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Dis­kri­mi­nie­rung von Frau­en beim Ge­halt

Bei der Fest­stel­lung und Recht­fer­ti­gung von Lohn­un­ter­schie­den müs­sen aus­rei­chend vie­le und aus­sa­ge­kräf­ti­ge Ver­gleichs­per­so­nen be­trach­tet wer­den: Eu­ro­päi­scher Ge­richts­hof, Ur­teil vom 28.02.2013, C-427/11 (Ken­ny u.a.)

21.03.2013. Der Eu­ro­päi­sche Ge­richts­hof (EuGH) hat ei­nem ak­tu­el­len Ur­teil ent­schie­den, dass es bei der The­ma Lohn­dis­kri­mi­nie­rung von Frau­en auf ei­nen um­fas­sen­den Ver­gleich der Ar­beits­auf­ga­ben an­kommt, die die mög­li­cher­wei­se be­nach­tei­lig­ten Frau­en und die Ver­gleichs­grup­pe der bes­ser ver­di­en­den Män­ner ver­rich­ten müs­sen.

Da­bei kommt es nicht nur die all­täg­li­chen Ar­beits­auf­ga­ben an, son­dern auch auf un­ge­wöhn­li­che, aber recht­lich mög­li­che Auf­ga­ben und da­her auch auf die Aus­bil­dung der Ar­beit­neh­mer, die der Ar­beit­ge­ber we­gen die­ser sämt­li­chen (mög­li­chen) Ar­beits­auf­ga­ben ver­langt.

Bei ei­nem ge­richt­li­chen Streit über ei­ne be­haup­te­te Lohn­dis­kri­mi­nie­rung sind die Ge­rich­te sind nicht da­zu ver­pflich­tet, sich nur auf die Ver­gleichs­ar­beit­neh­mer zu kon­zen­trie­ren, auf die die An­spruchs­stel­le­rin­nen bei ei­ner be­haup­te­ten Lohn­dis­kri­mi­nie­rung ver­wei­sen. Viel­mehr müs­sen die Ge­rich­te selbst dar­über ent­schei­den, wel­che Ver­gleichs­grup­pen groß ge­nug und aus­sa­ge­kräf­tig sind: EuGH, Ur­teil vom 28.02.2013, C-427/11 (Ken­ny).

Wie stellt man eine mittelbare Lohndiskriminierung von Frauen fest?

Das Eu­ro­pa­recht schreibt den Mit­glieds­staa­ten der Eu­ropäischen Uni­on vor, Frau­en und Männer bei glei­cher Tätig­keit ein Recht auf glei­che Be­zah­lung zu gewähren. Das folgt u.a. aus der Richt­li­nie 75/117/EWG des Ra­tes vom 10.02.1975 zur An­glei­chung der Rechts­vor­schrif­ten der Mit­glied­staa­ten über die An­wen­dung des Grund­sat­zes des glei­chen Ent­gelts für Männer und Frau­en.

Das Ver­bot der ge­schlechts­be­ding­ten Lohn­dis­kri­mi­nie­rung er­gibt sich im deut­schen Recht aus dem All­ge­mei­nen Gleich­be­hand­lungs­ge­setz (AGG). Be­trof­fen sind prak­tisch aus­sch­ließlich Frau­en.

Da kein Ar­beit­ge­ber und kein Ta­rif­ver­trag aus­drück­li­che Re­ge­lun­gen auf­stellt, de­nen zu­fol­ge Männer mehr als Geld als Frau­en er­hal­ten sol­len, sind Verstöße ge­gen das Ver­bot der Lohn­dis­kri­mi­nie­rung von Frau­en in al­ler Re­gel Fälle ei­ner sog. mit­tel­ba­ren Dis­kri­mi­nie­rung. Das sind Be­nach­tei­li­gun­gen, die sich in­fol­ge von schein­bar neu­tra­ler Vor­schrif­ten, Kri­te­ri­en oder Ver­fah­ren er­ge­ben, fak­tisch aber Frau­en (bzw. theo­re­tisch auch Männer) in be­son­de­rem Maße tref­fen. Auch ei­ne mit­tel­ba­re Dis­kri­mi­nie­rung ist ge­setz­lich ver­bo­ten (§ 3 Abs.2 AGG).

Be­son­ders häufig ha­ben sich in der Ver­gan­gen­heit mit­tel­ba­re (Lohn-)Dis­kri­mi­nie­run­gen in­fol­ge von Teil­zeit­ar­beit er­ge­ben, in­dem z.B. ei­ne be­trieb­li­che Son­der­zah­lung (schein­bar sach­lich bzw. neu­tral) „al­len Teil­zeit­kräften“ ver­wei­gert wird - nur dass eben 90 Pro­zent der im Be­trieb täti­gen Teil­zeit­kräfte weib­lich sind. Die­se ty­pi­sche Form der mit­tel­ba­ren Lohn­dis­kri­mi­nie­rung von teil­zeit­beschäftig­ten Frau­en ist da­her seit lan­gem durch ei­ne ge­setz­li­che Spe­zi­al­re­ge­lung ver­bo­ten, nämlich durch § 4 Abs.1 Satz 2 Teil­zeit- und Be­fris­tungs­ge­setz (Tz­B­fG).

Nicht im­mer ist ei­ne mit­tel­ba­re Lohn­dis­kri­mi­nie­rung aber so leicht zu er­ken­nen wie im Fal­le der Be­nach­tei­li­gung von Aus­hilfs- oder Teil­zeit­kräften, wenn die­se prak­tisch aus­sch­ließlich Frau­en sind. Oft ist viel­mehr un­klar, ob ver­schie­de­ne Ar­beit­neh­mer­grup­pen wirk­lich die „glei­che“ Ar­beit ver­rich­ten. Und auch wenn es An­halts­punk­te dafür gibt, dass sich schein­bar neu­tra­le Un­ter­schei­dungs­merk­ma­le wie z.B. ei­ne bes­se­re Qua­li­fi­ka­ti­on oder ei­ne länge­re Dau­er der Be­triebs­zu­gehörig­keit mit­tel­bar zu­las­ten der Vergütung ei­nes Ge­schlechts aus­wir­ken, kann dies im­mer noch ge­recht­fer­tigt sein, nämlich z.B. da­durch, dass der Ar­beit­ge­ber eben gut qua­li­fi­zier­te Ar­beit­neh­mer an sei­nen Be­trieb bin­den möch­te.

Vor die­sem Hin­ter­grund hat der iri­sche High Court dem EuGH ei­ne Rei­he von Fra­gen zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­ge­legt, die die Recht­fer­ti­gung ei­ner - dem An­schein nach - mit­tel­ba­ren Ent­gelt­dis­kri­mi­nie­rung be­tref­fen.

Da­bei ging es ins­be­son­de­re um die Fra­ge, auf wel­che Ar­beit­neh­mer(grup­pen) sich der Ar­beit­ge­ber bei der Recht­fer­ti­gung des An­scheins ei­ner Lohn­dis­kri­mi­nie­rung von Frau­en be­zie­hen muss: Auf die von den mögli­cher­wei­se be­nach­tei­lig­ten Ar­beit­neh­me­rin­nen ge­nann­ten Ver­gleichs­ar­beit­neh­mer oder auf ei­ne an­de­re (größere) Zahl von Ver­gleichs­per­so­nen.

Der Streitfall: Verwaltungssekretärinnen der irischen Landespolizei verlangen Lohngleichheit

In dem iri­schen Streit­fall hat­ten 14 Be­am­tin­nen ge­klagt, die als Ver­wal­tungs­se­kretärin­nen bei der Lan­des­po­li­zei („An Gar­da Síochána“) beschäftigt wa­ren. Sie ver­dien­ten we­ni­ger Geld als 353 Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen, die auf be­son­de­ren Ar­beitsplätzen, den sog. „be­zeich­ne­ten Stel­len“ ein­ge­setzt wur­den. Die­se 353 be­zeich­ne­ten Stel­len wa­ren mit Po­li­zei­be­am­ten be­setzt, und zwar über­wie­gend mit männ­li­chen Kol­le­gen (279 Be­am­te = 79 Pro­zent).

In dem erst­in­stanz­lich zunächst vor dem Equa­li­ty Tri­bu­nal, so­dann vor dem La­bour Court und schließlich vor dem High Court geführ­ten Ver­fah­ren stell­te sich her­aus, dass die strei­ti­gen „be­zeich­ne­ten Stel­len“ nach und nach ab­ge­baut wer­den soll­ten und dass dies auch tatsächlich ge­schah. Außer­dem wur­den hier Dienst­kräfte ein­ge­setzt, die in an­de­rer Wei­se als die kla­gen­den Ver­wal­tungs­se­kretärin­nen qua­li­fi­ziert wa­ren, nämlich als Po­li­zis­ten.

Der ver­klag­te Ar­beit­ge­ber räum­te im Ver­fah­ren ein, dass es ei­ne be­schränk­te Zahl „be­zeich­ne­ter Stel­len“ ge­be, für die „kein ech­ter ope­ra­ti­ver Be­darf“ vor­lie­ge, doch sei­en die­se Stel­len an­geb­lich „nicht re­präsen­ta­tiv“ für die be­zeich­ne­ten Stel­len „im All­ge­mei­nen“. Denn im All­ge­mei­nen kom­me es bei der Tätig­keit auf den „be­zeich­ne­ten Stel­len“ auf po­li­zei­li­che Kennt­nis­se und Er­fah­run­gen an, die die kla­gen­den Ver­wal­tungs­se­kretärin­nen nicht be­saßen.

Der iri­sche High Court setz­te das Ver­fah­ren aus uns frag­te den EuGH, ob der Ar­beit­ge­ber bei ei­ner dem An­schein nach vor­lie­gen­den mit­tel­ba­ren Ent­gelt­dis­kri­mi­nie­rung auf­grund des Ge­schlechts die Ge­halts­dif­fe­ren­zen oder an­de­re Umstände recht­fer­ti­gen muss wie z.B. die Be­set­zung von Stel­len mit Männern bzw. Frau­en. Wei­ter frag­te der High Court, auf wel­che Ar­beit­neh­mer sich ei­ne sol­che Recht­fer­ti­gung be­zie­hen muss, d.h auf die von den Kläge­rin­nen be­nann­ten (we­ni­gen) Ver­gleichs­per­so­nen oder auf ei­nen größeren Per­so­nen­kreis.

Sch­ließlich woll­te der High Court wis­sen, ob das In­ter­es­se des Ar­beit­ge­bers „an gu­ten Ar­beits­be­zie­hun­gen“ bei der Prüfung die­ser Recht­fer­ti­gung berück­sich­tigt wer­den kann. Hin­ter­grund die­ser Fra­ge war ei­ne vom Ar­beit­ge­ber mit den Ver­tre­tungs­gre­mi­en der Po­li­zis­ten ge­trof­fe­ne Ver­ein­ba­rung darüber, dass die mit Ver­wal­tungstätig­kei­ten im In­nen­dienst be­fass­ten Po­li­zis­ten nicht schlech­ter als die im Außen­dienst täti­gen Po­li­zis­ten be­zahlt wer­de dürf­ten.

Die­se Ver­ein­ba­rung wie­der­um hat­te im Er­geb­nis zur Fol­ge, dass die auf den „be­zeich­ne­ten Stel­len“ ein­ge­setz­ten Po­li­zis­ten al­le­samt ent­spre­chend ih­rem Sta­tus und ih­rer Aus­bil­dung als Po­li­zis­ten be­zahlt wur­den, d.h. mehr Geld als die kla­gen­den Ver­wal­tungs­se­kretärin­nen er­hiel­ten, ob­wohl sie teil­wei­se die­sel­be Ar­beit wie die Se­kretärin­nen ver­rich­te­ten. Da­her hätte ei­ne Lohnkürzung zu­las­ten der auf den be­zeich­ne­ten Stel­len ein­ge­setz­ten Po­li­zis­ten die „gu­ten Ar­beits­be­zie­hun­gen“ gefähr­det.

EuGH: Bei der Feststellung und Rechtfertigung von Lohnunterschieden müssen ausreichend viele und aussagekräftige Vergleichspersonen betrachtet werden

Der EuGH stellt zunächst klar, dass es bei der Fra­ge der ge­schlechts­be­ding­ten Lohn­dis­kri­mi­nie­rung im­mer auf die Ge­halts­un­ter­schie­de selbst an­kommt und nicht auf die Fra­ge, wel­che Stel­len mit Männern oder Frau­en be­setzt wer­den. Zu recht­fer­ti­gen hat der Ar­beit­ge­ber da­her beim Streit um ei­ne Lohn­dis­kri­mi­nie­rung die vor­han­de­nen Lohn­un­ter­schie­de und nicht et­wa sei­ne Stel­len­be­set­zungs­pra­xis.

Da­bei mach­te der Ge­richts­hof un­ter Ver­weis auf sei­ne bis­he­ri­ge Recht­spre­chung deut­lich, wor­auf es bei der Be­ant­wor­tung der Fra­ge an­kommt, ob zwei Ar­beit­neh­mer(grup­pen) die „glei­che Ar­beit“ ver­rich­ten oder nicht. Die­se Fra­ge­stel­lung ist kom­plex, d.h. hier sind nicht nur die alltägli­chen Ar­beits­auf­ga­ben wich­tig, son­dern auch un­gewöhn­li­che, aber recht­lich mögli­che Auf­ga­ben und auch die vom Ar­beit­ge­ber dafür ver­lang­te Aus­bil­dung der Ar­beit­neh­mer.

Dem­ent­spre­chend macht der EuGH den Ge­rich­ten kei­ne for­ma­len Vor­ga­ben da­zu, wel­che Ver­gleichs­grup­pen bei der Fest­stel­lung ei­ner mögli­chen Lohn­dif­fe­renz zu bil­den sind. Die Ge­rich­te sind nicht da­zu ver­pflich­tet, sich nur auf die Ver­gleichs­ar­beit­neh­mer zu kon­zen­trie­ren, auf die die An­spruchs­stel­le­rin­nen bei ei­ner be­haup­te­ten Lohn­dis­kri­mi­nie­rung ver­wei­sen.

Viel­mehr müssen die Ge­rich­te, so der EuGH, selbst darüber ent­schei­den, wel­che Ver­gleichs­grup­pen von Ar­beit­neh­mern im je­wei­li­gen Fall wich­tig sind. Da­bei muss im­mer ei­ne aus­rei­chend große Zahl von Ar­beit­neh­mern mit­ein­an­der ver­gli­chen wer­den, und es muss aus­ge­schlos­sen wer­den, dass die mit­ein­an­der ver­gli­che­nen Ar­beit­neh­mer­grup­pen „rein zufälli­ge oder kon­junk­tu­rel­le Er­schei­nun­gen wi­der­spie­geln“ (Ur­teil, Rn.43).

Sch­ließlich stellt der EuGH fest, dass das In­ter­es­se an gu­ten Ar­beits­be­zie­hun­gen hin­ter dem Ver­bot der ge­schlechts­be­ding­ten Lohn­dis­kri­mi­nie­rung zurück­ste­hen muss. Der Ar­beit­ge­ber kann sich da­her nicht hin­ter ei­nem dis­kri­mi­nie­ren­den Ta­rif­ver­trag oder ei­ner dis­kri­mi­nie­ren­den Be­triebs­ver­ein­ba­rung ver­ste­cken, son­dern viel­mehr dürfen sol­che Ver­ein­ba­run­gen ih­rer­seits kei­ne mit­tel­bar dis­kri­mi­nie­ren­den Vor­schrif­ten ent­hal­ten.

Fa­zit: Bei der Fest­stel­lung und Recht­fer­ti­gung von Lohn­un­ter­schie­den müssen aus­rei­chend vie­le und aus­sa­ge­kräfti­ge Ver­gleichs­per­so­nen be­trach­tet wer­den. Wel­che Grup­pen das sind und wie vie­le Ar­beit­neh­mer und Ar­beit­neh­me­rin­nen da­bei in den Ver­gleich ein­be­zo­gen wer­den müssen, ha­ben die Ge­rich­te in je­dem Ein­zel­fall selbst zu ent­schei­den.

Auf der Grund­la­ge die­ser EuGH-Vor­ga­ben dürf­ten es die kla­gen­den Ver­wal­tungs­se­kretärin­nen schwer ha­ben, ih­ren Pro­zess zu ge­win­nen, denn mit dem „Her­aus­pi­cken“ ein­zel­ner bes­ser be­zahl­ter männ­li­cher Po­li­zis­ten, die auf „be­zeich­ne­ten Stel­len“ fak­tisch aus­sch­ließlich Ver­wal­tungs­ar­bei­ten er­le­di­gen, ist es nicht ge­tan.

Der Ar­beit­ge­ber konn­te nämlich dar­auf ver­wei­sen, dass al­le auf den be­zeich­ne­ten Stel­len ver­wen­de­ten Mit­ar­bei­ter „un­ter außer­gewöhn­li­chen Umständen“ für den ope­ra­ti­ven Be­darf zum Außen­dienst her­an­ge­zo­gen wer­den könn­ten, und vor die­sem Hin­ter­grund ist ei­ne po­li­zei­li­che Aus­bil­dung Vor­aus­set­zung für die Ar­beit auf den be­zeich­ne­ten Stel­len. Es ist da­her frag­lich, ob die Kläge­rin­nen und die In­ha­ber der „be­zeich­ne­ten Stel­len“ über­haupt die „glei­che Ar­beit“ ver­rich­ten.

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Letzte Überarbeitung: 5. Dezember 2014

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