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Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Ge­schlechts auf­grund von Dienst­klei­dung?

Neu­es im Köl­ner Müt­zen­fall - Dis­kri­mi­nie­rung männ­li­cher Pi­lo­ten durch Pflicht zum Tra­gen von Pi­lo­ten­müt­zen?: Lan­des­ar­beits­ge­richt Köln, Ur­teil vom 29.10.2012, 5 Sa 549/11

02.11.2012. Zu Be­ginn der kal­ten Jah­res­zeit müs­sen sich El­tern von Kin­dern im Ki­Ta- und Grund­schul­al­ter wie­der auf all­täg­li­che Müt­zen­dis­kus­sio­nen ein­stel­len.

Denn wenn es stürmt oder schneit, be­ste­hen be­sorg­te El­tern ver­ständ­li­cher­wei­se dar­auf, dass die lie­ben Klei­nen nicht oh­ne Müt­ze aus dem Haus ge­hen.

Das wie­der­um stößt oft auf er­bit­ter­ten Wi­der­stand, der im wei­te­ren Ver­lauf zu mit­un­ter dra­ma­ti­schen Sze­nen im Haus­flur es­ka­liert.

Ob­wohl sta­tis­ti­sche Er­he­bun­gen zu den häu­figs­ten An­ti-Müt­zen-Ar­gu­men­ten feh­len, ist es doch in ge­fühl­ten 80 Pro­zent der Fäl­le so, dass nicht et­wa der man­geln­de Tra­ge­kom­fort be­män­gelt wird, son­dern das Aus­se­hen der Müt­zen. Sie sind halt nicht „cool“, und bas­ta.

An die­ser Stel­le zeigt sich wie­der ein­mal, dass die Er­wach­se­nen ih­rem Nach­wuchs ko­gni­tiv und da­mit ar­gu­men­ta­tiv doch weit vor­aus sind, weil Kin­der ei­ne durch den Müt­zenzwang her­vor­ge­ru­fe­ne ge­schlechts­be­zo­ge­ne Dis­kri­mi­nie­rung wohl kaum in der De­bat­te vor­brin­gen wür­den. Das aber könn­te ein durch­schla­gen­des Ar­gu­ment sein, wie der ar­beits­recht­li­che Streit über die Pflicht zum Tra­gen von Pi­lo­ten­müt­zen zeigt:

Wäh­rend Pi­lo­tin­nen sich in ih­rer vol­len Haar­pracht auf dem Flug­ha­fen­ge­län­de be­we­gen dür­fen, ist dies ih­ren männ­li­chen Kol­le­gen un­ter­sagt. Für sie gilt bei der Luft­han­sa die Pflicht zum Tra­gen ei­ner Cock­pit-Müt­ze. Dar­in sah ein Pi­lot der Luft­han­sa ei­ne Be­nach­tei­li­gung we­gen sei­nes Ge­schlechts und klag­te.

Er ar­gu­men­tier­te un­ter an­de­rem, dass er als Mensch wahr­ge­nom­men wer­den wol­le, nicht als Mann. Im dar­auf fol­gen­den ar­beits­ge­richt­li­chen Pro­zess wur­den dann in al­ler ju­ris­ti­schen Ernst­haf­tig­keit Ar­gu­men­te ge­prüft wie z.B. die ge­wach­se­ne his­to­ri­sche Be­deu­tung von Pi­lo­ten­müt­zen im Hin­blick auf die Er­war­tun­gen der Flug­gäs­te und die Aus­wir­kun­gen von Dienst­müt­zen auf weib­li­che Fri­su­ren.

Aus­lö­ser des Streits war die Wei­ge­rung des Pi­lo­ten, ei­nen län­ge­ren Flug wie vor­ge­schrie­ben mit Dienst­müt­ze an­zu­tre­ten, wor­auf­hin er von sei­nem Vor­ge­setz­ten kur­zer­hand von dem Flug ab­ge­setzt wur­de. Die­sen über­nahm ein Kol­le­ge, der sei­ne Müt­ze im Üb­ri­gen eben­falls „ver­ges­sen“ hat­te.

Es folg­ten ein Per­so­nal­ge­spräch mit dem streit­lus­ti­gen Pi­lo­ten und ei­ne ab­mah­nungs­ähn­li­che Ge­sprächs­no­tiz, die zu sei­ner Per­so­nal­ak­te ge­nom­men wer­den soll­te. Dies woll­te sich der „Er­mahn­te“ nicht ge­fal­len las­sen und klag­te auf Ent­fer­nung der Er­mah­nung und da­bei gleich auf die ge­richt­li­che Fest­stel­lung, dass er die Müt­ze künf­tig nicht mehr zu tra­gen brau­che.

Vor dem Ar­beits­ge­richt (ArbG) Köln (Ur­teil vom 05.04.2011, 12 Ca 8659/10) hat­te er da­mit Er­folg (wir be­rich­ten dar­über in: Ar­beits­recht ak­tu­ell: 11/151 Ent­fer­nung ei­ner dis­kri­mi­nie­ren­den Er­mah­nung aus der Per­so­nal­ak­te). In der zwei­ten In­stanz vor dem Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Köln hin­ge­gen ging die Luft­han­sa als Sie­ger vom Platz: LAG Köln, Ur­teil vom 29.10.2012, 5 Sa 549/11.

Wie die Nach­rich­ten­agen­tur dpa be­rich­tet, stell­te der vor­sit­zen­de Rich­ter in Zwei­fel, ob in die­sem Fall über­haupt von ei­ner Be­nach­tei­li­gung ge­spro­chen wer­den kön­ne. Er stell­te da­bei auf die Uni­form als Gan­zes ab und ar­gu­men­tier­te, man dür­fe die Müt­ze nicht iso­liert be­trach­ten, son­dern als Teil der Dienst­be­klei­dung, die für Män­ner und Frau­en eben un­ter­schied­lich sei.

Auch die Dienst­be­klei­dung der Pi­lo­tin­nen ha­be ih­re Be­son­der­hei­ten, so das Ge­richt. So dürf­ten die­se ei­nen Rock tra­gen, Män­ner hin­ge­gen nicht. Die­ser Um­stand stel­le je­doch auch kei­ne Be­nach­tei­li­gung der Män­ner dar, denn an­dern­falls wä­re un­ter­schied­li­che Dienst­klei­dung für Män­ner und Frau­en ge­ne­rell un­zu­läs­sig.

Wäh­rend das Ar­beits­ge­richt Köln noch mein­te, die Luft­han­sa ent­wer­te ih­re Ar­gu­men­te selbst da­durch, dass sie das Tra­gen der Müt­ze in das Er­mes­sen des je­wei­li­gen Vor­ge­setz­ten stel­le und da­mit ein Auf­tre­ten des (männ­li­chen) Cock­pit-Per­so­nals oh­ne Kopf­be­de­ckung to­le­rie­re, hat­te die­ses Ar­gu­ment vor dem LAG kei­ne Wir­kung.

Die Kam­mer folg­te an­de­rer­seits auch nicht der Ar­gu­men­ta­ti­on der Luft­han­sa, dass sich die Schie­ber­müt­ze über die Jah­re beim Pu­bli­kum als Qua­li­täts­merk­mal ein­ge­prägt ha­be und zu­dem ver­dammt gut aus­se­he. Denn über Ge­schmä­cker lässt sich be­kannt­lich nicht strei­ten.

Da das LAG Köln die Re­vi­si­on zum Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) zu­ge­las­sen hat, könn­te es sein, dass der Müt­zen­fall dem­nächst in Er­furt ver­han­delt wird. Dann wird sich zei­gen, ob man Müt­ze und Rock recht­lich auf ei­ne Stu­fe stel­len kann oder ob es doch ein be­son­ders dra­ma­ti­scher Ein­griff in das Per­sön­lich­keits­recht ist, wenn Mut­ti wie­der mit der Müt­ze kommt...

Nä­he­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Hin­weis: In der Zwi­schen­zeit, d.h. nach Er­stel­lung die­ses Ar­ti­kels, hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) über den Fall ent­schie­den und dem kla­gen­den Pi­lo­ten Recht ge­ge­ben. In­for­ma­tio­nen zu dem BAG-Ur­teil fin­den Sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 13. Oktober 2016

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