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Feh­ler­haf­te Mas­sen­ent­las­sungs­an­zei­ge

Kei­ne Hei­lung ei­ner un­voll­stän­di­gen Mas­sen­ent­las­sungs­an­zei­ge durch Be­scheid der Ar­beits­agen­tur über Sperr­frist­ver­kür­zung: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 28.06.2012, 6 AZR 780/10

29.06.2012. Ar­beit­ge­ber sind ge­mäß § 17 Abs.1 Kün­di­gungs­schutz­ge­setz (KSchG) ver­pflich­tet, be­vor­ste­hen­de Mas­sen­ent­las­sun­gen bei der Ar­beits­agen­tur vor­ab schrift­lich an­zu­zei­gen. Wel­che Kün­di­gungs­wel­len als Mas­sen­ent­las­sun­gen an­zu­se­hen sind, ist in § 17 KSchG fest­ge­legt.

Be­vor der Ar­beit­ge­ber ei­ne Mas­sen­ent­las­sung durch­füh­ren kann, muss er den Be­triebs­rat über die ge­plan­te Ent­las­sungs­wel­le in­for­mie­ren und sie mit ihm be­spre­chen (sog. "Kon­sul­ta­ti­ons­ver­fah­ren" ge­mäß § 17 Abs.2 KSchG). Die kor­rek­te Kon­sul­ta­ti­on des Be­triebs­rats hat der Ar­beit­ge­ber der Ar­beits­agen­tur zu­sam­men mit der Mas­sen­ent­las­sungs­an­zei­ge nach­zu­wei­sen.

Da­her müs­sen Ar­beit­ge­ber ge­mäß § 17 Abs. 3 KSchG ih­ren Mas­sen­ent­las­sungs­an­zei­gen Un­ter­la­gen bei­fü­gen, näm­lich die Mit­tei­lung an den Be­triebs­rat über die ge­plan­te Mas­sen­ent­las­sung und die Stel­lung­nah­me des Be­triebs­rats zu der Mas­sen­ent­las­sung. An­statt ei­ner Stel­lung­nah­me des Be­triebs­rats kann der Ar­beit­ge­ber auch ei­nen In­ter­es­sen­aus­gleich bei der Ar­beits­agen­tur vor­le­gen. Denn in § 1 Abs.5 Satz 4 KSchG und in § 125 Abs.2 In­sol­venz­ord­nung (In­sO) ist vor­ge­se­hen, dass ein In­ter­es­sen­aus­gleich in be­stimm­ten Fäl­len die Stel­lung­nah­me des Be­triebs­rats er­setzt.

Aber was ist, wenn der Ar­beit­ge­ber sei­ner Mas­sen­ent­las­sungs­an­zei­ge we­der ei­ne Stel­lung­nah­me des Be­triebs­rats noch ei­nen In­ter­es­sen­aus­gleich bei­ge­fügt hat, die Ar­beits­agen­tur dem Ar­beit­ge­ber aber trotz­dem per Be­scheid er­laubt, vor Ab­lauf der ge­setz­li­chen War­te­frist von ei­nem Mo­nat ab Mas­sen­ent­las­sungs­an­zei­ge ("Sperr­frist") Kün­di­gun­gen aus­zu­spre­chen? Kann ein sol­cher Sperr­frist­ver­kür­zungs­be­scheid die Form­feh­ler der Mas­sen­ent­las­sungs­an­zei­ge nach­träg­lich be­sei­ti­gen ("hei­len")?

Nein, das geht nicht, so das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) in ei­nem Ur­teil vom gest­ri­gen Don­ners­tag: BAG, Ur­teil vom 28.06.2012, 6 AZR 780/10.

Massenentlassungsanzeige ohne Stellungnahme des Betriebsrats und ohne Interessenausgleich - aber trotzdem akzeptiert von der Arbeitsagentur

Die Pflicht des Ar­beit­ge­bers, der Ar­beits­agen­tur zu­sam­men mit der Mas­sen­ent­las­sungs­an­zei­ge ei­ne Stel­lung­nah­me des Be­triebs­rats oder ei­nen In­ter­es­sen­aus­gleich mit ei­ner Na­mens­lis­te der zu kündi­gen­den Ar­beit­neh­mer zu über­las­sen, ist kein Selbst­zweck. Die­se Un­ter­la­gen sol­len es der Agen­tur für Ar­beit ermögli­chen, die Vor­aus­set­zun­gen für ei­ne Abkürzung der ein­mo­na­ti­gen Sperr­frist zu prüfen. Da­zu muss sich die Ar­beits­agen­tur ein ei­ge­nes Bild von der ge­plan­ten Kündi­gungs­wel­le ma­chen.

Vor die­sem Hin­ter­grund kann man die Mei­nung ver­tre­ten, dass for­mel­le Feh­ler bei der Mas­sen­ent­las­sungs­an­zei­ge nachträglich ge­heilt wer­den, wenn die Agen­tur für Ar­beit trotz die­ser Feh­ler ei­nen für den Ar­beit­ge­ber güns­ti­gen Be­scheid erlässt, mit dem die ein­mo­na­ti­ge Sperr­frist verkürzt wird. In die­se Rich­tung hat­te sich auch das BAG ein­mal geäußert, oh­ne sich endgültig fest­zu­le­gen (BAG, Ur­teil vom 28.05.2009, 8 AZR 273/08, Rn. 63 f.). 

An­de­rer­seits ist ei­ne kor­rek­te Mas­sen­ent­las­sungs­an­zei­ge ei­ne der not­wen­di­gen Vor­aus­set­zun­gen, die be­triebs­be­ding­te Kündi­gun­gen bei ei­ner größeren Ent­las­sungs­wel­le erfüllen müssen, um wirk­sam zu sein: Ist die Mas­sen­ent­las­sungs­an­zei­ge nicht in Ord­nung, sind späte­re Kündi­gun­gen un­wirk­sam.

Dem­zu­fol­ge geht ei­ne nachträgli­che Hei­lung von Form­feh­lern zu­las­ten des gekündig­ten Ar­beit­neh­mers, in­dem sie sei­nen Kündi­gungs­schutz ver­rin­gert. Und so et­was ist recht­lich be­denk­lich, da der Ar­beit­neh­mer an dem Ver­fah­ren der Mas­sen­ent­las­sungs­an­zei­ge nicht be­tei­ligt ist und da­her auch kei­nen Ein­fluss auf die Ent­schei­dung der Ar­beits­agen­tur hat, die die­se auf der Grund­la­ge ei­ner Mas­sen­ent­las­sungs­an­zei­ge trifft.

Der Streitfall: Anzeige einer Massenentlassung von 40 Arbeitnehmern ohne beigefügte Stellungnahme des Betriebsrats hat eine Sperrzeitverkürzung durch Bescheid zur Folge

In dem vom BAG ent­schie­de­nen Fall ging es um ei­ne Mas­sen­ent­las­sung von knapp 40 Ar­beit­neh­mern in­fol­ge ei­ner in­sol­venz­be­ding­ten Be­triebsände­rung. Hier hat­ten sich Ar­beit­ge­ber und Be­triebs­rat am 24.02.2009 auf ei­nen In­ter­es­sen­aus­gleich mit Na­mens­lis­te ge­ei­nigt.

Zwei Ta­ge später, am 26.02.2009, er­stat­te­te der Ar­beit­ge­ber der Ar­beits­agen­tur ei­ne Mas­sen­ent­las­sungs­an­zei­ge, oh­ne den In­ter­es­sen­aus­gleich bei­zufügen. Auch ei­ne Stel­lung­nah­me des Be­triebs­rats zu der ge­plan­ten Mas­sen­ent­las­sung war der An­zei­ge nicht bei­gefügt. Al­ler­dings erklärte der Be­triebs­rat selbst am 26.02.2009 schrift­lich ge­genüber der Ar­beits­agen­tur, er sei darüber in­for­miert wor­den, dass ei­ne Mas­sen­ent­las­sungs­an­zei­ge ab­ge­sandt wor­den sei. Die Ar­beits­agen­tur verkürz­te dar­auf­hin die Sperr­frist.

Nach­dem am 01.03.2009 das In­sol­venz­ver­fah­ren eröff­net und ein In­sol­venz­ver­wal­ter ein­ge­setzt wor­den war, kündig­te der Ver­wal­ter am 11.03.2009 ei­nem Ar­beit­neh­mer or­dent­lich zum 30.06.2009. Der er­hob Kündi­gungs­schutz­kla­ge und hat­te da­mit vor dem Ar­beits­ge­richt So­lin­gen (Ur­teil vom 24.06.2010, 1 Ca 649/09 lev) und vor dem Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Düssel­dorf Er­folg (LAG Düssel­dorf, Ur­teil vom 10.11.2010, 12 Sa 1321/10). Bei­de Ge­rich­te mein­ten nämlich, dass die Mas­sen­ent­las­sungs­an­zei­ge nicht in Ord­nung war. Der für den Ver­wal­ter po­si­ti­ve Be­scheid der Agen­tur für Ar­beit half ihm da­bei nicht.

BAG: Keine Heilung von Fehlern bei der Massenentlassungsanzeige durch Sperrzeitverkürzungsbescheid der Arbeitsagentur

Die­ser Mei­nung hat sich auch das BAG an­ge­schlos­sen. In der der­zeit al­lein vor­lie­gen­den BAG-Pres­se­mit­tei­lung heißt es da­zu, dass ein Be­scheid der Agen­tur für Ar­beit über die Verkürzung der Sperr­frist vor­he­ri­ge Form­feh­ler bei der Mas­sen­ent­las­sungs­an­zei­ge nicht hei­len kann. Denn dass die Mas­sen­ent­las­sungs­an­zei­ge in Ord­nung bzw. für nach­fol­gen­de Kündi­gungn wirk­sam ist, stellt die Agen­tur für Ar­beit in ih­rem Be­scheid nicht fest. Da­her ist die Wirk­sam­keit der Mas­sen­ent­las­sungs­an­zei­ge von der Bin­dungs­wir­kung ei­nes Sperr­frist­verkürzungs­be­scheids gar nicht um­fasst, so das BAG.

Fa­zit: Be­geht der Ar­beit­ge­ber ei­nen Feh­ler bei der Mas­sen­ent­las­sungs­an­zei­ge, in­dem er der An­zei­ge we­der ei­ne Stel­lung­nah­me des Be­triebs­rats zu der Mas­sen­ent­las­sung noch ei­nen In­ter­es­sen­aus­gleich mit Na­mens­lis­te beifügt, sind Mas­sen­ent­las­sungs­an­zei­ge und später aus­ge­spro­che­ne Kündi­gun­gen un­wirk­sam. Da­bei hilft es dem Ar­beit­ge­ber nicht, wenn die Ar­beits­agen­tur dem Ar­beit­ge­ber auf der Grund­la­ge ei­ner sol­chen (feh­ler­haf­ten) Mas­sen­ent­las­sungs­an­zei­ge per Be­scheid er­laubt, vor Ab­lauf der Sperr­frist Kündi­gun­gen aus­zu­spre­chen.

Ar­beit­neh­mern, die im Rah­men ei­ner größeren Kündi­gungs­wel­le be­triebs­be­dingt gekündigt wer­den, ist da­her zu ra­ten, sich auf Form­feh­ler bei der Mas­sen­ent­las­sungs­an­zei­ge zu be­ru­fen, wenn die­ser we­der ei­ne Stel­lung­nah­me des Be­triebs­rats noch ein In­ter­es­sen­aus­gleich bei­gefügt ist.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

    Hin­weis: In der Zwi­schen­zeit, d.h. nach Er­stel­lung die­ses Ar­ti­kels, hat das BAG sei­ne Ent­schei­dungs­gründe veröffent­licht. Das vollständig be­gründe­te Ur­teil des BAG fin­den Sie hier:

     

    Letzte Überarbeitung: 2. Oktober 2016

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