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1000 Eu­ro pro Mo­nat ge­schenkt - Ber­li­ner ver­lost Grund­ein­kom­men

Wer Geld will, muss es sich ver­die­nen? Ein Ber­li­ner sieht das an­ders: Er ver­lost be­din­gungs­lo­se Grund­ein­kom­men. Die Ge­win­ner sind be­geis­tert. Kri­ti­ker hal­ten die Idee für uto­pisch

23.11.2015. (dpa) - Was pas­siert, wenn man Men­schen ein­fach 1000 Eu­ro pro Mo­nat in die Hand drückt?

"Sie schmei­ßen ih­ren Job", sa­gen die ei­nen.

"Sie ar­bei­ten wei­ter, aber frei­wil­lig", die an­de­ren.

Wenn über ein be­din­gungs­lo­se Grund­ein­kom­men dis­ku­tiert wird, müs­sen al­le spe­ku­lie­ren - schließ­lich wur­de es noch nir­gends ein­ge­führt.

Der Ber­li­ner Mi­cha­el Boh­mey­er hat das Ex­pe­ri­ment ge­wagt.

Er grün­de­te ei­ne Art Crowd­fun­ding-Lot­te­rie.

Über ei­ne Web­sei­te ver­lost der 31-Jäh­ri­ge Grund­ein­kom­men: 1000 Eu­ro pro Mo­nat, ein Jahr lang. Das Geld kommt von Spen­dern. 20 Men­schen in ganz Deutsch­land ha­ben seit der ers­ten Ver­lo­sung im Ok­to­ber ver­gan­ge­nen Jah­res ge­won­nen. "Hier hast du. Mach da­mit, was du willst", be­schreibt Boh­mey­er das Kon­zept.

Ol­ga Zim­mer ge­hört zu den ers­ten Ge­win­nern. In dem Jahr mit dem ge­schenk­ten Geld un­ter­nahm die Kran­ken­pfle­ge­rin mit ih­rem Mann und den zwei Kin­dern mehr Aus­flü­ge, fuhr in den Kurz­ur­laub, traf mehr Freun­de. Zim­mer fühl­te sich frei­er - ob­wohl sie noch ge­nau­so viel ar­bei­te­te wie vor­her. "Das Grund­ein­kom­men hat mich ver­än­dert", sagt sie jetzt, nach den zwölf Mo­na­ten. "Ich weiß jetzt: Ich kann mehr als ar­bei­ten, Kin­der und Mut­ter pfle­gen."

Auch Bank­kauf­mann Marc Wan­der hat­te Los­glück: Der 28-Jäh­ri­ge sieht die mo­nat­li­chen 1000 Eu­ro als Chan­ce, sei­ne chro­ni­sche Darm-Krank­heit in den Griff zu be­kom­men. An der Ar­beit ha­be er im­mer funk­tio­nie­ren müs­sen, das ha­be die Sym­pto­me ver­schlim­mert. Seit an­dert­halb Jah­ren ist er krank­ge­schrie­ben, macht ei­ne Psy­cho­the­ra­pie. Ge­ra­de als sein An­spruch auf Kran­ken­geld aus­lief, kam das Grund­ein­kom­men. "Ich füh­le mich re­spek­tiert und si­cher, ob­wohl ich ge­ra­de für die Ge­sell­schaft nicht funk­tio­nie­ren kann."

Nicht al­le Ge­win­ner ver­ra­ten Grund­ein­kom­mens-Pio­nier Boh­mey­er, was sie mit dem Geld ma­chen. Von den et­wa zwei Drit­teln, die ihn auf dem Lau­fen­den hal­ten, wis­se er aber: Fast al­le ar­bei­ten wei­ter. Nur ei­ner hat sei­nen Job ge­kün­digt. Zwölf Mit­ar­bei­ter hat Boh­mey­ers Grund­ein­kom­mens-Initia­ti­ve mitt­ler­wei­le, an der letz­ten Ver­lo­sung An­fang No­vem­ber nah­men rund 100 000 Leu­te teil. Zu­letzt sei­en an ei­nem Wo­chen­en­de 12 000 Eu­ro an Spen­den rein­ge­kom­men - ge­nug für ein gan­zes Ein-Jah­res-Grund­ein­kom­men.

Boh­mey­ers Initia­ti­ve be­schert dem The­ma Auf­merk­sam­keit. Aber er ist na­tür­lich nicht der Ers­te, der über das "Geld für al­le" nach­denkt. Schon im 16. Jahr­hun­dert pro­pa­gier­te der bri­ti­sche Au­tor Tho­mas Mo­rus in sei­nem Ro­man Uto­pia ei­nen be­din­gungs­lo­sen Le­bens­un­ter­halt für je­der­mann - um Dieb­stahl vor­zu­beu­gen. Psy­cho­lo­gen grif­fen den Ge­dan­ken auf, Wirt­schafts­wis­sen­schaft­ler ent­wi­ckel­ten Kon­zep­te. In der Schweiz sam­melt der­zeit ei­ne Initia­ti­ve Stim­men für ei­nen Volks­ent­scheid über das Grund­ein­kom­men. Durch­ge­setzt hat sich die Idee bis­lang nir­gends.

Zu Recht, sagt Do­mi­nik Ens­te, Pro­fes­sor für Wirt­schafts­ethik am ar­beit­ge­ber­na­hen In­sti­tut der deut­schen Wirt­schaft in Köln. Zwar müs­se bei ei­ner Zah­lung an je­der­mann nicht mehr ge­prüft wer­den, ob je­mand wirk­lich be­dürf­tig sei. Man kön­ne den Men­schen aber schwer ver­mit­teln, dass auch Top­ver­die­ner ein­fach so Geld be­kom­men sol­len. Zu­dem sei ein Grund­ein­kom­men nicht fi­nan­zier­bar, "weil es zu vie­le An­rei­ze zer­stört, noch le­gal zu ar­bei­ten".

Der Grün­der des Dro­ge­rie­markts dm, Götz Wer­ner, will die­se Ar­gu­men­ta­ti­on nicht gel­ten las­sen. In sei­nen Fi­lia­len er­le­be er, dass Men­schen auch im Ren­ten­al­ter wei­ter­ar­bei­te­ten - weil es ih­nen Spaß ma­che. Ar­beit sei eben mehr als nur Loh­ner­werb. Der Un­ter­neh­mer tritt schon seit über zehn Jah­ren öf­fent­lich für ein Grund­ein­kom­men ein. Für ihn ist das ei­ne Fra­ge der Men­schen­wür­de: "Das Grund­ein­kom­men wür­de da­für sor­gen, dass man ein­an­der auf Au­gen­hö­he be­geg­net." Bis­lang sei­en vie­le Men­schen ge­zwun­gen, für Geld er­nied­ri­gen­de Ar­beits­be­din­gun­gen zu ak­zep­tie­ren.

Um das Grund­ein­kom­men zu fi­nan­zie­ren, wür­de Wer­ner das gan­ze Steu­er­sys­tem auf den Kopf stel­len. Al­le Steu­ern müss­ten weg­fal­len, bis auf ei­ne: die Kon­sum­steu­er, ei­ne Art Mehr­wert­steu­er in Hö­he von sat­ten 50 Pro­zent. Un­be­lieb­te­re Jobs müss­ten hö­her be­zahlt wer­den als bis­her, dann wür­den sich trotz­dem noch Leu­te fin­den, die sie mach­ten.

"Na­tür­lich weiß ich ge­nau­so we­nig wie je­der an­de­re Mensch, ob das funk­tio­nie­ren wür­de", sagt Mi­cha­el Boh­mey­er. Sei­ne Lot­te­rie sei schließ­lich kein wis­sen­schaft­li­ches Ex­pe­ri­ment, son­dern eher ei­ne Kam­pa­gne. In sei­nem Kreuz­ber­ger Start-Up-Loft feilt er aber schon am nächs­ten Schritt: Bald will er le­bens­lan­ge Grund­ein­kom­men ver­lo­sen.

Nä­he­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 12. April 2016

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