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Frist­lo­se Kün­di­gung we­gen Dieb­stahls von Bröt­chen?

Lang­jäh­rig be­schäf­tig­te Ham­bur­ger Kran­ken­schwes­ter we­gen Ent­wen­dung von acht Bröt­chen ge­kün­digt - Kün­di­gung un­wirk­sam: Ar­beits­ge­richt Ham­burg, Ur­teil vom 10.07.2015, 27 Ca 87/15

13.07.2015. Vor ei­ni­gen Jah­ren hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) klar­ge­stellt, dass auch ein Dieb­stahl des Ar­beit­neh­mers ei­ne frist­lo­se Kün­di­gung nicht im­mer recht­fer­tigt.

Vor al­lem, wenn das Ar­beits­ver­hält­nis lan­ge be­stan­den hat und der Wert der ge­stoh­le­nen Sa­che ge­ring ist, kann ei­ne frist­lo­se Kün­di­gung un­ver­hält­nis­mä­ßig sein.

Zu die­sem Er­geb­nis kommt auch das Ar­beits­ge­richt Ham­burg in ei­nem ak­tu­el­len Fall: Ar­beits­ge­richt Ham­burg, Ur­teil vom 10.07.2015, 27 Ca 87/15.

Fristlose Kündigung wegen Bagatelldiebstahls bei langer Beschäftigungsdauer?

Ar­beit­ge­ber und Ar­beit­neh­mer können das Ar­beits­verhält­nis außer­or­dent­lich und frist­los kündi­gen, wenn sie dafür ei­nen sog. wich­ti­gen Grund gemäß § 626 Abs.1 Bürger­li­ches Ge­setz­buch (BGB) ha­ben. Ein sol­cher wich­ti­ger Grund kann ein Dieb­stahl sein, wo­bei auch die Ent­wen­dung ge­ring­wer­ti­ger Sa­chen - im All­ge­mei­nen - genügt.

Al­ler­dings genügt es für ei­ne wirk­sa­me frist­lo­se Kündi­gung nicht, ei­nen im All­ge­mei­nen aus­rei­chen­den wich­ti­gen Grund vor­wei­sen zu können. Denn die Kündi­gung muss auch, so § 626 Abs.1 BGB, im Ein­zel­fall "un­ter Berück­sich­ti­gung al­ler Umstände des Ein­zel­fal­les und un­ter Abwägung der In­ter­es­sen bei­der Ver­trags­tei­le" an­ge­mes­sen sein.

Hier­zu hat das BAG, wie oben erwähnt, in sei­nem Em­me­ly-Ur­teil vom 10.06.2010 (2 AZR 541/09) ent­schie­den, dass ein lan­ge oh­ne Be­an­stan­dun­gen beschäftig­ter Ar­beit­neh­mer so viel Ver­trau­en sei­nes Ar­beit­ge­bers er­wor­ben hat, dass die­ses durch ei­nen (ge­ring­wer­ti­gen) Dieb­stahl in der Re­gel nicht schlag­ar­tig zerstört wer­den kann. Wer nach et­wa 20 Jah­ren be­an­stan­dungs­frei­er Tätig­keit ei­nen Fehl­tritt be­geht und ei­ne Sa­che im Wert von ei­ni­gen Eu­ro oder Cent stiehlt, ver­dient ei­ne zwei­te Chan­ce, so das BAG.

Aber gilt das auch, wenn ei­ne Kran­ken­schwes­ter gleich ei­ne gan­ze "Run­de" Pau­sen­brötchen für sich und ih­re Kol­le­gin­nen schmeißt? Mit die­ser Fra­ge be­fasst sich das Ar­beits­ge­richt Ham­burg.

Der Hamburger Streitfall: Krankenschwester entwendet für sich und ihre Kollegen acht halbe Pausenbrötchen

In dem Ver­fah­ren vor dem Ar­beits­ge­richt Ham­burg hat­te ei­ne seit 1991 beschäftig­te und da­her ta­rif­li­che unkünd­ba­re Kran­ken­schwes­ter ge­gen ei­ne frist­lo­se Kündi­gung ge­klagt. An­lass der Kündi­gung war fol­gen­der Vor­fall:

In ei­nem Pau­sen­raum der Ret­tungs­stel­le des Kran­ken­hau­ses, in der die Kläge­rin ar­bei­te­te, wur­den in ei­nem Kühl­schrank be­leg­te Brötchen ge­la­gert. Die­se wa­ren nicht für das Pfle­ge­per­so­nal des Kran­ken­hau­ses, son­dern für ex­ter­ne Mit­ar­bei­ter wie z.B. für Ret­tungs­sa­nitäter be­stimmt.

Trotz­dem nahm die Kran­ken­schwes­ter acht hal­be be­leg­te Brötchenhälf­ten aus dem Kühl­schrank und trug sie in den Pau­sen­raum. Dort wur­den die Brötchen von der Kran­ken­schwes­ter und ih­ren Kol­le­gin­nen ver­speist.

Als die Kran­ken­schwes­ter zu dem Vor­fall an­gehört wur­de, gab sie al­les so­fort zu. Als Grund für ihr Ver­hal­ten gab sie an, dass ihr ei­ge­nes Es­sen aus dem Kühl­schrank ge­stoh­len wor­den sei.

Der Ar­beit­ge­ber nahm den Vor­fall so ernst, dass er außer­or­dent­lich und frist­los kündig­te. Hilfs­wei­se für den Fall der Un­wirk­sam­keit der frist­lo­sen Kündi­gung sprach er ei­ne Kündi­gung "mit so­zia­ler Aus­lauf­frist" aus, d.h. er gewähr­te der Kläge­rin die längs­te denk­ba­re ta­rif­li­che Kündi­gungs­frist.

Arbeitsgericht Hamburg: Fristlose Kündigung war unverhältnismäßig

Das Ar­beits­ge­richt gab der Kündi­gungs­schutz­kla­ge statt, wo­bei es sich auf fol­gen­de Über­le­gun­gen stütz­te:

Der Dieb­stahl ge­ring­wer­ti­ger Sa­chen kann zwar im All­ge­mei­nen ei­ne außer­or­dent­li­che Kündi­gung recht­fer­ti­gen, doch ist bei sol­chen ge­gen den Ar­beit­ge­ber ge­rich­te­ten Ei­gen­tums­de­lik­ten im­mer zu prüfen, ob das be­ein­träch­tig­te Ver­trau­en des Ar­beit­ge­bers nicht durch ei­ne Ab­mah­nung wie­der her­ge­stellt wer­den kann. Und so lag es hier im Streit­fall nach An­sicht des Ge­richts, d.h. das Kran­ken­haus hätte statt ei­ner Kündi­gung ei­ne Ab­mah­nung (als mil­de­res Mit­tel) aus­spre­chen können.

Denn hier sprach zu­guns­ten der Kran­ken­schwes­ter, dass sie die (an sich "er­heb­li­che") Pflicht­ver­let­zung of­fen be­gan­gen und später nicht ab­ge­strit­ten, son­dern so­fort zu­ge­ge­ben hat­te. Außer­dem konn­te sie 23 (!) Dienst­jah­re vor­wei­sen, in de­nen der Ar­beit­ge­ber kei­nen Grund zu Be­an­stan­dun­gen ih­res Ver­hal­tens hat­te. Vor die­sem Hin­ter­grund war die strei­ti­ge frist­lo­se Kündi­gung un­verhält­nismäßig und da­her un­wirk­sam, so das Ar­beits­ge­richt.

Fa­zit: Wie das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Ham­burg in die­sem Streit­fall zeigt, kom­men Ar­beit­ge­ber mit frist­lo­sen Kündi­gun­gen als Re­ak­ti­on auf sog. Ba­ga­tell­diebstähle nicht mehr durch. Das gilt je­den­falls dann, wenn das Ar­beits­verhält­nis schon "lan­ge" be­stan­den hat.

Letzt­lich hätte man den Fall aber eben­so (= zu­guns­ten der Kran­ken­schwes­ter) ent­schei­den müssen, wenn die­se "nur" vier oder fünf Jah­re beschäftigt ge­we­sen wäre. Denn bei of­fe­ner Weg­nah­me ge­ring­wer­ti­ger und zum so­for­ti­gen Ver­zehr be­stimm­ter Le­bens­mit­tel ist ei­ne frist­lo­se Kündi­gung oh­ne vor­he­ri­ge ein­schlägi­ge Ab­mah­nung in al­ler Re­gel un­wirk­sam.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 24. August 2016

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