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Fai­rer Han­del - Ein­kauf mit gu­tem Ge­wis­sen ver­lässt die Ni­sche

Ge­rech­te Löh­ne für Klein­bau­ern, Pro­jek­te für ar­me Län­der - beim Ein­kau­fen Gu­tes zu tun hat Kon­junk­tur: Fair­tra­de ist zum Mil­li­ar­den­markt ge­wor­den. Doch es ist nicht al­les Gold, was glänzt

10.09.2015. (dpa) - Die Li­körglä­ser aus Swa­si­land ste­hen sau­ber auf­ge­reiht im La­den­re­gal, über der Scho­ko­la­de, de­ren Ver­kaufs­er­lös in ei­ne neue Brü­cke in der Do­mi­ni­ka­ni­schen Re­pu­blik fließt.

Ne­ben­an lie­gen Stoff-Ele­fan­ten für Kin­der - "in In­di­en von Frau­en ge­näht, die von der Le­pra ge­heilt wur­den", ver­si­chert die Ver­käu­fe­rin, die hier eh­ren­amt­lich ar­bei­tet.

In den Ein-Welt-La­den am Lau­sit­zer Platz in Ber­lin kom­men Kun­den, die mit rei­nem Ge­wis­sen ein­kau­fen wol­len: Seit 1998 wird hier so­ge­nann­ter fai­rer Han­del ge­trie­ben - zwi­schen Ca­fé und Ka­pel­le der Em­ma­us-Kir­che, bei klas­si­scher Mu­sik.

Doch fai­rer Han­del geht in­zwi­schen auch an­ders: Ein paar Stra­ßen wei­ter ste­hen im Ne­on-Licht ei­nes Dis­coun­ters Kek­se, Wein und Rohr­zu­cker mit Fair­tra­de-Sie­gel zwi­schen der kon­ven­tio­nel­len Wa­re: Ba­na­nen, Kaf­fee und Kin­der-Jeans, bei de­nen Kun­den nur mut­ma­ßen kön­nen, wie es de­nen geht, die sie pro­du­ziert ha­ben.

Seit dem ver­gan­ge­nen Jahr ist der fai­re Han­del in Deutsch­land ein Mil­li­ar­den­markt: 1,027 Mil­li­ar­den Eu­ro - so­viel ha­ben die Bun­des­bür­ger für fair ge­han­del­te Wa­ren aus­ge­ben. Längst trei­ben die Su­per­märk­te und Dis­coun­ter das Wachs­tum, wäh­rend die Welt-Lä­den sta­gnie­ren. "Der fai­re Han­del hat die ganz spe­zi­el­le Ni­sche ver­las­sen, der ers­te Schritt in den Mas­sen­markt ist ge­tan", sagt der Mann­hei­mer Un­ter­neh­mens­ethi­ker Nick Lin-Hi. Lang­fris­tig se­he er aber ein ähn­li­ches Po­ten­zi­al wie im Bio-Seg­ment.

Da­für rührt die Bran­che von die­sem Frei­tag an die Wer­be­trom­mel mit ih­rer jähr­li­chen "Fai­re­ren Wo­che" (11.-25. Sep­tem­ber). Kommt nach dem Bio-Boom der Fair­tra­de-Boom?

Das da­für noch ei­ni­ges zu tun ist, zeigt ein ge­nau­er Blick auf die Zah­len: Bio hat­te die Mil­li­ar­den-Schwel­le schon in den 90er Jah­ren über­schrit­ten; heu­te ist das Seg­ment nach Da­ten des Bunds öko­lo­gi­sche Le­bens­mit­tel­wirt­schaft bei acht Mil­li­ar­den Eu­ro Um­satz. Und selbst das ist we­nig ge­mes­sen an den Ge­samt­aus­ga­ben der Bun­des­bür­ger für Le­bens­mit­tel, die Markt­for­scher auf 250 Mil­li­ar­den Eu­ro be­zif­fern.

Der fai­re Han­del hat sei­nen Markt­an­tei­le zwar in nur drei Jah­ren ver­dop­pelt. Pro Kopf und Jahr be­tra­gen die Ge­samt­aus­ga­ben näm­lich nur 13 Eu­ro - da­für be­kommt man der­zeit gut zwei Pfund Kaf­fee, das nach wie vor wich­tigs­te Pro­dukt des Seg­ments. Län­dern wie der Schweiz und Groß­bri­tan­ni­en hin­ke Deutsch­land noch deut­lich hin­ter­her. "Luft nach oben", nennt Ma­nu­el Blen­din das, der Ge­schäfts­füh­rer des Fo­rum Fai­rer Han­del.

Fair ge­han­del­te Wa­re ist meist et­was teu­rer. Das Kon­zept: Klein­bau­ern schlie­ßen sich zu Ge­nos­sen­schaf­ten zu­sam­men und ver­kau­fen ih­re Er­zeug­nis­se zu ga­ran­tier­ten Prei­sen. So sind sie von den Preis­schwan­kun­gen des Welt­mark­tes ge­feit, die sonst je­dem ein­zel­nen von ih­nen schnell die Exis­tenz kos­ten könn­ten. Oft ist im Preis noch ein So­zi­al­bo­nus ent­hal­ten, mit dem et­wa Schu­len ge­baut wer­den.

"Der Preis­auf­schlag kommt nicht kom­plett beim Pro­du­zen­ten an", er­klärt der Öko­nom Lin-Hi. Das Sor­ti­ment sei klei­ner und lie­ge län­ger im Re­gal als an­de­re Su­per­markt-Pro­duk­te, das er­hö­he die Kos­ten des Han­dels. Noch bö­ten vie­le Han­dels­ket­ten die fai­re Wa­re an, um ihr An­se­hen auf­zu­po­lie­ren und um auf den Zu­kunfts­markt vor­be­rei­tet zu sein. Lin-Hi warnt je­doch: "Wo fair drauf steht, muss nicht fair drin sein."

Die Ver­brau­cher­zen­tra­le Ham­burg hat das über­prüft. Ih­re Kri­tik: Oft wer­de auf den Pa­ckun­gen zu we­nig über Her­kunft in­for­miert und Kun­den er­füh­ren zu we­nig da­von, wenn Ge­mi­sche aus fai­rer und kon­ven­tio­nel­ler Wa­re an­ge­bo­ten wür­den. Und wer über­blickt schon den Wirr­warr von Dut­zen­den ver­schie­de­nen Sie­geln?

Chris­tia­ne Man­they, die Le­bens­mit­te­l­ex­per­tin der Ver­brau­cher­zen­tra­le Ba­den-Würt­tem­berg, ver­weist zu­dem auf Stu­di­en, nach der der Groß­teil des Ge­winns bei Her­stel­lern und Han­dels­ket­ten bleibt, nicht aber den Klein­bau­ern oder Land­ar­bei­tern. "Die Idee, die hin­ter Fair­tra­de steht, ist ab­so­lut in Ord­nung", sagt Man­they. "Aber Ver­brau­cher sol­len sich nicht zu viel da­von ver­spre­chen." Für Su­per­markt-Kun­den sei­en die Ver­spre­chen der Händ­ler kaum zu über­prü­fen.

Die Ver­brau­cher­schüt­zer for­dern ei­ne ge­setz­li­ches Sie­gel, das auch nur auf zu hun­dert Pro­zent fair ge­han­del­te Wa­re darf, au­ßer­dem ein Kon­troll­sys­tem. "Beim Bio-Sie­gel klappt das ja auch", sagt Man­they.

"Nein, nur "mal kurz die Welt ret­ten" kön­nen wir nicht", heißt es beim deut­schen Fair­tra­de-Pio­nier Ge­pa, ei­ner Grün­dung kirch­li­cher Grup­pen, die schon seit der "Ju­te-statt-Plas­tik"-Zeit in den 70ern am Markt ist. Fai­rer Han­del sei nicht im­mer voll­kom­men. Aber er kön­ne zur Lö­sung vie­ler Pro­ble­me durch sein Bei­spiel bei­tra­gen.

Nä­he­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 11. April 2016

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