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Ge­werk­schaft haf­tet auf Scha­dens­er­satz we­gen Streik

Ein Streik der Lots­en­ge­werk­schaft An­fang 2012 ver­stieß ge­gen die Frie­dens­pflicht und war da­her rechts­wid­rig: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 26.07.2016, 1 AZR 160/14

26.07.2016. Mit­te letz­ten Jah­res stell­te das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) klar, dass die Ge­werk­schaft der Flug­si­che­rung (GdF) den von ihr nicht be­streik­ten, aber durch GdF-Streiks mit­tel­bar ge­schä­dig­ten Flug­ge­sell­schaf­ten nicht zum Scha­dens­er­satz ver­pflich­tet ist (BAG, Ur­teil vom 25.08.2015, 1 AZR 754/13, wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 15/239 Kein Scha­dens­er­satz für Streik­fol­gen).

Heu­te da­ge­gen zog die GdF in Er­furt den Kür­ze­ren. Die An­fang 2012 von der GdF be­streik­te Be­trei­ber­ge­sell­schaft des Frank­fur­ter Flug­ha­fens, die Fra­port AG, hat­te die GdF auf knapp 5,2 Mio. EUR Scha­dens­er­satz ver­klagt, weil die Ge­werk­schaft bei ih­rem Streik die sog. Frie­dens­pflicht ver­letzt hat­te.

Im Prin­zip ist die Kla­ge be­grün­det, d.h. die GdF haf­tet der Fra­port AG auf Er­satz der streik­be­ding­ten Schä­den: BAG, Ur­teil vom 26.07.2016, 1 AZR 160/14.

Kann ein bestreikter Arbeitgeber oder Arbeitgeberverband von der Gewerkschaft Schadensersatz verlangen?

Ta­rif­verträge kann man als ei­ne Art Aus­tausch­ver­trag an­se­hen: Der Ar­beit­ge­ber oder Ar­beit­ge­ber­ver­band macht der Ge­werk­schaft Zu­geständ­nis­se beim Lohn und bei den Ar­beits­be­din­gun­gen, und im Ge­gen­zug ver­pflich­tet sich die Ge­werk­schaft da­zu, während der ver­ein­bar­ten Lauf­zeit des Ta­rif­ver­trags kei­nen neu­en Streik zu führen.

Die­se Ver­pflich­tung nennt man Frie­dens­pflicht. Ih­re Be­ach­tung gehört zu den all­ge­mein an­er­kann­ten Vor­aus­set­zun­gen dafür, dass ein Streik rech­tens ist. Ist ein Re­ge­lungs­ge­gen­stand wie z.B. der St­un­den­lohn oder die Wo­chen­ar­beits­zeit in ei­nem gülti­gen Ta­rif­ver­trag ge­re­gelt, der we­der gekündigt noch ab­ge­lau­fen ist, greift die Frie­dens­pflicht ein und die Ge­werk­schaft, die Par­tei des Ta­rif­ver­trags ist, darf we­gen die­ser ta­rif­lich ge­re­gel­ten Fra­ge nicht (er­neut) strei­ken.

Hin und wie­der ent­steht Streit über die Fra­ge, ob ei­ne Ta­rif­for­de­rung be­reits (ab­sch­ließend?) in ei­nem Ta­rif­ver­trag ge­re­gelt ist und da­her der Frie­dens­pflicht un­ter­liegt oder ob die Ge­werk­schaft we­gen die­ser For­de­rung strei­ken darf. Hat sich die Ge­werk­schaft da­bei verschätzt, kann ihr der Streik un­ter Be­ru­fung auf die Frie­dens­pflicht ge­richt­lich un­ter­sagt wer­den, wie das z.B. das Ar­beits­ge­richt Kiel bei ei­nem 2009 von der Ver.di geführ­ten Ki­Ta-Streik ge­tan hat (Ar­beits­ge­richt Kiel, Ur­teil vom 18.05.2009, ö.D. 4 Ga 23b/09, wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 09/144 Ar­beits­ge­richt un­ter­sagt Ki­ta-Streik).

Außer­dem kann ei­ne Ge­werk­schaft we­gen ei­nes Streiks, der ge­gen die Frie­dens­pflicht verstößt, von dem be­klag­ten Ar­beit­ge­ber auf Scha­dens­er­satz ver­klagt wer­den. An­spruchs­grund­la­ge ist § 823 Abs.1 Bürger­li­ches Ge­setz­buch (BGB). Da­nach ist scha­dens­er­satz­pflich­tig, wer "vorsätz­lich oder fahrlässig das Le­ben, den Körper, die Ge­sund­heit, die Frei­heit, das Ei­gen­tum oder ein sons­ti­ges Recht ei­nes an­de­ren wi­der­recht­lich ver­letzt". Da der be­streik­te Ge­wer­be­be­trieb ein "sons­ti­ges Recht" im Sin­ne die­ser Vor­schrift ist, hängt die Scha­dens­er­satz­pflicht der Ge­werk­schaft für ei­nen Streik von der Fra­ge ab, ob die­ser "wi­der­recht­lich" war oder le­gal.

Da­bei kann sich die Ge­werk­schaft zwar im Prin­zip auf ih­re Ko­ali­ti­ons­frei­heit be­ru­fen, d.h. auf Art.9 Abs.3 Grund­ge­setz (GG). Dar­aus folgt ein Recht zum Streik, um Ta­rif­for­de­run­gen Nach­druck zu ver­lei­hen. Al­ler­dings müssen grund­recht­lich geschütz­te Streiks al­le von den Ar­beits­ge­rich­ten ver­lang­ten Rechtmäßig­keits-Vor­aus­set­zun­gen erfüllen, und da­zu gehört un­ter an­de­rem die Frie­dens­pflicht.

Das heißt: Ver­folgt der Streik ein le­ga­les Ta­rif­ziel, ist er verhält­nismäßig, be­ach­tet er die Frie­dens­pflicht usw., dann ist er zwar ein ziel­ge­rich­te­ter Ein­griff in den Ge­wer­be­be­trieb des be­streik­ten Ar­beit­ge­bers, aber die­ser Ein­griff ist nicht "wi­der­recht­lich" im Sin­ne von § 823 Abs.1 BGB, son­dern durch Art.9 Abs.3 GG geschützt und da­her le­gal. Dann be­steht kei­ne Pflicht zum Scha­dens­er­satz. Verstößt ein Streik al­ler­dings ge­gen die Frie­dens­pflicht, so ist er rechts­wid­rig und die be­streik­ten Ar­beit­ge­ber können Scha­dens­er­satz ver­lan­gen.

An die­ser Stel­le fragt sich, wie ein ge­ringfügi­ger Feh­ler der Ge­werk­schaft bei der Be­ur­tei­lung der Frie­dens­pflicht zu be­wer­ten ist. Be­steht die Frie­dens­pflicht nur bzgl. ne­bensäch­li­cher Streik­for­de­run­gen, könn­te man ar­gu­men­tie­ren, dass der Streik in je­dem Fall und da­her mit den­sel­ben wirt­schaft­li­chen Scha­dens­fol­gen geführt wor­den wäre, d.h. auch dann, wenn die ne­bensächli­che For­de­rung nicht er­ho­ben wor­den wäre.

Kann sich die Ge­werk­schaft, die ei­nen ge­gen die Frie­dens­pflicht ver­s­toßen­den Streik führt, im Scha­dens­er­satz­pro­zess auf die­ses Ar­gu­ment be­ru­fen, d.h. kann sie den Ein­wand des "rechtmäßigen Al­ter­na­tiv­ver­hal­tens" er­he­ben? Um die­se Fra­ge geht es in dem heu­te vom BAG ent­schie­de­nen Fall.

Fraport verklagt die Gewerkschaft der Flugsicherung (GdF) auf Schadensersatz wegen eines Anfang 2012 geführten Streiks, der die Friedenspflicht missachtete

Mit­te 2011 kündig­te die GdF frist­ge­recht zum 31.12.2011 wich­ti­ge Tei­le des Ta­rif­ver­trags für die Beschäftig­ten in der Vor­feld­kon­trol­le und Ver­kehrs­zen­tra­le und ver­han­del­te zum Jah­res­wech­sel 2011/2012 über die gekündig­ten In­hal­te des Ta­rif­ver­trags. Da­bei ging es um Gehälter, Über­stun­den­vergütung, Ruf­be­reit­schaft und dgl.

An­de­re Be­stand­tei­le des Ta­rif­ver­trags konn­ten erst­mals zum 31.12.2017 gekündigt wer­den, wa­ren aber trotz­dem Ge­gen­stand ei­nes Sch­lich­tungs­ver­fah­rens, das En­de Ja­nu­ar 2012 mit ei­ner Sch­lich­tungs­emp­feh­lung en­de­te. Die GdF konn­te mit der Sch­lich­tungs­emp­feh­lung le­ben, die Fra­port lehn­te sie ab.

Da­her rief die GdF am 15.02.2012 ih­re Mit­glie­der zu ei­nem be­fris­te­ten Streik auf, und zwar mit dem Ziel, die Sch­lich­ter­emp­feh­lung durch­zu­set­zen. Der am 16.02.2012 be­gon­ne­ne Streik wur­de zwei Wo­chen später ein­ge­stellt, und zwar auf­grund ei­ner ar­beits­ge­richt­li­chen Un­ter­las­sungs­verfügung vom 29.02.2012 (wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 12/090 Kei­ne Power im Frank­fur­ter Tower).

Bei ih­rem Streik hat­te die GdF nämlich nicht be­ach­tet, dass die Emp­feh­lun­gen des Sch­lich­ters nicht nur Punk­te be­tra­fen, die in den zum 31.12.2011 gekündig­ten Tei­len des Ta­rif­ver­trags ge­re­gelt wa­ren. Viel­mehr hat­te der Sch­lich­ter auch Vor­schläge zu The­men ge­macht, die in den un­gekündig­ten Tei­len des Ta­rif­ver­trags ge­re­gelt wa­ren. Dem­zu­fol­ge hat­te die GdF mit ih­rem Streik­auf­ruf ge­gen die Frie­dens­pflicht ver­s­toßen, weil sie mit dem Streik die ge­sam­te Sch­lich­tungs­emp­feh­lung durch­set­zen woll­te, und da­mit auch For­de­run­gen, die ta­rif­lich bis En­de 2017 ge­re­gelt wa­ren.

Die Fra­port AG ver­klag­te die GdF auf knapp 5,2 Mio. EUR Scha­dens­er­satz, hat­te da­mit aber we­der vor dem Ar­beits­ge­richt Frank­furt am Main (Ur­teil vom 25.03.2013, 9 Ca 5558/12) noch in der Be­ru­fung vor dem Hes­si­schen Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Er­folg (Hes­si­sches LAG, Ur­teil vom 05.12.2013, 9 Sa 592/13).

Bei­de Ge­rich­te be­ton­ten, dass der Streik we­gen Ver­s­toßes ge­gen die Frie­dens­pflicht il­le­gal war. Trotz­dem wie­sen sie die Kla­ge der Fra­port AG ab, weil die GdF zu­ge­stan­den, sich auf rechtmäßiges Al­ter­na­tiv­ver­hal­ten zu be­ru­fen.

BAG: Der Streik der GdF verstieß gegen die Friedenspflicht und führt zur Schadensersatzpflicht, weil es auf ein rechtmäßiges Alternativverhalten der GdF nicht ankommt

Das BAG hob die Ur­tei­le der Voris­tan­zen auf und ver­wies den Rechts­streit zurück zum LAG, das über die ge­naue Höhe des er­satzfähi­gen Scha­dens zu ent­schei­den hat. In der der­zeit al­lein vor­lie­gen­den Pres­se­mel­dung heißt es zur Be­gründung:

Ein Streik, der ge­gen die Frie­dens­pflicht verstößt, ist rechts­wid­rig und ver­pflich­tet bei vorsätz­li­chem oder fahrlässi­gem Han­deln der Ge­werk­schaft zum Scha­dens­er­satz. Da­bei kann die Ge­werk­schaft nicht ein­wen­den, die Schäden wären auch bei ei­nem Streik oh­ne Ver­s­toß ge­gen die Frie­dens­pflicht ent­stan­den. Denn wer­den die Streik­zie­le, die ge­gen die Frie­dens­pflicht ver­s­toßen, nicht er­ho­ben, wäre der Streik eben ein an­de­rer, so das BAG.

An­ders als die Fra­port AG hat­ten zwei Flug­ge­sell­schaf­ten, nämlich Luft­han­sa und Air Ber­lin, vor dem BAG kei­nen Er­folg. Sie hat­ten ge­mein­sam mit der Fra­port AG ge­klagt, wa­ren aber schon vom Ar­beits­ge­richt und vom LAG ab­ge­wie­sen wor­den, weil sie nicht un­mit­tel­bar be­streikt wor­den, son­dern nur mit­tel­bar be­trof­fen wa­ren. Die Ent­schei­dung des BAG ge­gen Luft­han­sa und Air Ber­lin ent­spricht sei­nem Ur­teil vom 25.08.2015, 1 AZR 754/13 (wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 15/239 Kein Scha­dens­er­satz für Streik­fol­gen).

Fa­zit: Das BAG hat be­reits 1958 ent­schie­den, dass sich ei­ne Ge­werk­schaft, die un­ter Ver­s­toß ge­gen die Frie­dens­pflicht streikt, nicht dar­auf be­ru­fen kann, sie hätte den Streik auch un­ter Be­ach­tung der Frie­dens­pflicht, aber mit den­sel­ben schädi­gen­den Fol­gen führen können (BAG, Ur­teil vom 31.10.1958, 1 AZR 632/57). Denn würde die­ser Ein­wand vor Ge­richt ver­fan­gen, wäre die Frie­dens­pflicht im Er­geb­nis er­heb­lich ent­wer­tet.

Im vor­lie­gen­den Fall hat die GdF trotz ih­res Un­ter­lie­gens in Er­furt gu­te Aus­sich­ten, weit­ge­hend un­ge­scho­ren da­von­zu­kom­men. Denn das LAG hat­te sein klag­ab­wei­sen­des Ur­teil un­ter an­de­rem da­mit be­gründet, dass es das weit über­wie­gen­de Mit­ver­schul­den für die Scha­dens­ent­ste­hung bei der Fra­port AG sieht. Die­se hätte den Streik ja so­fort per einst­wei­li­ger Verfügung stop­pen können, an­statt sich für die­sen Schritt zwei Wo­chen Zeit zu las­sen, so das LAG. Im Er­geb­nis wird die GdF da­her wohl nur mit ei­ner ge­rin­gen Scha­dens­quo­te be­las­tet wer­den.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

 

Hin­weis: In der Zwi­schen­zeit, d.h. nach Er­stel­lung die­ses Ar­ti­kels, hat das BAG sei­ne Ent­schei­dungs­gründe veröffent­licht. Das vollständig be­gründe­te Ur­teil des BAG fin­den Sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 1. Dezember 2016

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