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In­sol­venz­an­fech­tung von Ar­beits­lohn ver­fas­sungs­ge­mäß

Lohn­zah­lun­gen, die nach In­sol­venz­be­an­tra­gung un­ter An­dro­hung der Zwangs­voll­stre­ckung er­langt wer­den, kön­nen an­ge­foch­ten wer­den: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 27.02.2014, 6 AZR 367/13

10.06.2014. Der In­sol­venz­ver­wal­ter kann Lohn­zah­lun­gen, die der Ar­beit­neh­mer noch kurz vor der In­sol­venz sei­nes Ar­beit­ge­bers er­hal­ten hat, nach den Vor­schrif­ten der In­sol­venz­ord­nung (In­sO) her­aus­ver­lan­gen, wenn ein Fall der sog. In­sol­venz­an­fech­tung vor­liegt.

Da der Ar­beit­neh­mer ge­gen die­sen Lohn­aus­fall nicht im­mer durch das In­sol­venz­geld ab­ge­si­chert ist, fragt sich, ob § 131 Abs.1 In­sO ver­fas­sungs­ge­mäß ist.

Ja, so das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) in ei­ner ak­tu­el­len Ent­schei­dung: BAG, Ur­teil vom 27.02.2014, 6 AZR 367/13.

Ist § 131 Insolvenzordnung (InsO) verfassungsgemäß?

Das BAG hat den An­wen­dungs­be­reich der An­fech­tungs­pa­ra­gra­phen in den letz­ten Jah­ren zu­guns­ten der Ar­beit­neh­mer stark ein­ge­grenzt. Trotz­dem bleibt ein An­fech­tungs­tat­be­stand übrig, der Ar­beit­neh­mern Sor­ge be­rei­ten kann, nämlich § 131 Abs.1 In­sO.

Die­se Vor­schrift be­rech­tigt In­sol­venz­ver­wal­ter vor al­lem da­zu, Lohn­zah­lun­gen zurück­zu­for­dern, die durch Zwangs­voll­stre­ckung oder nach An­dro­hung ei­ner Zwangs­voll­stre­ckungs­maßnah­me

  • im letz­ten Mo­nat vor dem In­sol­venz­an­trag oder später be­zahlt wur­den (§ 131 Abs.1 Nr.1 In­sO) oder
  • so­gar schon früher, nämlich im zwei­ten oder drit­ten Mo­nat vor dem In­sol­venz­an­trag, falls der Ar­beit­ge­ber zu die­sem Zeit­punkt be­reits zah­lungs­unfähig war (§ 131 Abs.1 Nr.2 In­sO).

Wenn ein Lohn­an­spruch ti­tu­liert ist und erst da­nach, d.h. per Zwangs­voll­stre­ckung bzw. auf­grund ei­ner ent­spre­chen­den An­dro­hung, ge­zahlt wird, lie­gen zwi­schen der re­gulären Fällig­keit der For­de­rung und dem Zah­lungs­zeit­punkt oft mehr als drei Mo­na­te. Denn um über­haupt ei­nen Ti­tel zu er­hal­ten, d.h. ein Ur­teil oder ei­nen ge­richt­li­chen Ver­gleich über die rückständi­ge Lohn­for­de­rung, muss der Ar­beit­neh­mer Lohn­kla­ge ein­rei­chen und sich dann ge­dul­den, bis ein Ur­teil er­geht oder ein Ver­gleich ge­schlos­sen wer­den kann.

Die­se Zeit­verzöge­rung wie­der­um führt da­zu, dass Ar­beit­neh­mer, die ei­nen Lohn­ti­tel "kurz vor Tores­schluss" er­folg­reich voll­stre­cken, meist nicht durch das In­sol­venz­geld ab­ge­si­chert sind, wenn sie die­sen Lohn­zu­fluss später wie­der an den Ver­wal­ter zurück­zah­len müssen. Denn In­sol­venz­geld gibt es im Nor­mal­fall nur für den aus­ge­fal­len Lohn, der in den letz­ten drei Mo­na­ten vor Eröff­nung des In­sol­venz­ver­fah­rens ver­dient wur­de.

Die Drei­mo­nats­frist ist auch aus ei­nem an­de­ren Grund wich­tig: Nach der Recht­spre­chung des BAG kann das (für Ar­beit­neh­mer oh­ne­hin harm­lo­se) Rück­for­de­rungs­recht des § 130 In­sO ("kon­gru­en­te De­ckung") von vorn­her­ein nicht an­ge­wen­det wer­den, wenn

  • der Ar­beit­ge­ber frei­wil­lig Ar­beits­leis­tun­gen be­zahlt,
  • die nicht länger als drei Mo­na­te zurück­lie­gen,

denn sol­che Zah­lun­gen sind laut BAG Bar­geschäfte im Sin­ne von § 142 In­sO.

Da das BAG auch den An­wen­dungs­be­reich des Rück­for­de­rungs­rechts we­gen "vorsätz­li­cher Gläubi­ger­be­nach­tei­li­gung" (§ 133 Abs.1 In­sO) strikt be­grenzt (BAG, Ur­teil vom 29.01.2014, 6 AZR 345/12, wir be­rich­te­ten in: Ar­beits­recht ak­tu­ell: 14/105 Ge­haltsrück­for­de­rung durch In­sol­venz­ver­wal­ter wei­ter be­grenzt), bleibt als ei­gent­li­che Ge­fah­ren­quel­le für den Ar­beit­neh­mer § 131 Abs.1 In­sO.

Und weil hier ei­ne In­sol­venz­geld­ab­si­che­rung wie erwähnt meist aus­schei­det, kann man dar­an zwei­feln, dass § 131 Abs.1 In­sO, ver­fas­sungs­gemäß ist. Im­mer­hin greift die Pflicht zur Rücker­stat­tung in das Ei­gen­tums­grund­recht des Ar­beit­neh­mers ein (denn auch For­de­run­gen sind durch das Ei­gen­tums­grund­recht geschützt), und mögli­cher­wei­se be­ach­tet § 131 Abs.1 In­sO auch das So­zi­al­staats­prin­zip nicht aus­rei­chend.

Der Streitfall: Kraftfahrer und Bauwerker erhält rückständigen Arbeitslohn erst nach Antrag auf Eröffnung des Insolvenzverfahrens

Im Streit­fall hat­te ein Kraft­fah­rer und Bau­wer­ker mit sei­nem Ar­beit­ge­ber, ei­nem Bau­be­trieb, En­de März 2011 ei­nen ar­beits­ge­richt­li­chen Ver­gleich ab­ge­schlos­sen, mit dem rückständi­ge Löhne für die vier Mo­na­te von No­vem­ber 2010 bis Fe­bru­ar 2011 ti­tu­liert wur­den. Ei­ne Wo­che zu­vor war be­reits die Eröff­nung des In­sol­venz­ver­fah­rens über das Vermögen des Ar­beit­ge­bers be­an­tragt wor­den.

En­de Mai 2011 droh­te der Ar­beit­neh­mer die Zwangs­voll­stre­ckung an und er­wirk­te ein vorläufi­ges Zah­lungs­ver­bot. Dar­auf­hin zahl­te der Ar­beit­ge­ber Mit­te Ju­ni 2011 die Net­tolöhne für De­zem­ber 2010 bis Fe­bru­ar 2011, im­mer­hin 3.584,52 EUR.

Das Ar­beits­verhält­nis en­de­te durch außer­or­dent­li­che Ei­genkündi­gung des Ar­beit­neh­mers am 01. Ju­li 2011, so dass die­ser für die drei Mo­na­te April, Mai und Ju­ni 2011 In­sol­venz­geld er­hielt.

En­de Au­gust 2011 wur­de dann das In­sol­venz­ver­fah­ren eröff­net und ein In­sol­venz­ver­wal­ter ein­ge­setzt. Die­ser ver­lang­te von dem Ar­beit­neh­mer im We­ge der In­sol­venz­an­fech­tung Rück­zah­lung der 3.584,52 EUR, wo­bei er sich auf § 131 Abs.1 Nr.1 In­sO be­rief.

Das Ar­beits­ge­richt Frank­furt an der Oder (Ur­teil vom 21.06.2012, 3 Ca 26/12) und das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Ber­lin-Bran­den­burg wie­sen die Kla­ge ab (LAG Ber­lin-Bran­den­burg, Ur­teil vom 01.11.2012, 22 Sa 1238/12), weil sie der Mei­nung wa­ren, der In­sol­venz­ver­wal­ter hätte die zwei­mo­na­ti­ge ta­rif­li­che Aus­schluss­frist nach dem Bun­des­rah­men­ta­rif­ver­trag Bau nicht ein­ge­hal­ten.

BAG: § 131 InsO verstößt weder gegen die Eigentumsgarantie (Art.14 Grundgesetz) noch gegen das Sozialstaatsprinzip (Art.20 Abs.1 Grundgesetz)

Das BAG hob die Ur­tei­le der Vor­in­stan­zen auf und ver­ur­teil­te den ver­klag­ten Ar­beit­neh­mer zur Rück­zah­lung der 3.584,52 EUR net­to nebst Zin­sen.

Zur Be­gründung ver­weist das BAG zum ei­nen dar­auf, dass ta­rif­li­che und ver­trag­li­che Aus­schluss­fris­ten auf den ge­setz­li­chen Rück­for­de­rungs­an­spruch des In­sol­venz­ver­wal­ters, der sich aus den An­fech­tungs­pa­ra­gra­phen der In­sO er­gibt, nicht an­zu­wen­den sind. Dies hat­te das BAG be­reits im letz­ten Jahr klar­ge­stellt (BAG, Ur­teil vom 24.10.2013, 6 AZR 466/12, wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 13/309 In­sol­venz­an­fech­tung von Lohn­zah­lun­gen, die im We­ge der Zwangs­voll­stre­ckung er­langt wur­den).

Zum an­de­ren ist das BAG der Mei­nung, dass § 131 Abs.1 Nr.1 In­sO nicht ge­gen das Grund­ge­setz (GG) verstößt.

Denn der durch die Ei­gen­tums­ga­ran­tie (Art.14 GG) geschütz­te Lohn­an­spruch wird durch die An­fech­tung nicht ver­nich­tet, son­dern fällt wie­der an den Ar­beit­neh­mer zurück, der den nicht erfüll­ten An­spruch zur In­sol­venz­ta­bel­le an­mel­den kann, so das BAG. Und auch ein Ver­s­toß ge­gen das So­zi­al­staats­prin­zip (Art.20 Abs.1 GG) woll­ten die Er­fur­ter Rich­ter nicht un­ter­schrei­ben, denn schließlich gibt es ja das In­sol­venz­geld und an­de­re, ergänzen­de Lohn­er­satz­leis­tun­gen, die Ar­beit­neh­mer in­sol­ven­ter Un­ter­neh­men in An­spruch neh­men können.

Fa­zit: Ar­beit­neh­mer sind gut be­ra­ten, wenn sie frühzei­tig von ih­rem Zurück­be­hal­tungs­recht Ge­brauch ma­chen, d.h. nach zwei Mo­natslöhnen Zah­lungs­ver­zug soll­te man nicht mehr zur Ar­beit ge­hen, son­dern zur Ar­beits­agen­tur. Als Be­gleit­maßnah­me soll­te man nicht nur die rückständi­gen Löhne ein­kla­gen, son­dern auch die An­nah­me­ver­zugslöhne, die während der Ausübung des Zurück­be­hal­tungs­rechts fortwährend wei­ter auf­lau­fen.

So et­was macht Ar­beit­ge­ber nervös, und dann kann man über "frei­wil­li­ge" (Ab­schlags-)Zah­lun­gen spre­chen. Die­se un­ter­fal­len auch dann nicht, wenn mit ih­nen ti­tu­lier­te For­de­run­gen be­gli­chen wer­den, § 131 Abs.1 In­sO, so­lan­ge es der Ar­beit­neh­mer un­terlässt, (aus­drück­lich) Maßnah­men der Zwangs­voll­stre­ckung an­zu­dro­hen.

Im hier vom BAG ent­schie­de­nen Fall hat­te der Ar­beit­neh­mer bzw. sein An­walt den Ti­tel (Ver­gleich) erst nach dem In­sol­venz­an­trag er­wirkt (!) und die Zah­lung noch ein­mal zwei­ein­halb Mo­na­te später nach kon­kre­ter An­dro­hung ei­ner Zwangs­voll­stre­ckung. Ein sol­cher Lohn­zu­fluss ist nicht an­fech­tungs­fest.

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Letzte Überarbeitung: 1. September 2014

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