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Urteile zum Arbeitsrecht
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Schlag­worte: Kündigung: Fristlos, Kündigung: Verhaltensbedingt
   
Gericht: Landesarbeitsgericht Rheinland-Pfalz
Akten­zeichen: 5 Sa 107/11
Typ: Urteil
Ent­scheid­ungs­datum: 22.08.2011
   
Leit­sätze:
Vor­ins­tan­zen: Arbeitsgericht Kaiserslautern, Urteil vom 01.02.2011, 8 Ca 1504/10
   

Ak­ten­zei­chen:
5 Sa 107/11
8 Ca 1504/10
ArbG Kai­sers­lau­tern
Ent­schei­dung vom 22.08.2011

Te­nor:
1.) Die Be­ru­fung der Be­klag­ten ge­gen das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Kai­sers­lau­tern vom 01.02.2011 - 8 Ca 1504/10 - wird auf ih­re Kos­ten zurück­ge­wie­sen.
2.) Die Re­vi­si­on wird nicht zu­ge­las­sen.

Tat­be­stand:
Die Par­tei­en des vor­lie­gen­den Rechts­streits strei­ten im Be­ru­fungs­ver­fah­ren (nur noch) darüber, ob das zwi­schen ih­nen be­ste­hen­de Ar­beits­verhält­nis auf­grund ei­ner außer­or­dent­li­chen bzw. ei­ner hilfs­wei­se erklärten or­dent­li­chen Kündi­gung der Be­klag­ten be­en­det wor­den ist.

Der 1976 ge­bo­re­ne Kläger ist bei der Be­klag­ten, die So­lar­an­la­gen mon­tiert, seit dem 01.12.2009 in ei­nem Ar­beits­verhält­nis als As­sis­tent der Geschäfts­lei­tung tätig. Das Brut­to­mo­nats­ent­gelt beträgt 3.750,-- EUR. Der Ar­beits­ver­trag enthält u. a. fol­gen­de Re­ge­lung:

"2. Tätig­keit
Der Mit­ar­bei­ter wird als "As­sis­tent der Geschäftsführung" beschäftigt. Art und Um­fang der Tätig­keit so­wie die Über- und Un­ter­stel­lung des Mit­ar­bei­ters er­ge­ben sich aus der Stel­len­be­schrei­bung bzw. dem Be­triebs­or­ga­ni­gram.

Der Mit­ar­bei­ter ver­pflich­tet sich, al­le ihm über­tra­ge­nen Auf­ga­ben sorgfältig aus­zuführen und auch zu­mut­ba­re zusätz­li­che und an­de­re als die vor­ge­se­he­nen Auf­ga­ben zu über­neh­men.

So­weit die dienst­li­chen Be­lan­ge es er­for­dern, ist der Mit­ar­bei­ter auch zu an­ge­ord­ne­ten Dienst­rei­sen ver­pflich­tet. Fahrt­kos­ten und Spe­sen wer­den nach den all­ge­mei­nen übli­chen Sätzen er­stat­tet.

Der Mit­ar­bei­ter ver­pflich­tet sich, re­gelmäßig an Aus- und Wei­ter­bil­dungs­maßnah­men, die von der Fir­ma an­ge­ord­net wer­den, teil­zu­neh­men. Die Kos­ten für die Mit­ar­bei­ter­qua­li­fi­ka­ti­on trägt die Fir­ma."

Hin­sicht­lich des wei­te­ren In­halts des schrift­lich ab­ge­schlos­se­nen Ar­beits­ver­tra­ges wird auf Bl. 13 ff. d. A. Be­zug ge­nom­men. Ei­ne Stel­len­be­schrei­bung hin­sicht­lich der Tätig­keit des Klägers bzw. der ei­nes As­sis­ten­ten der Geschäftsführung be­steht bei der Be­klag­ten nicht.

Der Kläger hat für die Be­klag­te bei der Fir­ma Z (Z) GmbH als Lie­fe­ran­ten ei­nen Auf­trag über die Lie­fe­rung von So­lar­mo­du­len im Wert von et­was mehr als 1,6 Mio. EUR (vgl. Bl. 50 ff. d. A.) mit Vor­kas­se am 07.10.2010 un­ter­zeich­net. Am glei­chen Tag hat die Be­klag­te den Auf­trag stor­niert (Bl. 52 d. A.). Außer­ge­richt­lich hat die Z 10% Stor­no­gebühren gel­tend ge­macht (Bl. 53 d. A.), de­ren Zah­lung an­ge­mahnt, um so­dann mit Schrei­ben vom 07.01.2011 (Bl. 103 d. A.) schrift­lich mit­zu­tei­len, dass sie kei­ne Ansprüche aus der stor­nier­ten Be­stel­lung vom 07.10.2010 ge­genüber der Be­klag­ten gel­tend macht.

Die Be­klag­te hat das Ar­beits­verhält­nis außer­or­dent­lich, hilfs­wei­se or­dent­lich am 12.10.2010 (Zu­gang 13.10.) gekündigt (vgl. Bl. 23 d. A.).

Der Kläger hat, so­weit für das Be­ru­fungs­ver­fah­ren von Be­lang, vor­ge­tra­gen,
die Un­ter­zeich­nung des Auf­trags an die Z sei mit Ein­verständ­nis des Geschäftsführers der Be­klag­ten er­folgt. Der Kläger ha­be am 05.10.2010 drei­mal mit ei­nem Mit­ar­bei­ter der Fir­ma Z te­le­fo­niert und da­nach je­weils Rück­spra­che mit dem Geschäftsführer der Be­klag­ten we­gen des Prei­ses, der Men­ge und der Lie­fer­ter­mi­ne ge­nom­men. Als am 06.10.2010 noch nicht be­stellt wor­den sei, ha­be ein Mit­ar­bei­ter der Fir­ma Z, Herr Y, an­ge­ru­fen und nach dem Stand der Din­ge nach­ge­fragt. Der Kläger ha­be so­dann erklärt, dass der Geschäftsführer mitt­ler­wei­le an­we­send sei. Der Kläger ha­be so­dann den Geschäftsführer ge­fragt, was mit der Be­stel­lung sei und da­bei die un­ter­schrifts­rei­fe Be­stel­lung in der Hand ge­habt. Die­se ha­be er dem Geschäftsführer ge­zeigt. Die­ser ha­be dann erklärt: "Kümme­re dich dar­um, wir ma­chen das so." Die Prei­se sei­en mit 0,03 - 0,05 EUR nied­ri­ger je kwp ge­we­sen als die der an­de­ren An­bie­ter. Die Mo­du­le sei­en auch tatsächlich für vor­han­de­ne Auf­träge benötigt wor­den. Es ge­be - un­strei­tig - kei­ne Ar­beits­platz­be­schrei­bung, in der ge­re­gelt sei, was der Kläger un­ter­zeich­nen dürfe und was nicht. Der Kläger ha­be - un­strei­tig - be­reits früher Auf­träge un­ter­zeich­net.

Der Kläger hat, so­weit für das Be­ru­fungs­ver­fah­ren von Be­lang, be­an­tragt,
fest­zu­stel­len, dass das Ar­beits­verhält­nis des Klägers bei der Be­klag­ten we­der durch die außer­or­dent­li­che Kündi­gung vom 12.10.2010 zum 13.10.2010 noch durch die hilfs­wei­se erklärte or­dent­li­che Kündi­gung vom 12.10.2010 zum 15.11.2010 auf­gelöst wird;
fest­zu­stel­len, dass das Ar­beits­verhält­nis zwi­schen den Par­tei­en über den 13.10.2010 hin­aus un­verändert fort­be­steht und auch nicht durch an­de­re Be­en­di­gungs­gründe auf­gelöst wird;

Die Be­klag­te hat be­an­tragt,
die Kla­ge ab­zu­wei­sen.

Die Be­klag­te hat vor­ge­tra­gen,
der Kläger ha­be oh­ne Rück­spra­che oder Ge­neh­mi­gung mit dem Geschäftsführer mit ei­ner bei der Be­klag­ten bis da­to un­be­kann­ten Fir­ma ei­nen Großauf­trag ge­gen Vor­kas­se und oh­ne jeg­li­che Si­che­rungs­maßnah­men ab­ge­schlos­sen. Die Be­klag­te ha­be kei­ne Kennt­nis darüber, was den Kläger da­zu mo­ti­viert ha­be. Verfügba­re Mit­tel in die­ser Größen­ord­nung ha­be die Be­klag­te nicht; sie sei gar nicht in der La­ge ge­we­sen, die Be­stel­lung im Vor­hin­ein zu be­zah­len. Es ha­be die Ge­fahr be­stan­den, dass die Z er­folg­reich zu­min­dest 10% der Auf­trags­sum­me, al­so rund 160.000,-- EUR, von der Be­klag­ten ver­lan­ge.

Zwar ha­be der Kläger be­reits früher Auf­träge un­ter­zeich­net. Verträge mit ei­ner Größen­ord­nung von mehr als 100.000,-- EUR sei­en aber vor­ab durch den Pro­zess­be­vollmäch­tig­ten der Be­klag­ten zu prüfen. Für die Fir­ma Z ha­be der Kläger kei­nen Auf­trag ge­habt, die Un­ter­schrift zu leis­ten. Er ha­be nur An­ge­bo­te ein­ho­len sol­len. Das Ver­trau­ens­verhält­nis zu ihm sei voll­kom­men zerstört.

Das Ar­beits­ge­richt Kai­sers­lau­tern hat dar­auf­hin durch Ur­teil vom 01.02.2011 - 8 Ca 1504/10 -, so­weit für das Be­ru­fungs­ver­fah­ren von Be­lang, fest­ge­stellt, dass das Ar­beits­verhält­nis des Klägers bei der Be­klag­ten we­der durch die außer­or­dent­li­che Kündi­gung vom 12.10.2010 zum 13.10.2010, noch durch die hilfs­wei­se erklärte or­dent­li­che Kündi­gung vom 12.10.2010 zum 15.11.2010 auf­gelöst wor­den ist. Die wei­ter­ge­hen­de Kla­ge hat es ab­ge­wie­sen. Hin­sicht­lich des In­halts von Tat­be­stand und Ent­schei­dungs­gründen wird auf Bl. 111 - 119 d. A. Be­zug ge­nom­men.

Ge­gen das ihr am 21.02.2011 zu­ge­stell­te Ur­teil hat die Be­klag­te durch am 21.02.2011 beim Lan­des­ar­beits­ge­richt Rhen­land-Pfalz ein­ge­gan­ge­nem Schrift­satz Be­ru­fung ein­ge­legt. Sie hat die Be­ru­fung durch am 18.05.11 beim Lan­des­ar­beits­ge­richt ein­ge­gan­ge­nem Schrift­satz be­gründet, nach­dem zu­vor auf ih­ren be­gründe­ten An­trag hin durch Be­schluss vom 19.04.2011 die Frist zur Ein­rei­chung der Be­ru­fungs­be­gründung bis zum 18.05.2011 ein­sch­ließlich verlängert wor­den war.

Die Be­klag­te wie­der­holt ihr erst­in­stanz­li­ches Vor­brin­gen und hebt ins­be­son­de­re her­vor, die Be­klag­te ha­be auf­grund der Un­ter­schrifts­leis­tung die Ver­pflich­tung über­nom­men, ei­nen Be­trag im Vor­aus zu leis­ten, über den sie zum maßgeb­li­chen Zeit­punkt gar nicht verfügt ha­be. Das hätte zwin­gend un­mit­tel­bar die In­sol­venz zur Fol­ge ge­habt. Der Kläger ha­be folg­lich in Kennt­nis die­ser Umstände der­art geschäftsschädi­gend und ver­ant­wor­tungs­los ge­han­delt, dass ei­ne außer­or­dent­li­che Kündi­gung ge­recht­fer­tigt sei. Es sei le­dig­lich dem Ge­schick des Geschäftsführers der Be­klag­ten zu ver­dan­ken ge­we­sen, dass die dro­hen­de In­sol­venz ha­be ab­ge­wen­det wer­den können. Ei­ne Ab­mah­nung des Klägers sei nicht er­for­der­lich ge­we­sen, weil er die Be­klag­te wirt­schaft­lich exis­ten­ti­ell gefähr­det ha­be.

Hin­sicht­lich der wei­te­ren Dar­stel­lung der Auf­fas­sung der Be­klag­ten wird auf die Be­ru­fungs­be­gründungs­schrift vom 18.05.2011 (Bl. 153 - 158 d. A.) so­wie den Schrift­satz vom 18.08.2011 (Bl. 188 - 191 d. A.) Be­zug ge­nom­men.

Die Be­klag­te be­an­tragt,
un­ter Auf­he­bung des Ur­teils des Ar­beits­ge­richts Kai­sers­lau­tern vom 01.02.2011 - Az.: 8 Ca 1504/10 - die Kla­ge ab­zu­wei­sen.

Der Kläger be­an­tragt,
die Be­ru­fung zurück­zu­wei­sen.

Der Kläger ver­tei­digt die an­ge­foch­te­ne Ent­schei­dung un­ter Wie­der­ho­lung sei­nes erst­in­stanz­li­chen Vor­brin­gens und hebt ins­be­son­de­re her­vor, er ha­be un­strei­tig Verträge na­mens und in Voll­macht der Be­klag­ten un­ter­zeich­nen dürfen. Sei­ne Kom­pe­ten­zen sei­en nir­gend­wo schrift­lich nie­der­ge­legt oder an­der­wei­tig ge­re­gelt. Auch ge­be es - un­strei­tig - kei­ne vor­he­ri­gen ein­schlägi­gen Ab­mah­nun­gen. Da das Auf­ga­ben­ge­biet des Klägers in kei­ner Wei­se de­fi­niert ge­we­sen sei, ha­be die Be­klag­te ein Fehl­ver­hal­ten des Klägers nicht sub­stan­ti­iert dar­ge­legt. Ihm sei auch nichts vor­zu­wer­fen, denn er ha­be im Ein­zel­nen den Be­stell­vor­gang dar­ge­legt, vor al­lem, dass er je­weils Rück­spra­che mit dem Geschäftsführer der Be­klag­ten ge­hal­ten ha­be.

Zur wei­te­ren Dar­stel­lung der Auf­fas­sung des Klägers wird auf die Be­ru­fungs­er­wi­de­rungs­schrift vom 27.06.2011 (Bl. 168 - 170 d. A.) Be­zug ge­nom­men.

We­gen der wei­te­ren Ein­zel­hei­ten des Sach- und Streit­stan­des wird auf den vor­ge­tra­ge­nen In­halt der Schriftsätze der Par­tei­en, die Ge­gen­stand der münd­li­chen Ver­hand­lung wa­ren, so­wie die zu den Ak­ten ge­reich­ten Schriftstücke ver­wie­sen.

Sch­ließlich wird Be­zug ge­nom­men auf das Sit­zungs­pro­to­koll vom 22.08.2011.

Ent­schei­dungs­gründe:
I.
Das Rechts­mit­tel der Be­ru­fung ist nach §§ 64 Abs. 1, 2 ArbGG statt­haft. Die Be­ru­fung ist auch gem. §§ 64 Abs. 6, 66 Abs. 1 ArbGG in Ver­bin­dung mit §§ 518, 519 ZPO form- und frist­ge­recht ein­ge­legt und be­gründet wor­den.

II. Das Rechts­mit­tel der Be­ru­fung hat je­doch in der Sa­che kei­nen Er­folg.

Denn das Ar­beits­ge­richt ist letzt­lich zu Recht da­von aus­ge­gan­gen, dass das zwi­schen den Par­tei­en be­ste­hen­de Ar­beits­verhält­nis we­der durch die außer­or­dent­li­che Kündi­gung, noch durch die hilfs­wei­se erklärte or­dent­li­che Kündi­gung der Be­klag­ten vom 12.10.2010 sein En­de ge­fun­den hat.

Ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Be­klag­ten sind die Vor­aus­set­zun­gen für die Rechts­wirk­sam­keit ei­ner außer­or­dent­li­chen Kündi­gung gemäß § 626 BGB vor­lie­gend nicht ge­ge­ben.

Ein wich­ti­ger Grund im Sin­ne der Ge­ne­ral­klau­sel der § 626 Abs. 1 BGB für ei­ne außer­or­dent­li­che Kündi­gung liegt dann vor, wenn Tat­sa­chen ge­ge­ben sind, auf­grund de­rer dem Kündi­gen­den un­ter Berück­sich­ti­gung al­ler Umstände des Ein­zel­fal­les und in der Abwägung der In­ter­es­sen bei­der Ver­trags­tei­le die Fort­set­zung des Ar­beits­verhält­nis­ses bis zum Ab­lauf der Frist für ei­ne or­dent­li­che Kündi­gung nicht zu­ge­mu­tet wer­den kann. Da­mit wird der wich­ti­ge Grund zunächst durch die ob­jek­tiv vor­lie­gen­den Tat­sa­chen be­stimmt, die an sich ge­eig­net sind, die Fort­set­zung des Ar­beits­verhält­nis­ses un­zu­mut­bar zu ma­chen. Kündi­gungs­grund im Sin­ne des § 626 Abs. 1 BGB ist des­halb je­der Sach­ver­halt, der ob­jek­tiv das Ar­beits­verhält­nis mit dem Ge­wicht ei­nes wich­ti­gen Grun­des be­las­tet (vgl. BAG AP-Nr. 4, 42, 63 zu § 626 BGB). Ent­schei­dend ist nicht der sub­jek­ti­ve Kennt­nis­stand des Kündi­gen­den, son­dern der ob­jek­tiv vor­lie­gen­de Sach­ver­halt, der ob­jek­ti­ve An­lass. Berück­sich­tigt wer­den können nur die bis zum Aus­spruch der Kündi­gung ein­ge­tre­te­nen Umstände bei der Über­prüfung der Fra­ge, ob sie als Kündi­gungs­grund an sich ge­eig­net sind Ascheid/Preis/Schmidt Großkom­men­tar Kündi­gungs­recht 3. Auf­la­ge 2007 (APS-Dörner), § 626 BGB Rz. 42 ff.; Dörner/Lucz­ak/Wildschütz, Hand­buch des Fach­an­walts für Ar­beits­recht (DLW-Dörner), 9. Auf­la­ge 2011 Kap. 4, Rz. 1104 ff.).

Die da­nach zu berück­sich­ti­gen­den Umstände müssen nach verständi­gem Er­mes­sen die Fort­set­zung des Ar­beits­verhält­nis­ses nicht zu­mut­bar er­schei­nen las­sen (BAG AP-Nr. 4 zu § 626 BGB). Bei der Be­wer­tung des Kündi­gungs­grun­des und bei der nach­fol­gen­den In­ter­es­sen­abwägung ist ein ob­jek­ti­ver Maßstab an­zu­le­gen, so dass sub­jek­ti­ve Umstände, die sich aus den Verhält­nis­sen der Be­tei­lig­ten er­ge­ben, nur auf­grund ei­ner ob­jek­ti­ven Be­trach­tung zu berück­sich­ti­gen sind. Die da­nach maßgeb­li­chen Umstände müssen sich kon­kret nach­tei­lig auf das Ar­beits­verhält­nis aus­wir­ken; da der Kündi­gungs­grund zu­kunfts­be­zo­gen ist und die Kündi­gung kei­ne Sank­ti­on für das Ver­hal­ten in der Ver­gan­gen­heit dar­stellt, kommt es auf sei­ne Aus­wir­kun­gen auf die Zu­kunft an. Da es um den zukünf­ti­gen Be­stand des Ar­beits­verhält­nis­ses geht, muss des­sen Fort­set­zung durch ob­jek­ti­ve Umstände oder die Ein­stel­lung oder das Ver­hal­ten des Gekündig­ten im Leis­tungs­be­reich, im Be­reich der be­trieb­li­chen Ver­bun­den­heit al­ler Mit­ar­bei­ter, im persönli­chen Ver­trau­ens­be­reich (der Ver­trags­part­ner) oder im Un­ter­neh­mens­be­reich kon­kret be­ein­träch­tigt sein (BAG EzA § 626 BGB Nr. 11, EzA § 626 BGB n.F. Nr. 7).

Die er­for­der­li­che Über­prüfung gem. § 626 Abs. 1 BGB voll­zieht sich folg­lich zwei­stu­fig:

Zum ei­nen muss ein Grund vor­lie­gen, der un­ter Berück­sich­ti­gung der oben skiz­zier­ten Kri­te­ri­en über­haupt an sich ge­eig­net ist, ei­ne außer­or­dent­li­che Kündi­gung zu recht­fer­ti­gen. In­so­weit han­delt es sich um ei­nen Ne­ga­tiv­fil­ter, d. h., dass be­stimm­te Kündi­gungs­gründe ei­ne außer­or­dent­li­che Kündi­gung von vorn­her­ein nicht recht­fer­ti­gen können.

Zum an­de­ren muss die­ser Grund im Rah­men ei­ner In­ter­es­sen­abwägung un­ter be­son­de­rer Berück­sich­ti­gung al­ler Umstände des Ein­zel­fal­les, ins­be­son­de­re auch des Verhält­nismäßig­keits­prin­zips zum Über­wie­gen der be­rech­tig­ten In­ter­es­sen des Kündi­gen­den an der - in der Re­gel - vor­zei­ti­gen Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses führen (vgl. ausführ­lich APS-Dörner, § 626 BGB a.a.O.; DLW-Dörner a.a.O.).

Ent­schei­den­der Zeit­punkt ist der des Aus­spruchs der Kündi­gung.

Die in den auf­ge­ho­be­nen ge­setz­li­chen Vor­schrif­ten der §§ 123, 124 Ge­wer­be­ord­nung, 71, 72 HGB nach al­tem Recht ge­nann­ten Bei­spie­le für wech­sel­sei­ti­ge wich­ti­ge Gründe (z. B. Ar­beits­ver­trags­bruch, be­harr­li­che Ar­beits­ver­wei­ge­rung) sind als wich­ti­ge Hin­wei­se für ty­pi­sche Sach­ver­hal­te an­zu­er­ken­nen, die an sich ge­eig­net sind, ei­nen wich­ti­gen Grund zur außer­or­dent­li­chen Kündi­gung zu bil­den und die Kündi­gung in der Re­gel auch zu recht­fer­ti­gen, wenn kei­ne be­son­de­ren Umstände zu­guns­ten des Gekündig­ten spre­chen (vgl. BAG AP-Nr. 99 zu § 626 BGB). "Ab­so­lu­te Kündi­gungs­gründe", die oh­ne ei­ne be­son­de­re In­ter­es­sen­abwägung ei­ne außer­or­dent­li­che Kündi­gung recht­fer­ti­gen, be­ste­hen an­de­rer­seits je­doch nicht (BAG SAE 1986, S. 5).

Sys­te­ma­tisch kann nach Störun­gen im Leis­tungs­be­reich, im be­trieb­li­chen Be­reich der Ver­bun­den­heit al­ler Mit­ar­bei­ter, im persönli­chen Ver­trau­ens­be­reich der Ver­trags­part­ner und im Un­ter­neh­mens­be­reich un­ter­schie­den wer­den (APS-Dörner, a.a.O.; DLW-Dörner a.a.O.)

Vor­lie­gend wirft die Be­klag­te dem Kläger im We­sent­li­chen vor, er ha­be durch Un­ter­zeich­nung des Lie­fer­an­ge­bo­tes der Fir­ma Z sei­ne Kom­pe­ten­zen über­schrit­ten und die Be­klag­te der Ge­fahr der In­sol­venz aus­ge­setzt, der sie nur auf­grund des Ver­hand­lungs­ge­schicks ih­res Geschäftsführer letzt­lich ent­gan­gen sei.

Zwar kann die Über­schrei­tung der ar­beits­ver­trag­lich ver­ein­bar­ten Be­fug­nis­se u. U., ins­be­son­de­re dann, wenn sie ei­nen ge­wis­sen Grad der Be­harr­lich­keit er­reicht, ei­nen an sich zur außer­or­dent­li­chen Kündi­gung ge­eig­ne­ten Um­stand nach Maßga­be der zu­vor dar­ge­stell­ten Grundsätze dar­stel­len. Vor­lie­gend lässt sich aber auf­grund des Tat­sa­chen­vor­trags der in­so­weit zunächst dar­le­gungs­be­las­te­ten Be­klag­ten be­reits nicht ent­neh­men, wel­che Be­fug­nis­se der Kläger in der kon­kre­ten ar­beits­ver­trag­li­chen Si­tua­ti­on tatsächlich hat­te und wel­che nicht. Der Ar­beits­ver­trag enthält le­dig­lich die pau­scha­le Be­zeich­nung "As­sis­tent der Geschäfts­lei­tung". Ei­ne nähe­re schrift­li­che Kon­kre­ti­sie­rung exis­tiert un­strei­tig nicht. Tat­sa­chen, wie die Be­klag­te auf­grund kon­kre­ter Ein­zel­wei­sun­gen die Be­fug­nis­se des Klägers be­stimmt und ab­ge­grenzt hat, enthält ihr tatsächli­ches Vor­brin­gen nach In­halt, Ort, Zeit­punkt und be­tei­lig­ten Per­so­nen nicht. So hat sie ins­be­son­de­re nicht zu dem - in­so­weit sub­stan­ti­ier­ten - Sach­vor­trag des Klägers Stel­lung ge­nom­men, er ha­be be­reits zu­vor ent­spre­chen­de Auf­träge durch Un­ter­schrift "ver­ge­ben". Sie hat in­so­weit le­dig­lich be­haup­tet, der Kläger ha­be Be­stel­lun­gen im Wert von mehr 100.000,-- EUR nicht ver­an­las­sen dürfen. Die­ser Tat­sa­chen­vor­trag ist aber nach In­halt, Zeit­punkt und be­tei­lig­ten Per­so­nen un­sub­stan­ti­iert und da­mit ei­nem sub­stan­ti­ier­ten Be­strei­ten durch den Kläger, wor­auf die­ser auch zu­tref­fend hin­ge­wie­sen hat, nicht zugäng­lich. Die Be­klag­te hat auch nicht sub­stan­ti­iert zu der Be­haup­tung des Klägers Stel­lung ge­nom­men, er ha­be, nach­dem er - un­strei­tig - be­auf­tragt ge­we­sen, sei An­ge­bo­te ein­zu­ho­len, je­weils mit dem Geschäftsführer der Be­klag­ten Rück­spra­che ge­nom­men. Ein sub­stan­ti­ier­tes Be­strei­ten die­ses - na­he­lie­gen­den - Um­stan­des durch die Be­klag­te fehlt vollständig. Na­he­lie­gend des­halb, weil der Kläger kei­ner­lei persönli­ches In­ter­es­se an ei­ner ent­spre­chen­den Be­stel­lung hat­te oder ha­ben konn­te. Von da­her ist be­reits nicht fest­stell­bar, dass der Kläger über­haupt nach Maßga­be des Tat­sa­chen­vor­tra­ges der Par­tei­en im vor­lie­gen­den Rechts­streit sei­ne Be­fug­nis­se über­schrit­ten ha­ben könn­te.

Selbst wenn er die­se Be­fug­nis­se aber über­schrit­ten hätte, wäre nach dem Verhält­nismäßig­keits­prin­zip in ers­ter Li­nie ei­ne Ab­mah­nung in Erwägung zu zie­hen ge­we­sen; al­lein der Hin­weis auf ei­ne mögli­che Exis­tenz­gefähr­dung der Be­klag­ten, die ab­zu­wen­den Auf­ga­be des Geschäftsführers der Ge­sell­schaft ist und die er im We­ge von Ein­zel­wei­sun­gen im Rah­men ei­nes be­ste­hen­den Ar­beits­verhält­nis­ses mit ei­nem As­sis­ten­ten der Geschäfts­lei­tung si­cher zu stel­len hat, genügt die­sen An­for­de­run­gen nicht und führt ins­be­son­de­re nicht zur Ent­behr­lich­keit ei­ner vor­he­ri­gen Ab­mah­nung.

Auch das Be­ru­fungs­vor­brin­gen der Be­klag­ten recht­fer­tigt kei­ne ab­wei­chen­de Be­ur­tei­lung des hier maßgeb­li­chen Le­bens­sach­ver­halts.

Al­lein der Hin­weis, die Be­klag­te sei nicht in der La­ge ge­we­sen, die Ver­bind­lich­keit, die durch die streit­ge­genständ­li­che Be­stel­lung aus­gelöst wor­den sei, zu be­glei­chen, recht­fer­tigt, wie dar­ge­legt, nicht be­reits per se die An­nah­me ei­ner - vorsätz­li­chen - Ver­trags­pflicht­ver­let­zung durch den Kläger. War­um die­ser hätte er­ken­nen können oder müssen, durch sein Ver­hal­ten geschäftsschädi­gend oder ver­ant­wor­tungs­los zu han­deln, er­sch­ließt sich oh­ne Hin­zu­tre­ten wei­te­rer kon­kre­ter Tat­sa­chen der Kam­mer nicht. Denn tatsächlich steht fest, dass die Fir­ma Z aus die­ser Be­stel­lung kei­ner­lei Rech­te mehr ab­lei­tet.

Fehlt es aber be­reits aber an ei­ner durch die Be­klag­te sub­stan­ti­iert vor­ge­tra­ge­nen Ver­trags­pflicht­ver­let­zung, so er­wei­sen sich so­wohl die streit­ge­genständ­li­che außer­or­dent­li­che, als auch die hilfs­wei­se erklärte or­dent­li­che Ar­beit­ge­berkündi­gung (§ 626 BGB, § 1 KSchG) als rechts­un­wirk­sam.

Nach al­le­dem war die Be­ru­fung zurück­zu­wei­sen.

Die Kos­ten­ent­schei­dung folgt aus § 97 Abs. 1 ZPO.

Für ei­ne Zu­las­sung der Re­vi­si­on war an­ge­sichts der ge­setz­li­chen Kri­te­ri­en des § 72 ArbGG kei­ne Ver­an­las­sung ge­ge­ben.

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