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Er­reich­bar­keit bei Ar­beits­un­fä­hig­keit

Ar­beits­un­fä­hig er­krank­te Ar­beit­neh­mer müs­sen nicht im Be­trieb er­schei­nen, um dort Per­so­nal­ge­sprä­che zu füh­ren: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 02.11.2016, 10 AZR 596/15

02.11.2016. An­fang des Jah­res be­rich­te­ten wir über ein Ur­teil des Lan­des­ar­beits­ge­richts (LAG) Nürn­berg vom 01.09.2015 (7 Sa 592/14), mit dem das LAG klar­stell­te, dass Ar­beit­ge­ber nicht ver­lan­gen kön­nen, der Ar­beit­neh­mer sol­le wäh­rend ei­ner krank­heits­be­ding­ten Ar­beits­un­fä­hig­keit zu ei­nem Per­so­nal­ge­spräch im Be­trieb er­schei­nen (Ar­beits­recht ak­tu­ell: 16/055 Per­so­nal­ge­spräch trotz Krank­heit).

Heu­te hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) die Auf­fas­sung des LAG Nürn­berg be­stä­tigt. Der Fall be­traf al­ler­dings ei­nen an­de­ren, aus Ber­lin stam­men­den Streit­fall: BAG, Ur­teil vom 02.11.2016, 10 AZR 596/15.

Müssen Arbeitnehmer während einer Krankschreibung auf Anweisung des Arbeitgebers im Betrieb an Personalgesprächen teilnehmen, um künftige Aufgaben zu besprechen?

Ar­beit­ge­ber ha­ben das Recht, ein­sei­tig durch ei­ne sog. Wei­sung den In­halt, den Ort und die Zeit der Ar­beits­leis­tung vor­zu­ge­ben. Die­ses Wei­sungs- bzw. Di­rek­ti­ons­recht folgt aus § 106 Ge­wer­be­ord­nung (Ge­wO).

Und da man über die­se Vor­ga­ben im Nor­mal­fall re­den muss, kann der Ar­beit­ge­ber dem Ar­beit­ge­ber nicht nur Wei­sun­gen zu In­halt, Ort und Zeit der Ar­beit er­tei­len (per Mo­no­log), son­dern er hat (auch) das Recht, den Ar­beit­neh­mer zu ei­nem Per­so­nal­gespräch ein­zu­be­stel­len, in dem über die­se Din­ge ge­spro­chen wird (im Dia­log). Auch den Ort ei­nes sol­chen Gesprächs kann der Ar­beit­ge­ber vor­ge­ben und z.B. an­ord­nen, dass das Gespräch im Be­trieb statt­fin­den sol­le.

Aber kann der Chef auch während ei­ner krank­heits­be­ding­ten Ar­beits­unfähig­keit un­ter Be­ru­fung auf sein Wei­sungs­recht ver­lan­gen, dass der Ar­beit­neh­mer zu ei­nem Per­so­nal­gespräch im Be­trieb er­scheint?

Hier könn­te man ar­gu­men­tie­ren, dass Gespräche über Ar­beits­auf­ga­ben sinn­los sind und sich der Ar­beit­neh­mer dar­an nicht be­tei­li­gen muss, wenn er krank­ge­schrie­ben ist, denn dann be­steht ja von vorn­her­ein kei­ne Ar­beits­pflicht.

An­de­rer­seits ist ein (kur­zes) Gespräch über die (künf­ti­gen) Auf­ga­ben nach der Ge­ne­sung et­was an­de­res als die Be­ar­bei­tung die­ser Auf­ga­ben selbst. Wenn aber ein Gespräch über die (künf­ti­ge) Ar­beit ist noch nicht die Ar­beit selbst sein soll, fragt sich erst recht, war­um der Ar­beit­neh­mer zu ei­nem sol­chen Gespräch ver­pflich­tet sein soll­te: Denn wenn das Gespräch "kei­ne Ar­beit" ist, be­steht auch kei­ne (Ar­beits-)Pflicht da­zu.

Der Fall des BAG: Krankenpfleger soll während einer längeren Krankschreibung zum Personalgespräch im Betrieb erscheinen und weigert sich

Ein Kran­ken­pfle­ger war länge­re Zeit auf­grund ei­nes Un­falls ar­beits­unfähig er­krankt. Zu­letzt war er als me­di­zi­ni­scher Do­ku­men­ta­ti­ons­as­sis­tent ein­ge­setzt; die­se Auf­ga­ben­zu­wei­sung war be­fris­tet bis En­de 2013. Da er von En­de No­vem­ber 2013 bis Mit­te Fe­bru­ar 2014 er­neut krank­ge­schrie­ben war, woll­te der Ar­beit­ge­ber mit ihm über neue Ar­beits­auf­ga­ben spre­chen, denn schließlich soll­te die Tätig­keit als me­di­zi­ni­scher Do­ku­men­ta­ti­ons­as­sis­tent in we­ni­gen Wo­chen en­den.

Der Ar­beit­ge­ber lud den Kran­ken­pfle­ger da­her mit Schrei­ben vom 18.12.2013 „zur Klärung der wei­te­ren Beschäfti­gungsmöglich­keit“ zu ei­nem Per­so­nal­gespräch ein, das am 06.01.2014 im Be­trieb statt­fin­den soll­te. Der Kran­ken­pfle­ger sag­te ab und ver­wies auf sei­ne Krank­schrei­bung.

Dar­auf­hin bat der Ar­beit­ge­ber den Kran­ken­pfle­ger er­neut, zu ei­nem Per­so­nal­gespräch im Be­trieb zu er­schei­nen, und zwar am 11.02.2014. Soll­ten ge­sund­heit­li­che Hin­de­rungs­gründe be­ste­hen, soll­te der Kran­ken­pfle­ger die­se durch ein spe­zi­el­les ärzt­li­ches At­test nach­zu­wei­sen. Auch an die­sem Ter­min nahm der Pfle­ger un­ter Hin­weis auf sei­ne Ar­beits­unfähig­keit nicht teil.

Der Ar­beit­ge­ber war er­bost und er­teil­te dem Kran­ken­pfle­ger ei­ne Ab­mah­nung, ge­gen die der Ab­ge­mahn­te vor Ge­richt zog. Das Ar­beits­ge­richt und das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Ber­lin-Bran­den­burg ga­ben ihm recht (LAG Ber­lin-Bran­den­burg, Ur­teil vom 17.07.2015, 6 Sa 2276/14).

BAG: Arbeitsunfähig erkrankte Arbeitnehmer müssen nicht im Betrieb erscheinen, um dort Personalgespräche zu führen

Auch vor dem BAG zog der Ar­beit­ge­ber den Kürze­ren. Zur Be­gründung heißt es in der der­zeit al­lein vor­lie­gen­den Pres­se­mel­dung:

Die Ar­beits­pflicht des Ar­beit­neh­mers um­fasst die Pflicht, auf An­wei­sung des Ar­beit­ge­bers im Be­trieb an Gesprächen teil­zu­neh­men, bei de­nen es um In­halt, Ort und Zeit der zu er­brin­gen­den Ar­beits­leis­tung geht, § 106 Satz 1 Ge­wO. Und weil er­krank­te Ar­beit­neh­mer nicht ar­bei­ten müssen, müssen sie im All­ge­mei­nen auch nicht im Be­trieb er­schei­nen. Sie müssen auch kei­ne sons­ti­gen, mit ih­rer Haupt­leis­tung (der Ar­beit) un­mit­tel­bar zu­sam­menhängen­de Ne­ben­pflich­ten erfüllen.

An­de­rer­seits ist es dem Ar­beit­ge­ber während der Ar­beits­unfähig­keit nicht ver­bo­ten, mit dem Ar­beit­neh­mer "in ei­nem zeit­lich an­ge­mes­se­nen Um­fang" in Kon­takt zu tre­ten, um mit ihm den Ar­beits­ein­satz nach dem En­de der Ar­beits­unfähig­keit zu be­spre­chen. Für ei­ne so frühzei­ti­ge Be­spre­chung der Ar­beits­auf­ga­ben (schon während der Krank­heit) braucht der Ar­beit­ge­ber aber ein "be­rech­tig­tes In­ter­es­se", so das BAG. 

Aber ob­wohl ei­ne sol­che Kon­takt­auf­nah­me durch den Ar­beit­ge­ber (z.B. per An­ruf, Brief oder E-Mail) im Prin­zip zulässig ist, gibt es Gren­zen: Der Ar­beit­neh­mer muss zwar viel­leicht ein Te­le­fo­nat mit dem Ar­beit­ge­ber führen, ist aber nicht da­zu ver­pflich­tet, die­ses Gespräch auf An­wei­sung des Ar­beit­ge­bers persönlich im Be­trieb zu führen.

Für ei­ne sol­che An­wei­sung muss der Ar­beit­ge­ber spe­zi­el­le und wich­ti­ge Gründe ha­ben: Es muss aus­nahms­wei­se aus be­trieb­li­chen Gründen un­ver­zicht­bar sein, den Ar­beit­neh­mer in den Be­trieb ein­zu­be­stel­len, und die­ser muss da­zu ge­sund­heit­lich in der La­ge sein.

Hier im Streit­fall hat­te der Ar­beit­ge­ber kei­ne Gründe dafür ge­nannt, war­um das Per­so­nal­gespräch un­be­dingt im Be­trieb hätte geführt wer­den sol­len. Da­her durf­te der Kran­ken­pfle­ger zu Hau­se blei­ben bzw. war nicht ver­pflich­tet, im Be­trieb zu er­schei­nen. Im Er­geb­nis konn­te er da­her die Ent­fer­nung der Ab­mah­nung aus der Per­so­nal­ak­te ver­lan­gen, denn die Ab­mah­nung war zu Un­recht aus­ge­spro­chen wor­den.

Fa­zit: Während ei­ner Er­kran­kung müssen Ar­beit­neh­mer im All­ge­mei­nen nicht an Per­so­nal­gesprächen im Be­trieb teil­neh­men. Das heißt aber nicht, dass Ar­beit­ge­ber krank­ge­schrie­be­ne Ar­beit­neh­mer nicht kon­tak­tie­ren dürf­ten. Es gibt kein ge­ne­rel­les Ver­bot für Ar­beit­ge­ber, während ei­ner Krank­heit an die krank­ge­schrie­be­nen Ar­beit­neh­mer her­an­zu­tre­ten und mit ih­nen zu spre­chen.

Ar­beit­neh­mer ih­rer­seits müssen aber in al­ler Re­gel Per­so­nal­gespräche während ei­ner Krank­heit nicht im Be­trieb führen. Ei­ne sol­che Vor­ga­be des Ar­beit­ge­bers ist nur in sel­te­nen Aus­nah­mefällen zulässig.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen zu die­sem Vor­gang fin­den Sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 5. November 2016

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