es den Mit­glied­staa­ten über­las­sen, auf je­der Stu­fe des Ver­fah­rens ei­ne für die kla­gen­de Par­tei güns­ti­ge­re Be­weis­last­re­ge­lung vor­zu­se­hen.“

16

In Art. 1 der ge­nann­ten Richt­li­nie heißt es:

„Ziel der vor­lie­gen­den Richt­li­nie ist es, die Ver­wirk­li­chung des Grund­sat­zes der Chan­cen­gleich­heit und Gleich­be­hand­lung von Männern und Frau­en in Ar­beits- und Beschäfti­gungs­fra­gen si­cher­zu­stel­len.

Zu die­sem Zweck enthält sie Be­stim­mun­gen zur Ver­wirk­li­chung des Grund­sat­zes der Gleich­be­hand­lung in Be­zug auf

a) den Zu­gang zur Beschäfti­gung ein­sch­ließlich des be­ruf­li­chen Auf­stiegs und zur Be­rufs­bil­dung,

…“

17

In Art. 14 Abs. 1 der Richt­li­nie heißt es:

„Im öffent­li­chen und pri­va­ten Sek­tor ein­sch­ließlich öffent­li­cher Stel­len darf es in Be­zug auf fol­gen­de Punk­te kei­ner­lei un­mit­tel­ba­re oder mit­tel­ba­re Dis­kri­mi­nie­rung auf­grund des Ge­schlechts ge­ben:

a) die Be­din­gun­gen – ein­sch­ließlich Aus­wahl­kri­te­ri­en und Ein­stel­lungs­be­din­gun­gen – für den Zu­gang zur Beschäfti­gung oder zu abhängi­ger oder selbständi­ger Er­werbstätig­keit, un­abhängig von Tätig­keits­feld und be­ruf­li­cher Po­si­ti­on ein­sch­ließlich des be­ruf­li­chen Auf­stiegs;

…“

18

Art. 17 Abs. 1 der Richt­li­nie 2006/54 be­stimmt:

„Die Mit­glied­staa­ten stel­len si­cher, dass al­le Per­so­nen, die sich durch die Nicht­an­wen­dung des Gleich­be­hand­lungs­grund­sat­zes in ih­ren Rech­ten für ver­letzt hal­ten, ih­re Ansprüche aus die­ser Richt­li­nie ge­ge­be­nen­falls nach In­an­spruch­nah­me an­de­rer zuständi­ger Behörden oder, wenn die Mit­glied­staa­ten es für an­ge­zeigt hal­ten, nach ei­nem Sch­lich­tungs­ver­fah­ren auf dem Ge­richts­weg gel­tend ma­chen können, selbst wenn das Verhält­nis, während des­sen die Dis­kri­mi­nie­rung vor­ge­kom­men sein soll, be­reits be­en­det ist.“

19

Art. 19 („Be­weis­last“) der Richt­li­nie lau­tet:

„(1) Die Mit­glied­staa­ten er­grei­fen im Ein­klang mit dem Sys­tem ih­rer na­tio­na­len Ge­richts­bar­keit die er­for­der­li­chen Maßnah­men, nach de­nen dann, wenn Per­so­nen, die sich durch die Ver­let­zung des Gleich­be­hand­lungs­grund­sat­zes für be­schwert hal­ten und bei ei­nem Ge­richt bzw. ei­ner an­de­ren zuständi­gen Stel­le Tat­sa­chen glaub­haft ma­chen, die das Vor­lie­gen ei­ner un­mit­tel­ba­ren oder mit­tel­ba­ren Dis­kri­mi­nie­rung ver­mu­ten las­sen, es dem Be­klag­ten ob­liegt zu be­wei­sen, dass kei­ne Ver­let­zung des Gleich­be­hand­lungs­grund­sat­zes vor­ge­le­gen hat.

(2) Ab­satz 1 lässt das Recht der Mit­glied­staa­ten, ei­ne für die kla­gen­de Par­tei güns­ti­ge­re Be­weis­last­re­ge­lung vor­zu­se­hen, un­berührt.

(3) Die Mit­glied­staa­ten können da­von ab­se­hen, Ab­satz 1 auf Ver­fah­ren an­zu­wen­den, in de­nen die Er­mitt­lung des Sach­ver­halts dem Ge­richt oder ei­ner an­de­ren zuständi­gen Stel­le ob­liegt.

(4) Die Absätze 1, 2 und 3 fin­den eben­falls An­wen­dung auf

a) die Si­tua­tio­nen, die von Ar­ti­kel 141 des [EG-]Ver­trags und – so­fern die Fra­ge ei­ner Dis­kri­mi­nie­rung auf­grund des Ge­schlechts an­ge­spro­chen ist – von den Richt­li­ni­en 92/85/EWG und 96/34/EG er­fasst wer­den;

b) zi­vil- und ver­wal­tungs­recht­li­che Ver­fah­ren so­wohl im öffent­li­chen als auch im pri­va­ten Sek­tor, die Rechts­be­hel­fe nach in­ner­staat­li­chem Recht bei der An­wen­dung der Vor­schrif­ten gemäß Buch­sta­be a vor­se­hen, mit Aus­nah­me der frei­wil­li­gen oder in den in­ner­staat­li­chen Rechts­vor­schrif­ten vor­ge­se­he­nen außer­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren.

(5) So­weit von den Mit­glied­staa­ten nicht an­ders ge­re­gelt, gilt die­ser Ar­ti­kel nicht für Straf­ver­fah­ren.“

Na­tio­na­les Recht

20

§ 1 des All­ge­mei­nen Gleich­be­hand­lungs­ge­set­zes vom 14. Au­gust 2006 (BGBl. 2006 I S. 1897) in der zu dem im Aus­gangs­ver­fah­ren maßge­ben­den Zeit­punkt gel­ten­den Fas­sung (im Fol­gen­den: AGG) be­stimmt:

„Ziel des Ge­set­zes ist, Be­nach­tei­li­gun­gen aus Gründen der Ras­se oder we­gen der eth­ni­schen Her­kunft, des Ge­schlechts, der Re­li­gi­on oder Welt­an­schau­ung, ei­ner Be­hin­de­rung, des Al­ters oder der se­xu­el­len Iden­tität zu ver­hin­dern oder zu be­sei­ti­gen.“

21

§ 3 Abs. 1 AGG lau­tet:

„Ei­ne un­mit­tel­ba­re Be­nach­tei­li­gung liegt vor, wenn ei­ne Per­son we­gen ei­nes in § 1 ge­nann­ten Grun­des ei­ne we­ni­ger güns­ti­ge Be­hand­lung erfährt, als ei­ne an­de­re Per­son in ei­ner ver­gleich­ba­ren Si­tua­ti­on erfährt, er­fah­ren hat oder er­fah­ren würde. Ei­ne un­mit­tel­ba­re Be­nach­tei­li­gung we­gen des Ge­schlechts liegt in Be­zug auf § 2 Abs. 1 Nr. 1 bis 4 auch im Fal­le ei­ner ungüns­ti­ge­ren Be­hand­lung ei­ner Frau we­gen Schwan­ger­schaft oder Mut­ter­schaft vor.“

22

§ 6 Abs. 1 AGG be­stimmt:

„Beschäftig­te im Sin­ne die­ses Ge­set­zes sind

1. Ar­beit­neh­me­rin­nen und Ar­beit­neh­mer,

2. die zu ih­rer Be­rufs­bil­dung Beschäftig­ten,

3. Per­so­nen, die we­gen ih­rer wirt­schaft­li­chen Un­selbstständig­keit als ar­beit­neh­merähn­li­che Per­so­nen an­zu­se­hen sind; zu die­sen gehören auch die in Heim­ar­beit Beschäftig­ten und die ih­nen Gleich­ge­stell­ten.

Als Beschäftig­te gel­ten auch die Be­wer­be­rin­nen und Be­wer­ber für ein Beschäfti­gungs­verhält­nis so­wie die Per­so­nen, de­ren Beschäfti­gungs­verhält­nis be­en­det ist.“

23 Gemäß § 7 Abs. 1 AGG dürfen Beschäftig­te nicht we­gen ei­nes in § 1 ge­nann­ten Grun­des be­nach­tei­ligt wer­den. Dies gilt auch, wenn die Per­son, die die Be­nach­tei­li­gung be­geht, das Vor­lie­gen ei­nes in § 1 ge­nann­ten Grun­des bei der Be­nach­tei­li­gung nur an­nimmt. 
24

§ 15 Abs. 2 AGG lau­tet:

„We­gen ei­nes Scha­dens, der nicht Vermögens­scha­den ist, kann der oder die Beschäftig­te ei­ne an­ge­mes­se­ne Entschädi­gung in Geld ver­lan­gen. Die Entschädi­gung darf bei ei­ner Nicht­ein­stel­lung drei Mo­nats­gehälter nicht über­stei­gen, wenn der oder die Beschäftig­te auch bei be­nach­tei­li­gungs­frei­er Aus­wahl nicht ein­ge­stellt wor­den wäre.“

25

§ 22 AGG be­stimmt:

„Wenn im Streit­fall die ei­ne Par­tei In­di­zi­en be­weist, die ei­ne Be­nach­tei­li­gung we­gen ei­nes in § 1 ge­nann­ten Grun­des ver­mu­ten las­sen, trägt die an­de­re Par­tei die Be­weis­last dafür, dass kein Ver­s­toß ge­gen die Be­stim­mun­gen zum Schutz vor Be­nach­tei­li­gung vor­ge­le­gen hat.“

Sach­ver­halt des Aus­gangs­rechts­streits und Vor­la­ge­fra­gen

26 Frau Meis­ter wur­de am 7. Sep­tem­ber 1961 ge­bo­ren und ist rus­si­scher Her­kunft. Sie ist In­ha­be­rin ei­nes rus­si­schen Di­ploms als Sys­tem­tech­nik-In­ge­nieu­rin, des­sen Gleich­wer­tig­keit mit ei­nem von ei­ner Fach­hoch­schu­le er­teil­ten deut­schen Di­plom in Deutsch­land an­er­kannt wur­de. 
27 Speech De­sign veröffent­lich­te in der Pres­se ei­ne Stel­len­an­zei­ge für „ei­ne/n er­fah­re­ne/n Soft­ware­ent­wick­ler/‑in“, auf die sich Frau Meis­ter am 5. Ok­to­ber 2006 be­warb. Mit Schrei­ben vom 11. Ok­to­ber 2006 lehn­te Speech De­sign ih­re Be­wer­bung ab, oh­ne sie zu ei­nem Vor­stel­lungs­gespräch ein­zu­la­den. Kurz da­nach er­schien im In­ter­net ei­ne zwei­te Stel­len­an­zei­ge von Speech De­sign, de­ren In­halt dem der ers­ten An­zei­ge ent­sprach. Am 19. Ok­to­ber 2006 be­warb sich Frau Meis­ter er­neut um die Stel­le, doch lehn­te Speech De­sign ih­re Be­wer­bung wie­der­um ab, oh­ne sie zu ei­nem Gespräch ein­zu­la­den und oh­ne Gründe für die­se Ab­leh­nung an­zu­ge­ben.
28 Aus der dem Ge­richts­hof vor­lie­gen­den Ak­te er­ge­ben sich kei­ne An­halts­punk­te dafür, dass Speech De­sign gel­tend mach­te, die Qua­li­fi­ka­ti­on von Frau Meis­ter ent­spre­che nicht den An­for­de­run­gen für die zu be­set­zen­de Stel­le. 
29

Frau Meis­ter war der An­sicht, dass sie die An­for­de­run­gen für die be­tref­fen­de Stel­le erfülle und we­gen ih­res Ge­schlechts, ih­res Al­ters und ih­rer eth­ni­schen Her­kunft ungüns­ti­ger be­han­delt wor­den sei als ei­ne an­de­re Per­son in ei­ner ver­gleich­ba­ren Si­tua­ti­on. Sie er­hob da­her beim Ar­beits­ge­richt Kla­ge ge­gen Speech De­sign und be­an­trag­te, die­se ers­tens zur Zah­lung von Scha­dens­er­satz we­gen Dis­kri­mi­nie­rung bei der Beschäfti­gung und zwei­tens zur Vor­la­ge der Be­wer­bungs­un­ter­la­gen des ein­ge­stell­ten Be­wer­bers zu ver­ur­tei­len, um ihr den Nach­weis zu ermögli­chen, dass sie bes­ser qua­li­fi­ziert sei als Letz­te­rer.

30 Ge­gen das Ur­teil, mit dem ih­re Kla­ge in ers­ter In­stanz ab­ge­wie­sen wur­de, leg­te Frau Meis­ter beim Lan­des­ar­beits­ge­richt Be­ru­fung ein, die eben­falls er­folg­los blieb. Dar­auf­hin leg­te Frau Meis­ter Re­vi­si­on zum Bun­des­ar­beits­ge­richt ein. Die­ses Ge­richt fragt sich, ob Frau Meis­ter auf der Grund­la­ge der Richt­li­ni­en 2000/43, 2000/78 und 2006/54 ei­nen Aus­kunfts­an­spruch gel­tend ma­chen kann und, wenn ja, wel­che Fol­gen ei­ne Aus­kunfts­ver­wei­ge­rung durch Speech De­sign ha­ben würde.
31 Un­ter die­sen Umständen hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt be­schlos­sen, das Ver­fah­ren aus­zu­set­zen und dem Ge­richts­hof fol­gen­de Fra­gen zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­zu­le­gen:

1. Sind Art. 19 Abs. 1 der Richt­li­nie 2006/54, Art. 8 Abs. 1 der Richt­li­nie 2000/43 und Art. 10 Abs. 1 der Richt­li­nie 2000/78 da­hin ge­hend aus­zu­le­gen, dass ei­nem Ar­beit­neh­mer, der dar­legt, dass er die Vor­aus­set­zun­gen für ei­ne von ei­nem Ar­beit­ge­ber aus­ge­schrie­be­ne Stel­le erfüllt, im Fal­le sei­ner Nicht­berück­sich­ti­gung ein An­spruch ge­gen den Ar­beit­ge­ber auf Aus­kunft ein­geräumt wer­den muss, ob die­ser ei­nen an­de­ren Be­wer­ber ein­ge­stellt hat und, wenn ja, auf­grund wel­cher Kri­te­ri­en die­se Ein­stel­lung er­folgt ist?

2. Falls die ers­te Fra­ge be­jaht wird:

Ist der Um­stand, dass der Ar­beit­ge­ber die ge­for­der­te Aus­kunft nicht er­teilt, ei­ne Tat­sa­che, wel­che das Vor­lie­gen der vom Ar­beit­neh­mer be­haup­te­ten Dis­kri­mi­nie­rung ver­mu­ten lässt?

Zu den Vor­la­ge­fra­gen

Zur ers­ten Fra­ge

32 Mit sei­ner ers­ten Fra­ge möch­te das vor­le­gen­de Ge­richt wis­sen, ob Art. 8 Abs. 1 der Richt­li­nie 2000/43, Art. 10 Abs. 1 der Richt­li­nie 2000/78 und Art. 19 Abs. 1 der Richt­li­nie 2006/54 da­hin ge­hend aus­zu­le­gen sind, dass sie für ei­nen Ar­beit­neh­mer, der schlüssig dar­legt, dass er die in ei­ner Stel­len­aus­schrei­bung ge­nann­ten Vor­aus­set­zun­gen erfüllt, und des­sen Be­wer­bung nicht berück­sich­tigt wur­de, ei­nen An­spruch auf Aus­kunft darüber vor­se­hen, ob der Ar­beit­ge­ber am En­de des Ein­stel­lungs­ver­fah­rens ei­nen an­de­ren Be­wer­ber ein­ge­stellt hat und, wenn ja, auf­grund wel­cher Kri­te­ri­en.
33 Zunächst ist dar­auf hin­zu­wei­sen, dass sich aus Art. 3 Abs. 1 Buchst. a der Richt­li­nie 2000/43, Art. 3 Abs. 1 Buchst. a der Richt­li­nie 2000/78 so­wie Art. 1 Abs. 2 Buchst. a und Art. 14 Abs. 1 Buchst. a der Richt­li­nie 2006/54 er­gibt, dass die­se Richt­li­ni­en für ei­ne Per­son gel­ten, die ei­ne Beschäfti­gung sucht, und zwar auch in Be­zug auf die Aus­wahl­kri­te­ri­en und Ein­stel­lungs­be­din­gun­gen für die­se Beschäfti­gung.
34 Fer­ner se­hen Art. 8 Abs. 1 der Richt­li­nie 2000/43, Art. 10 Abs. 1 der Richt­li­nie 2000/78 und Art. 19 Abs. 1 der Richt­li­nie 2006/54 im We­sent­li­chen vor, dass die Mit­glied­staa­ten im Ein­klang mit ih­rem na­tio­na­len Ge­richts­we­sen die er­for­der­li­chen Maßnah­men er­grei­fen, um zu gewähr­leis­ten, dass im­mer dann, wenn Per­so­nen, die sich durch die Nicht­an­wen­dung des Gleich­be­hand­lungs­grund­sat­zes für ver­letzt hal­ten und bei ei­nem Ge­richt oder ei­ner an­de­ren zuständi­gen Stel­le Tat­sa­chen glaub­haft ma­chen, die das Vor­lie­gen ei­ner un­mit­tel­ba­ren oder mit­tel­ba­ren Dis­kri­mi­nie­rung ver­mu­ten las­sen, es dem Be­klag­ten ob­liegt zu be­wei­sen, dass kei­ne Ver­let­zung die­ses Grund­sat­zes vor­ge­le­gen hat.
35 Die ge­nann­ten Be­stim­mun­gen sind na­he­zu wort­gleich mit Art. 4 Abs. 1 der Richt­li­nie 97/80/EG des Ra­tes vom 15. De­zem­ber 1997 über die Be­weis­last bei Dis­kri­mi­nie­rung auf­grund des Ge­schlechts (ABl. 1998, L 14, S. 6), mit des­sen Aus­le­gung sich der Ge­richts­hof u. a. in sei­nem Ur­teil vom 21. Ju­li 2011, Kel­ly (C‑104/10, noch nicht in der amt­li­chen Samm­lung veröffent­licht), be­fasst hat. Art. 4 Abs. 1, der wie die ge­sam­te Richt­li­nie 97/80 durch die Richt­li­nie 2006/54 mit Wir­kung zum 15. Au­gust 2009 auf­ge­ho­ben wur­de, sah für Fälle der Dis­kri­mi­nie­rung auf­grund des Ge­schlechts die­sel­be Be­weis­last­re­ge­lung vor wie die im Aus­gangs­ver­fah­ren in Re­de ste­hen­den Richt­li­ni­en.
36 Zur Aus­le­gung von Art. 4 Abs. 1 der Richt­li­nie 97/80 hat der Ge­richts­hof in Rand­nr. 30 des Ur­teils Kel­ly ent­schie­den, dass es der Per­son ob­liegt, die sich durch die Ver­let­zung des Gleich­be­hand­lungs­grund­sat­zes für be­schwert hält, zunächst Tat­sa­chen glaub­haft zu ma­chen, die das Vor­lie­gen ei­ner un­mit­tel­ba­ren oder mit­tel­ba­ren Dis­kri­mi­nie­rung ver­mu­ten las­sen. Nur wenn die­se Per­son sol­che Tat­sa­chen glaub­haft macht, hat der Be­klag­te so­dann nach­zu­wei­sen, dass kei­ne Ver­let­zung des Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bots vor­liegt.
37 Der Ge­richts­hof hat wei­ter ent­schie­den, dass es dem ein­zel­staat­li­chen Ge­richt oder ei­ner an­de­ren zuständi­gen Stel­le ob­liegt, die Tat­sa­chen, die das Vor­lie­gen ei­ner un­mit­tel­ba­ren oder mit­tel­ba­ren Dis­kri­mi­nie­rung ver­mu­ten las­sen, im Ein­klang mit den in­ner­staat­li­chen Rechts­vor­schrif­ten oder Ge­pflo­gen­hei­ten zu be­wer­ten (Ur­teil Kel­ly, Rand­nr. 31), wie es der 15. Erwägungs­grund der Richt­li­ni­en 2000/43 und 2000/78 so­wie der 30. Erwägungs­grund der Richt­li­nie 2006/54 vor­se­hen.
38 Der Ge­richts­hof hat darüber hin­aus klar­ge­stellt, dass mit der Richt­li­nie 97/80 nach ih­rem Art. 1 ei­ne wirk­sa­me­re Durchführung der Maßnah­men gewähr­leis­tet wer­den soll­te, die von den Mit­glied­staa­ten in An­wen­dung des Gleich­be­hand­lungs­grund­sat­zes ge­trof­fen wer­den, da­mit je­der, der sich we­gen Nicht­an­wen­dung die­ses Grund­sat­zes auf ihn für be­schwert hält, sei­ne Rech­te nach et­wai­ger Be­fas­sung an­de­rer zuständi­ger Stel­len ge­richt­lich gel­tend ma­chen kann (Ur­teil Kel­ly, Rand­nr. 33). In die­sem Zu­sam­men­hang ist her­vor­zu­he­ben, dass auch Art. 7 Abs. 1 der Richt­li­nie 2000/43, Art. 9 Abs. 1 der Richt­li­nie 2000/78 und Art. 17 Abs. 1 der Richt­li­nie 2006/54 auf die­sen Grund­satz Be­zug neh­men.
39 Der Ge­richts­hof ist da­her in Rand­nr. 34 des Ur­teils Kel­ly zu dem Er­geb­nis ge­kom­men, dass Art. 4 Abs. 1 der Richt­li­nie 97/80 zwar kei­nen spe­zi­fi­schen An­spruch ei­ner Per­son, die sich durch die Ver­let­zung des Gleich­be­hand­lungs­grund­sat­zes für be­schwert hält, auf Ein­sicht­nah­me in In­for­ma­tio­nen vor­sieht, um sie in die La­ge zu ver­set­zen, „Tat­sa­chen, die das Vor­lie­gen ei­ner un­mit­tel­ba­ren oder mit­tel­ba­ren Dis­kri­mi­nie­rung ver­mu­ten las­sen“, gemäß die­ser Be­stim­mung glaub­haft zu ma­chen, dass je­doch nicht aus­ge­schlos­sen wer­den kann, dass ei­ne Ver­wei­ge­rung von In­for­ma­tio­nen durch den Be­klag­ten im Rah­men des Nach­wei­ses sol­cher Tat­sa­chen die Ver­wirk­li­chung des mit die­ser Richt­li­nie ver­folg­ten Ziels be­ein­träch­ti­gen und ins­be­son­de­re der ge­nann­ten Be­stim­mung ih­re prak­ti­sche Wirk­sam­keit neh­men kann.
40 Wie be­reits in Rand­nr. 35 des vor­lie­gen­den Ur­teils aus­geführt, wur­de die Richt­li­nie 97/80 durch die Richt­li­nie 2006/54 auf­ge­ho­ben und er­setzt. Im Hin­blick auf den Wort­laut und die Sys­te­ma­tik der Ar­ti­kel, die Ge­gen­stand des vor­lie­gen­den Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chens sind, gibt es je­doch kei­nen An­halts­punkt dafür, dass der Uni­ons­ge­setz­ge­ber durch den Er­lass der Richt­li­ni­en 2000/43, 2000/78 und 2006/54 die durch Art. 4 Abs. 1 der Richt­li­nie 97/80 ein­geführ­te Be­weis­last­re­ge­lung ändern woll­te. In­fol­ge­des­sen ist im Rah­men des Nach­wei­ses von Tat­sa­chen, die das Vor­lie­gen ei­ner un­mit­tel­ba­ren oder mit­tel­ba­ren Dis­kri­mi­nie­rung ver­mu­ten las­sen, si­cher­zu­stel­len, dass ei­ne Ver­wei­ge­rung von In­for­ma­tio­nen durch den Be­klag­ten nicht die Ver­wirk­li­chung der mit den Richt­li­ni­en 2000/43, 2000/78 und 2006/54 ver­folg­ten Zie­le zu be­ein­träch­ti­gen droht.
41 In Art. 4 Abs. 3 Un­terabs. 2 und 3 EUV heißt es, dass die Mit­glied­staa­ten u. a. „al­le ge­eig­ne­ten Maßnah­men all­ge­mei­ner oder be­son­de­rer Art zur Erfüllung der Ver­pflich­tun­gen [er­grei­fen], die sich aus den Verträgen oder den Hand­lun­gen der Or­ga­ne der Uni­on er­ge­ben“, und „al­le Maßnah­men [un­ter­las­sen], die die Ver­wirk­li­chung der Zie­le der Uni­on gefähr­den könn­ten“; da­zu gehören auch die mit den Richt­li­ni­en ver­folg­ten Zie­le (vgl. Ur­teil vom 28. April 2011, El Dri­di, C‑61/11 PPU, noch nicht in der amt­li­chen Samm­lung veröffent­licht, Rand­nr. 56, und Ur­teil Kel­ly, Rand­nr. 36).
42 Da­her hat das vor­le­gen­de Ge­richt darüber zu wa­chen, dass die Aus­kunfts­ver­wei­ge­rung durch Speech De­sign im Rah­men des Nach­wei­ses von Tat­sa­chen, die das Vor­lie­gen ei­ner un­mit­tel­ba­ren oder mit­tel­ba­ren Dis­kri­mi­nie­rung zum Nach­teil von Frau Meis­ter ver­mu­ten las­sen, nicht die Ver­wirk­li­chung der mit den Richt­li­ni­en 2000/43, 2000/78 und 2006/54 ver­folg­ten Zie­le zu be­ein­träch­ti­gen droht. Es hat ins­be­son­de­re bei der Klärung der Fra­ge, ob es genügend In­di­zi­en gibt, um die Tat­sa­chen, die das Vor­lie­gen ei­ner sol­chen Dis­kri­mi­nie­rung ver­mu­ten las­sen, als nach­ge­wie­sen an­se­hen zu können, al­le Umstände des Aus­gangs­rechts­streits zu berück­sich­ti­gen.
43 In die­sem Zu­sam­men­hang ist dar­auf hin­zu­wei­sen, dass nach dem 15. Erwägungs­grund der Richt­li­ni­en 2000/43 und 2000/78 so­wie dem 30. Erwägungs­grund der Richt­li­nie 2006/54 na­tio­na­le Rechts­vor­schrif­ten oder Ge­pflo­gen­hei­ten der Mit­glied­staa­ten ins­be­son­de­re vor­se­hen können, dass ei­ne mit­tel­ba­re Dis­kri­mi­nie­rung mit al­len Mit­teln, ein­sch­ließlich sta­tis­ti­scher Be­wei­se, fest­zu­stel­len ist.
44 Zu den Ge­sichts­punk­ten, die in Be­tracht ge­zo­gen wer­den können, gehört ins­be­son­de­re der Um­stand, dass, an­ders als in der Rechts­sa­che, in der das Ur­teil Kel­ly er­gan­gen ist, der Ar­beit­ge­ber, um den es im Aus­gangs­ver­fah­ren geht, Frau Meis­ter je­den Zu­gang zu den In­for­ma­tio­nen ver­wei­gert zu ha­ben scheint, de­ren Über­mitt­lung sie be­gehrt.
45 Darüber hin­aus können, wie der Ge­ne­ral­an­walt in den Nrn. 35 bis 37 sei­ner Schluss­anträge her­vor­ge­ho­ben hat, ins­be­son­de­re auch die Tat­sa­che her­an­ge­zo­gen wer­den, dass Speech De­sign nicht be­strei­tet, dass die Qua­li­fi­ka­ti­on von Frau Meis­ter den An­for­de­run­gen in der Stel­len­an­zei­ge ent­spricht, so­wie die bei­den Umstände, dass der Ar­beit­ge­ber sie gleich­wohl nicht zu ei­nem Vor­stel­lungs­gespräch ein­ge­la­den hat und dass sie auch im Rah­men des neu­en Ver­fah­rens zur Aus­wahl un­ter den Be­wer­bern um die Be­set­zung der be­tref­fen­den Stel­le nicht ein­ge­la­den wur­de.
46

Nach al­le­dem ist auf die ers­te Fra­ge zu ant­wor­ten, dass Art. 8 Abs. 1 der Richt­li­nie 2000/43, Art. 10 Abs. 1 der Richt­li­nie 2000/78 und Art. 19 Abs. 1 der Richt­li­nie 2006/54 da­hin ge­hend aus­zu­le­gen sind, dass sie für ei­nen Ar­beit­neh­mer, der schlüssig dar­legt, dass er die in ei­ner Stel­len­aus­schrei­bung ge­nann­ten Vor­aus­set­zun­gen erfüllt, und des­sen Be­wer­bung nicht berück­sich­tigt wur­de, kei­nen An­spruch auf Aus­kunft darüber vor­se­hen, ob der Ar­beit­ge­ber am En­de des Ein­stel­lungs­ver­fah­rens ei­nen an­de­ren Be­wer­ber ein­ge­stellt hat.

47

Es kann je­doch nicht aus­ge­schlos­sen wer­den, dass die Ver­wei­ge­rung je­des Zu­gangs zu In­for­ma­tio­nen durch ei­nen Be­klag­ten ein Ge­sichts­punkt sein kann, der im Rah­men des Nach­wei­ses von Tat­sa­chen, die das Vor­lie­gen ei­ner un­mit­tel­ba­ren oder mit­tel­ba­ren Dis­kri­mi­nie­rung ver­mu­ten las­sen, her­an­zu­zie­hen ist. Es ist Sa­che des vor­le­gen­den Ge­richts, un­ter Berück­sich­ti­gung al­ler Umstände des bei ihm anhängi­gen Rechts­streits zu prüfen, ob dies im Aus­gangs­ver­fah­ren der Fall ist.

Zur zwei­ten Fra­ge

48 In An­be­tracht der Ant­wort auf die ers­te Fra­ge braucht die zwei­te Fra­ge des vor­le­gen­den Ge­richts nicht be­ant­wor­tet zu wer­den.

Kos­ten

49 Für die Par­tei­en des Aus­gangs­ver­fah­rens ist das Ver­fah­ren ein Zwi­schen­streit in dem bei dem vor­le­gen­den Ge­richt anhängi­gen Rechts­streit. Die Kos­ten­ent­schei­dung ist da­her Sa­che die­ses Ge­richts. Die Aus­la­gen an­de­rer Be­tei­lig­ter für die Ab­ga­be von Erklärun­gen vor dem Ge­richts­hof sind nicht er­stat­tungsfähig.
Aus die­sen Gründen hat der Ge­richts­hof (Zwei­te Kam­mer) für Recht er­kannt:

 

Art. 8 Abs. 1 der Richt­li­nie 2000/43/EG des Ra­tes vom 29. Ju­ni 2000 zur An­wen­dung des Gleich­be­hand­lungs­grund­sat­zes oh­ne Un­ter­schied der Ras­se oder der eth­ni­schen Her­kunft, Art. 10 Abs. 1 der Richt­li­nie 2000/78/EG des Ra­tes vom 27. No­vem­ber 2000 zur Fest­le­gung ei­nes all­ge­mei­nen Rah­mens für die Ver­wirk­li­chung der Gleich­be­hand­lung in Beschäfti­gung und Be­ruf und Art. 19 Abs. 1 der Richt­li­nie 2006/54/EG des Eu­ropäischen Par­la­ments und des Ra­tes vom 5. Ju­li 2006 zur Ver­wirk­li­chung des Grund­sat­zes der Chan­cen­gleich­heit und Gleich­be­hand­lung von Männern und Frau­en in Ar­beits- und Beschäfti­gungs­fra­gen sind da­hin ge­hend aus­zu­le­gen, dass sie für ei­nen Ar­beit­neh­mer, der schlüssig dar­legt, dass er die in ei­ner Stel­len­aus­schrei­bung ge­nann­ten Vor­aus­set­zun­gen erfüllt, und des­sen Be­wer­bung nicht berück­sich­tigt wur­de, kei­nen An­spruch auf Aus­kunft darüber vor­se­hen, ob der Ar­beit­ge­ber am En­de des Ein­stel­lungs­ver­fah­rens ei­nen an­de­ren Be­wer­ber ein­ge­stellt hat.

Es kann je­doch nicht aus­ge­schlos­sen wer­den, dass die Ver­wei­ge­rung je­des Zu­gangs zu In­for­ma­tio­nen durch ei­nen Be­klag­ten ein Ge­sichts­punkt sein kann, der im Rah­men des Nach­wei­ses von Tat­sa­chen, die das Vor­lie­gen ei­ner un­mit­tel­ba­ren oder mit­tel­ba­ren Dis­kri­mi­nie­rung ver­mu­ten las­sen, her­an­zu­zie­hen ist. Es ist Sa­che des vor­le­gen­den Ge­richts, un­ter Berück­sich­ti­gung al­ler Umstände des bei ihm anhängi­gen Rechts­streits zu prüfen, ob dies im Aus­gangs­ver­fah­ren der Fall ist.

Un­ter­schrif­ten

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** Ver­fah­rens­spra­che: Deutsch.

Quel­le: Ge­richts­hof der Eu­ropäischen Uni­on (EuGH), http://cu­ria.eu­ro­pa.eu

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