Gebühren­freie Hot­line: 0800 - 440 1 880
Arbeitsrecht aktuell
Jahr

Kei­ne frist­lo­se Kün­di­gung bei Ba­ga­tell­de­likt

Kü­chen­hil­fe zweigt 2 kg Ess­sens­res­te für sich ab und wird frist­los ge­kün­digt: Lan­des­ar­beits­ge­richt Schles­wig-Hol­stein, Ur­teil vom 18.12.2013, 6 Sa 203/13

31.03.2014. Frü­her galt vor den Ar­beits­ge­rich­ten die har­te Dau­men­re­gel: Wer klaut, der fliegt (und zwar frist­los). Seit gut drei­ein­halb Jah­ren ist das nicht mehr so.

Denn mit sei­nem be­rühm­ten Ur­teil in dem Fall der Ber­li­ner Kas­sie­re­rin Bar­ba­ra ("Em­me­ly") Em­me hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) im Ju­ni 2010 klar­ge­stellt, dass auch bei (klein-)kri­mi­nel­len Pflicht­ver­stö­ßen des Ar­beit­neh­mers ei­ne um­fas­sen­de In­ter­es­sen­ab­wä­gung vor­zu­neh­men ist (BAG, Ur­teil vom 10.06.2010, 2 AZR 541/09).

Und als Er­geb­nis die­ser Ab­wä­gung kann sich er­ge­ben, dass ei­ne au­ßer­or­dent­li­che und frist­lo­se Kün­di­gung bei lan­ger Be­schäf­ti­gungs­zeit und ge­rin­gem Scha­den un­ver­hält­nis­mä­ßig wä­re.

Wie sehr sich seit der Zeit vor dem Em­me­ly-Ur­teil der Wind mitt­ler­wei­le zu­guns­ten der Ar­beit­neh­mer ge­dreht hat, zeigt ei­ne ak­tu­el­le Ent­schei­dung des Lan­des­ar­beits­ge­richts (LAG) Schles­wig-Hol­stein: LAG Schles­wig-Hol­stein, Ur­teil vom 18.12.2013, 6 Sa 203/13.

Fristlose Kündigung nach langer Beschäftigungsdauer wegen eines Bagatelldelikts?

Ar­beit­ge­ber können außer­or­dent­lich und frist­los kündi­gen, d.h. oh­ne Be­ach­tung der re­gulären Kündi­gungs­fris­ten, wenn sie dafür ei­nen wich­ti­gen Grund im Sin­ne von § 626 Abs. 1 Bürger­li­ches Ge­setz­buch (BGB) ha­ben.

Ein wich­ti­ger Grund ist ein Pflicht­ver­s­toß, der so mas­siv ist, dass ei­nem "vernünf­ti­gen" Ar­beit­ge­ber das Ab­war­ten der Kündi­gungs­frist nor­ma­ler­wei­se nicht zu­ge­mu­tet wer­den kann. Zu sol­chen Pflicht­verstößen gehören seit je­her Vermögens­de­lik­te zu Las­ten des Ar­beit­ge­bers, d.h. zum Bei­spiel

  • ein Dieb­stahl von Fir­men­ei­gen­tum, oder
  • ein Ab­rech­nungs- oder Spe­sen­be­trug, oder
  • ein an­de­res Vermögens­de­likt wie z.B. ei­ne Un­ter­schla­gung.

Auch ei­ner klei­ner Scha­den­sum­fang im Ba­ga­tell­be­reich wird da­bei im All­ge­mei­nen von den Ge­rich­ten als "wich­ti­ger Grund" an­ge­se­hen. Al­ler­dings ist da­mit über die Wirk­sam­keit der frist­lo­sen Kündi­gung noch nicht ent­schie­den, denn auch bei Vor­lie­gen ei­nes "an sich" für ei­ne außer­or­dent­li­che Kündi­gung aus­rei­chen­den wich­ti­gen Grun­des ist im­mer ei­ne um­fas­sen­de In­ter­es­sen­abwägung vor­zu­neh­men. Und hier, d.h. bei der In­ter­es­sen­abwägung, spielt die ge­rin­ge oder große Höhe des Scha­dens ei­ne wich­ti­ge Rol­le.

Bei der Abwägung des Ar­beit­ge­ber­in­ter­es­ses an ei­ner so­for­ti­gen Ent­las­sung des "Übeltäters" und des Ar­beit­neh­mer­inter­es­ses an der Be­ach­tung sei­ner Kündi­gungs­fris­ten spre­chen für den Ar­beit­neh­mer

  • ein ge­rin­ger Scha­den­sum­fang ("Ba­ga­tel­le"),
  • ein lan­ger Be­stand des Ar­beits­verhält­nis­ses,
  • ei­ne of­fe­ne Vor­ge­hens­wei­se, d.h. kei­ne Ver­heim­li­chung des Ge­sche­hens durch den Ar­beit­neh­mer,
  • ei­ne auf­rich­ti­ge Ent­schul­di­gung nach Be­kannt­wer­den des Vor­falls.

Heut­zu­ta­ge schei­tern die meis­ten frist­lo­sen Kündi­gun­gen, die Ar­beit­ge­ber we­gen ei­nes Ba­ga­tell­de­likts aus­spre­chen, an der In­ter­es­sen­abwägung, da die Ge­rich­te das Be­stands­in­ter­es­se als vor­ran­gig be­wer­ten, so z.B. das LAG Schles­wig-Hol­stein mit Ur­teil vom 18.12.2013, 6 Sa 203/13.

Im Streit: In einer Kaserne arbeitende Küchenhelferin zweigt verbotener Weise zwei Kilo übrig gebliebenen Rotkohl für sich ab

Im Streit­fall hat­te ei­ne seit über 14 Jah­ren beschäftig­te Küchen­hil­fe, die in ei­ner Ka­ser­ne ar­bei­te­te, zwei Ki­lo­gramm ge­koch­ten Rot­kohl für sich ab­ge­zweigt. Und das, ob­wohl sie al­le hal­be Jah­re von ih­rem Ar­beit­ge­ber schrift­lich darüber in­for­miert wor­den war, dass die Mit­nah­me von Es­sens­res­ten strikt ver­bo­ten sei und als Straf­tat an­ge­se­hen wer­de. Von die­ser noch nicht lan­ge zurück­lie­gen­den Ver­gat­te­rung ließ sich die Küchen­hil­fe of­fen­bar nicht be­ein­dru­cken.

An­de­rer­seits sprach für sie, dass zwei Vor­ge­setz­te, die Küchen­buch­hal­te­rin und der Küchen­lei­ter, die Küchen­hil­fe bei der Weg­nah­me des Rot­kohls er­tapp­ten und sie des­we­gen ta­del­ten, es ihr dann aber doch er­laub­ten, den Kohl mit nach Hau­se zu neh­men. Ei­ni­ge Ta­ge später kam es zur Anhörung der Küchen­hil­fe durch den Ar­beit­ge­ber und so­dann zu ei­ner frist­lo­sen Kündi­gung. Den Per­so­nal­rat hat­te der Ar­beit­ge­ber vor­ab an­gehört, al­ler­dings nur zu der be­ab­sich­tig­ten außer­or­dent­li­chen und frist­lo­sen Kündi­gung.

Die Ar­beit­neh­me­rin er­hob Kündi­gungs­schutz­kla­ge und hat­te da­mit vor dem Ar­beits­ge­richt Elms­horn Er­folg (Ur­teil vom 22.05.2013, 1 Ca 2161 b/12). Das Ar­beits­ge­richt be­wer­te­te die Kündi­gung auf­grund des ge­rin­gen Scha­dens und der lan­gen Beschäfti­gungs­dau­er als un­verhält­nismäßig.

LAG Schleswig-Holstein: Nach langer Beschäftigungsdauer genügt ein Bagatelldiebstahl von Essensresten nicht für eine fristlose Kündigung

Auch das LAG ent­schied zu­guns­ten der Ar­beit­neh­me­rin. Denn ob­wohl hier ein Dieb­stahl vor­lag und da­mit ein "an sich" für ei­ne außer­or­dent­li­che Kündi­gung er­for­der­li­cher wich­ti­ger Grund, zog der Ar­beit­ge­ber bei der In­ter­es­sen­abwägung den Kürze­ren.

Denn die Ar­beit­neh­me­rin war schon über 14 Jah­re lang oh­ne Be­an­stan­dun­gen beschäftigt, sie hat­te Es­sens­res­te von sehr ge­rin­gem Wert ge­stoh­len und den Dieb­stahl nicht heim­lich, son­dern un­ter Mit­hil­fe ih­rer Dienst­vor­ge­setz­ten verübt. Dem­ent­spre­chend ging das LAG da­von aus, dass das auf dem Pa­pier be­ste­hen­de strik­te Ver­bot, Es­sens­res­te mit­zu­neh­men, in der Pra­xis ganz nicht so streng um­ge­setzt wur­de. Letzt­lich war es dem Ar­beit­ge­ber da­her zu­zu­mu­ten, die Kündi­gungs­fris­ten ein­zu­hal­ten. Da­mit war die frist­lo­se Kündi­gung vom Tisch.

Ei­ne or­dent­li­che ver­hal­tens­be­ding­te Kündi­gung hätte ein Schlupf­loch für den Ar­beit­ge­ber sein können, wenn er es nicht versäumt hätte, den Per­so­nal­rat auch zu ei­ner be­ab­sich­tig­ten or­dent­li­chen Kündi­gung an­zuhören. Das hat­te er aber nicht ge­tan, und da­her konn­te die Kündi­gung auch als or­dent­li­che Kündi­gung vor Ge­richt kei­nen Er­folg ha­ben.

Letzt­lich blieb dem Ar­beit­ge­ber da­her nur die Möglich­keit, die Ar­beit­neh­me­rin we­gen des Dieb­stahls ab­zu­mah­nen, d.h. ei­ne Ent­las­sung war auf­grund des hier verübten Ba­ga­tell­de­likts nicht möglich.

Fa­zit: We­gen ei­nes Ba­ga­tell­de­likts können Ar­beit­ge­ber nach heu­ti­ger Recht­spre­chung langjährig beschäftig­te Ar­beit­neh­mer prak­tisch nicht mehr wirk­sam frist­los kündi­gen. Da­bei spielt es übri­gens kei­ne Rol­le, ob die Kündi­gung als Tatkündi­gung, d.h. we­gen der aus Ar­beit­ge­ber­sicht er­wie­se­nen Tat, oder als Ver­dachtskündi­gung, d h. we­gen des drin­gen­den Tat­ver­dachts aus­ge­spro­chen wird.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 24. August 2016

Bewertung:

Auf Facebook teilen Auf Google+ teilen Ihren XING-Kontakten zeigen Beitrag twittern

 

Autorenprofil

Kontakt

Sie erreichen uns jeweils von Montag bis Freitag in der Zeit
von 09:00 bis 19:00 Uhr:

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Berlin

Lützowstraße 32
10785 Berlin
Telefon: 030 - 26 39 62 0
Telefax: 030 - 26 39 62 499

Ansprechpartner:
Rechtsanwalt Dr. Martin Hensche
Fachanwalt für Arbeitsrecht

Rechts­an­walt Chris­toph Hil­de­brandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht

E-Mail: berlin@hensche.de





 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Frankfurt am Main

Schumannstraße 27
60325 Frankfurt am Main
Telefon: 069 - 71 03 30 04
Telefax: 069 - 71 03 30 05

Ansprechpartner:
Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwalt Thomas Becker

E-Mail: frankfurt@hensche.de





 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Hamburg

Neuer Wall 10
20354 Hamburg
Telefon: 040 - 69 20 68 04
Telefax: 040 - 69 20 68 08

Ansprechpartner:
Rechtsanwalt Sebastian Schroeder
Fachanwalt für Arbeitsrecht

E-Mail: hamburg@hensche.de





 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Hannover

Georgstraße 38
30159 Hannover
Telefon: 0511 - 899 77 01
Telefax: 0511 - 899 77 02

Ansprechpartner:
Rechtsanwältin Nina Wesemann
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechts­an­walt Chris­toph Hil­de­brandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht

E-Mail: hannover@hensche.de





 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Köln

Hohenstaufenring 62
50674 Köln
Telefon: 0221 - 709 07 18
Telefax: 0221 - 709 07 31

Ansprechpartner:
Rechtsanwalt Thomas Becker

Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

E-mail: koeln@hensche.de





 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei München

Ludwigstraße 8
80539 München
Telefon: 089 - 21 56 88 63
Telefax: 089 -21 56 88 67

Ansprechpartner:
Rechts­an­wältin Nora Schu­bert

Rechts­an­walt Chris­toph Hil­de­brandt

E-Mail: muenchen@hensche.de





 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Nürnberg

Zeltnerstraße 3
90443 Nürnberg
Telefon: 0911 - 953 32 07
Telefax: 0911 - 953 32 08

Ansprechpartner:
Rechts­an­wältin Nora Schu­bert

Rechts­an­walt Chris­toph Hil­de­brandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht

E-Mail: nuernberg@hensche.de





 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Stuttgart

Königstraße 10c
70173 Stuttgart
Telefon: 0711 - 470 97 10
Telefax: 0711 - 470 97 96

Ansprechpartner:
Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwalt Thomas Becker

E-Mail: stuttgart@hensche.de



 

HINWEIS: Sämtliche Texte dieser Internetpräsenz mit Ausnahme der Gesetzestexte und Gerichtsentscheidungen sind urheberrechtlich geschützt. Urheber im Sinne des Gesetzes über Urheberrecht und verwandte Schutzrechte (UrhG) ist Rechtsanwalt und Fachanwalt für Arbeitsrecht Dr. Martin Hensche, Lützowstraße 32, 10785 Berlin.

Wörtliche oder sinngemäße Zitate sind nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung des Urhebers bzw. bei ausdrücklichem Hinweis auf die fremde Urheberschaft (Quellenangabe iSv. § 63 UrhG) rechtlich zulässig. Verstöße hiergegen werden gerichtlich verfolgt.

© 1997 - 2016:
Rechtsanwalt Dr. Martin Hensche, Berlin
Fachanwalt für Arbeitsrecht
Lützowstraße 32, 10785 Berlin
Telefon: 030 - 26 39 62 0
Telefax: 030 - 26 39 62 499
E-mail: hensche@hensche.de

Presse Karriere Links A bis Z Sitemap Impressum
Gebühren­freie Hot­line: 0800 - 440 1 880