Gebühren­freie Hot­line: 0800 - 440 1 880
Arbeitsrecht aktuell
Jahr

Ab­mah­nung bei Ver­stoß ge­gen Be­triebs­ver­fas­sung?

Kei­ne in­di­vi­du­al­recht­li­che Ab­mah­nung ei­nes Be­triebs­rats­mit­glieds we­gen Ver­let­zung be­triebs­ver­fas­sungs­recht­li­cher Amts­pflich­ten: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Be­schluss vom 09.09.2015, 7 ABR 69/13

18.01.2016. Be­triebs­rats­mit­glie­der sind Ar­beit­neh­mer und ha­ben als sol­che ar­beits­ver­trag­li­che Rech­te und Pflich­ten. Gleich­zei­tig müs­sen sie als Or­ga­ne der Be­triebs­ver­fas­sung das Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­setz (Be­trVG) be­ach­ten.

Bei (er­heb­li­chen) Ver­stö­ßen ge­gen ar­beits­ver­trag­li­che Pflich­ten dro­hen Ab­mah­nung und ver­hal­tens­be­ding­te Kün­di­gung, bei (gro­ben) Ver­stö­ßen ge­gen die Amts­pflich­ten ei­nes Be­triebs­rats der Aus­schluss aus dem Gre­mi­um ge­mäß § 23 Abs.1 Be­trVG.

Aber kann der Ar­beit­ge­ber ein Be­triebs­rats­mit­glied auch ab­mah­nen bzw. ihm ei­ne Kün­di­gung des Ar­beits­ver­trags an­dro­hen, weil er (an­geb­lich) be­triebs­ver­fas­sungs­recht­li­che Amts­pflich­ten ver­letzt hat, die ihn (nur) als Be­triebs­rats­mit­glied tref­fen? Zu die­ser Fra­ge hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) in ei­ner ak­tu­el­len Ent­schei­dung Stel­lung ge­nom­men: BAG, Be­schluss vom 09.09.2015, 7 ABR 69/13.

Abmahnung von Betriebsratsmitgliedern

Ver­letzt ein Be­triebs­rats­mit­glied durch ein be­stimm­tes Ver­hal­ten

  • nur sei­ne Pflich­ten als Ar­beit­neh­mer oder
  • zu­gleich sei­ne Pflich­ten als Ar­beit­neh­mer und als Be­triebs­rats­mit­glied,

kann der Ar­beit­ge­ber ei­ne (nor­ma­le bzw. "in­di­vi­du­al­recht­li­che") Ab­mah­nung we­gen Ver­let­zung ar­beits­ver­trag­li­cher Pflich­ten aus­spre­chen. Mit ei­ner sol­chen Ab­mah­nung droht der Ar­beit­ge­ber dem Ar­beit­neh­mer die ver­hal­tens­be­ding­te Kündi­gung an für den Fall, dass er den ab­ge­mahn­ten Pflicht­ver­s­toß wie­der­holt.  

Ein Bei­spiel für die gleich­zei­ti­ge Ver­let­zung von Ar­beit­neh­mer- und Be­triebs­rats­pflich­ten ist die Be­lei­di­gung des Ar­beit­ge­bers oder sei­ner Re­präsen­tan­ten durch ein Be­triebs­rats­mit­glied bei der Wahr­neh­mung von Mit­wir­kungs­rech­ten nach dem Be­trVG. Ein sol­ches Fehl­ver­hal­ten stellt so­wohl ei­ne Ver­let­zung ar­beits­ver­trag­li­cher Ne­ben­pflich­ten dar als auch ei­nen Ver­s­toß ge­gen die be­triebs­ver­fas­sungs­recht­li­che Pflicht zur ver­trau­ens­vol­len Zu­sam­men­ar­beit (§ 2 Abs.1 Be­trVG).

Verstößt ein Be­triebs­rats­mit­glied aus­sch­ließlich ge­gen sei­ne be­triebs­ver­fas­sungs­recht­li­che Pflich­ten, kann der Ar­beit­ge­ber gemäß § 23 Abs.1 Be­trVG den ar­beits­ge­richt­li­chen Aus­schluss aus dem Be­triebs­rat be­an­tra­gen, falls der Pflicht­ver­s­toß "grob" war.

In ju­ris­ti­schen Kom­men­ta­ren zum Be­trVG liest man manch­mal, dass dem Aus­schluss­ver­fah­ren nach § 23 Abs.1 Be­trVG ei­ne "be­triebs­ver­fas­sungs­recht­li­che Ab­mah­nung" vor­aus­ge­hen müsse. Denn dem Be­triebs­rats­mit­glied müsse vor Ein­lei­tung ei­nes ge­richt­li­chen Aus­schluss­ver­fah­rens die Ge­le­gen­heit ge­ge­ben wer­den, sein Ver­hal­ten zu ändern. Der Mehr­heits­mei­nung zu­fol­ge gibt es ei­ne sol­che "be­triebs­ver­fas­sungs­recht­li­che Ab­mah­nung" gar nicht. Denn da­von steht ers­tens nichts im Ge­setz und zwei­tens langt ja nicht je­der Pflicht­ver­s­toß für ei­nen Aus­schluss aus dem Be­triebs­rat, son­dern nur ein "gro­ber" Pflicht­ver­s­toß.

Das BAG hat sich bis­lang die­ser Fra­ge nicht geäußert. Im­mer­hin hat es vor ei­ni­gen Jah­ren klar­ge­stellt, dass der Be­triebs­rat (als Gre­mi­um) nicht vom Ar­beit­ge­ber ver­lan­gen kann, ei­ne ("in­di­vi­du­al­recht­li­che") Ab­mah­nung, die ein Be­triebs­rats­mit­glied kas­siert hat, aus der Per­so­nal­ak­te des Be­trof­fe­nen zu ent­fer­nen, denn ein sol­cher An­spruch auf Ent­fer­nung ei­ner Ab­mah­nung steht als In­di­vi­du­al­recht al­lein dem ab­ge­mahn­ten Be­triebs­rats­mit­glied zu (BAG, Be­schluss vom 04.12.2013, 7 ABR 7/12, wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 14/163 Ab­mah­nung und Be­triebs­rat).

Die­se strik­te Tren­nung von In­di­vi­du­al­rech­ten und be­triebs­ver­fas­sungs­recht­li­chen Pflich­ten legt es na­he, dass ("in­di­vi­du­al­recht­li­che") Ab­mah­nun­gen von Be­triebs­rats­mit­glie­dern we­gen Ver­let­zung ih­rer be­triebs­ver­fas­sungs­recht­li­chen Amts­pflich­ten recht­lich un­zulässig sind.

Im Streit: Arbeitgeber mahnt Betriebsratsvorsitzenden wegen angeblicher Missachtung der vertrauensvollen Zusammenarbeit von Betriebsrat und Geschäftsleitung ab

Im Streit­fall tra­fen Be­triebs­rat und Geschäfts­lei­tung ei­ne Be­triebs­ver­ein­ba­rung über den Ein­satz von Leih­ar­beit­neh­mern. Die­se Be­triebs­ver­ein­ba­rung ver­sand­te der Vor­sit­zen­de des Be­triebs­rats als PDF per E-Mail an al­le Ar­beit­neh­mer des Kon­zerns, denn er woll­te den an­de­ren Kon­zern­be­triebsräten ei­ne "Hil­fe­stel­lung" zu­kom­men las­sen.

Das Un­ter­neh­men mahn­te den Be­triebs­rats­vor­sit­zen­den dar­auf­hin ab. In die­ser „Ab­mah­nung als Be­triebs­rat“ heißt es:

„Sehr ge­ehr­ter Herr A,

am 09.12.2011 ha­ben Sie sich mit ei­ner E-Mail an al­le Mit­ar­bei­ter des N Kon­zerns ge­wandt. Hier­bei ha­ben Sie die BV Leih­ar­beit der E ver­sandt.

Ihr Ver­hal­ten stellt ei­nen Ver­s­toß ge­gen die ver­trau­ens­vol­le Zu­sam­men­ar­beit dar. [...] Für Ihr Fehl­ver­hal­ten mah­nen wir Sie hier­mit ab. Soll­ten Sie er­neut ge­gen das Prin­zip der ver­trau­ens­vol­len Zu­sam­men­ar­beit ver­s­toßen und sich in ent­spre­chen­der Art und Wei­se pflicht­wid­rig ver­hal­ten, müssen Sie da­mit rech­nen, dass wir Ih­ren Aus­schluss als Be­triebs­rats­mit­glied beim Ar­beits­ge­richt be­an­tra­gen wer­den (§ 23 Be­trVG). Ge­ge­be­nen­falls könn­te so­gar ei­ne Kündi­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses in Be­tracht kom­men."

Der Be­triebs­rat und der ab­ge­mahn­te Be­triebs­vor­sit­zen­de zo­gen vor das Ar­beits­ge­richt Bre­men-Bre­mer­ha­ven. Der Be­triebs­rat be­an­trag­te dort er­folg­reich im Be­schluss­ver­fah­ren die Fest­stel­lung, dass die Ab­mah­nung ei­ne Störung der Be­triebs­ar­beit sei (Ar­beits­ge­richt Bre­men-Bre­mer­ha­ven, Be­schluss vom 22.11.2012, 8 BV 802/12). Vor dem Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Bre­men stell­te der Be­triebs­rats­vor­sit­zen­de ei­nen An­trag auf Ent­fer­nung der Ab­mah­nung aus sei­ner Per­so­nal­ak­te. Auch das LAG gab dem Be­triebs­rat und sei­nem Vor­sit­zen­den Recht (LAG Bre­men, Be­schluss vom 02.07.2013, 1 TaBV 35/12).  

BAG: Keine individualrechtliche Abmahnung eines Betriebsratsmitglieds wegen Verletzung betriebsverfassungsrechtlicher Amtspflichten

Das BAG hielt nur den An­trag des Be­triebs­rats­vor­sit­zen­den auf Ent­fer­nung der Ab­mah­nung für be­gründet. Der Be­triebs­rat da­ge­gen hat­te mit sei­nen Anträgen in Er­furt kei­nen Er­folg.

Wie schon in sei­nem o.g. Be­schluss vom 04.12.2013 ( ABR 7/12) stellt das BAG noch­mals klar, dass der Be­triebs­rat als Gre­mi­um kei­ne klag­ba­ren Ansprüche in Be­zug auf ei­ne Ab­mah­nung hat, die ei­nem sei­ner Mit­glie­der er­teilt wur­de. Der Be­triebs­rat kann we­der die Ent­fer­nung der Ab­mah­nung aus der Per­so­nal­ak­te des be­trof­fe­nen Be­triebs­rats­mit­glieds ver­lan­gen noch die ar­beits­ge­richt­li­che Fest­stel­lung, dass ei­ne sol­che Ab­mah­nung nicht rech­tens war. Um­ge­kehrt kann al­ler­dings das ab­ge­mahn­te Be­triebs­rats­mit­glied al­ler­dings sei­ne In­di­vi­du­al­rech­te (auch) im ar­beits­ge­richt­li­chen Be­schluss­ver­fah­ren gel­tend ma­chen.

Hier im Streit­fall hat­te der Ar­beit­ge­ber dem Be­triebs­rat­vor­sit­zen­den ei­ne Ab­mah­nung er­teilt we­gen des (an­geb­li­chen) Ver­s­toßes ge­gen das Ge­bot der ver­trau­ens­vol­len Zu­sam­men­ar­beit, d.h. we­gen ei­ner (an­geb­li­chen) Amts­pflicht­ver­let­zung.

Ei­ne sol­che in­di­vi­du­al­recht­li­che "Sank­ti­on" al­lein we­gen der (an­geb­li­chen) Ver­let­zung be­triebs­ver­fas­sungs­recht­li­cher Amts­pflich­ten ist aber aus­ge­schlos­sen, so das BAG. Die strei­ti­ge Ab­mah­nung war da­her be­reits aus die­sem Grun­de, d.h. ge­ne­rell un­zulässig. Es konn­te da­her of­fen­blei­ben, ob der Be­triebs­rat­vor­sit­zen­de hier im Streit­fall mit sei­ner E-Mail tatsächlich ge­gen sei­ne Amts­pflich­ten ver­s­toßen hat­te oder nicht.

Fa­zit: Ei­ne in­di­vi­du­al­recht­li­chen Ab­mah­nung ei­nes Be­triebs­rats­mit­glied we­gen Ver­s­toßes ge­gen die ihm ob­lie­gen­den be­triebs­ver­fas­sungs­recht­li­chen Amts­pflich­ten ist ge­ne­rell un­zulässig. Ar­beit­ge­ber können Be­triebs­rats­mit­glie­dern nicht die Kündi­gung ih­res Ar­beits­verhält­nis­ses an­dro­hen, weil sie (an­geb­lich) ge­gen ih­re Pflich­ten als Be­triebs­rat ver­s­toßen ha­ben.

Wei­ter­hin of­fen ge­las­sen ha­ben die Er­fur­ter Rich­ter die Fra­ge, ob ei­ne be­triebs­ver­fas­sungs­recht­li­che Ab­mah­nung vor der Ein­lei­tung des Aus­schluss­ver­fah­rens gemäß § 23 Abs.1 Be­trVG er­for­der­lich ist oder nicht bzw. ob es ei­ne sol­che Art von "Ab­mah­nung" über­haupt gibt.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 2. September 2016

Bewertung:

Auf Facebook teilen Auf Google+ teilen Ihren XING-Kontakten zeigen Beitrag twittern

 

Autorenprofil

Kontakt

Sie erreichen uns jeweils von Montag bis Freitag in der Zeit
von 09:00 bis 19:00 Uhr:

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Berlin

Lützowstraße 32
10785 Berlin
Telefon: 030 - 26 39 62 0
Telefax: 030 - 26 39 62 499

Ansprechpartner:
Rechtsanwalt Dr. Martin Hensche
Fachanwalt für Arbeitsrecht

Rechts­an­walt Chris­toph Hil­de­brandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht

E-Mail: berlin@hensche.de





 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Frankfurt am Main

Schumannstraße 27
60325 Frankfurt am Main
Telefon: 069 - 71 03 30 04
Telefax: 069 - 71 03 30 05

Ansprechpartner:
Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwalt Thomas Becker

E-Mail: frankfurt@hensche.de





 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Hamburg

Neuer Wall 10
20354 Hamburg
Telefon: 040 - 69 20 68 04
Telefax: 040 - 69 20 68 08

Ansprechpartner:
Rechtsanwalt Sebastian Schroeder
Fachanwalt für Arbeitsrecht

E-Mail: hamburg@hensche.de





 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Hannover

Georgstraße 38
30159 Hannover
Telefon: 0511 - 899 77 01
Telefax: 0511 - 899 77 02

Ansprechpartner:
Rechtsanwältin Nina Wesemann
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechts­an­walt Chris­toph Hil­de­brandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht

E-Mail: hannover@hensche.de





 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Köln

Hohenstaufenring 62
50674 Köln
Telefon: 0221 - 709 07 18
Telefax: 0221 - 709 07 31

Ansprechpartner:
Rechtsanwalt Thomas Becker

Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

E-mail: koeln@hensche.de





 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei München

Ludwigstraße 8
80539 München
Telefon: 089 - 21 56 88 63
Telefax: 089 -21 56 88 67

Ansprechpartner:
Rechts­an­wältin Nora Schu­bert

Rechts­an­walt Chris­toph Hil­de­brandt

E-Mail: muenchen@hensche.de





 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Nürnberg

Zeltnerstraße 3
90443 Nürnberg
Telefon: 0911 - 953 32 07
Telefax: 0911 - 953 32 08

Ansprechpartner:
Rechts­an­wältin Nora Schu­bert

Rechts­an­walt Chris­toph Hil­de­brandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht

E-Mail: nuernberg@hensche.de





 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Stuttgart

Königstraße 10c
70173 Stuttgart
Telefon: 0711 - 470 97 10
Telefax: 0711 - 470 97 96

Ansprechpartner:
Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwalt Thomas Becker

E-Mail: stuttgart@hensche.de



 

HINWEIS: Sämtliche Texte dieser Internetpräsenz mit Ausnahme der Gesetzestexte und Gerichtsentscheidungen sind urheberrechtlich geschützt. Urheber im Sinne des Gesetzes über Urheberrecht und verwandte Schutzrechte (UrhG) ist Rechtsanwalt und Fachanwalt für Arbeitsrecht Dr. Martin Hensche, Lützowstraße 32, 10785 Berlin.

Wörtliche oder sinngemäße Zitate sind nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung des Urhebers bzw. bei ausdrücklichem Hinweis auf die fremde Urheberschaft (Quellenangabe iSv. § 63 UrhG) rechtlich zulässig. Verstöße hiergegen werden gerichtlich verfolgt.

© 1997 - 2016:
Rechtsanwalt Dr. Martin Hensche, Berlin
Fachanwalt für Arbeitsrecht
Lützowstraße 32, 10785 Berlin
Telefon: 030 - 26 39 62 0
Telefax: 030 - 26 39 62 499
E-mail: hensche@hensche.de

Presse Karriere Links A bis Z Sitemap Impressum
Gebühren­freie Hot­line: 0800 - 440 1 880