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Ha­ben Er­ben An­spruch auf Aus­zah­lung des Ur­laubs?

Ge­hen An­sprü­che auf Ur­laubs­ab­gel­tung auch dann auf die Er­ben über, wenn der Ar­beit­neh­mer wäh­rend des Ar­beits­ver­hält­nis­ses ver­stirbt?: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Be­schluss vom 18.10.2016, 9 AZR 196/16 (A)

18.10.2016. Vor gut zwei Jah­ren hat der Eu­ro­päi­sche Ge­richts­hof (EuGH) ent­schie­den, dass An­sprü­che auf Ur­laubs­ab­gel­tung ver­erb­lich sein müs­sen, und zwar auch dann, wenn der Erb­las­ser sein Ar­beits­ver­hält­nis vor sei­nem Tod nicht auf­ge­löst hat (EuGH, Ur­teil vom 12.06.2014, C-118/13 - Bol­la­cke, wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 14/212 Der An­spruch auf Ur­laubs­ab­gel­tung ist ver­erb­lich).

Zu­vor hat­te das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) die An­sicht ver­tre­ten, dass ein Ur­laubs­ab­gel­tungs­an­spruch ge­ra­de nicht ver­erb­lich sei (BAG, Ur­teil vom 20.09.2011, 9 AZR 416/10 - wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 11/184 Ur­laubs­ab­gel­tung bei Tod des Ar­beit­neh­mers?).

Nun muss sich der EuGH er­neut mit der Fra­ge be­fas­sen, ob das Eu­ro­pa­recht die Ver­erb­bar­keit von Ab­gel­tungs­an­sprü­chen for­dert, dies­mal aber un­ter der vom BAG for­mu­lier­ten Prä­mis­se, dass "das na­tio­na­le Erbrecht dies aus­schließt": BAG, Be­schluss vom 18.10.2016, 9 AZR 196/16 (A).

Wandeln sich Urlaubsansprüche mit dem Tod des Arbeitnehmers in Urlaubsabgeltungsansprüche um und gehen diese auf den Erben über - und was sagt das Europarecht dazu?

Ur­laubs­ab­gel­tung be­deu­tet, dass es statt Ur­laub durch be­zahl­te Frei­stel­lung ("Ur­laub in Na­tur") ei­ne Geld­zah­lung gibt. Die­ser An­spruch be­steht gemäß § 7 Abs.4 Bun­des­ur­laubs­ge­setz (BUrlG), wenn der Ur­laub in Na­tur "we­gen Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses ganz oder teil­wei­se nicht mehr gewährt wer­den" kann.

Das Ar­beits­verhält­nis kann un­ter an­de­rem durch Kündi­gung, Auf­he­bungs­ver­trag oder den Tod des Ar­beit­neh­mers be­en­det wer­den. Für ei­ne Be­en­di­gung durch den Tod des Ar­beit­neh­mers gibt es zwar kei­ne ge­setz­li­che Re­ge­lung. § 613 Satz 1 Bürger­li­ches Ge­setz­buch (BGB) schreibt aber vor, dass der Ar­beit­neh­mer die Diens­te im Zwei­fel in Per­son zu leis­ten hat. Die Leis­tungs­pflicht des Ar­beit­neh­mers ist al­so an sei­ne Per­son ge­bun­den, wor­aus die Ar­beits­ge­rich­te und die ju­ris­ti­schen Au­to­ren den Schluss zie­hen, dass der Tod des Ar­beit­neh­mers zur Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses führt.

Wie die Ar­beits­pflicht ist auch der Ur­laubs­an­spruch an die Per­son des Ar­beit­neh­mers ge­bun­den. Stirbt der Ar­beit­neh­mer und es be­ste­hen noch Ur­laubs­ansprüche, können die­se nicht auf die Er­ben über­ge­hen, da der Ar­beit­ge­ber den Er­ben ja kei­nen Ur­laub er­tei­len kann (denn sie müssen ja nicht ar­bei­ten). Der An­spruch auf Ur­laubs­ab­gel­tung da­ge­gen ist ein rei­ner Geld­an­spruch und könn­te da­her theo­re­tisch auf die Er­ben über­ge­hen. Vor­aus­set­zung dafür ist, dass der Ab­gel­tungs­an­spruch gemäß § 7 Abs.4 BUrlG auch im To­des­fall greift.

Ob dies der Fall ist, lässt sich aber we­der § 7 Abs.4 BUrlG ein­deu­tig ent­neh­men noch Art.7 der Richt­li­nie 2003/88/EG. Die­ser Richt­li­ni­en-Ar­ti­kel lau­tet:

"(1) Die Mit­glied­staa­ten tref­fen die er­for­der­li­chen Maßnah­men, da­mit je­der Ar­beit­neh­mer ei­nen be­zahl­ten Min­dest­jah­res­ur­laub von vier Wo­chen nach Maßga­be der Be­din­gun­gen für die In­an­spruch­nah­me und die Gewährung erhält, die in den ein­zel­staat­li­chen Rechts­vor­schrif­ten und/oder nach den ein­zel­staat­li­chen Ge­pflo­gen­hei­ten vor­ge­se­hen sind.

(2) Der be­zahl­te Min­dest­jah­res­ur­laub darf außer bei Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses nicht durch ei­ne fi­nan­zi­el­le Vergütung er­setzt wer­den."

Vor die­sem Hin­ter­grund wur­de lan­ge darüber dis­ku­tiert, ob Ur­laubs­ab­gel­tungs­ansprüche gemäß § 1922 Abs.1 BGB auf die Er­ben über­ge­hen oder nicht.

Ge­gen ei­ne Ver­erb­bar­keit wur­de ins Feld geführt, dass die Ur­laubs­ab­gel­tung auch nach Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses dem Er­ho­lungs­zweck die­nen soll und die­ser Zweck nun nicht mehr er­reicht wer­den kann. Dafür spricht aber, dass der Ab­gel­tungs­an­spruch eben­so ein Geld­an­spruch ist wie Rest­lohn- und Ab­fin­dungs­ansprüche, die aber un­strei­tig ver­erbt wer­den.

Mit­te 2014 setz­te der EuGH die­ser De­bat­te - vorläufig - ein En­de und ent­schied, dass Ansprüche auf Ur­laubs­ab­gel­tung ver­erb­lich sein müssen (EuGH, Ur­teil vom 12.06.2014, C-118/13 - Bol­la­cke) - wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 14/212 Der An­spruch auf Ur­laubs­ab­gel­tung ist ver­erb­lich). Der Fall be­traf ei­nen Ar­beit­neh­mer, der während des Ar­beits­verhält­nis­ses ver­starb und zu die­sem Zeit­punkt noch über 140 of­fe­ne Ur­laubs­ta­ge hat­te, de­ren Ab­gel­tung sei­ne Wit­we ver­lang­te. Den Fall hat­te das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Hamm dem EuGH vor­ge­legt (LAG Hamm, Be­schluss vom 14.02.2013, 16 Sa 1511/12).

Nach dem Bo­la­cke-Ur­teil des EuGH schien die Fra­ge der Ver­erb­lich­keit von Ur­laubs­ab­gel­tungs­ansprüchen geklärt. So ent­schied das Ar­beits­ge­richt Ber­lin 2015 ei­nen ein­schlägi­gen Fall im Sin­ne des Bo­la­cke-Ur­teils (Ar­beits­ge­richt Ber­lin, Ur­teil vom 07.10.2015, 56 Ca 10968/15, wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 15/345 Ur­laubs­an­spruch bei Tod des Ar­beit­neh­mers). Und auch das BAG stell­te 2015 klar, dass der Ur­laubs­ab­gel­tungs­an­spruch ver­erb­lich ist, wo­bei die­ses Ur­teil al­ler­dings ei­nen Fall be­traf, in dem der Ar­beit­neh­mer be­reits lan­ge vor sei­nem Tod aus dem Ar­beits­verhält­nis aus­ge­schie­den war und da­her noch selbst da­zu in der La­ge war, sei­nen Ab­gel­tungs­an­spruch ge­genüber dem Ar­beit­ge­ber ein­zu­kla­gen (BAG, Ur­teil vom 22.09.2015, 9 AZR 170/14).

Mit sei­nem Vor­la­ge­be­schluss vom 18.10.2016 (9 AZR 196/16 (A)) hat das BAG die Dis­kus­si­on wie­der eröff­net.

Der Ausgangsfall: Erbin verlangt Abgeltung des Urlaubs ihres verstorbenen Mannes

In dem vom BAG zu ent­schei­den­den Fall war ein Ar­beit­neh­mer bis zu sei­nem Tod An­fang 2013 als kaufmänni­scher An­ge­stell­ter beschäftigt. Zum Zeit­punkt sei­nes To­des stan­den ihm noch 32 Ta­ge Er­ho­lungs­ur­laub zu.

Sei­ne Wit­we ver­lang­te als tes­ta­men­ta­ri­sche Al­lein­er­bin Ur­laubs­ab­gel­tung un­ter Be­ru­fung auf § 1922 Abs.1 BGB und auf das Bo­la­cke-Ur­teil des EuGH. Da­mit hat­te sie vor dem Ar­beits­ge­richt Wup­per­tal (Ur­teil vom 25.03.2015, 3 Ca 2643/14) Er­folg und auch in der Be­ru­fung vor dem LAG Düssel­dorf (LAG Düssel­dorf, Ur­teil vom 29.10.2015, 11 Sa 537/15). Bei­de Ge­rich­te mein­ten, der zum Zeit­punkt des To­des be­ste­hen­de Rest­ur­laubs­an­spruch wand­le sich un­ter Berück­sich­ti­gung des Bo­la­cke-Ur­teils in ei­nen ver­erb­li­chen Ab­gel­tungs­an­spruch um. 

BAG bittet den EuGH um Klärung der europarechtlichen Vorschriften, die die Vererbbarkeit von Urlaubs- bzw. Urlaubsabgeltungsansprüchen betreffen

Das BAG setz­te das Ver­fah­ren aus und leg­te dem EuGH ei­ni­ge Aus­le­gungs­fra­gen vor. In der der­zeit al­lein vor­lie­gen­den Pres­se­mit­tei­lung heißt es zur Be­gründung:

Der EuGH ha­be, so das BAG, bis­lang mit sei­nem Bo­la­cke-Ur­teil noch nicht ent­schie­den, ob der An­spruch auf fi­nan­zi­el­len Aus­gleich auch dann Teil der Erb­mas­se wird, wenn das na­tio­na­le Erbrecht dies aus­sch­ließt und wie ei­ne Aus­le­gung bei ei­nem Ar­beits­verhält­nis zwi­schen Pri­vat­per­so­nen vor­zu­neh­men ist. Im Ein­zel­nen möch­te das BAG, dass der EuGH fol­gen­de Fra­gen klärt:

"1. Räumt Art. 7 der Richt­li­nie 2003/88/EG des Eu­ropäischen Par­la­ments und des Ra­tes vom 4. No­vem­ber 2003 über be­stimm­te As­pek­te der Ar­beits­zeit­ge­stal­tung (Richt­li­nie 2003/88/EG) oder Art. 31 Abs. 2 der Char­ta der Grund­rech­te der Eu­ropäischen Uni­on (GRC) dem Er­ben ei­nes während des Ar­beits­verhält­nis­ses ver­stor­be­nen Ar­beit­neh­mers ei­nen An­spruch auf ei­nen fi­nan­zi­el­len Aus­gleich für den dem Ar­beit­neh­mer vor sei­nem Tod zu­ste­hen­den Min­dest­jah­res­ur­laub ein, was nach § 7 Abs. 4 BUrlG iVm. § 1922 Abs.1 BGB aus­ge­schlos­sen ist?

2. Falls die Fra­ge zu 1. be­jaht wird: Gilt dies auch dann, wenn das Ar­beits­verhält­nis zwi­schen zwei Pri­vat­per­so­nen be­stand?"

Die Fra­gen des BAG set­zen of­fen­bar vor­aus, dass das BAG der An­sicht ist, ei­ne sog. eu­ro­pa­rechts­kon­for­me Aus­le­gung von § 7 Abs. 4 BUrlG iVm. § 1922 Abs.1 BGB im Sin­ne der Vor­ga­ben des Bo­la­cke-Ur­teil des EuGH sei nicht möglich. Das wie­der­um würde be­deu­ten, dass ei­ne Ver­erb­bar­keit von Rest­ur­laubs­ansprüchen in den Fällen, in de­nen der Tod des Ar­beit­neh­mers zur Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses führt, von die­sen Vor­schrif­ten ein­deu­tig aus­ge­schlos­sen ist, so dass ei­ne Be­fol­gung des Bo­la­cke-Ur­teils die deut­schen Ge­rich­te zu ei­ner Ent­schei­dung ge­gen das ge­schrie­be­ne Ge­set­zes­recht ("con­tra le­gem") zwin­gen würde.

Sol­che recht­li­chen An­nah­men sind nicht gut nach­voll­zieh­bar, denn in bei­den Pa­ra­gra­phen ist die Ver­erb­bar­keit von Rest­ur­laubs­ansprüchen bzw. von Ab­gel­tungs­ansprüchen über­haupt nicht ge­re­gelt, ge­schwei­ge denn so ein­deu­tig, dass die deut­schen Ge­rich­te con­tra le­gem ent­schei­den müss­ten, würden sie das Bo­la­cke-Ur­teil um­set­zen.

Den­noch scheint sich das BAG sich von sol­chen Über­le­gun­gen lei­ten zu las­sen, denn auch die zwei­te Fra­ge geht of­fen­bar da­von aus, dass § 7 Abs. 4 BUrlG und § 1922 Abs.1 BGB nicht eu­ro­pa­rechts­kon­form im Sin­ne des Bo­la­cke-Ur­teils aus­ge­legt wer­den können. Denn in die­sem Fall müss­ten man zwi­schen dem Staat als Ar­beit­ge­ber und ei­nem pri­va­ten Ar­beit­ge­ber un­ter­schei­den: Der Staat muss als Ar­beit­ge­ber für die man­gel­haf­te Um­set­zung der eu­ro­pa­recht­lich ge­bo­te­nen Ver­erb­bar­keit von Ur­lausb(ab­gel­tungs-)ansprüchen haf­ten, d.h. zah­len, während pri­va­te Ar­beit­ge­ber sich dar­auf be­ru­fen könn­ten, dass sie nicht un­mit­tel­bar an die Vor­ga­ben eu­ropäischer Richt­li­ni­en ge­bun­den sind, son­dern nur deut­sches Recht be­fol­gen müssen.

Fa­zit: Der­zeit lie­gen die schrift­li­chen Ent­schei­dungs­gründe noch nicht vor. Erst dar­aus wird sich er­ge­ben, auf wel­che Ar­gu­men­te das BAG sei­nen Vor­la­ge­be­schluss und sei­ne Con­tra-le­gem-Be­den­ken stützt.

Die­se Be­gründung soll­te al­ler­dings stich­hal­tig oder je­den­falls gut ver­tret­bar sein. Denn es geht nicht an, den EuGH zu ei­ner Stel­lung­nah­me zu Rechts­fra­gen zu ver­an­las­sen, die sich in Wahr­heit gar nicht stel­len, weil das na­tio­na­le Recht ei­nen an­de­ren In­halt hat als im Vor­la­ge­be­schluss be­haup­tet.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Hin­weis: In der Zwi­schen­zeit, d.h. nach Er­stel­lung die­ses Ar­ti­kels, hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt sei­ne Ent­schei­dungs­gründe veröffent­licht. Den Voll­text der Ent­schei­dung so­wie ei­nes Vor­la­ge­be­schlus­ses vom sel­ben Ta­ge in ei­ner Par­al­lel­sa­che (9 AZR 45/16 (A)) fin­den Sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 14. November 2016

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