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Höchst­al­ter bei der Po­li­zei in Spa­ni­en

Ei­ne Höchst­al­ters­gren­ze von 30 Jah­ren für die Ein­stel­lung bei der ört­li­chen Po­li­zei ist dis­kri­mi­nie­rend: Eu­ro­päi­scher Ge­richts­hof, Ur­teil vom 13.11.2014, C-416/13 (Vi­tal Pé­rez)

29.11.2014. Das eu­ro­päi­sche Recht schützt Ar­beit­neh­mer vor Dis­kri­mi­nie­run­gen auf­grund ih­res Al­ters, d.h. es schreibt den Mit­glieds­staa­ten der Eu­ro­päi­schen Uni­on vor, für ei­nen aus­rei­chen­den Schutz vor Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung zu sor­gen.

Höchst­al­ters­gren­zen für die Ein­stel­lung sind da­her kri­tisch zu über­prü­fen: Gibt es über­wie­gen­de sach­li­che Grün­de da­für, dass der Ar­beit­ge­ber Be­wer­ber ab ei­nem be­stimm­ten Al­ter nicht mehr ein­stellt, liegt kei­ne Dis­kri­mi­nie­rung vor, doch sind sol­che Sach­grün­de sel­ten.

In ei­nem ak­tu­el­len Fall, bei dem es um die Al­ters­gren­ze für die Ein­stel­lung bei der re­gio­na­len Po­li­zei Spa­ni­ens ging, hat der Eu­ro­päi­sche Ge­richts­hof (EuGH) ent­schie­den, dass die hier strei­ti­ge Gren­ze von 30 Jah­ren nicht ge­recht­fer­tigt ist. EuGH, Ur­teil vom 13.11.2014, C-416/13 (Vi­tal Pé­rez).

Bei welchen Berufen ist ein Einstellungshöchstalter von 30 Jahren rechtens?

Die Dis­kri­mi­nie­rung von Ar­beit­neh­mern we­gen ih­res Al­ters ist durch das Eu­ro­pa­recht ver­bo­ten, un­ter an­de­rem durch die Richt­li­nie 2000/78/EG des Ra­tes vom 27.11.2000 zur Fest­le­gung ei­nes all­ge­mei­nen Rah­mens für die Ver­wirk­li­chung der Gleich­be­hand­lung in Beschäfti­gung und Be­ruf (Richt­li­nie 2000/78/EG).

Al­ler­dings stellt Art.6 Abs.1 der Richt­li­nie 2000/78/EG klar, dass al­ters­be­ding­te Un­gleich­be­hand­lun­gen rech­tens sind, wenn sie „ob­jek­tiv und an­ge­mes­sen“ und durch ein „le­gi­ti­mes Ziel“ aus den Be­rei­chen Beschäfti­gungs­po­li­tik, Ar­beits­markt und be­ruf­li­che Bil­dung ge­recht­fer­tigt sind. Außer­dem müssen die Mit­tel zur Er­rei­chung die­ses Ziels „an­ge­mes­sen und er­for­der­lich“ sein.

Spe­zi­ell zum The­ma Ein­stel­lungshöchst­al­ter heißt es in Art.6 Abs.1 Satz 2 Nr.3 der Richt­li­nie 2000/78/EG, dass sol­che ge­recht­fer­tig­ten al­ters­be­ding­ten Un­gleich­be­hand­lun­gen be­ste­hen können in der

"Fest­set­zung ei­nes Höchst­al­ters für die Ein­stel­lung auf­grund der spe­zi­fi­schen Aus­bil­dungs­an­for­de­run­gen ei­nes be­stimm­ten Ar­beits­plat­zes oder auf­grund der Not­wen­dig­keit ei­ner an­ge­mes­se­nen Beschäfti­gungs­zeit vor dem Ein­tritt in den Ru­he­stand".

Im deut­schen Recht fin­det sich die­ser Recht­fer­ti­gungs­grund in § 10 All­ge­mei­nes Gleich­be­hand­lungs­ge­setz (AGG) bzw. in § 10 Satz 3 Nr.3 AGG.

Außer­dem ge­stat­tet Art.4 Abs.1 der Richt­li­nie 2000/78/EG Un­gleich­be­hand­lun­gen we­gen des Al­ters, wenn das Al­ter

  • auf­grund der Ei­gen­art ei­ner be­ruf­li­chen Tätig­keit oder
  • der Be­din­gun­gen ih­rer Ausübung
  • ei­ne „we­sent­li­che und ent­schei­den­de be­ruf­li­che An­for­de­rung“ dar­stellt.

Auch die­ser Recht­fer­ti­gungs­grund wur­de in das deut­sche Recht über­nom­men und ist in § 8 Abs.1 AGG fest­ge­schrie­ben.

An­fang 2010 hat­te der EuGH die Al­tershöchst­gren­ze von 30 Jah­ren für die Ein­stel­lung bei der hes­si­schen Feu­er­wehr un­ter Ver­weis auf ge­recht­fer­tigt (EuGH, Ur­teil vom 13.01.2010, C-229/08 - Co­lin Wolf), weil Deutsch­land in dem Ver­fah­ren nach­wei­sen konn­te, dass der ak­ti­ve Dienst im mitt­le­ren feu­er­wehr­tech­ni­schen Dienst auf­grund der ex­tre­men körper­li­chen An­for­de­run­gen bei der Brand­bekämp­fung fak­tisch meist be­reits mit 45 Jah­ren nicht mehr aus­geübt wer­den kann (wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 10/058 Ein­stel­lungshöchst­al­ter bei der Feu­er­wehr rech­tens).

Aber stellt der Dienst in der lo­ka­len Po­li­zei ei­ner spa­ni­schen au­to­no­men Re­gi­on wie As­tu­ri­en ver­gleich­bar ho­he An­for­de­run­gen an die körper­li­che Fit­ness wie die Brand­bekämp­fung im feu­er­wehr­tech­ni­schen Dienst?

Der spanische Vorlagefall: Herr Pérez möchte zur lokalen Polizei Asturiens, doch diese stellt nur Bewerber ein, die höchstens 30 Jahre alt sind

In dem spa­ni­schen Vor­la­ge­fall strit­ten Herr Pérez und das Ay­un­ta­mi­en­to de Ovie­do (As­tu­ri­en) über die Be­rech­ti­gung ei­ner Stel­len­aus­schrei­bung der lo­ka­len Po­li­zei, mit der ei­ne Höchst­al­ters­gren­ze von 30 Jah­ren fest­ge­legt wur­de. Herr Pérez hielt die­se Al­ters­gren­ze für dis­kri­mi­nie­rend, das Ay­un­ta­mi­en­to be­rief sic da­ge­gen auf das EuGH-Ur­teil in Sa­chen Wolf (Ur­teil vom 13.01.2010, C-229/08 - Co­lin Wolf).

Das zuständi­ge spa­ni­sche Ver­wal­tungs­ge­richt setz­te den Recht­streit aus und frag­te den EuGH, ob Al­ters­gren­zen von der Art der hier strei­ti­gen 30-Jah­res-Gren­ze rech­tens sind oder nicht.

Europäischer Gerichtshof: Die örtliche Polizei Spaniens kann auch Bewerber einstellen und ausbilden, die älter als 30 Jahre sind

Eben­so wie die Schluss­anträge des Ge­ne­ral­an­walts Pao­lo Men­goz­zi vom 17.07.2014 kommt auch der Ge­richts­hof zu dem Er­geb­nis, dass die Fälle in der Rechts­sa­che Co­lin Wolf und im vor­lie­gen­den Pro­zess sehr un­ter­schied­lich sei­en. Da­her konn­te sich das Ay­un­ta­mi­en­to de Ovie­do im Er­geb­nis nicht auf das EuGH-Ur­teil in Sa­chen Wolf be­ru­fen.

Denn zu den Auf­ga­ben der ört­li­chen Po­li­zei­kräfte gehören im We­sent­li­chen die Ver­kehrsüber­wa­chung, der Schutz von Gebäuden und öffent­li­chen Ein­rich­tun­gen und ord­nungs­behörd­li­che Tätig­kei­ten. Dem­ent­spre­chend sind die Po­li­zis­ten bis zum 58. Le­bens­jahr im re­gulären Dienst und wer­den nur für die ver­blei­ben­den sie­ben Jah­re bis zur Be­ren­tung mit 65 Jah­ren mit an­de­ren Auf­ga­ben be­traut. Vor die­sem Hin­ter­grund sind die Al­ters­gren­zen, die die 17 au­to­no­men Re­gio­nen Spa­ni­ens für die Be­wer­bung bei der lo­ka­len Po­li­zei stel­len, un­ter­schied­lich und ei­ni­ge Re­gio­nen ver­zich­ten ge­ne­rell auf Al­ters­gren­zen.

Vor die­sem Hin­ter­grund kommt der Ge­richts­hof zu dem Er­geb­nis, dass ei­ne ex­tre­me körper­li­che Fit­ness, wie sie bei der Brand­bekämp­fung durch die Feu­er­wehr er­for­der­lich ist, bei der Ar­beit als lo­ka­ler Po­li­zist nicht er­for­der­lich ist. Da­her kann die Al­ters­gren­ze von 30 Jah­ren auf Art.4 Abs.1 der Richt­li­nie 2000/78/EG nicht gestützt wer­den, denn körper­li­che Höchst­leis­tun­gen und ein dem­ent­spre­chend jun­ges Al­ter sind kei­ne „we­sent­li­che und ent­schei­den­de be­ruf­li­che An­for­de­rung“ für die hier strei­ti­ge Po­li­zei­ar­beit.

In der Kon­se­quenz kann die Al­ters­gren­ze auch nicht mit Art.6 Abs.1 Satz 2 Nr.3 der Richt­li­nie 2000/78/EG ge­recht­fer­tigt wer­den, denn ei­ne für den Ar­beit­ge­ber un­zu­mut­ba­re Verkürzung der dienst­li­chen Ver­wen­dungsfähig­keit, wie sie bei der Feu­er­wehr bei ei­nem Ein­stel­lungs­al­ter von mehr als 30 Jah­ren ein­tre­ten würde, ist hier nicht ge­ge­ben.

Fa­zit: Die Ent­schei­dung des Ge­richts­hofs ist ei­ne über­zeu­gen­de Präzi­sie­rung und Ergänzung des Ur­teils in Sa­chen Co­lin Wolf. Denn die im dor­ti­gen Streit­fall ge­ge­be­nen (ex­tre­men) An­for­de­run­gen an die körper­li­che Kon­di­ti­on der Dienst­kräfte sind ein sel­te­ner Aus­nah­me­fall. Wäre das Ay­un­ta­mi­en­to hier mit sei­ner Al­ters­gren­ze durch­ge­kom­men, könn­te künf­tig je­der Ar­beit­ge­ber bei der Ein­stel­lung ge­werb­li­cher Ar­beit­neh­mer ei­ne der­ar­tig nied­ri­ge Al­ters­gren­ze fest­le­gen. Hier hat der EuGH zu­recht nicht mit­ge­macht.

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Letzte Überarbeitung: 1. Januar 2015

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