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EuGH: Das Ver­bot der Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung gilt auch zwi­schen Pri­va­ten

Lässt sich die al­ters­dis­kri­mi­nie­ren­de Wir­kung ei­ner Vor­schrift des na­tio­na­len Rechts nicht durch richt­li­ni­en­kon­for­me Aus­le­gung be­sei­ti­gen, darf die dis­kri­mi­nie­ren­de Vor­schrift nicht an­ge­wen­det wer­den: Eu­ro­päi­scher Ge­richts­hof, Ur­teil vom 19.04.2016, C-441/14 (Dansk In­dus­tri)

31.10.2016. Vor ei­ni­gen Jah­ren muss­te der Eu­ro­päi­sche Ge­richts­hof (EuGH) schon ein­mal über ei­nen Fall ent­schei­den, bei dem es um den al­ters­be­ding­ten Aus­schluss ren­ten­na­her Ar­beit­neh­mer von ei­nem ge­setz­li­chen Ab­fin­dungs­an­spruch ging.

Wäh­rend dä­ni­sche Ar­beit­neh­mer nach län­ge­rer Be­triebs­zu­ge­hö­rig­keit im All­ge­mei­nen ei­ne sol­che Ab­fin­dung be­an­spru­chen kön­nen, sind be­triebs­ren­ten­be­rech­tig­te (äl­te­re) Ar­beit­neh­mer aus­ge­schlos­sen, auch wenn sie wei­ter ar­bei­ten und da­her vor­erst kei­ne Ren­te ha­ben wol­len.

Auf der Grund­la­ge ei­nes ak­tu­el­len Vor­la­ge­fal­les muss­te sich der Ge­richts­hof er­neut mit die­ser dä­ni­schen Ge­set­zes­re­ge­lung und ih­rer In­ter­pre­ta­ti­on durch die dä­ni­schen Ge­rich­te be­fas­sen: EuGH, Ur­teil vom 19.04.2016, C-441/14 (Dansk In­dus­tri).

Was tun, wenn eine Vorschrift des nationalen Rechts altersdiskriminierende Wirkungen hat, die durch eine richtlinienkonforme Auslegung nicht beseitigt werden können?

Die Richt­li­nie 2000/78/EG des Ra­tes vom 27.11.2000 ver­bie­tet Dis­kri­mi­nie­run­gen im Ar­beits­le­ben, un­ter an­de­rem die al­ters­be­ding­te Dis­kri­mi­nie­rung von Ar­beit­neh­mern. Ge­nau­er ge­sagt: Die Richt­li­nie schreibt den Mit­glieds­staa­ten der Eu­ropäischen Uni­on (EU) vor, ih­re na­tio­na­len Rechts­ord­nun­gen so zu ge­stal­ten, dass sie dem Ver­bot der Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung Rech­nung tra­gen.

EU-Richt­li­ni­en sind nämlich nicht an di­rekt die Bürger ge­rich­tet, son­dern an de­ren Staa­ten. Das un­ter­schei­det EU-Richt­li­ni­en von EU-Rechts­ver­ord­nun­gen, die un­mit­tel­bar in den Mit­glieds­staa­ten gel­ten und da­her von de­ren Bürgern zu be­ach­ten sind. Im Un­ter­schied da­zu ver­pflich­ten Richt­li­ni­en die Mit­glieds­staa­ten der EU zum Er­lass be­stimm­ter Rechts­re­geln. Ver­s­toßen die Staa­ten ge­gen die­se Pflicht zur Um­set­zung ei­ner Richt­li­nie, müssen sie mit ei­nem Ver­trags­ver­let­zungs­ver­fah­ren rech­nen. Die richt­li­ni­en­wid­ri­gen Ge­set­ze blei­ben aber zunächst ein­mal gültig.

Die­se Grundsätze, aus de­nen sich im All­ge­mei­nen ei­ne nur ein­ge­schränk­te recht­li­che Wir­kung der EU-Richt­li­ni­en in den Mit­glieds­staa­ten er­gibt, hat der EuGH im­mer wie­der be­tont, so z.B. mit Ur­teil vom 24.01.2012, C-282/10 (Do­m­in­guez) (wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 12/041 Das Eu­ro­pa­recht schreibt ei­nen Min­des­t­ur­laub von vier Wo­chen vor - oh­ne jähr­li­che Min­dest­ar­beits­zeit) und mit Ur­teil vom 15.01.2014, C-176/12 (AMS) (wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 14/022 Mit­be­stim­mung und Eu­ro­pa­recht).

Von die­ser Recht­spre­chung ist der Ge­richts­hof al­ler­dings beim Ver­bot der Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung ab­ge­wi­chen. Ge­ra­de die­ses Ver­bot soll, so der EuGH, ein all­ge­mei­ner Grund­satz des Eu­ro­pa­rechts sein. Das all­ge­mei­ne uni­ons­recht­li­che Ver­bot der Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung steht gleich­sam hin­ter der Richt­li­nie 2000/78/EG und wird von ihr nur "kon­kre­ti­siert". Dem­zu­fol­ge ist das Ver­bot der Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung (als all­ge­mei­ner Grund­satz des EU-Rechts) stärker als EU-Rechts­grundsätze, die "nur" in Richt­li­ni­en fest­ge­schrie­ben sind, und geht so­gar den Ge­set­zen der Mit­glieds­staa­ten vor (EuGH, Ur­teil vom 22.11.2005, C-144/04 - Man­gold, EuGH, Ur­teil vom 19.01.2010, C-555/07 - Kücükde­ve­ci, wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 10/018 Dis­kri­mi­nie­rung jünge­rer Ar­beit­neh­mer).

Ob­wohl die­se Rechts­grundsätze be­reits seit Jah­ren be­kannt sind, hat das däni­sche Højes­te­ret (Obers­tes Ge­richt) dem Ge­richts­hof er­neut die Fra­ge vor­ge­legt, ob das all­ge­mei­ne EU-recht­li­che Ver­bot der Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung wie ein (vor­ran­gi­ges) na­tio­na­les Ge­setz von den Bürgern der EU-Mit­glieds­staa­ten zu be­ach­ten ist, so dass die Ge­rich­te die­sen Grund­satz auch dann an­wen­den müssen, wenn sie ei­nen Rechts­streit zwi­schen Pri­vat­per­so­nen zu ent­schei­den ha­ben.

Erneut beim EuGH: Der Ausschluss rentenberechtigter älterer Arbeitnehmer von einer Entlassungsentschädigung

Das däni­sche Ge­setz über die Rechts­verhält­nis­se zwi­schen Ar­beit­ge­bern und An­ge­stell­ten sieht in sei­nem § 2a Abs.1 vor, dass ent­las­se­ne Ar­beit­neh­mer ei­ne Ab­fin­dung von ei­nem, zwei oder so­gar drei Mo­nats­gehältern be­an­spru­chen können, je nach­dem ob sie zum Zeit­punkt der Ent­las­sung in dem Be­trieb zwölf, 15 oder 18 Jah­re lang un­un­ter­bro­chen beschäftigt wa­ren. Die­ser ge­setz­li­che Ab­fin­dungs­an­spruch ist aber gemäß § 2a Abs.3 in fol­gen­den Fällen aus­ge­schlos­sen:

"(3) Erhält der An­ge­stell­te bei sei­nem Aus­schei­den ei­ne Al­ters­ren­te vom Ar­beit­ge­ber und ist der An­ge­stell­te dem ent­spre­chen­den Ren­ten­sys­tem vor Voll­endung des 50. Le­bens­jahrs bei­ge­tre­ten, entfällt die Ent­las­sungs­ab­fin­dung."

Der Aus­schluss­tat­be­stand soll ver­hin­dern, dass älte­re Ar­beit­neh­mer, die vom Ar­beit­ge­ber ei­ne (sub­stan­ti­el­le) Be­triebs­ren­te er­hal­ten, in­fol­ge der Ab­fin­dung dop­pelt kas­sie­ren. Da die däni­schen Ge­rich­te das "Er­hal­ten" ei­ner Be­triebs­ren­te weit in­ter­pre­tie­ren, fällt auch die bloße Be­rech­ti­gung zum Ren­ten­be­zug un­ter den Aus­schluss­tat­be­stand des § 2a Abs.3: Nicht al­lein der­je­ni­ge Ar­beit­neh­mer, der ei­ne be­trieb­li­che Al­ters­ren­te erhält, son­dern auch der­je­ni­ge, der sie le­dig­lich be­an­spru­chen kann (aber nicht be­kommt), ist nach der däni­schen Recht­spre­chung vom Be­zug der Ab­fin­dung aus­ge­schlos­sen.

Zu die­ser Re­ge­lung hat­te der EuGH be­reits 2010 ent­schie­den, dass der Aus­schluss von der Ab­fin­dungs­be­rech­ti­gung ren­ten­be­rech­tig­te Ar­beit­neh­mer be­trifft und da­mit ei­ne mit­tel­ba­re al­ters­be­ding­te Be­nach­tei­li­gung dar­stellt, die im Prin­zip durch ein le­gi­ti­mes Ziel ob­jek­tiv ge­recht­fer­tigt ist. Al­ler­dings, so der EuGH, schießt der ge­ne­rel­le Aus­schluss ren­ten­be­rech­tig­ter älte­rer Ar­beit­neh­mer von Ab­fin­dungs­zah­lun­gen über das Ziel hin­aus und ist da­her un­verhält­nismäßig, so­weit auch Ar­beit­neh­mer von Ab­fin­dun­gen aus­ge­schlos­sen wer­den, die sich ge­gen ei­ne Al­ters­ren­te ent­schei­den bzw. vor­erst wei­ter ar­bei­ten möch­ten (EuGH, Ur­teil vom 12.10.2010, C-499/08 - In­ge­niørfo­re­nin­gen, wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 11/004 Auch ren­ten­na­he Ar­beit­neh­mer ha­ben ei­nen An­spruch auf Ab­fin­dungs­zah­lung).

In dem ak­tu­el­len däni­schen Streit­fall ging es wie­der um ei­nen älte­ren Ar­beit­neh­mer, Herrn Ras­mus­sen, der mit 60 Jah­ren von sei­nem pri­va­ten Ar­beit­ge­ber, der Fir­ma Ajos, ent­las­sen wur­de und um­ge­hend ei­ne neue Stel­le bei ei­nem an­de­ren Ar­beit­ge­ber an­trat. Er klag­te mit Hil­fe sei­ner Ge­werk­schaft die Ab­fin­dung ein und hat­te in der ers­ten In­stanz Er­folg, denn das Ge­richt folg­te dem In­ge­niørfo­re­nin­gen-Ur­teil des EuGH und mein­te, der Ab­fin­dungs­aus­schluss gemäß § 2a Abs.3 sei ei­ne ver­bo­te­ne Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung. Ajos rief den Højes­te­ret an und ar­gu­men­tier­te, die Ver­ur­tei­lung zur Zah­lung ver­s­toße ge­gen die "kla­re und ein­deu­ti­ge" Be­stim­mung des § 2a Abs.3 und sei da­her ei­ne un­zulässi­ge Ge­richts­ent­schei­dung ge­gen das Ge­setz ("con­tra le­gem").

Der Højes­te­ret setz­te das Ver­fah­ren aus und frag­te den EuGH un­ter an­de­rem, ob das all­ge­mei­ne uni­ons­recht­li­che Ver­bot der Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung mit dem hier strei­ti­gen Aus­schluss von ei­ner Ab­fin­dungs­zah­lung un­ver­ein­bar sei. Falls ja, woll­te der Højes­te­ret wei­ter­hin wis­sen, ob ei­ne Abwägung zwi­schen dem Ver­bot der Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung und dem Ver­trau­ens­schutz zu­guns­ten des Ar­beit­ge­bers vor­zu­neh­men sei; mögli­cher­wei­se spielt hier auch ei­ne Rol­le, so der Højes­te­ret, dass Däne­mark dem kla­gen­den Ar­beit­neh­mer ja scha­dens­er­satz­pflich­tig sei, wenn es das EU-Recht nicht aus­rei­chend um­ge­setzt ha­ben soll­te.

EuGH: Lässt sich die altersdiskriminierende Wirkung einer Vorschrift des nationalen Rechts nicht durch richtlinienkonforme Auslegung beseitigen, darf die Vorschrift nicht angewendet werden

Der EuGH stellt zunächst (we­nig über­ra­schend) fest, dass der um­strit­te­ne al­ters­be­ding­te Aus­schluss von jeg­li­cher Ab­fin­dungs­zah­lung ge­gen die Richt­li­nie 2000/78/EG und da­mit zu­gleich auch ge­gen das hin­ter ihr ste­hen­de all­ge­mei­ne Ver­bot al­ters­be­ding­ter Dis­kri­mi­nie­run­gen verstößt. Da­bei ver­weist der Ge­richts­hof auf sein Ur­teil vom 12.10.2010, C-499/08 (In­ge­niørfo­re­nin­gen).

Zur zwei­ten Fra­ge führt der Ge­richts­hof aus, dass das all­ge­mei­ne uni­ons­recht­li­che Ver­bot der Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung Vor­rang vor ent­ge­gen­ste­hen­den na­tio­na­len Ge­set­zes­vor­schrif­ten hat, und zwar auch dann, wenn es um Rechts­strei­tig­kei­ten zwi­schen Pri­vat­per­so­nen geht (Ur­teil, Rn.36). Auch hier kann der EuGH auf sei­ne bis­he­ri­ge Recht­spre­chung Be­zug neh­men.

Al­ler­dings mel­det der EuGH (be­rech­tig­te) Zwei­fel an, ob das all­ge­mei­ne Ver­bot der Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung im Streit­fall über­haupt an­zu­wen­den ist. Denn be­vor die­ses Ver­bot bzw. die­ser Rechts­grund­satz zum Zu­ge kommt, ist zu prüfen, ob das na­tio­na­le Ge­set­zes­recht nicht so aus­ge­legt wer­den kann, dass es mit dem Ver­bot der Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung gemäß der Richt­li­nie 2000/78/EG ver­ein­bar ist. Ge­nau das lag hier mehr als na­he, wie der EuGH be­merkt (Rn.33, 34):

"In die­sem Zu­sam­men­hang ist klar­zu­stel­len, dass das Er­for­der­nis ei­ner uni­ons­rechts­kon­for­men Aus­le­gung die Ver­pflich­tung der na­tio­na­len Ge­rich­te um­fasst, ei­ne ge­fes­tig­te Recht­spre­chung ge­ge­be­nen­falls ab­zuändern, wenn sie auf ei­ner Aus­le­gung des na­tio­na­len Rechts be­ruht, die mit den Zie­len ei­ner Richt­li­nie nicht ver­ein­bar ist (....). So­mit darf das vor­le­gen­de Ge­richt im Aus­gangs­ver­fah­ren nicht da­von aus­ge­hen, dass es die in Re­de ste­hen­de na­tio­na­le Vor­schrift al­lein des­halb nicht im Ein­klang mit dem Uni­ons­recht aus­le­gen könne, weil es sie in ständi­ger Recht­spre­chung in ei­nem nicht mit dem Uni­ons­recht ver­ein­ba­ren Sin­ne aus­ge­legt ha­be."

Außer­dem stellt der Ge­richts­hof klar, dass we­der Rechts­si­cher­heit noch Ver­trau­ens­schutz aus­rei­chen­de Ar­gu­men­te dafür sind, das uni­ons­recht­li­che Ver­bot der Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung bei ei­nem Pro­zess zwi­schen Pri­vat­per­so­nen nicht an­zu­wen­den.

Fa­zit: Das all­ge­mei­ne uni­ons­recht­li­che Ver­bot der Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung, das als Grund­satz des Uni­ons­rechts durch die Vor­schrif­ten der Richt­li­nie 2000/78/EG kon­kre­ti­siert wird, gilt auch zwi­schen Pri­va­ten.

Im Übri­gen kann der EuGH nicht darüber ent­schei­den, ob ei­ne richt­li­ni­en­kon­for­me Aus­le­gung und An­wen­dung des na­tio­na­len Ge­set­zes­rechts möglich ist oder aber zu ei­nem "Ur­teil con­tra le­gem" führen würde, denn die recht­li­chen und me­tho­di­schen Gren­zen ih­rer Kom­pe­tenz müssen die na­tio­na­len Ge­rich­te selbst be­ur­tei­len. Al­ler­dings könn­te der EuGH künf­tig öfter ein­mal "Hin­wei­se" da­zu ge­ben, dass ei­ne ständi­ge Recht­spre­chung ab­zuändern noch lan­ge nicht be­deu­tet, con­tra le­gem zu ent­schei­den.

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Letzte Überarbeitung: 1. November 2016

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