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Es geht um mehr als Geld: Dresd­ner Ki­ta "Hü­gel­land" trotzt dem Streik

Bun­des­weit strei­ken Ki­ta-Er­zie­he­rin­nen in der drit­ten Wo­che: Doch längst nicht über­all blei­ben die Tü­ren zu. In Dres­den ar­bei­ten vie­le Frau­en be­wusst wei­ter. Mehr Geld al­lein sei kei­ne Lö­sung, sa­gen sie

26.05.2015. (dpa) - Ul­ri­ke Boß­e­ckert liest vor, bas­telt, spielt mit den Jun­gen und Mäd­chen.

Die Er­zie­he­rin kommt wei­ter­hin zur Ar­beit in die städ­ti­sche Ki­ta "Hü­gel­land" in Dres­den - auch wenn bun­des­weit Tau­sen­de ih­rer Kol­le­gin­nen strei­ken und vie­le Ki­tas ge­schlos­sen blei­ben.

Mitt­ler­wei­le geht der Streik in die drit­te Wo­che.

Die 37-Jäh­ri­ge dis­tan­ziert sich be­wusst von der zen­tra­len For­de­rung der Ge­werk­schaf­ten: Ei­nem Lohn­plus von durch­schnitt­lich zehn Pro­zent.

"Ich fin­de, das Ge­halt passt. Ich möch­te lie­ber mehr Er­zie­her und ei­nen bes­se­ren Be­treu­ungs­schlüs­sel." Ein paar Eu­ro mehr auf dem Kon­to lös­ten die Pro­ble­me in den Ki­tas nicht, ist die Di­plom-So­zio­lo­gin über­zeugt. Sach­sen ge­hört mit ei­nem Be­treu­ungs­schlüs­sel von der­zeit ei­ner Er­zie­he­rin für 13 Kin­der im Kin­der­gar­ten und ei­nem Schlüs­sel von 1:6 in der Kin­der­krip­pe bun­des­weit zu den Schluss­lich­tern.

Der Streik wer­de zu sehr auf dem Rü­cken der Fa­mi­li­en aus­ge­tra­gen, fin­det Boß­e­ckert. "Die Kin­der kön­nen nichts da­für. Und für El­tern, die kei­ne Mög­lich­keit ha­ben ihr Kind ab­zu­ge­ben, fin­de ich das ganz schlimm." Dicht um sie ge­drängt steht ein hal­bes Dut­zend Drei­jäh­ri­ge. Boß­e­ckert liest wie­der vor - und die Kin­der flüs­tern und ju­beln eif­rig mit.

Mit ih­rer Mei­nung steht Boß­e­ckert nicht al­lein: Von den 19 Er­zie­hern, die in der Ki­ta «Hü­gel­land» rund 170 Kin­der be­treu­en, kom­men zwei Drit­tel auch in die­sen Ta­gen zur Ar­beit. Zwi­schen fünf und sie­ben Er­zie­her sind da­ge­gen im Aus­stand. Auch in an­de­ren Dresd­ner Ki­tas sind die Er­zie­her un­ter sich ge­spal­ten.

Das macht sich im Ki­ta-All­tag be­merk­bar: Nur ein Teil der Kin­der kann be­treut wer­den, ge­plan­te Aus­flü­ge müs­sen ab­ge­sagt, Öff­nungs­zei­ten ver­kürzt, neue Kin­der kön­nen nicht ein­ge­wöhnt wer­den. "Wir sind wie aus den An­geln ge­ho­ben", sagt Ki­ta-Lei­te­rin Cor­ne­lia Wun­der­wald. Auch sie kommt zur Ar­beit. "Wir sind von der An­zahl der Kin­der und dem An­spruch, den die Ge­sell­schaft an uns stellt, schlicht­weg über­for­dert", sagt sie. "Das macht uns frus­triert, nicht das Ge­halt."

Im Lauf der Jah­re ha­be sich der Job ei­ner Er­zie­he­rin ver­än­dert, so Wun­der­wald. Frü­her sei der Ki­ta-All­tag klar struk­tu­riert ge­we­sen: Be­schäf­ti­gung, Es­sen, Schla­fen. Die Kin­der muss­ten sich an­pas­sen, Platz für Frei­raum gab es kaum. "Träu­mer wur­den her­an­ge­zo­gen, die Schnel­len ge­bremst." Heu­te ge­he es dar­um, auf die in­di­vi­du­el­len Be­dürf­nis­se der Kin­der ein­zu­ge­hen, sie so gut wie mög­lich zu för­dern. Auch die An­for­de­run­gen der El­tern sei­en ge­stie­gen.

Ne­ben mehr Er­zie­hern be­dür­fe es da­her ei­ner Aus­bil­dung, die dem heu­ti­gen An­spruch ge­recht wer­de, meint Wun­der­wald. Vor al­lem Wis­sen über früh­kind­li­che Bil­dung feh­le vie­len Neu­ein­stei­gern.

Früh­kind­li­che Bil­dung ist spä­tes­tens seit 2002 ein Schlag­wort. Da­mals lös­te die ers­te Pi­sa-Stu­die in Deutsch­land ei­nen Schock aus. Auch wenn der in­ter­na­tio­na­le Leis­tungs­ver­gleich 15-Jäh­ri­ge be­traf, war klar, dass De­fi­zi­te schon frü­her be­ho­ben wer­den müs­sen. Be­reits 1998 konn­ten For­scher in ei­ner Stu­die er­heb­li­che Un­ter­schie­de im Ent­wick­lungs­ni­veau gleich­alt­ri­ger Kin­der nach­wei­sen - je nach­dem wie gut die päd­ago­gi­sche Ar­beit in den Kin­der­krip­pen und Kin­der­gär­ten aus­fiel. Auch die 2012 ver­öf­fent­lich­te Nub­bek-Stu­die ha­be ähn­li­che kri­ti­sche Er­geb­nis­se wie die Un­ter­su­chung 14 Jah­re zu­vor er­bracht, be­rich­tet die Dresd­ner Er­zie­hungs­wis­sen­schaft­le­rin Yvon­ne Zill-Sahm.

Nä­he­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 11. April 2016

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