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Frist­lo­se Kün­di­gung trotz un­wi­der­ruf­li­cher Frei­stel­lung

Frist­lo­se Kün­di­gung trotz Frei­stel­lung wäh­rend der Rest­lauf­zeit des Ar­beits­ver­hätl­nis­ses mög­lich: Hes­si­sches Lan­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 29.08.2011, 7 Sa 248/11

07.02.2012. Ei­ne frist­lo­se Kün­di­gung ist zu­läs­sig bei Pflicht­ver­let­zun­gen, die so schwer wie­gen, dass dem Kün­di­gen­den die Fort­set­zung des Ar­beits­ver­hält­nis­ses "kei­nen Tag län­ger" zu­ge­mu­tet wer­den kann. Wie je­de Kün­di­gung ist auch ei­ne frist­lo­se Kün­di­gung kei­ne Stra­fe, son­dern hat al­lein den Zweck, wei­te­re Pflicht­ver­let­zun­gen zu ver­hin­dern (Pro­gno­se­prin­zip).

Be­steht das Ar­beits­ver­hält­nis nach ei­ner or­dent­li­chen Kün­di­gung oder ei­nem Auf­he­bungs­ver­trag oh­ne­hin nur noch für ei­ni­ge Wo­chen oder Mo­na­te und ist der Ar­beit­neh­mer bis da­hin frei­ge­stellt, ist ei­ne frist­lo­se Kün­di­gung nur noch schwer mit dem Pro­gno­se­prin­zip in Ein­klang zu brin­gen, da ja in­fol­ge der Frei­stel­lung kei­ne „Wie­der­ho­lungs­ge­fahr“ mehr be­steht.

Trotz­dem kann auch un­ter sol­chen Um­stän­den ei­ne frist­lo­se Kün­di­gung rech­tens sein, wie ein ak­tu­el­ler Fall des Hes­si­schen Lan­des­ar­beits­ge­richts (LAG) zeigt: Ur­teil vom 29.08.2011, 7 Sa 248/11.

Fristlose Kündigung auch bei kurzer Restlaufzeit und unwiderruflicher Freistellung?

Für ei­ne frist­lo­se Kündi­gung braucht man ei­nen "wich­ti­gen Grund" im Sin­ne von § 626 Abs.1 Bürger­li­ches Ge­setz­buch (BGB). „An sich“, d.h. los­gelöst vom Ein­zel­fall, ist fast je­de Pflicht­ver­let­zung ge­eig­net zur Be­gründung ei­ner so har­ten Re­ak­ti­on. Ent­schei­dend ist da­her im­mer, ob ei­ne Pflicht­ver­let­zung un­ter Berück­sich­ti­gung der Umstände des Ein­zel­falls ei­ne frist­lo­se Kündi­gung trägt. Das ist nur dann der Fall, wenn dem Kündi­gen­den die Fort­set­zung des Ar­beits­verhält­nis­ses in­fol­ge der Pflicht­ver­let­zung im kon­kre­ten Fall „un­zu­mut­bar“ ist.

Wie erwähnt ist ei­ne Kündi­gung aber kei­ne Stra­fe, son­dern soll al­lein wei­te­re Pflicht­ver­let­zun­gen ver­hin­dern. Sol­che Pflicht­ver­let­zun­gen sind während ei­ner be­grenz­ten Rest­lauf­zeit des Ar­beits­verhält­nis­ses und nach un­wi­der­ruf­li­cher Frei­stel­lung kaum denk­bar, so dass frist­lo­se Kündi­gun­gen un­ter sol­chen Umständen schwer zu be­gründen sind. Außer­dem ist auch nach ei­ner un­wi­der­ruf­li­chen Frei­stel­lung im­mer noch ei­ne Ab­mah­nung möglich, d.h. es gibt ein mil­de­res Mit­tel als ei­ne Kündi­gung.  

Hessisches LAG: Weitere Lohnzahlungen können Arbeitsverhältnis unzumutbar machen

Im Fall des Hes­si­schen LAG ver­ein­bar­te ein Kun­den­be­treu­er mit sei­nem Ar­beit­ge­ber, ei­ner Bank, ei­nen Auf­he­bungs­ver­trag, der ei­ne mehr­mo­na­ti­ge un­wi­der­ruf­li­che Frei­stel­lung bis zum En­de des Ar­beits­verhält­nis­ses vor­sah. Kurz nach Be­ginn der Frei­stel­lung er­fuhr die Bank, dass er sich zu­vor noch er­heb­li­che Men­gen ver­trau­li­che Kun­den­da­ten per E-Mail zu­ge­schickt hat­te und kündig­te ihm des­halb frist­los.

Sei­ne Kündi­gungs­schutz­kla­ge hat­te zwar vor dem Ar­beits­ge­richt Frank­furt am Main Er­folg (Ur­teil vom 21.12.2010, 4 Ca 5416/10). Das LAG ent­schied aber, dass die frist­lo­se Kündi­gung rech­tens war. Denn in­fol­ge des Vor­falls hat­te die Bank je­des Ver­trau­en in die Ehr­lich­keit des Mit­ar­bei­ters ver­lo­ren. Un­ter die­sen Umständen war es ihr nicht zu­zu­mu­ten, dem Kläger noch mo­na­te­lang sein Ge­halt wei­ter zu zah­len. 

Fa­zit: Das Ur­teil über­zeugt, zu­mal das LAG sei­ne Be­gründung nach­voll­zieh­bar auf ei­ne Ent­schei­dung des Bun­des­ar­beits­ge­richts (BAG, Ur­teil vom 05.04.2001, 2 AZR 217/00) stützen konn­te. Es zeigt, dass ei­ne un­wi­der­ruf­li­che Frei­stel­lung während der Rest­lauf­zeit des Ar­beits­verhält­nis­ses kein Frei­brief für gra­vie­ren­de Pflicht­ver­let­zun­gen ist. Auch frei­ge­stell­te Ar­beit­neh­mer ris­kie­ren ihr Rest­ge­halt, ei­ne be­reits aus­ge­han­del­te Ab­fin­dung und ein schlech­tes Zeug­nis.

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Letzte Überarbeitung: 24. August 2016

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