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Urteile zum Arbeitsrecht
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Schlag­worte: Ermahnung, Personalakte, Abmahnung
   
Gericht: Arbeitsgericht Trier
Akten­zeichen: 3 Ca 1013/11
Typ: Urteil
Ent­scheid­ungs­datum: 20.12.2011
   
Leit­sätze:

 

Vor­ins­tan­zen:
   

Te­nor:

1. Die Be­klag­te wird ver­ur­teilt, die dem Kläger mit Schrei­ben vom 31.05.2011 er­teil­te Er­mah­nung zurück­zu­neh­men und aus der Per­so­nal­ak­te al­le da­mit im Zu­sam­men­hang ste­hen­den Schrei­ben zu ent­fer­nen.

2. Die Kos­ten des Rechts­streits trägt die Be­klag­te.

3. Der Streit­wert wird auf 3.724,00 € fest­ge­setzt.

4. Die Be­ru­fung wird nicht ge­son­dert zu­ge­las­sen.

 

Tat­be­stand

Die Par­tei­en strei­ten um die Rechts­wirk­sam­keit ei­ner Er­mah­nung.

Der Kläger ist bei der Be­klag­ten seit­dem 01.08.1971 als Lehr­kraft am Lan­des­un­ter­su­chungs­amt (Stand­ort B-Stadt) beschäftigt. Sein durch­schnitt­li­ches Brut­to­mo­nats­ge­halt lag zu­letzt bei 3.724,00 Eu­ro. Zu­dem fun­gier­te er als Ko­or­di­na­tor für die MTA-Schul­zwei­ge an den Ge­sund­heits­fach­schu­len Rhein­land-Pfalz, zu des­sen Auf­ga­ben un­ter an­de­rem die Mit­wir­kung bei der Se­mes­ter-/Lehr­gangs­pla­nung so­wie die Ver­ein­heit­li­chung der Prüfungs­be­din­gun­gen und -durchführung zählen.

Am 07.10.2009 bemängel­te der Schul­lei­ter der MTA-Schu­le C-Stadt, Herr T, ge­genüber den dor­ti­gen Lehr­kräften S und R, we­der er noch der Kläger sei­en über Ver­schie­bun­gen im St­un­den­plan in­for­miert wor­den. Hier­auf er­wi­der­te Frau R mit Mail vom 09.10.2009, sie ha­be dem Kläger den geänder­ten St­un­den­plan am 07.09.2009 um 15.47 Uhr zu­ge­mailt, ihm am 08.09. te­le­fo­nisch den Sach­ver­halt ge­schil­dert, und die Ände­run­gen in das Pro­gramm Ea­sy-Soft ein­ge­ge­ben wie auch im Klas­sen­buch mar­kiert, wie es in sol­chen Fällen vor­ge­se­hen sei.

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Am 17.05.2010 wur­de in ei­ner Sit­zung beim Lan­des­amt für So­zia­les, Ju­gend und Ver­sor­gung (LSJV) un­ter an­de­rem dem Kläger das Pro­ze­de­re der No­ten­fin­dung für das Ex­amen an der MTA-Schu­le C-Stadt erläutert und im Nach­gang in ei­ner Mail an ihn vom 18.05.2010 noch ein­mal zu­sam­men­ge­fasst fest­ge­hal­ten, ins­be­son­de­re Neue­run­gen im Ver­gleich zum Vor­jahr. Noch am 17.05.2010 teil­te er den Do­zen­ten der MTA-Schu­le C-Stadt in ei­ner sich an die LSJV-Sit­zung an­sch­ließen­den No­ten­kon­fe­renz CDs zur No­ten­fin­dung im Ex­amen aus, die dem al­ten Ver­fah­ren ent­spra­chen. Erst am 31.05.2010 in­for­mier­te er sie über die Neue­run­gen und erklärte, von die­sen erst nach der No­ten­kon­fe­renz er­fah­ren zu ha­ben.

Am 28.05.2010 brach­ten drei Schüler­ver­tre­te­rin­nen der MTA-Schu­le C-Stadt ge­genüber ih­rer Schul­lei­tung Kri­tik an der Lehr­kraft S zum Aus­druck. Als sei­tens der Schul­lei­tung kei­ne sicht­ba­re Re­ak­ti­on er­folg­te, bat Frau S über ih­re Rechts­anwältin um Aufklärung, wor­auf­hin am 04.10.2010 ein wei­te­res Gespräch mit den Schüler­ver­tre­te­rin­nen er­folg­te. Er­geb­nis war, dass die be­tref­fen­de Klas­se und Frau S "ei­nen Schluss­strich zo­gen" und für die wei­te­re Zu­sam­men­ar­beit ei­ne "Ziel­ver­ein­ba­rung" tra­fen, wor­auf­hin sich die Si­tua­ti­on be­ru­hig­te. Am 03.11.2010 traf sich der Kläger mit den Schüler­ver­tre­te­rin­nen auf de­ren Wunsch hin zu ei­nem Gespräch, wel­ches in ei­nem außer­halb des Schul­geländes be­find­li­chen Ca­fe statt­fand. Die Schüler­ver­tre­te­rin­nen wur­den für die­se Zeit im Klas­sen­buch als un­ent­schul­digt feh­lend ver­merkt. Mit Schrei­ben vom 16.12.2010 wand­te sich die Ge­werk­schaft ver.di an die Schul­lei­tung der MTA-Schu­le C-Stadt und be­zeich­ne­te die nähe­ren Umstände des mit den Schüler­ver­tre­te­rin­nen am 04.10.2010 geführ­ten Gesprächs als Verhör-/Tri­bu­nal­si­tua­ti­on, die die­se sehr be­las­tet ha­be, wes­we­gen man sich auch an das Mi­nis­te­ri­um für Ar­beit, So­zia­les, Ge­sund­heit, Fa­mi­lie und Frau­en (MASGFF) wen­den wer­de.

Mit Schrei­ben vom 22.11.2010 schließlich er­hob Frau S über ih­re Rechts­anwältin ver­schie­de­ne Mob­bing-Vorwürfe ge­gen den Kläger, wor­auf­hin die Be­klag­te am 09.12.2010 ein "ar­beits­recht­li­ches Er­mitt­lungs­ver­fah­ren" ge­gen die­sen ein­lei­te­te, in des­sen Ver­lauf er sich von der Ge­werk­schaft ver.di ver­tre­ten ließ. Mit an die Ge­werk­schaft ge­rich­te­tem Schrei­ben vom 31.05.2011 sprach die Be­klag­te die streit­ge­genständ­li­che Er­mah­nung des Klägers aus. Die­ses als "schrift­li­che Er­mah­nung" be­ti­tel­te Schrei­ben, auf des­sen In­halt im Ein­zel­nen ver­wie­sen wird, lau­tet aus­zugs­wei­se wie folgt:

"Mit Schrei­ben vom 09.12.2010 wur­de Herr A. darüber in Kennt­nis ge­setzt, dass ... Frau ... S ... "Mob­bing-Vorwürfe" ge­gen ihn er­hebt ... Herr A. soll seit dem Jah­re 2008 ... durch ziel­ge­rich­te­te An­grif­fe in un­ter­schied­li­cher Art und Wei­se ... den "Tat­be­stand des Mob­bings" erfüllt ha­ben. Die ein­zel­nen Vorwürfe wur­den ausführ­lich dar­ge­legt ... So soll sich Herr A. bei ver­schie­de­nen Ge­le­gen­hei­ten ge­genüber Frau S ab­wer­tend und un­gebühr­lich ver­hal­ten ha­ben. Er soll oh­ne Grund mas­si­ve Kri­tik ... geübt ha­ben und soll die­se Kri­tik in un­sach­li­cher und den Um­gangs­ton ver­nachlässi­gen­der Wei­se vor­ge­bracht ha­ben ... Zu­dem soll sich Herr A. nach ei­nem Gespräch mit Schüler­ver­tre­te­rin­nen ge­gen die an­ste­hen­de Ver­trags­verlänge­rung bei Frau S aus­ge­spro­chen ha­ben. Herrn A. wur­de im all­ge­mei­nen un­kol­le­gia­les Ver­hal­ten und un­an­ge­mes­se­nes Agie­ren vor­ge­wor­fen ... Nach den durch­geführ­ten Er­mitt­lun­gen sind zwar ein­zel­ne ... Hand­lun­gen durch­aus als "Mob­bing-Tat­bestände" zu wer­ten. Zu­guns­ten von Herrn A. wird aber da­von aus­ge­gan­gen, dass ei­ne fort­ge­setz­te ... Schi­ka­ne ... ins­ge­samt nicht zwei­fels­frei nach­ge­wie­sen wer­den kann.

Fest­ge­stellt wur­den hin­ge­gen er­heb­li­che De­fi­zi­te in der Ar­beits­leis­tung, so­wie ei­ne mas­si­ve Störung des Be­triebs- und Schul­frie­dens und Verstöße ge­gen die Wohl­ver­hal­tens­pflicht. Ins­be­son­de­re durch ei­nen Vor­gang im Ok­to­ber 2009 wur­de deut­lich, dass Herr A. wich­ti­ge In­for­ma­tio­nen über in­ner­schu­li­sche Abläufe und St­un­den­planände­run­gen nicht an den Schul­lei­ter wei­ter­ge­lei­tet hat ... So hat Herr A. im Vor­feld des Ex­amens wich­ti­ge In­for­ma­tio­nen nicht zeit­nah wei­ter­ge­lei­tet ... Den Be­triebs- und Schul­frie­den hat Herr A. da­durch nach­hal­tig gestört, dass er mit drei Schüle­rin­nen am 03.11.2010 ein Gespräch geführt hat ... Nach Aus­sa­ge der Zeu­gin R äußer­te Herr A. so­gar vor sei­nem Gespräch ..., er hof­fe, dass die Schüle­rin­nen nicht "um­fal­len" ... Dar­aus er­gibt sich die Schluss­fol­ge­rung, dass Herr A. da­hin­ge­hend auf die Schüle­rin­nen Ein­fluss neh­men woll­te, dass die­se ih­re am 28.05.2010 er­ho­be­ne Kri­tik an Frau S auf­recht­er­hal­ten bzw. wie­der­auf­neh­men. Die­se Be­ein­flus­sung des Schul­frie­dens gip­felt dar­in, dass Herr A. die­sen in­ter­nen Vor­gang an Ver.di

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her­an­ge­tra­gen hat ... Herr A. kann sich ... nicht dar­auf be­ru­fen, dass er den Schul­lei­ter Herrn T über das Gespräch am 03.11.2010 in­for­mier­te. Die­ser ging nämlich da­von aus, dass Herr A. als "Ver­trau­ens­leh­rer" das Gespräch führen würde. Herr A. wur­de aber zu kei­nem Zeit­punkt zum Ver­trau­ens­leh­rer für die MTA-Schu­le C-Stadt be­stellt ... Auf­grund der o.g. Vorfälle und dem be­kannt­ge­wor­de­nen Fehl­ver­hal­ten des
Ta­rif­an­ge­stell­ten A. wird die­ser hier­mit schrift­lich er­mahnt ... Es wur­de auch in die Rech­te von Frau S ein­ge­grif­fen ..."

Hier­ge­gen wen­det sich der Kläger.

Er ver­tritt die An­sicht, die Vorwürfe bezüglich der nicht mit­ge­teil­ten St­un­den­planände­rung im Sep­tem­ber 2009 so­wie der ver­späte­ten In­for­ma­ti­on der Do­zen­ten im Mai 2010 sei­en ver­wirkt. Zu­dem sei der ers­te Vor­wurf auch zu un­sub­stan­ti­iert. Die vom LSJV vor­ge­ge­be­nen Ände­run­gen für das Ex­amen 2010 beträfen die Be­rech­nung der End­no­te, mit der die Do­zen­ten gar nichts zu tun ge­habt hätten. Über das mit den Schüler­ver­tre­te­rin­nen am 03.11.2010 geführ­te Gespräch sei der Schul­lei­ter von ihm vor­her in­for­miert wor­den und ha­be die­ses ge­bil­ligt.

Der Kläger be­an­tragt,

die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, die ihm mit Schrei­ben vom 31.05.2011 er­teil­te Er­mah­nung zurück­zu­neh­men und aus der Per­so­nal­ak­te al­le da­mit im Zu­sam­men­hang ste­hen­den Schrei­ben zu ent­fer­nen.

Die Be­klag­te be­an­tragt,

die Kla­ge ab­zu­wei­sen.

Sie hält die Er­mah­nung für wirk­sam. Die­se stütze sich auf die drei Pflicht­verstöße des Klägers von Sep­tem­ber 2009, vom 17.05.2010 und vom 03.11.2010, von de­nen sie erst durch das Schrei­ben der Anwältin von Frau S En­de No­vem­ber 2010 er­fah­ren ha­be. Über die St­un­den­planände­rung im Sep­tem­ber 2009 ha­be der Kläger den Schul­lei­ter der MTA-Schu­le C-Stadt in­for­mie­ren müssen und den Do­zen­ten die zu­tref­fen­de No­ten­be­rech­nung nicht erst am 31.05.2010 mit­tei­len dürfen, zu­dem noch mit der fal­schen Erklärung, er selbst ha­be in der No­ten­kon­fe­renz am 17.05.2010 hier­von noch kei­ne Kennt­nis ge­habt. Durch sein Gespräch mit den Schüler­ver­tre­te­rin­nen am 03.11.2010 ha­be er wie­der Un­ru­he in die Klas­se ge­bracht und für ei­ne mas­si­ve Störung des Schul- und Be­triebs­frie­dens ge­sorgt, in­dem er in­ter­ne Vorgänge an ver.di wei­ter­ge­tra­gen ha­be, bezüglich de­rer sie sich vor dem Mi­nis­te­ri­um ha­be recht­fer­ti­gen müssen. Zu­dem ha­be er die Schüler­ver­tre­te­rin­nen außer­halb der Schu­le ge­trof­fen, was auch ver­si­che­rungs­recht­lich pro­ble­ma­tisch sei, zu­mal er den Schul­lei­ter nicht über das Tref­fen in­for­miert ha­be. Je­den­falls ha­be er in die­sem Gespräch nicht de­es­ka­lie­rend ge­wirkt, son­dern be­reits im Vor­feld ge­genüber der Lehr­kraft R ge­sagt, er hof­fe, dass die Schüle­rin­nen nicht um­fie­len und zu ih­rer Aus­sa­ge vom 28.05.2010 stünden, wor­aus sich schließen las­se, dass er be­ab­sich­tigt ha­be, in dem Gespräch ge­gen die In­ter­es­sen von Frau S zu agie­ren.

We­gen der wei­te­ren Ein­zel­hei­ten des Sach- und Streit­stan­des wird auf den In­halt der Ge­richts­ak­ten ver­wie­sen.

Ent­schei­dungs­gründe

A.

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Die Kla­ge ist zulässig und be­gründet. Dem steht ins­be­son­de­re nicht der Um­stand ent­ge­gen, dass die Be­klag­te kei­ne Ab­mah­nung, son­dern le­dig­lich ei­ne "Er­mah­nung" aus­ge­spro­chen hat, da der Ar­beit­neh­mer jeg­li­che in sei­ne Per­so­nal­ak­ten auf­ge­nom­me­nen schrift­li­chen miss­bil­li­gen­den Äußerun­gen, die sei­ne Leis­tung oder sein Ver­hal­ten rügen, ge­richt­lich über­prüfen las­sen kann, so­fern die­se nach Form und In­halt ge­eig­net sind, ihn in sei­ner Rechts­stel­lung zu be­ein­träch­ti­gen (BAG 22.02.1978 AP Nr. 84 zu § 611 BGB Fürsor­ge­pflicht; 07.11.1979 AP Nr. 3 zu § 87 Be­trVG 1972 Be­triebs­buße; 18.08.1982 – 5 AZR 310/80; LAG Hamm 25.05.2007 – 13 Sa 1117/06). So liegt es hier.

1. Die streit­ge­genständ­li­che Er­mah­nung er­wies sich je­den­falls in der hier ge­sche­he­nen Art und Wei­se als ins­ge­samt un­wirk­sam.

a) Spricht der Ar­beit­ge­ber dem Ar­beit­neh­mer ei­ne Ab­mah­nung aus, hat er, um ih­rer Do­ku­men­ta­ti­ons- und Hin­weis­funk­ti­on zu genügen, den dem Ar­beit­neh­mer vor­ge­wor­fe­nen Ver­trags­ver­s­toß so ge­nau zu be­zeich­nen und den zu Grun­de ge­leg­ten Sach­ver­halt so kon­kret dar­zu­stel­len, dass der Ar­beit­neh­mer er­ken­nen kann, aus wel­chem Grund er nach An­sicht des Ar­beit­ge­bers ge­gen wel­che Pflicht ver­s­toßen ha­ben soll (BAG 23.06.2009 AP Nr. 5 zu § 1 KSchG 1969 Ab­mah­nung; LAG Düssel­dorf 24.07.2009 NZA-RR 2010, 52, 53; LAG Köln 15.06.2007 – 11 Sa 243/07; LAG Hamm 25.05.2007 – 13 Sa 1117/06; DLW/Dörner, Hand­buch des Fach­an­walts Ar­beits­recht, 9. Aufl. 2011, Kap. 4 Rn. 2291 f.). Be­zeich­net die Ab­mah­nung den ver­meint­li­chen Ver­trags­ver­s­toß nicht hin­rei­chend kon­kret, et­wa weil sie nur pau­scha­le Vorwürfe enthält, ist sie rechts­wid­rig (LAG Düssel­dorf 24.07.2009 NZA-RR 2010, 52, 53; LAG Köln 15.06.2007 – 11 Sa 243/07; LAG Hamm 25.05.2007 – 13 Sa 1117/06; DLW/Dörner, Kap. 4 Rn. 2291 ff.). Wird sie auf meh­re­re Pflicht­ver­let­zun­gen des Ar­beit­neh­mers gestützt, muss sie be­reits dann aus sei­nen Per­so­nal­ak­ten ent­fernt wer­den, wenn nur ei­ner der Vorwürfe nicht zu­trifft, ei­ne teil­wei­se Auf­recht­er­hal­tung der Ab­mah­nung kommt nicht in Be­tracht (BAG 13.03.1991 NZA 1991, 768; LAG Hamm 10.01.2006 NZA-RR 2006, 290, 292; 25.05.2007 – 13 Sa 1117/06; LAG Köln 15.06.2007 – 11 Sa 243/07; DLW/Dörner, Kap. 4 Rn. 2375).

Die­se Grundsätze können oh­ne Wei­te­res auf ei­ne vom Ar­beit­ge­ber aus­ge­spro­che­ne "Er­mah­nung" über­tra­gen wer­den. Da auch die­se miss­bil­li­gen­de Äußerun­gen über das Ver­hal­ten des Ar­beit­neh­mers in des­sen Per­so­nal­ak­ten auf­nimmt, hat sie eben­so wie ei­ne Ab­mah­nung das ihm vor­ge­wor­fe­ne Fehl­ver­hal­ten so ge­nau zu be­zeich­nen, dass er er­ken­nen kann, was ihm im Ein­zel­nen war­um zur Last ge­legt und da­durch in die La­ge ver­setzt wird zu prüfen, ob er sich hier­durch in sei­nen Rech­ten ver­letzt sieht und ge­richt­li­che Schrit­te ein­lei­ten will, wel­che ihm nach der ein­gangs zi­tier­ten Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts grundsätz­lich of­fen­ste­hen. Auch die Recht­spre­chung des BAG zur Rechts­wid­rig­keit von "Sam­me­lab­mah­nun­gen" kann nach ih­rem Sinn und Zweck auf ei­ne "Sam­meler­mah­nung" zur An­wen­dung ge­bracht wer­den. Der Ar­beit­neh­mer wird in sei­nen Rech­ten un­verhält­nismäßig be­ein­träch­tigt, wenn in sei­nen Per­so­nal­ak­ten in un­zulässi­ger oder rechts­wid­ri­ger Wei­se er­ho­be­ne Vorwürfe des Ar­beit­ge­bers ent­hal­ten sind. Dies ist aber eben auch dann der Fall, wenn le­dig­lich ei­ni­ge von meh­re­ren in ein und dem­sel­ben Schrei­ben ent­hal­te­nen Vorwürfen zu­tref­fen.

Aus­ge­hend von die­sen Grundsätzen er­wies sich die fast fünf­sei­ti­ge, ei­ne Viel­zahl an un­kla­ren Vorwürfen ent­hal­ten­de Sam­meler­mah­nung der Be­klag­ten als je­den­falls teil­rechts­wid­rig und in­fol­ge des­sen nach der o.g. Recht­spre­chung als ins­ge­samt rechts­wid­rig, wes­halb sie aus den Per­so­nal­ak­ten des Klägers zu ent­fer­nen ist. Ein we­sent­li­cher Grund hierfür liegt wohl dar­in, dass es sich bei der Er­mah­nung um ei­nen an die Ge­werk­schaft ver.di ge­rich­te­ten Schrift­satz han­delt, der in­halt­lich und at­mo­sphärisch ent­spre­chend ver­fasst ist, aber die stren­gen oben be­nann­ten Vor­aus­set­zun­gen an ein Er­mah­nungs­schrei­ben (na­tur­gemäß) nicht berück­sich­tigt. Dies hätte die Be­klag­te recht­zei­tig be­den­ken müssen.

b) Be­reits zu Be­ginn des Er­mah­nungs­schrei­bens nimmt die Be­klag­te Be­zug auf die durch die Rechts­anwältin von Frau S um­fang­reich er­ho­be­nen "Mob­bing-Vorwürfe" ge­gen den Kläger und führt über ei­ne gan­ze Sei­te aus, der Kläger "sol­le" be­stimm­te

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Pflicht­ver­let­zun­gen be­gan­gen ha­ben. Dies gibt of­fen­sicht­lich die ge­gen ihn er­ho­be­nen Vorwürfe le­dig­lich wie­der, oh­ne dass ihm die Be­klag­te ih­rer­seits die be­tref­fen­den Ver­hal­tens­wei­sen zur Last legt. Es kommt aber nicht dar­auf an, was der Kläger ge­tan ha­ben soll, son­dern dar­auf, was er nach An­sicht der Be­klag­ten ge­tan hat und die­se ihm nun vor­wer­fen will. So­fern sie sich die von Frau S er­ho­be­nen Vorwürfe nicht zu ei­gen macht, ha­ben die­se in ei­ner Er­mah­nung nichts zu su­chen, da sie le­dig­lich ei­nen ne­ga­ti­ven Ein­druck über den Kläger ver­mit­teln, oh­ne dass die Be­klag­te je­doch selbst Vorwürfe ge­gen ihn erhöbe.

Un­abhängig hier­von sind die Vorwürfe über­wie­gend zu pau­schal ge­hal­ten. So "soll" der Kläger "in un­ter­schied­li­cher Art und Wei­se und teil­wei­se auch ge­mein­sam mit dem Be­am­ten T" ge­han­delt, sich "bei ver­schie­de­nen Ge­le­gen­hei­ten" ge­genüber Frau S "ab­wer­tend und un­gebühr­lich" ver­hal­ten, "mas­si­ve Kri­tik" an ih­rer Ar­beit geübt und die­se in "un­sach­li­cher und den Um­gangs­ton ver­nachlässi­gen­der Wei­se" vor­ge­bracht ha­ben. Wei­ter sei ihm "im all­ge­mei­nen un­kol­le­gia­les Ver­hal­ten und un­an­ge­mes­se­nes Agie­ren" vor­ge­wor­fen wor­den. Sämt­li­che die­ser For­mu­lie­run­gen las­sen für den Kläger bzw. ei­nen ob­jek­ti­ven Drit­ten, der das Er­mah­nungs­schrei­ben zur Kennt­nis nimmt, kei­ner­lei nach Da­tum, Be­ge­ben­heit und In­halt kon­kre­ti­sier­te Vorwürfe er­ken­nen. Der Hin­weis, dass die ein­zel­nen Vorwürfe laut Sei­te 1 des Er­mah­nungs­schrei­bens ausführ­lich dar­ge­legt wor­den sei­en, ändert hier­an nichts, denn die Er­mah­nung selbst hat die­se Vorwürfe hin­rei­chend sub­stan­ti­iert dar­zu­le­gen. Dies erfüllen aber we­der der Text des Er­mah­nungs­schrei­bens noch die die­sem bei­gefügten An­la­gen. Wenn die Be­klag­te so­dann auf Sei­te 2 Mit­te des Er­mah­nungs­schrei­bens zu dem Er­geb­nis ge­langt, "ein­zel­ne" Hand­lun­gen des Klägers sei­en als "Mob­bing-Tat­bestände" zu wer­ten, verrät sie zum ei­nen nicht, wel­che dies sein sol­len, zum an­de­ren bringt sie selbst zum Aus­druck, dass dem Kläger ins­ge­samt kein Mob­bing vor­ge­wor­fen wer­den könne. Dann hat sie sich aber sämt­li­cher dies­bezügli­cher Äußerun­gen in ei­ner Er­mah­nung zu ent­hal­ten.

Be­reits aus die­sem Grun­de war die streit­ge­genständ­li­che Er­mah­nung un­wirk­sam.

c) Den sich dar­an an­sch­ließen­den Vor­wurf "er­heb­li­cher De­fi­zi­te in der Ar­beits­leis­tung" erläutert die Be­klag­te, in­dem sie "ins­be­son­de­re" ei­nen Vor­fall und so­dann ei­nen wei­te­ren be­nennt. Hier fragt sich, wel­che wei­te­ren Vorwürfe ge­gen den Kläger er­ho­ben wer­den, da die Wen­dung "ins­be­son­de­re" na­he­legt, dass es sol­che gibt, was ei­nen wei­te­ren ne­ga­ti­ven Ein­druck vom Kläger ver­mit­telt, oh­ne dass die Be­klag­te klar­stel­len würde, was sie ge­nau meint. Wie­der­um wird ei­ne At­mo­sphäre ge­schaf­fen, die ein Ver­hal­ten des Klägers miss­bil­ligt, oh­ne die­ses greif­bar zu be­nen­nen. Dies ist un­zulässig.

Auch bleibt un­klar, ob sich die "wich­ti­gen In­for­ma­tio­nen", die der Kläger der Schul­lei­tung der MTA-Schu­le C-Stadt vor­ent­hal­ten ha­ben soll, auf den Vor­fall von Sep­tem­ber/Ok­to­ber 2009 be­schränken oder nicht (da sich der Vor­wurf auf "in­ner­schu­li­sche Abläufe" und "St­un­den­planände­run­gen" be­zieht). Selbst die­ser ei­ne Vor­fall ist in­des nicht hin­rei­chend kon­kre­ti­siert, da nicht deut­lich wird, wel­che Ände­run­gen in wel­chem St­un­den­plan der Kläger dem Schul­lei­ter T wann oder bis wann hätte mit­tei­len sol­len.

d) Hin­sicht­lich des Gesprächs zwi­schen dem Kläger und den drei Schüler­ver­tre­te­rin­nen am 03.11.2010 mut­maßt die Be­klag­te auf Sei­te 3 un­ten ih­res Er­mah­nungs­schrei­bens, er ha­be auf die Schüle­rin­nen da­hin­ge­hend Ein­fluss neh­men wol­len, ih­re Kri­tik ge­genüber der Lehr­kraft S vom 28.05.2010 auf­recht­zu­er­hal­ten bzw. wie­der auf­zu­neh­men. Hier er­hebt die Be­klag­te ge­ra­de kei­nen Vor­wurf, son­dern spe­ku­liert. In ei­ner Er­mah­nung hat sie sich aber zu ent­schei­den, ob sie dem Kläger ei­nen Vor­wurf macht – dann hat sie die­sen kon­kret zu be­nen­nen – oder nicht – dann hat sie sich jeg­li­cher Ausführun­gen zu ent­hal­ten.

Sch­ließlich führt sie auf Sei­te 4 des Er­mah­nungs­schrei­bens aus, der Schul­lei­ter T sei da­von aus­ge­gan­gen, der Kläger tref­fe sich mit den Schüler­ver­tre­te­rin­nen als Ver­trau­ens­leh­rer, ob­wohl er da­zu gar nicht be­stellt ge­we­sen sei. Hier­mit er­weckt sie den

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Ein­druck, der Kläger ha­be den Schul­lei­ter ge­wis­ser­maßen getäuscht, um das Tref­fen zu­stan­de brin­gen zu können. In­der ih­rem ei­ge­nen Schrift­satz vom 14.12.2011 bei­gefügten Stel­lung­nah­me des Schul­lei­ters erklärt die­ser je­doch, die Schüler­ver­tre­te­rin­nen hätten den Kläger "ver­trau­ens­voll um ein ver­trau­li­ches Gespräch" ge­be­ten, wes­we­gen er "wie ein Ver­trau­ens­leh­rer bzw. Ver­bin­dungs­leh­rer" das Gespräch mit ih­nen geführt ha­be. Dies zeigt klar und deut­lich, dass der Kläger zu kei­nem Zeit­punkt ge­genüber dem Schul­lei­ter be­haup­tet hat, for­mel­ler Ver­trau­ens­leh­rer zu sein (be­mer­kens­wer­ter Wei­se setzt die Be­klag­te die­sen Be­griff in ih­rer Er­mah­nung denn auch selbst in Anführungs­zei­chen), so dass die­ser in der Er­mah­nung er­ho­be­ne Vor­wurf nach ih­rem ei­ge­nen Vor­trag un­zu­tref­fend ist. Des wei­te­ren wi­der­legt die wei­te­re Erklärung des Schul­lei­ters, der Kläger ha­be ihn über den Schüler­wunsch in­for­miert, die an­ders­lau­ten­de Be­haup­tung der Be­klag­ten.

e) Wenn es so­dann auf Sei­te 4 des Er­mah­nungs­schrei­bens heißt, der Kläger wer­de "auf­grund der o.g. Vorfälle und dem be­kannt­ge­wor­de­nen Fehl­ver­hal­ten" er­mahnt, er­streckt sich dies auf sämt­li­che vor­her an­geführ­ten Pflicht­ver­let­zun­gen. Da die Be­klag­te aber je­den­falls die "Mob­bing-Vorwürfe" auf Sei­te 2 selbst aus­drück­lich als nicht er­wie­sen be­zeich­net, fehlt es ih­rer Er­mah­nung in­so­weit auch an der in­ne­ren Kohärenz.

f) Wo­durch und in­wie­weit der Kläger "in die Rech­te von Frau S ein­ge­grif­fen" ha­ben soll, wie es auf Sei­te 4 der Er­mah­nung heißt, blieb eben­falls of­fen.

2. Ob und in wel­chem Um­fang dem Kläger tatsächlich ein Fehl­ver­hal­ten vor­ge­wor­fen wer­den kann (was nach dem Vor­trag der Be­klag­ten kei­nes­wegs gänz­lich
aus­zu­sch­ließen ist), konn­te da­her of­fen­blei­ben.

B.

Die Kos­ten­ent­schei­dung folgt aus § 91 ZPO.

C.

Der Streit­wert wur­de wie für ei­ne Kla­ge auf Ent­fer­nung ei­ner Ab­mah­nung mit ei­nem Brut­to­mo­nats­ge­halt be­wer­tet.

D.

Die Be­ru­fung war vor­lie­gend nicht ge­son­dert zu­zu­las­sen, da es hierfür an den Vor­aus­set­zun­gen des § 64 Abs. 3 ArbGG fehlt.

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