Gebühren­freie Hot­line: 0800 - 440 1 880
Urteile zum Arbeitsrecht
Nach Jahrgang
   
Schlag­worte: Kündigung: Fristlos, Abmahnung, Strafanzeige, Whistleblowing
   
Gericht: Sächsisches Landesarbeitsgericht
Akten­zeichen: 3 Sa 181/10
Typ: Urteil
Ent­scheid­ungs­datum: 21.01.2011
   
Leit­sätze:
Vor­ins­tan­zen: Arbeitsgericht Leipzig, Urteil vom 4.02.2010, 14 Ca 2188/09
   

Säch­si­sches
Lan­des­ar­beits­ge­richt
Zwi­ckau­er Straße 54, 09112 Chem­nitz

Post­fach 7 04, 09007 Chem­nitz
 

Bit­te bei al­len Schrei­ben an­ge­ben:
Az.: 3 Sa 181/10
14 Ca 2188/09 ArbG Leip­zig

Verkündet am 21.01.2011


Im Na­men des Vol­kes

UR­TEIL

In dem Rechts­streit

...

hat das Säch­si­sche Lan­des­ar­beits­ge­richt - Kam­mer 3 - durch die Vor­sit­zen­de Rich­te­rin am Lan­des­ar­beits­ge­richt ... als Vor­sit­zen­de und die eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Frau ... und Herrn ... auf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 21. Ja­nu­ar 2011

für R e c h t er­kannt:

I. Die Be­ru­fung des Be­klag­ten ge­gen das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Leip­zig vom 04.02.2010 - 14 Ca 2188/09 - wird auf Kos­ten des Be­klag­ten


z u r ü c k g e w i e s e n.

II. Die Re­vi­si­on wird nicht zu­ge­las­sen.


Tat­be­stand


Die Par­tei­en strei­ten um die Wirk­sam­keit ei­ner von dem Be­klag­ten erklärten außer­or­dent­li­chen Kündi­gung vom 30.04.2009 und ei­ne hilfs­wei­se aus­ge­spro­che­nen or­dent­li­chen Kündi­gung vom 23.10.2009.


Die am ...1977 ge­bo­re­ne, le­di­ge, kin­der­lo­se und schwer­be­hin­der­te (GdB 70 %) Kläge­rin ist bei dem Be­klag­ten und dort an der ... - zunächst be­fris­tet - und seit 01.09.2005 un­be­fris­tet als Sach­be­ar­bei­te­rin bei ei­ner wöchent­li­chen Ar­beits­zeit von


– Sei­te 2 –

40 St­un­den zu ei­nem Brut­to­mo­nats­ge­halt in Höhe von zu­letzt 2.126,65 € beschäftigt.
Gemäß Ar­beits­ver­trag vom 10.04.2006 (Bl. 6/7 d. A.) war die Kläge­rin als voll­beschäftig­te Ar­beit­neh­me­rin in die Vergütungs­grup­pe VI b der An­la­ge 1 a zum BAT-O ein­grup­piert.

Am 31.03.2009 wur­de mit der Kläge­rin we­gen Be­schwer­den ih­rer un­mit­tel­ba­ren Vor­ge­setz­ten, be­tref­fend die Ar­beits­leis­tung und das Ver­hal­ten der Kläge­rin, ein Per­so­nal­gespräch geführt. An dem Per­so­nal­gespräch nah­men der Per­so­nal­de­zer­nent und Stell­ver­tre­ter des Kanz­lers, Herr Dr. ..., die Gleich­stel­lungs­be­auf­trag­te und un­mit­tel­ba­re Vor­ge­setz­te der Kläge­rin, Frau Dr. ..., der Sach­ge­biets­lei­ter im Per­so­nal­de­zer­nat Herr Dr. ..., die Schwer­be­hin­der­ten­ver­trau­ens­per­son Herr Dr. ... so­wie als Ver­trau­ens­per­so­nen der Kläge­rin die Per­so­nalrätin Frau Dr. ... und Frau ... von der Ge­werk­schaft ..., teil. In dem Gespräch fie­len Äußerun­gen der Kläge­rin hin­sicht­lich des Ver­hal­tens ih­rer Vor­ge­setz­ten Frau Dr. .... Die­se Äußerun­gen führ­ten da­zu, dass der Be­klag­te von ei­ner nach­hal­ti­gen Störung des Ver­trau­ens­verhält­nis­ses zwi­schen der Kläge­rin und ih­rem Ar­beit­ge­ber aus­ging.

Dar­auf­hin kündig­te der Be­klag­te das Ar­beits­verhält­nis der Kläge­rin mit Schrei­ben vom 30.04.2009 außer­or­dent­lich mit so­for­ti­ger Wir­kung (Bl. 5 d. A.).

Die Kündi­gung wur­de da­mit be­gründet, dass die Kläge­rin in ei­nem Gespräch am 31. März 2009 im Per­so­nal­de­zer­nat ih­re Vor­ge­setz­te in be­lei­di­gen­der und ver­leum­de­ri­scher Wei­se ei­ner ihr ge­genüber be­gan­ge­nen Frei­heits­be­rau­bung und Tätlich­keit, al­so er­heb­li­cher Straf­ta­ten, be­zich­tigt ha­be.

Der außer­or­dent­li­chen Kündi­gung wa­ren zwei Ab­mah­nun­gen des Be­klag­ten vom 13.10.2006, der Kläge­rin zu­ge­gan­gen am glei­chen Tag, bezüglich des­sen In­hal­tes auf Bl. 32/33 d. A. ver­wie­sen wird, vor­aus­ge­gan­gen.

Mit wei­te­rem Schrei­ben vom 23.10.2009, der Kläge­rin zu­ge­gan­gen am glei­chen Tag, sprach der Be­klag­te we­gen des glei­chen Vor­falls vom 31.03.2009 hilfs­wei­se die or­dent­li­che Kündi­gung der Kläge­rin zum 31.12.2009 aus (Bl. 36 d. A.).
 

– Sei­te 3 –

Zu­vor war der Per­so­nal­rat mit Schrei­ben vom 08.04.2009 (Bl. 17/18 d. A.) zur außer­or­dent­li­chen Kündi­gung und mit Schrei­ben vom 23.06.2009 (Bl. 65/66 d. A.) zur hilfs­wei­se erklärten or­dent­li­chen Kündi­gung der Kläge­rin an­gehört wor­den.
Während der Per­so­nal­rat hin­sicht­lich der außer­or­dent­li­chen Kündi­gung Be­den­ken er­hob (Bl. 19 d. A.), die sei­tens des Be­klag­ten je­doch aus­geräumt wer­den konn­ten, er­hob er bezüglich der hilfs­wei­se erklärten or­dent­li­chen Kündi­gung kei­ne Be­den­ken (Bl. 168 d. A.).
Die ord­nungs­gemäße Anhörung des Per­so­nal­rats hin­sicht­lich der Kündi­gun­gen vom 08.04.2009 und vom 23.06.2009 wird sei­tens der Kläge­rin be­strit­ten.


Vor Aus­spruch bei­der Kündi­gun­gen wur­de sei­tens des Be­klag­ten beim Kom­mu­na­len So­zi­al­ver­band Sach­sen mit Schrei­ben vom 08.04.2009 An­trag auf Zu­stim­mung zur frist­lo­sen Kündi­gung der Kläge­rin (Bl. 24/25 d. A.) gemäß § 91 SGB IX und mit Schrei­ben vom 23.06.2009 An­trag auf Zu­stim­mung zur or­dent­li­chen Kündi­gung der Kläge­rin gemäß § 85 SGB IX ge­stellt.
Das In­te­gra­ti­ons­amt hat mit Schrei­ben vom 28.04.2009 (Bl. 26 bis 31 d. A.) die Zu­stim­mung zur außer­or­dent­li­chen Kündi­gung der Kläge­rin er­teilt.
Das hier­ge­gen von der Kläge­rin an­ge­streng­te Wi­der­spruchs­ver­fah­ren blieb er­folg­los, ein dies­bezügli­ches Kla­ge­ver­fah­ren ist anhängig.
Mit Schrei­ben vom 08.10.2009 (Bl. 54 bis 62 d. A.) hat das In­te­gra­ti­ons­amt die Zu­stim­mung zur or­dent­li­chen Kündi­gung der Kläge­rin er­teilt. Die­se wur­de auf Wi­der­spruch der Kläge­rin hin mit Wi­der­spruchs­be­scheid vom 13.07.2010 auf­ge­ho­ben (Bl. 236 bis 242 d. A.). Auch in­so­weit ist ein Kla­ge­ver­fah­ren sei­tens des Be­klag­ten anhängig.

Die Kläge­rin hat ge­gen die Wirk­sam­keit bei­der Kündi­gun­gen Kündi­gungs­schutz-kla­ge beim Ar­beits­ge­richt Leip­zig er­ho­ben und de­ren Un­wirk­sam­keit gel­tend ge­macht.

Die Kläge­rin hat erst­in­stanz­lich im We­sent­li­chen vor­ge­tra­gen, die von dem Be­klag­ten be­haup­te­ten Äußerun­gen sei­en so nicht ge­fal­len. Zu­dem ha­be man hin­sicht­lich ih­rer Be­haup­tun­gen be­tref­fend das Ver­hal­ten ge­genüber ih­rer Vor­ge­setz­ten ih­re

– Sei­te 4 –

Schwer­be­be­hin­de­rung (ein­ge­schränk­te Sehfähig­keit) nicht hin­rei­chend berück­sich­tigt. Darüber hin­aus hätte der Be­klag­te vor Aus­spruch der Kündi­gung den Sach­ver­halt wei­ter aufklären müssen.

Die Kläge­rin hat zu­letzt be­an­tragt:

1. Es wird fest­ge­stellt, dass das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en we­der durch die frist­lo­se Kündi­gung des Be­klag­ten vom 30.04.2009 noch durch die hilfs­wei­se or­dent­li­che Kündi­gung des Be­klag­ten vom 23.10.2009 be­en­det wird.

2. Im Fal­le des Ob­sie­gens mit dem An­trag zu 1. und/oder zu 2. wird der Be­klag­te ver­ur­teilt, die Kläge­rin bis zum rechts­kräfti­gen Ab­schluss des Kündi­gungs­schutz­ver­fah­rens zu un­veränder­ten ar­beits­ver­trag­li­chen Be­din­gun­gen als Sach­be­ar­bei­te­rin wei­ter­zu­beschäfti­gen.

Der Be­klag­te hat be­an­tragt,

die Kla­ge ab­zu­wei­sen.

Der Be­klag­te hat die Auf­fas­sung ver­tre­ten, die Kündi­gun­gen sei­en auf­grund des Ver­hal­tens der Kläge­rin am 31.03.2009 ge­recht­fer­tigt. Die von der Kläge­rin in die­sem Gespräch er­ho­be­nen Vorwürfe sei­en so schwer­wie­gend, dass ei­ne wei­te­re Zu­sam­men­ar­beit un­zu­mut­bar sei. So­weit die Kläge­rin in dem Per­so­nal­gespräch am 31.03.2009 be­haup­tet ha­be, dass ih­re Vor­ge­setz­te ihr ge­genüber im No­vem­ber 2008 ei­ne Frei­heits­be­rau­bung und Tätlich­keit be­gan­gen ha­be, sei­en die­se Be­haup­tun­gen durch die von der Kläge­rin be­nann­te Zeu­gin .../ver­hei­ra­te­te ..., nicht bestätigt wor­den. Da­mit ha­be die Kläge­rin ih­re Vor­ge­setz­te zu Un­recht ei­ner er­heb­li­chen Straf­tat be­zich­tigt und tief und spürbar in de­ren Persönlich­keits­recht ein­ge­grif­fen. Der Ar­beit­ge­ber sei ver­pflich­tet, der­ar­ti­ge An­grif­fe auf ei­nen Mit­ar­bei­ter ab­zu­weh­ren. Im Fal­le ei­ner bloßen Um­set­zung der Kläge­rin bestünde ei­ne Wie­der­ho­lungs­ge­fahr. Auf­grund der Be­zich­ti­gun­gen mit ei­ner Straf­tat sei das Ver­trau­ens­verhält­nis zur Kläge­rin er­heb­lich gestört. Die Kläge­rin ha­be auch kei­ne We­ge auf­ge­zeigt, wie das Ver­trau­ens­verhält­nis wie­der her­ge­stellt wer­den könne.

– Sei­te 5 –

Nach erst­in­stanz­lich durch­geführ­ter Be­weis­auf­nah­me durch die un­eid­li­che Ver­neh­mung der Zeu­gen ..., Dr. ..., Dr. ... so­wie ... gemäß Be­schlüsse vom 04.02.2010, we­gen des­sen Er­geb­nis­ses auf die Sit­zungs­nie­der­schrift vom 04.02.2010 Be­zug ge­nom­men wird (Bl. 86 bis 90 d. A.), hat das Ar­beits­ge­richt der Kla­ge in vol­lem Um­fang statt­ge­ge­ben.

Zur Be­gründung hat das Ar­beits­ge­richt - zu­sam­men­ge­fasst - aus­geführt:

Im Er­geb­nis der Be­weis­auf­nah­me ste­he zwar für die Kam­mer fest, dass die Kläge­rin im Per­so­nal­gespräch vom 31.03.2009 ih­re Vor­ge­setz­te be­zich­tigt ha­be, ihr ge­genüber Hand­greif­lich­kei­ten, körper­li­che Überg­rif­fe und Nöti­gun­gen be­gan­gen zu ha­ben, die sie zur An­zei­ge brin­gen wol­le. Wel­che Wor­te die Kläge­rin ge­nau ge­braucht ha­be, könne da­hin­ste­hen. Die Kläge­rin ha­be sinn­gemäß geäußert, dass es zu körper­li­chen Überg­rif­fen ge­kom­men sei und dass sie das als Nöti­gung emp­fun­den ha­be und Straf­an­zei­ge er­stat­ten wol­le. Sie ha­be dies anläss­lich ei­nes Per­so­nal­gesprächs, das in großer Run­de vor­be­rei­tet ge­we­sen sei und sich mit den Leis­tun­gen der Kläge­rin be­fasst ha­be - ge­tan. Zu­dem ha­be sie sich auf Vorfälle be­zo­gen, die ca. fünf Mo­na­te zurück­ge­le­gen hätten. Ein sol­ches Ver­hal­ten sei grundsätz­lich ge­eig­net, ei­ne außer­or­dent­li­che Kündi­gung zu recht­fer­ti­gen, da es grundsätz­lich ge­eig­net sei, das Ver­trau­ens­verhält­nis zwi­schen den Ver­trags­par­tei­en ir­re­pa­ra­bel zu zerstören.
Gleich­wohl sei die Kam­mer un­ter Berück­sich­ti­gung al­ler Umstände des Ein­zel­fal­les (die Kläge­rin ist schwer­be­hin­dert, sie be­fand sich bei dem „großen Per­so­nal­gespräch“ in ei­ner im­men­sen Druck­si­tua­ti­on, es gab kei­ne Aufklärungs­ver­su­che in dem Per­so­nal­gespräch sei­tens des Be­klag­ten) der Auf­fas­sung, dass vor­lie­gend un­ter Berück­sich­ti­gung des ul­ti­ma-ra­tio- Prin­zips es zunächst ge­bo­ten ge­we­sen wäre, mit der Kläge­rin den Sach­ver­halt um­fas­send und tatsächlich auf­zuklären und ihr ge­ge­be­nen­falls ei­ne Ver­trau­ens­per­son zu be­nen­nen, an die sie sich hätte wen­den können, wenn nach ih­rer Auf­fas­sung ein Wie­der­ho­lungs­fall vor­lie­ge und ihr ei­ne Ab­mah­nung zu er­tei­len. Un­ter Berück­sich­ti­gung al­ler Umstände des Ein­zel­fal­les sei die Kam­mer da­her der Auf­fas­sung, dass ei­ne außer­or­dent­li­che Kündi­gung nicht ge­recht­fer­tigt sei.
 

– Sei­te 6 –

Auch die hilfs­wei­se erklärte or­dent­li­che Kündi­gung vom 23.10.2009 sei so­zi­al nicht ge­recht­fer­tigt, da auch für die or­dent­li­che Kündi­gung das ul­ti­ma-ra­tio-Prin­zip gel­te und die Kam­mer un­ter Würdi­gung der Ge­samt­si­tua­ti­on der Auf­fas­sung sei, dass auch die or­dent­li­che Kündi­gung un­ter Abwägung al­ler Ge­samt­umstände nicht ge­recht­fer­tigt sei, d. h. auch hätte hier zu­vor ein klären­des Gespräch und die Er­tei­lung ei­ner Ab­mah­nung er­fol­gen müssen.

Ge­gen das am 19.03.2010 zu­ge­stell­te Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Leip­zig vom 04.02.2010 hat der Be­klag­te am 29.03.2010 Be­ru­fung ein­ge­legt und die­se in­ner-halb der bis zum 21.06.2010 verlänger­ten Be­ru­fungs­be­gründungs­frist am 18.06.2010 wie folgt be­gründet:


Zu berück­sich­ti­gen sei hier, dass die Kläge­rin selbst nach­dem sie Kennt­nis da­von er­langt ha­be, dass die von ihr als Zeu­gin be­nann­te Frau .../ver­hei­ra­te­te ... ih­re Sach­ver­halts­dar­stel­lung nicht bestätigt ha­be, an der Be­haup­tung fest­hal­te, ih­re Vor­ge­setz­te ha­be sie mit bei­den Händen in den Arm­beu­gen er­grif­fen, fest­ge­hal­ten und in den Stuhl zurück­ge­drückt. Die­ses Be­har­ren auf ih­rer Ver­si­on des Sach­ver­halts be­le­ge, dass das Ver­hal­ten der Kläge­rin we­der im Zu­sam­men­hang mit der im Rah­men des Leis­tungs­gespräches mögli­cher­wei­se ent­stan­de­nen Druck­si­tua­ti­on noch im Zu­sam­men­hang mit der Schwer­be­hin­de­rung der Kläge­rin ste­hen könne. Der ein­zi­ge Vor­wurf, der dem Be­klag­ten in Be­zug auf die Sach­aufklärung ge­macht wer­den könne, wäre, dass er die Kläge­rin vor Kündi­gungs­aus­spruch nicht noch­mals mit dem Er­geb­nis des Gespräches mit Frau ... kon­fron­tiert ha­be. Da die Kläge­rin je­doch un­ge­ach­tet der Dar­stel­lung durch Frau .../... an der Be­haup­tung der Nöti­gung auch im Pro­zess fest­hal­te, sei nicht an­zu­neh­men, dass ei­ne frühe­re In­for­ma­ti­on ein an­de­res Er­geb­nis ge­zeigt hätte.
Darüber hin­aus sei vor­lie­gend ei­ne vor­he­ri­ge Ab­mah­nung der Kläge­rin ent­behr­lich ge­we­sen, da die von der Kläge­rin be­gan­ge­ne Pflicht­ver­let­zung sich auch auf den Ver­trau­ens­be­reich aus­wir­ke. Straf­tat­be­zich­ti­gun­gen sei­en ge­wich­ti­ge An­schul­di­gun­gen, die grundsätz­lich ge­eig­net sei­en, das Ver­trau­en des Be­zich­tig­ten in In­te­grität und ver­trau­ens­vol­le Zu­sam­men­ar­beit mit dem­je­ni­gen, der die Be­zich­ti­gung aus­spricht, zu zerstören. Frau Dr. ... ha­be sich (zu Recht) durch den Vor­wurf der Nöti-

– Sei­te 7 –

gung in ih­rem Persönlich­keits­recht tief ver­letzt gefühlt. Als Dienst­vor­ge­setz­te der Kläge­rin sei sie dar­auf an­ge­wie­sen, von den ihr un­ter­stell­ten Mit­ar­bei­tern ge­ach­tet zu wer­den. Ei­ne im Licht straf­ba­rer Hand­lun­gen ste­hen­der Vor­ge­setz­te könne den nöti­gen Re­spekt sei­ner Mit­ar­bei­ter nicht mehr er­war­ten, sei­ne Führungs­kraft wer­de ins­ge­samt in Fra­ge ge­stellt.
Dem Aus­spruch der Kündi­gung sei­en meh­re­re Per­so­nal­gespräche und ei­ne ver­hal­tens­be­ding­te Um­set­zung der Kläge­rin vor­aus­ge­gan­gen. Die Kläge­rin ha­be in der Ver­gan­gen­heit wie­der­holt und un­ge­ach­tet Er­mah­nun­gen durch Vor­ge­setz­te und Kol­le­gen er­heb­li­che De­fi­zi­te im Um­gang mit Drit­ten (Kol­le­gen und Stu­den­ten) er­ken­nen las­sen. Unüber­brück­ba­re Dif­fe­ren­zen zwi­schen ihr und ih­rem Vor­ge­setz­ten Herrn Dr. ... hätten be­reits die Um­set­zung vom zen­tra­len Prüfungs­amt zur Gleich­stel­lungs­be­auf­trag­ten be­dingt. Hier sei es er­neut zu ei­ner - maßgeb­lich durch das Ver­hal­ten der Kläge­rin ver­an­lass­ten - Zerstörung des Ver­trau­ens­verhält­nis­ses zur Dienst­vor­ge­setz­ten ge­kom­men. Ei­ne noch­ma­li­ge Um­set­zung auf ei­nen an­de­ren Ar­beits­platz er­schei­ne da­her we­der er­folg­ver­spre­chend, noch dem Be­klag­ten zu­mut­bar. Über­dies ha­be zum frag­li­chen Zeit­punkt kein frei­er Ar­beits­platz zur Verfügung ge­stan­den, auf den die Kläge­rin hätte um­ge­setzt wer­den können.
Auch die or­dent­li­che Kündi­gung vom 23.10.2009 sei so­zi­al ge­recht­fer­tigt im Sin­ne des § 1 Abs. 2 Satz 1 KSchG. Die Kläge­rin ha­be mit ih­ren Äußerun­gen in Be­zug auf ih­re Dienst­vor­ge­setz­te schuld­haft ir­re­pa­ra­ble Störun­gen im Ver­trau­ens­be­reich ver­ur­sacht. Auf­grund die­ser gra­vie­ren­den Störun­gen im Ver­trau­ens­be­reich und nach den be­reits im Rah­men der außer­or­dent­li­chen Kündi­gung erörtern­den Grundsätzen sei der vor­he­ri­ge Aus­spruch ei­ner ein­schlägi­gen Ab­mah­nung ent­behr­lich. Die Kündi­gung sei auch verhält­nismäßig ge­we­sen, d. h. ori­en­tiert am Grund­satz der Kündi­gung als ul­ti­ma ra­tio sei dem Be­klag­ten ei­ne Wei­ter­beschäfti­gung der Kläge­rin über den Ab­lauf der Kündi­gungs­frist hin­aus nicht zu­mut­bar ge­we­sen. Die Kläge­rin sei be­reits auf ver­schie­de­nen Ar­beitsplätzen ein­ge­setzt ge­we­sen und ha­be ver­hal­tens­be­dingt um­ge­setzt wer­den müssen. Dass ei­ne er­neu­te Ver- oder Um­set­zung lang­fris­tig ei­ne rei­bungs­lo­se Zu­sam­men­ar­beit ermöglicht hätte, könne nicht pro­gnos­ti­ziert wer­den. De­fi­zi­te im Ver­hal­ten der Kläge­rin ge­genüber Kol­le­gen und Stu­den­ten sei­en un­abhängig vom kon­kre­ten Ar­beits­platz fest­zu­stel­len gewe-


– Sei­te 8 –

sen. Die­se Tat­sa­che und die gra­vie­ren­den Ver­let­zun­gen im Ver­trau­ens­be­reich würden für die Un­zu­mut­bar­keit der Wei­ter­beschäfti­gung der Kläge­rin spre­chen.

Der Be­klag­te be­an­tragt,

das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Leip­zig vom 04.02.2010, 14 Ca 2188/09 , auf Kos­ten der Kläge­rin ab­zuändern und die Kla­ge ab­zu­wei­sen.


Die Kläge­rin be­an­tragt,

die Be­ru­fung zurück­zu­wei­sen.

Die Kläge­rin ver­tei­digt das mit der Be­ru­fung an­ge­foch­te­ne Ur­teil und trägt im We­sent­li­chen vor, der von dem Be­klag­ten er­ho­be­ne Vor­wurf ei­ner „Straf­tat­be­zich­ti­gung“ als sol­che, sei vor­lie­gend kein Kündi­gungs­grund. Denn die Be­zich­ti­gung mit ei­ner Straf­tat ge­genüber Frau Dr. ... im Gespräch vom 31.03.2009 sei we­der in be­lei­di­gen­der noch in ver­leum­de­ri­scher Wei­se er­folgt, zu­mal un­strei­tig sei­tens der Kläge­rin ei­ne Straf­an­zei­ge auch nicht er­stat­tet wor­den sei.
Zu­tref­fend ha­be das Ar­beits­ge­richt be­merkt, dass ei­ne vor­he­ri­ge Aufklärung des Sach­ver­hal­tes not­wen­dig ge­we­sen wäre. Dies er­ge­be sich schon aus dem Kündi­gungs­vor­wurf, der nicht ein­fach ei­ne Tat­hand­lung be­schrei­be, son­dern viel­mehr aus­drück­lich straf­recht­li­che Tat­be­stands­merk­ma­le nen­ne. Bei der Kläge­rin sei auch der Ein­druck er­weckt wor­den, der Vor­gang wer­de oh­ne ih­re wei­te­re Mit­wir­kung nicht ab­ge­schlos­sen wer­den. Dass die tatsächli­che Hand­ha­bung ei­ne an­de­re war, sei als Ver­s­toß ge­gen die Fürsor­ge­pflicht zu be­trach­ten.
Die „Pro­gno­se“ des Be­klag­ten, selbst bei tatsächlich er­folg­ten Tätlich­kei­ten würde es bei ei­ner von der Kläge­rin vor­ge­nom­me­nen Ver­knüpfung, auf Kri­tik an ih­ren Leis­tun­gen mit der An­dro­hung ei­ner Straf­an­zei­ge zu re­agie­ren, blei­ben, er­sch­ließe sich der Kläge­rin nicht oh­ne wei­te­res. Es gehöre nicht zu den von der Kläge­rin ver­lang­ten Ar­beits­leis­tun­gen, Tätlich­kei­ten zu be­ge­hen. Sie wünsche auch nicht, dass sol­che ihr ge­genüber be­gan­gen wer­den. Auch sei nicht er­sicht­lich, war­um der Be­klag­te bei je­der künf­ti­gen Leis­tungs­be­ur­tei­lung der Kläge­rin mit ei­ner „ähn­li­chen Re­ak­ti­on“ rech­nen wol­le, weil der Vor­fall erst fünf Mo­na­te später zur Spra­che ge-


– Sei­te 9 –

kom­men sei. Es ge­be in sol­chen An­ge­le­gen­hei­ten kei­ne Aus­schluss­fris­ten. Wie der Be­klag­te da­zu kom­me, „Leis­tungs­be­ur­tei­lun­gen“ und „ähn­li­che Re­ak­tio­nen“ zu ver­knüpfen, er­sch­ließe sich nicht. Um ei­ne Leis­tungs­be­ur­tei­lung im zeug­nis­recht­li­chen Sin­ne sei es gar nicht ge­gan­gen.
Hin­sicht­lich der wei­te­ren Ein­zel­hei­ten des zweit­in­stanz­li­chen Vor­tra­ges der Kläge­rin in recht­li­cher und tatsäch­li­cher Hin­sicht im Übri­gen wird auf die Schriftsätze vom 23.08.2010 (Bl. 180 bis 191 d. A. nebst An­la­gen) und vom 07.01.2011 (Bl. 232 bis 235 d. A. nebst An­la­gen) Be­zug ge­nom­men.

We­gen der wei­te­ren Ein­zel­hei­ten des Sach- und Streit­stan­des im Be­ru­fungs­ver­fah­ren wird auf den In­halt der von den Par­tei­en zur Ge­richts­ak­te ge­reich­ten Schriftsätze nebst An­la­gen, die Ge­gen­stand der münd­li­chen Ver­hand­lung vor dem Be­ru­fungs­ge­richt wa­ren, so­wie auf die Sit­zungs­nie­der­schrift Be­zug ge­nom­men.

Ent­schei­dungs­gründe

I.

Die statt­haf­te Be­ru­fung (§ 64 Abs. 1 und Abs. 2 ArbGG) ist so­wohl form- als auch frist­ge­recht ein­ge­legt und be­gründet wor­den (§§ 66 Abs. 1 Satz 1 und 2, 64 Abs. 6 Satz 1 ArbGG, §§ 519, 520 ZPO). Das hier­nach ins­ge­samt zulässi­ge Rechts­mit­tel hat in der Sa­che je­doch kei­nen Er­folg. Das Ar­beits­ge­richt hat der Kla­ge zu Recht statt­ge­ge­ben.

II.

Die Kla­ge ist be­gründet.
Das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en ist we­der durch die außer­or­dent­li­che Kündi­gung vom 30.04.2009 noch durch die hilfs­wei­se erklärte or­dent­li­che Kündi­gung vom 23.10.2009 auf­gelöst wor­den.


– Sei­te 10 –

1. Die außer­or­dent­li­che Kündi­gung vom 30.09.2009 er­weist sich in Er­man­ge­lung ei­nes wich­ti­gen Grun­des im Sin­ne von § 626 Abs. 1 BGB un­wirk­sam.

a) Ein wich­ti­ger Grund im Sin­ne von § 626 Abs. 1 BGB ist nach der ge­setz­li­chen De­fi­ni­ti­on ge­ge­ben, wenn Tat­sa­chen vor­lie­gen, die es dem Kündi­gen­den un­ter Berück­sich­ti­gung al­ler Umstände des Ein­zel­fal­les und un­ter Abwägung der In­ter­es­sen bei­der Ver­trags­tei­le un­zu­mut­bar ma­chen, das Ar­beits­verhält­nis für die Dau­er der or­dent­li­chen Kündi­gungs­frist oder bis zur ver­ein­bar­ten Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses fort­zu­set­zen. Es ist da­her zunächst zu prüfen, ob ein be­stimm­ter Sach­ver­halt - oh­ne die be­son­de­ren Umstände des Ein­zel­fal­les - (über­haupt) ge­eig­net ist, ei­nen wich­ti­gen Grund zu bil­den. So­dann ist zu un­ter­su­chen, ob un­ter Berück­sich­ti­gung al­ler Umstände des Ein­zel­fal­les und un­ter Abwägung der In­ter­es­sen bei­der Ver­trags­tei­le die kon­kre­te Kündi­gung ge­recht­fer­tigt ist, d. h. ob es dem Kündi­gen­den un­zu­mut­bar ge­wor­den ist, das Ar­beits­verhält­nis bis zu dem gemäß § 626 Abs. 1 BGB re­le­van­ten Zeit­punkt fort­set­zen.

Dem Sinn und Zweck des wich­ti­gen Grun­des zur außer­or­dent­li­chen Kündi­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses ent­spricht es, dass auch bei ei­nem abs­trakt durch­aus er­heb­li­chen Ver­hal­ten doch noch in je­dem kon­kre­ten Ein­zel­fal­le ei­ne Abwägung al­ler für und ge­gen die Lösung des Ar­beits­verhält­nis­ses spre­chen­den Gründe er­folgt (BAG vom 23.01.1963 -2 AZR 278/62 = AP Nr. 8 zu § 124 a Ge­wer­be­ord­nung). Bei der Prüfung des wich­ti­gen Grun­des kommt es nicht dar­auf an, wie ein be­stimm­tes Ver­hal­ten straf­recht­lich zu würdi­gen ist, son­dern dar­auf, ob der Ge­samt­sach­ver­halt die Fort­set­zung des Ar­beits­verhält­nis­ses un­zu­mut­bar macht (BAG vom 27.01.1977 - 2 ABR 77/96 - AP Nr. 7 zu § 103 Be­trVG 1972; BAG AP Nr. 13 zu § 626 BGB). Zweck ei­ner Kündi­gung we­gen ei­ner Ver­trags­ver­let­zung darf re­gelmäßig nicht die Sank­ti­on ei­ner Ver­trags­ver­let­zung sein. Die Kündi­gung dient der Ver­mei­dung des Ri­si­kos wei­te­rer Ver­trags­ver­let­zun­gen (BAG vom 23.06.2009 - 2 AZR 103/08 - zi­tiert nach Ju­ris). Das ist un­ter dem Ge­sichts­punkt ei­ner ne­ga­ti­ven Zu­kunfts­pro­gno­se zu be­trach­ten.


– Sei­te 11 –

Im Rah­men der er­for­der­li­chen In­ter­es­sen­abwägung und Ein­zel­fall­prüfung sind al­le für das je­wei­li­ge Ver­trags­verhält­nis in Be­tracht kom­men­den Ge­sichts­punk­te zu be­wer­ten. Da­zu gehören das ge­ge­be­ne Maß der Beschädi­gung des Ver­trau­ens, das In­ter­es­se an der kor­rek­ten Hand­ha­bung der Geschäfts­an­wei­sun­gen, das vom Ar­beit­neh­mer in der Zeit sei­ner un­be­an­stan­de­ten Beschäfti­gung er­wor­be­ne „Ver­trau­en­s­ka­pi­tal“ eben­so wie ggfs. die wirt­schaft­li­chen Fol­gen des Ver­trags­ver­s­toßes. Ei­ne ab­sch­ließen­de Aufzählung ist nicht möglich. Ins­ge­samt muss sich die so­for­ti­ge Auflösung des Ar­beits­verhält­nis­ses als an­ge­mes­se­ne Re­ak­ti­on auf die ein­ge­tre­te­ne Ver­trau­ensstörung er­wei­sen. Un­ter Umständen kann ei­ne Ab­mah­nung als mil­de­res Mit­tel zur Wie­der­her­stel­lung des für die Fort­set­zung des Ver­tra­ges not­wen­di­gen Ver­trau­ens aus­rei­chen, um ei­nen künf­tig wie­der störungs­frei­en Ver­lauf des Ar­beits­verhält­nis­ses zu be­wir­ken (BAG vom 10.06.2010 - 2 AZR 541/09 - zi­tiert nach ju­ris).

Be­ruht ei­ne Ver­trags­pflicht­ver­let­zung auf steu­er­ba­rem Ver­hal­ten des Ar­beit­neh­mers, ist grundsätz­lich da­von aus­zu­ge­hen, dass sein künf­ti­ges Ver­hal­ten schon durch die An­dro­hung von Fol­gen für den Be­stand des Ar­beits­verhält­nis­ses po­si­tiv be­ein­flusst wer­den kann (Schlach­ter, NZA 2005, 433, 436). Die Ab­mah­nung dient der Ob­jek­ti­vie­rung der Pro­gno­se.

b) Aus­ge­hend von die­sen Grundsätzen liegt im Streit­fall ein wich­ti­ger Grund im Sin­ne des § 626 Abs. 1 BGB nicht vor.

Die durch die erst­in­stanz­lich durch­geführ­te Be­weis­auf­nah­me bestätig­te Äußerung der Kläge­rin ge­genüber ih­rer Vor­ge­setz­ten Frau Dr. ..., die­se ha­be ihr ge­genüber Hand­greif­lich­kei­ten, körper­li­che Überg­rif­fe und Nöti­gun­gen be­gan­gen, die sie zur An­zei­ge brin­gen wol­le, ver­mag den Aus­spruch der streit­be­fan­ge­nen außer­or­dent­li­chen Kündi­gung hier je­doch nicht zu recht­fer­ti­gen.


Es ist all­ge­mein an­er­kannt, dass ei­ne vom Ar­beit­neh­mer ge­gen den Ar­beit­ge­ber er­stat­te­te An­zei­ge ei­nen wich­ti­gen Grund zur außer­or­dent­li­chen Kündi­gung dar­stel­len kann (vgl. BAG vom 04.07.1991, AZ. 2 AZR 80/91). Im Streit­fall ist ei­ne Straf-
 

– Sei­te 12 –

an­zei­ge sei­tens der Kläge­rin in­des­sen nicht er­folgt. Al­ler­dings kann auch die bloße Dro­hung des Ar­beit­neh­mers ge­genüber dem Ar­beit­ge­ber, ei­ne Straf­an­zei­ge zu er­stat­ten, ei­nen wich­ti­gen Grund im Sin­ne von § 626 Abs. 1 BGB bil­den (vgl. LAG Köln vom 10.06.1994, AZ: 13 Sa 237/94). In all die­sen Fällen muss sich je­doch die er­for­der­li­che Zu­mut­bar­keitsprüfung auf al­le vernünf­ti­ger­wei­se in Be­tracht kom­men­den Umstände des Ein­zel­fal­les er­stre­cken und die­se vollständig und wi­der­spruchs­frei ge­gen­ein­an­der abwägen (BAG vom 04.07.1991, AZ: 2 AZR 80/91 m. w. N.).

Selbst wenn man im Streit­fall die Äußerung der Kläge­rin vom 31.03.2009 an sich für ge­eig­net er­ach­tet, ei­nen wich­ti­gen Grund im Sin­ne von § 626 Abs. 1 BGB zu bil­den, so führt je­den­falls die Berück­sich­ti­gung der Umstände des Ein­zel­fal­les und die Abwägung der bei­der­sei­ti­gen In­ter­es­sen zu dem Er­geb­nis, dass es dem Be­klag­ten nicht un­zu­mut­bar ge­wor­den ist, das Ar­beits­verhält­nis mit der Kläge­rin fort­zu­set­zen.

aa) Zwar ist zu­guns­ten des Be­klag­ten zu berück­sich­ti­gen, dass ei­ne Äußerung, wie von der Kläge­rin am 31.03.2009 getätigt und von den erst­in­stanz­lich ver­nom­me­nen Zeu­gen bestätigt, die da lau­tet: „Es sei sei­tens der Vor­ge­setz­ten Frau Dr. ... zu Hand­greif­lich­kei­ten, körper­li­chen Überg­rif­fen und Nöti­gun­gen ge­kom­men und sie wol­le des­we­gen An­zei­ge er­stat­ten“, das Ver­trau­ens­verhält­nis zwi­schen den Ar­beits­ver­trags­par­tei­en tan­giert und wohl auch be­ein­träch­tigt hat.

bb) Zu­guns­ten der Kläge­rin spricht je­doch der Um­stand, dass für die Kläge­rin bei die­sem „großen Per­so­nal­gespräch“ ei­ne im­men­se Druck­si­tua­ti­on herrsch­te und es kei­ne Ver­su­che in dem Per­so­nal­gespräch vom 31.03.2009 sei­tens des Be­klag­ten gab, den vor­ge­wor­fe­nen Le­bens­ver­halt tatsächlich auf­zuklären, ob­wohl dies der Zeu­ge ... an­ge­regt hat­te.
Hier­aus und nicht zu­letzt auf­grund der münd­li­chen Ver­hand­lung vom 21.01.2011 und den dor­ti­gen Ein­las­sun­gen der Kläge­rin wird deut­lich, dass es der Kläge­rin in ers­ter Li­nie nicht dar­um ging, ge­genüber ih­rer Vor­ge­setz­ten Straf­an­zei­ge zu er­stat­ten, son­dern sie sich ge­gen die Kri­tik des Be­klag­ten bezüglich ih­res Ver­hal­tens und ih­rer Ar­beits­leis­tun­gen zur Wehr set­zen woll­te, mag auch die von der Kläge­rin ge-


– Sei­te 13 –

trof­fe­ne Wahl der Mit­tel „Dro­hen mit ei­ner Straf­an­zei­ge“ hier „unglück­lich“ bzw. un­verhält­nismäßig ge­we­sen sei­en; sie ist je­doch auf­grund der be­son­de­ren Ver­fas­sung der Kläge­rin - sie ist zu 70 % schwer­be­hin­dert und nicht zu­letzt des­we­gen emp­find­li­cher bzw. sen­si­bler als ein sog. ge­sun­der, „nor­ma­ler“ bzw. nicht ge­han­di­cap­ter Ar­beit­neh­mer - durch­aus nach­voll­zieh­bar.


Die Ankündi­gung ei­ner Straf­an­zei­ge er­scheint da­her in die­sem Zu­sam­men­hang wohl eher als un­taug­li­cher Ver­such der Kläge­rin, von dem Vor­wurf der Schlecht­leis­tung ab­zu­len­ken.

cc) Auch der Um­stand, dass die Kläge­rin im No­vem­ber 2008 laut Aus­sa­ge der Zeu­gin ... le­dig­lich sei­tens der Vor­ge­setz­ten Frau Dr. ... an der Schul­ter berührt wor­den sei und ihr ge­sagt wor­den sei, „bit­te blei­ben Sie sit­zen“, die Kläge­rin dies je­doch un­strei­tig auf­grund ih­rer Seh­be­hin­de­rung als Hand­greif­lich­keit bzw. Nöti­gung auf­ge­fasst hat, führt zu kei­nem an­de­ren Er­geb­nis. Denn ei­ne Dro­hung mit ei­ner An­zei­ge in be­lei­di­gen­der oder ver­leum­de­ri­scher Wei­se sei­tens der Kläge­rin er­folg­te vor­lie­gend ge­ra­de nicht.

dd) Hin­zu­kommt, dass der Be­klag­te die Kläge­rin vor Kündi­gungs­aus­spruch nicht noch­mals mit dem Er­geb­nis des Gespräches mit Frau .../ver­hei­ra­te­te ... kon­fron­tiert hat.

Der ver­blei­ben­de Vor­wurf des Be­klag­ten, die Kläge­rin be­har­re trotz der Aus­sa­ge der Zeu­gin ... auf ih­rer Ver­si­on des Sach­ver­halts „im No­vem­ber 2008 ha­be ih­re Dienst­vor­ge­setz­te sie mit bei­den Händen in den Arm­beu­gen er­grif­fen, fest­ge­hal­ten und sie in den Stuhl zurück­ge­drückt“ bis zu­letzt auf ih­rer Ver­si­on, recht­fer­tigt die außer­or­dent­li­che Kündi­gung vom 30.04.2009 eben­falls nicht, da es - wie das Ar­beits­ge­richt rich­tig ausführt - un­ter Berück­sich­ti­gung des ul­ti­ma-ra­tio-Prin­zips es zunächst ge­bo­ten ge­we­sen wäre, mit der Kläge­rin den Sach­ver­halt um­fas­send und tatsächlich auf­zuklären und ihr ge­ge­be­nen­falls ei­ne Ver­trau­ens­per­son zu be­nen­nen, an die sie sich wen­den kann.
 

– Sei­te 14 –

Dar­an ändert auch der Um­stand nichts, dass das in Aus­sicht­stel­len ei­ner An­zei­ge­er­stat­tung hier sei­tens der Kläge­rin we­gen ei­nes fünf Mo­na­te zurück­lie­gen­den Sach­ver­hal­tes er­folg­te.

c) Die so­for­ti­ge Auflösung des Ar­beits­verhält­nis­ses stellt hier kei­ne an­ge­mes­se­ne Re­ak­ti­on auf die von dem Be­klag­ten be­haup­te­te Pflicht­ver­let­zung der Kläge­rin und ei­ne da­durch ein­ge­tre­te­ne Ver­tragsstörung dar. Ei­ne Ab­mah­nung wäre vor­lie­gend als mil­de­res Mit­tel ge­genüber der Kündi­gung an­ge­mes­sen und aus­rei­chend ge­we­sen, um ei­nen künf­tig wie­der störungs­frei­en Ver­lauf des Ar­beits­verhält­nis­ses zu be­wir­ken.

Nach dem Verhält­nismäßig­keits­grund­satz ist ei­ne frist­lo­se Kündi­gung nicht ge­recht­fer­tigt, wenn es mil­de­re Mit­tel gibt, ei­ne Ver­tragsstörung zu ahn­den. Die­ser As­pekt hat grundsätz­lich durch die Re­ge­lung des § 314 Abs. 2 BGB in Ver­bin­dung mit § 323 Abs. 2 BGB ei­ne ge­setz­ge­be­ri­sche Bestäti­gung er­fah­ren (vgl. BAG, Ur­teil vom 10. Ju­ni 2010 - 2 AZR 541/09). Ei­ner Ab­mah­nung be­darf es in An­se­hung des Verhält­nismäßig­keits­grund­sat­zes des­halb nur dann nicht, wenn ei­ne Ver­hal­tensände­rung in Zu­kunft selbst nach Ab­mah­nung nicht zu er­war­ten steht oder es sich um ei­ne so schwe­re Pflicht­ver­let­zung han­delt, dass ei­ne Hin­nah­me durch den Ar­beit­ge­ber of­fen­sicht­lich - auch für den Ar­beit­neh­mer er­kenn­bar - aus­ge­schlos­sen ist (vgl. BAG, Ur­teil vom 23. Ju­ni 2009 - 2 AZR 103/08).

Ob­wohl die Kläge­rin hier tatsächlich nach­weis­bar ge­genüber ih­rer Vor­ge­setz­ten Frau Dr. ... mit ei­ner Straf­an­zei­ge ge­droht hat, wäre vor­lie­gend an­ge­sichts der obi­gen Ausführun­gen al­len­falls ei­ne Ab­mah­nung der Kläge­rin not­wen­dig, aber auch aus­rei­chend ge­we­sen.

Ei­ne vor­he­ri­ge Ab­mah­nung ist un­ter Berück­sich­ti­gung des Verhält­nismäßig­keits­grund­sat­zes nur ent­behr­lich, wenn ei­ne Ver­hal­tensände­rung in Zu­kunft trotz Ab­mah­nung nicht er­war­tet wer­den kann oder wenn es sich um ei­ne schwe­re Pflicht­ver­let­zung han­delt, de­ren Rechts­wid­rig­keit dem Ar­beit­neh­mer oh­ne Wei­te­res er­kenn­bar ist und bei der die Hin­nah­me des Ver­hal­tens durch den Ar­beit­ge­ber of­fen-
 

– Sei­te 15 –

sicht­lich aus­ge­schlos­sen ist. Selbst bei Störun­gen des Ver­trau­ens­be­rei­ches durch Ei­gen­tums- und Vermögens­de­lik­te kann es da­nach Fälle ge­ben, in de­nen ei­ne Ab­mah­nung nicht oh­ne Wei­te­res ent­behr­lich er­scheint (BAG vom 23.06.2009 - 2 AZR 103/08 - zi­tiert nach Ju­ris, Rz. 33). Man­gels Dro­hung mit ei­ner Straf­an­zei­ge in be­lei­di­gen­der und ver­leum­de­ri­scher Art und Wei­se ist aber ei­ne schwe­re Pflicht­ver­let­zung der Kläge­rin vor­lie­gend schon nicht fest­stell­bar. Bei dem vor­ge­wor­fe­nen Ver­hal­ten han­delt es sich zu­dem ge­ra­de um ein steu­er­ba­res Ver­hal­ten. Es sind kei­ner­lei An­halts­punk­te dafür er­sicht­lich, dass die Kläge­rin ihr künf­ti­ges Ver­hal­ten nicht geändert hätte. Das gilt nach der Über­zeu­gung der Kam­mer trotz der Exis­tenz der nicht ein­schlägi­gen ab­mah­nen­den Schrei­ben des Be­klag­ten vom 13.10.2006. An die Pflich­ten aus §§ 37 a Abs. 1 BAT-O und 8 Abs. 1 BAT-O hat die Kläge­rin sich nach die­sen Schrei­ben auch ge­hal­ten.

aa) Der Be­klag­te kann das Er­for­der­nis ei­ner Ab­mah­nung hin auch nicht da­mit ver­nei­nen, dass die Kläge­rin be­reits im Jah­re 2006 mehr­mals ne­ga­tiv auf­ge­fal­len sei („rüder Um­gangs­ton der Kläge­rin im Per­so­nal­gespräch vom 16.08.2006; Aus­ein­an­der­set­zung der Kläge­rin mit Stu­den­ten am 07.09.2006 und am 12.09.2006). Auch die­se be­haup­te­ten Pflicht­ver­let­zun­gen sind strei­tig. Ab­ge­se­hen da­von, hätten sie auch zunächst ab­ge­mahnt wer­den müssen, um über­haupt im Wie­der­ho­lungs­fall ei­nen Kündi­gungs­grund er­ge­ben zu können. Zu­dem sind die­se be­haup­te­ten Pflicht­ver­let­zun­gen im Verhält­nis zu der hier vor­ge­wor­fe­nen Be­zich­ti­gung ei­ner er­heb­li­chen Straf­tat der Vor­ge­setz­ten, die sich auf den Ver­trau­ens­be­reich aus­wirkt, nicht ein­schlägig. Sie sind nach Über­zeu­gung der Kam­mer un­ge­eig­net, das Feh­len ei­ner Ab­mah­nung aus An­lass der be­haup­te­ten Pflicht­ver­let­zun­gen aus dem Jah­re 2006, die auch den Ver­trau­ens­be­reich tan­gie­ren, auf­zu­wie­gen.

bb) Der Be­klag­te kann auch nicht da­mit gehört wer­den, dass, nach­dem die Be­zich­ti­gung im Rah­men ei­nes Gesprächs über Leis­tungsmängel der Kläge­rin als Ab­wehr­mit­tel ein­ge­setzt wur­de, die Vor­ge­setz­te künf­tig bei der Ausübung jeg­li­cher Kri­tik ge­genüber der Kläge­rin mit ähn­li­chem Ver­hal­ten rech­nen müsse. Es gibt kei­ner­lei An­halts­punk­te dafür, dass die Kläge­rin ge­ge­be­nen­falls nach ei­ner Ab­mah­nung oder ei­nem klar­stel­len­den Gespräch künf­tig ih­re Vor­ge­setz­te wei­ter­hin ei­ner
 

– Sei­te 16 –

Straf­tat be­zich­ti­gen wer­de bzw. bei Ausübung jeg­li­cher Kri­tik sei­tens ih­rer Vor­ge­setz­ten mit ähn­li­chem Ver­hal­ten re­agie­ren wer­de.
Im Ge­gen­teil, nicht zu­letzt auch we­gen der Vor­komm­nis­se aus dem Jah­re 2006, die sei­tens des Be­klag­ten le­dig­lich in ei­nem Fall ab­ge­mahnt wur­den, wäre un­ter Berück­sich­ti­gung der Ge­samt­umstände (vgl. oben un­ter II. 1.. b)), der ge­sund­heit­li­chen Po­si­ti­on der Kläge­rin und an­ge­sichts der Druck­si­tua­ti­on der Kläge­rin in dem Per­so­nal­gespräch vom 31.03.2009 le­dig­lich ei­ne Ab­mah­nung als an­ge­mes­se­ne Re­ak­ti­on ge­recht­fer­tigt ge­we­sen. Sie hätte aus­ge­reicht, um durch An­dro­hung von Fol­gen für den Be­stand des Ar­beits­verhält­nis­ses das künf­ti­ge Ver­hal­ten der Kläge­rin po­si­tiv zu be­ein­flus­sen.

cc) So­weit der Be­klag­te das Er­for­der­nis ei­ner Ab­mah­nung da­mit ver­neint, dass die Kläge­rin we­gen ei­nes fünf Mo­na­te zurück­lie­gen­den Sach­ver­hal­tes die An­zei­gen­er­stat­tung ge­genüber ih­rer Vor­ge­setz­ten in Aus­sicht ge­stellt hat­te und der Be­klag­te bei je­der künf­ti­gen Leis­tungs­be­ur­tei­lung der Kläge­rin mit ei­ner ähn­li­chen Re­ak­ti­on rech­nen müsse, kann er auch da­mit nicht gehört wer­den.
Ge­ra­de we­gen des lan­ge zurück­lie­gen­den Vor­falls wäre es zunächst ge­bo­ten ge­we­sen, mit der Kläge­rin den Sach­ver­halt um­fas­send und tatsächlich auf­zuklären und die Kläge­rin nicht nur dar­auf zu ver­wei­sen, selbst den be­haup­te­ten Vor­wurf schrift­lich nie­der­zu­le­gen. Der Be­klag­te kann sich auf­grund sei­ner Fürsor­ge­pflicht in ei­ner sol­chen Si­tua­ti­on sei­ner eben­falls be­ste­hen­den Aufklärungs­pflicht nicht so oh­ne wei­te­res ent­zie­hen.

dd) Sch­ließlich spricht ge­gen das Er­for­der­nis ei­ne Ab­mah­nung auch nicht der Um­stand, dass die Äußerung der Kläge­rin im Rah­men ei­nes größeren Gesprächs­krei­ses er­folg­te. Zwar wa­ren bei die­sem Gespräch ver­schie­de­ne Mit­ar­bei­ter der Be­klag­ten in lei­ten­der Po­si­ti­on an­we­send, nicht je­doch „nor­ma­le“ Mit­ar­bei­ter des Be­klag­ten, so dass das Gespräch nicht an die Mit­ar­bei­teröffent­lich­keit ge­lan­gen konn­te.
Von ei­ner Bloßstel­lung der Vor­ge­setz­ten in al­ler Öffent­lich­keit und das Ent­ste­hen ir­re­pa­ra­bler Schäden, wie des Ver­lus­tes ih­rer Stel­lung als Re­spekt­per­son, wie der Be­klag­te meint, kann da­her kei­ne Re­de sein.
 

– Sei­te 17 –

Nicht zu­letzt we­gen der Äußerung der Kläge­rin in ein­ge­schränk­ter öffent­li­cher Gesprächs­run­de wäre hier zunächst ei­ne ein­schlägi­ge Ab­mah­nung der Kläge­rin not­wen­dig, aber auch aus­rei­chend ge­we­sen.

Die Kam­mer ver­kennt nicht, dass sich der Um­gang mit der Kläge­rin für den Be­klag­ten als be­son­ders schwie­rig dar­stellt und auch die sei­tens des Be­klag­ten vor der frist­lo­sen Kündi­gung er­folg­ten Um- bzw. Ver­set­zun­gen der Kläge­rin hier nicht er­folg­ver­spre­chend wa­ren. Will je­doch der Be­klag­te ei­ne Hand­lung der hier vor­ge­wor­fe­nen Art für ei­ne frist­lo­se Kündi­gung aus­rei­chen las­sen, hätte er, da es sich um ein steu­er­ba­res Ver­hal­ten der Kläge­rin han­delt, dies vor­her je­den­falls im We­ge ei­ner Ab­mah­nung ver­deut­li­chen müssen, zu­mal die Kläge­rin zu­vor sei­tens des Be­klag­ten nicht ein­schlägig ab­ge­mahnt wur­de. Der in der Ab­mah­nung vom 13.10.2006 vor­ge­wor­fe­ne Vor­fall mit ei­ner Stu­den­tin mag zwar die schwie­ri­gen Um­fangs­for­men der Kläge­rin be­le­gen, der Ab­lauf die­ses Vor­fal­les im Ein­zel­nen ist je­doch sei­tens der Kläge­rin be­strit­ten, so dass die Ab­mah­nung hier nicht ein­schlägig ist. Trotz der Exis­tenz die­ses Ab­mah­nungs­schrei­bens war da­her ei­ne er­neu­te Ab­mah­nung un­erläss­lich.
Der Be­klag­te ver­kennt, dass Zweck ei­ner Ab­mah­nung we­gen ei­ner Ver­trags­pflicht­ver­let­zung re­gelmäßig nicht die Sank­ti­on ei­ner Ver­trags­pflicht­ver­let­zung sein darf.

ee) Die Kam­mer kann auch un­ter Berück­sich­ti­gung des Tat­sa­chen­vor­trags des Be­klag­ten nicht zu­letzt auch auf­grund der münd­li­chen Ver­hand­lung vom 21.01.2011 kei­ne man­geln­de Ein­sichtsfähig­keit der Kläge­rin in Be­zug auf den hier er­ho­be­nen Kündi­gungs­vor­wurf fest­stel­len.

Im Er­geb­nis bleibt so­mit fest­zu­hal­ten, dass die so­for­ti­ge Auflösung des Ar­beits­verhält­nis­ses kei­ne an­ge­mes­se­ne Re­ak­ti­on auf die von dem Be­klag­ten be­haup­te­te Pflicht­ver­let­zung und da­durch ein­ge­tre­te­ne Ver­tragsstörung dar­stellt. Ei­ne Ab­mah­nung wäre als mil­de­res Mit­tel ge­genüber der Kündi­gung an­ge­mes­sen und aus­rei­chend ge­we­sen, um ei­nen künf­tig wie­der störungs­frei­en Ver­lauf des Ar­beits­verhält­nis­ses zu be­wir­ken.


– Sei­te 18 –

Selbst un­ter­stellt bei der Kläge­rin sein er­heb­li­ches De­fi­zit im Um­gang mit Drit­ten (Kol­le­gen und Stu­den­ten) zu er­ken­nen, spricht nichts da­ge­gen, dass ihr künf­ti­ges Ver­hal­ten durch die An­dro­hung von Fol­gen für den Be­stand des Ar­beits­verhält­nis­ses po­si­tiv be­ein­flusst wer­den kann.

Die Kam­mer ge­wich­tet im Rah­men der In­ter­es­sen­abwägung letzt­end­lich auch, dass die Kläge­rin zu 70 Pro­zent schwer­be­hin­dert ist und zu­min­dest ein mögli­cher Zu­sam­men­hang zwi­schen Be­hin­de­rung und Kündi­gungs­grund nicht aus­ge­schlos­sen wer­den kann (vgl. oben un­ter II. 1 b, bb).

Aus den ge­nann­ten Gründen liegt un­ter Berück­sich­ti­gung al­ler Umstände des Ein­zel­fal­les so­wie un­ter Abwägung der In­ter­es­sen bei­der Par­tei­en kei­ne Hand­lung der Kläge­rin vor, die es dem Be­klag­ten als Ar­beit­ge­ber un­zu­mut­bar macht, das Ar­beits­verhält­nis mit der Kläge­rin fort­zu­set­zen. Vor­lie­gend konn­te nicht auf ei­ne Ab­mah­nung ver­zich­tet wer­den.
Nach al­le­dem ist da­her die streit­be­fan­ge­ne außer­or­dent­li­che Kündi­gung des Be­klag­ten vom 30.04.2009 un­wirk­sam und stellt kei­ne an­ge­mes­se­ne Re­ak­ti­on des Be­klag­ten dar.

2. Auch die vor­sorg­lich aus­ge­spro­che­ne or­dent­li­che Kündi­gung vom 23.10.2009 ist aus den oben ge­nann­ten Gründen un­wirk­sam. Auch in­so­weit hätte, selbst un­ter­stellt, es sei ein ver­hal­tens­be­ding­ter Kündi­gungs­grund im Sin­ne des § 1 Abs. 2 KSchG fest­stell­bar, zu­vor ein klären­des Gespräch und die Er­tei­lung ei­ner Ab­mah­nung er­fol­gen müssen.

3. Es kann da­her auch da­hin­ge­stellt blei­ben, ob die Per­so­nal­rats­anhörung vor-lie­gend ord­nungs­gemäß war.

4. Nach al­le­dem war der Kündi­gungs­schutz­an­trag der Kläge­rin be­gründet. Die Kündi­gun­gen des Be­klag­ten vom 30.04.2009 und vom 23.10.2009 ha­ben das Ar­beits­verhält­nis der Kläge­rin nicht wirk­sam be­en­det. Sie wa­ren rechts­wid­rig. Der
 

– Sei­te 19 –

Kla­ge ist da­her zu Recht statt­ge­ge­ben wor­den. Die Be­ru­fung des Be­klag­ten war des­halb zurück­zu­wei­sen.

Die Kos­ten­ent­schei­dung folgt aus § 97 Abs. 1 ZPO. Der Be­klag­te hat die Kos­ten der von ihm oh­ne Er­folg ein­ge­leg­ten Be­ru­fung zu tra­gen.

Die Vor­aus­set­zun­gen des § 72 Abs. 2 ArbGG lie­gen nicht vor, so dass die Re­vi­si­on nicht zu­zu­las­sen war. Vor­lie­gend han­delt es sich aus­sch­ließlich um ei­ne Ein­zel­fall­ent­schei­dung. Auf die Möglich­keit der Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de gemäß § 72 a ArbGG wird hin­ge­wie­sen.

Auf Facebook teilen Auf Google+ teilen Ihren XING-Kontakten zeigen Beitrag twittern

 


zur Übersicht 3 Sa 181/10  

Kontakt

Sie erreichen uns jeweils von Montag bis Freitag in der Zeit
von 09:00 bis 19:00 Uhr:

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Berlin

Lützowstraße 32
10785 Berlin

Telefon: 030 - 26 39 62 0
Telefax: 030 - 26 39 62 499

E-Mail: berlin@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwalt Dr. Martin Hensche
Fachanwalt für Arbeitsrecht

Rechtsanwalt Christoph Hildebrandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht

Rechtsanwältin Nina Wesemann
Fachanwältin für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Frankfurt am Main

Schumannstraße 27
60325 Frankfurt am Main

Telefon: 069 - 71 03 30 04
Telefax: 069 - 71 03 30 05

E-Mail: frankfurt@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwältin Maike Roters
Fachanwältin für Arbeitsrecht
Fachanwältin für Sozialrecht

Rechtsanwalt Thomas Becker



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Hamburg

Neuer Wall 10
20354 Hamburg

Telefon: 040 - 69 20 68 04
Telefax: 040 - 69 20 68 08

E-Mail: hamburg@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwalt Sebastian Schroeder
Fachanwalt für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Hannover

Georgstraße 38
30159 Hannover

Telefon: 0511 - 899 77 01
Telefax: 0511 - 899 77 02

E-Mail: hannover@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Nina Wesemann
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwalt Christoph Hildebrandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Köln

Hohenstaufenring 62
50674 Köln

Telefon: 0221 - 709 07 18
Telefax: 0221 - 709 07 31

E-mail: koeln@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwalt Thomas Becker

Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwältin Maike Roters
Fachanwältin für Arbeitsrecht
Fachanwältin für Sozialrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei München

Ludwigstraße 8
80539 München

Telefon: 089 - 21 56 88 63
Telefax: 089 -21 56 88 67

E-Mail: muenchen@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Nora Schubert

Rechtsanwalt Christoph Hildebrandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Nürnberg

Zeltnerstraße 3
90443 Nürnberg

Telefon: 0911 - 953 32 07
Telefax: 0911 - 953 32 08

E-Mail: nuernberg@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Nora Schubert

Rechtsanwalt Christoph Hildebrandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Stuttgart

Königstraße 10c
70173 Stuttgart

Telefon: 0711 - 470 97 10
Telefax: 0711 - 470 97 96

E-Mail: stuttgart@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Maike Roters
Fachanwältin für Arbeitsrecht
Fachanwältin für Sozialrecht

Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwalt Thomas Becker

Presse Karriere Links A bis Z Sitemap Impressum
Gebühren­freie Hot­line: 0800 - 440 1 880