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Ein schma­ler Grat: Fle­xi­bi­li­tät im Job hat nicht nur Vor­tei­le

Dienst­schluss, Ar­beits­wei­se und so­gar die Auf­ga­ben: Vie­le Be­rufs­tä­ti­ge ent­schei­den über sol­che Din­ge in­zwi­schen selbst. Neue Ar­beits­zeit­re­ge­lun­gen, mo­der­ne Ma­nage­ment-Me­tho­den und di­gi­ta­le Tech­nik ma­chen es mög­lich. Doch nicht je­der kommt da­mit klar

20.02.2017. (dpa) - Punkt 8.00 Uhr ist Dienst­be­ginn, je­de Ar­beits­an­wei­sung kommt vom Chef – und oh­ne Er­laub­nis fasst man am bes­ten gar nichts an.

Sol­che stren­gen Re­geln ge­hö­ren an vie­len Ar­beits­plät­zen längst der Ver­gan­gen­heit an.

Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on und Selbst­füh­rung lau­ten die Zau­ber­wor­te: Mit­ar­bei­ter sol­len selbst ent­schei­den, wie sie ihr Ziel am bes­ten er­rei­chen, wie viel und wo sie ar­bei­ten.

Doch un­ter Um­stän­den ist das der di­rek­te Weg in die Selbst­aus­beu­tung.

Bei­spie­le für die­sen Trend gibt es ge­nug. Im­mer öf­ter küm­mern sich Mit­ar­bei­ter selbst um Din­ge, für die es frü­her im Un­ter­neh­men Per­so­nal gab, sei es für die Rei­se­kos­ten­ab­rech­nung oder die Ma­te­ri­al­be­schaf­fung. "Mit Ei­gen­ver­ant­wor­tung hat das nichts zu tun", sagt Va­nes­sa Barth vom Vor­stand der IG Me­tall. "Da geht es eher dar­um, Kos­ten ein­zu­spa­ren."

Po­si­ti­ver sieht sie Ma­nage­ment­tech­ni­ken wie die so­ge­nann­ten agi­len Me­tho­den. Sie stam­men aus der Soft­ware­ent­wick­lung, kom­men heu­te aber auch in vie­len an­de­ren Bran­chen und Be­rei­chen zum Ein­satz. Ei­ne der Grund­ide­en da­bei ist, dass Teams und Mit­ar­bei­ter sich selbst or­ga­ni­sie­ren, Zie­le und den Weg da­hin selbst fest­le­gen und auch den Fort­schritt in Ei­gen­re­gie über­prü­fen.

"Grund­sätz­lich gibt es ei­nen Trend zu mehr Ei­gen­ver­ant­wor­tung", sagt Barth. Der Ur­sprung liegt in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten. Im Si­li­con Val­ley ar­bei­ten vie­le Fir­men längst mit viel Ei­gen­ver­ant­wor­tung – und sind auch des­halb so in­no­va­tiv und schnell.

Hin­zu kom­men die Mög­lich­kei­ten der Di­gi­ta­li­sie­rung: "Ein Grund ist die tech­ni­sche Ver­än­de­rung der Ar­beits­welt", er­klärt Jo­se­phi­ne Hof­mann vom Fraun­ho­fer-In­sti­tut für Ar­beits­wirt­schaft und Or­ga­ni­sa­ti­on (IAO). Per Vi­deo­kon­fe­renz ist man selbst auf dem hei­mi­schen So­fa in Mee­tings da­bei. Wenn al­le wich­ti­gen Do­ku­men­te be­quem im In­tra­net ab­ruf­bar sind, er­leich­tert das ei­gen­ver­ant­wort­li­ches Or­ga­ni­sie­ren und de­zen­tra­les Ar­bei­ten.

Wo es sol­che Mög­lich­kei­ten gibt, ver­än­dern sich auch die Wün­sche der Mit­ar­bei­ter: Die Ver­ein­bar­keit von Fa­mi­lie und Be­ruf wird vie­len zum Bei­spiel im­mer wich­ti­ger. Hin­zu kommt der Trend zur so­ge­nann­ten Wis­sens­ar­beit. "Vie­le Fach­kräf­te sind heu­te so spe­zia­li­siert, dass sie nur selbst wis­sen, wie sie am bes­ten ar­bei­ten", sagt Hof­mann. "Da kann dann ein Chef kei­ne de­tail­lier­ten Vor­schrif­ten mehr ma­chen, weil er die Auf­ga­be selbst nicht über­bli­cken kann."

Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on und –füh­rung gibt es aber noch nicht über­all. "Das ist ein we­nig ei­ne Fra­ge der Bran­che und der Po­si­ti­on", sagt Kar­rie­r­e­be­ra­te­rin Sven­ja Ho­fert. "In vie­len Pro­duk­ti­ons­jobs ist die klein­tei­li­ge Auf­ga­ben­tei­lung zum Bei­spiel noch sehr ver­brei­tet." Über­all dort, wo krea­tiv ge­ar­bei­tet wird, sei der Trend zu ei­gen­ver­ant­wort­li­chem Ar­bei­ten aber schon deut­lich zu se­hen.

Auch der Bil­dungs­grad spielt ei­ne Rol­le: Je hö­her der Ab­schluss, des­to stär­ker der Trend zur Selbst­füh­rung. Doch nicht je­der kom­me da­mit zu­recht, sagt Ho­fert. Das Ar­bei­ten oh­ne di­rek­te An­wei­sun­gen und so­for­ti­ges Feed­back sei ei­ne Typf­ra­ge: Man­che Be­rufs­tä­ti­ge ge­nie­ßen es, auf ei­ge­ne Faust los­le­gen zu dür­fen, an­de­re stresst die Ver­ant­wor­tung eher.

Wer sich von zu viel Ei­gen­ver­ant­wor­tung ge­stresst fühlt, kann da­her zwar ver­su­chen, das zu än­dern - zum Bei­spiel mit Fort­bil­dun­gen rund um Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on oder Auf­bau­se­mi­na­re für Füh­rungs­kräf­te. Ei­ne Er­folgs­ga­ran­tie gibt es aber nicht, warnt Ho­fert. "Un­ab­hän­gi­ges Ar­bei­ten ist für den Ein­zel­nen lern­bar, aber nur be­grenzt", sagt sie. "Zum Teil ist das aber ein­fach ei­ne Fra­ge der Per­sön­lich­keit und da­mit un­ver­än­der­lich."

Des­halb rät die Ex­per­tin Ar­beit­neh­mern auch, sich Selbst­füh­rung nicht auf­zwin­gen zu las­sen: Braucht je­mand zum Bei­spiel kon­kre­te An­wei­sun­gen und re­gel­mä­ßi­ges Feed­back, soll­te er das in ei­nem Mit­ar­bei­ter­ge­spräch ru­hig selbst­be­wusst ein­for­dern. Denn ei­ne Schwä­che sei das nicht: Wer mit kla­ren An­wei­sun­gen bes­ser ar­bei­tet, ist oft bes­ser oder ge­nau­er bei de­ren Um­set­zung als je­mand, der ger­ne ei­ge­ne Zie­le setzt. "Da ist dann die Füh­rung ge­fragt, die her­aus­fin­den muss, wel­cher Mit­ar­bei­ter was braucht", so Ho­fert.

Auch Jo­se­phi­ne Hof­mann sieht die Ver­ant­wor­tung für er­folg­rei­che Selbst­füh­rung eher beim Un­ter­neh­men: Ent­schei­dend sei, wie die Idee um­ge­setzt wird. "Häu­fig wer­den Leu­te da­mit über­for­dert, weil sie da­für die Kom­pe­ten­zen nicht ha­ben", er­klärt die Ex­per­tin. So kön­ne es zum Bei­spiel pas­sie­ren, dass je­mand zwar die Ver­ant­wor­tung für die Fer­tig­stel­lung ei­nes Groß­pro­jekts trägt, da­bei aber nicht die Ent­schei­dungs­ge­walt hat, Per­so­nal- und Res­sour­ce­n­eng­päs­se aus­zu­glei­chen. "Da kann dann ein Zwang zur Selbst­aus­beu­tung ent­ste­hen."

Und auch die Stim­mung in der Ab­tei­lung oder in der Fir­ma muss pas­sen, sagt Barth. Da sei­en auch die Mit­ar­bei­ter oder ih­re Ver­tre­ter in der Pflicht, pas­sen­de Rah­men­be­din­gun­gen ein­zu­for­dern: "Mehr Ei­gen­ver­ant­wor­tung für Mit­ar­bei­ter ist nur dann sinn­voll, wenn es auch ei­ne ent­spre­chen­de Kul­tur im Un­ter­neh­men gibt - wenn Mit­ar­bei­ter al­so zum Bei­spiel Feh­ler ma­chen dür­fen."

Nä­he­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 15. Juni 2017

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