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Urteile zum Arbeitsrecht
Nach Alphabet
   
Schlag­worte: Insolvenzanfechtung, Insolvenz des Arbeitgebers
   
Gericht: Landesarbeitsgericht Berlin-Brandenburg
Akten­zeichen: 22 Sa 1238/12
Typ: Urteil
Ent­scheid­ungs­datum: 02.11.2012
   
Leit­sätze:

1. Ei­ne nach Ein­lei­tung der Zwangs­voll­stre­ckung aus ei­nem ge­richt­li­chen Ver­gleich ge­leis­te­te Zah­lung rückständi­ger Ar­beits­vergütung durch den Ar­beit­ge­ber nach dem Zeit­punkt des Ein­gangs ei­nes wirk­sa­men In­sol­ven­zeröff­nungs­an­tra­ges ist ei­ne Rechts­hand­lung, die nach §§ 129 Abs. 1, 131 Abs. 1 Nr. 1 In­sO an­fecht­bar ist mit der Fol­ge, dass das Er­lang­te nach § 143 Abs. 1 Satz 1 In­sO zur In­sol­venz­mas­se zurück­zu­gewähren ist.

Die In­an­spruch­nah­me staat­li­cher Zwangs­mit­tel recht­fer­tigt ei­ne un­ter­schied­li­che Be­hand­lung zum Fall der frei­wil­li­gen Leis­tung (so auch BAG vom 19.05.2011 – 6 AZR 736/09).
2. Auf den Rück­ge­wahran­spruch des In­sol­venz­ver­wal­ters fin­det ei­ne ta­rif­li­che Ver­fall­klau­sel (hier § 15 BRTV Bau a.F.), die Ansprüche aus dem Ar­beits­verhält­nis und sol­che, die mit dem Ar­beits­verhält­nis in Ver­bin­dung ste­hen,

er­fasst, An­wen­dung (ge­gen LAG Ber­lin-Bran­den­burg Ur­teil vom 12.09.2012 – 4 Sa 1166/12). Nach der Ent­schei­dung des GmS-OBG vom 27.09.2010 – GmS-OBG 1/09 – han­delt es sich um ei­ne Strei­tig­keit aus dem Ar­beits­verhält­nis, weil nicht die In­sol­venz­an­fech­tung als sol­che Streit­ge­gen­stand ist, son­dern die Rück­ab­wick­lung ei­ner ar­beits­recht­li­chen Leis­tungs­be­zie­hung.

3. Die Re­ge­lungs­macht der Ta­rif­ver­trags­par­tei­en ist nicht da­hin­ge­hend be­schränkt, dass Aus­schluss­fris­ten nicht Ansprüche aus ge­setz­li­chen Schuld­verhält­nis­sen er­fas­sen könn­ten (so für Ansprüche aus § 717 II ZPO BAG 18.12.2008 – 8 AZR 105/08; a. A. für Rück­gewähransprüche auf­grund In­sol­venz­an­fech­tung BAG 19.11.2003 – 10 AZR 110/03).
4. An­ders als § 41 Abs. 1 Satz 1 KO enthält § 146 Abs. 1 In­sO in der seit 15.12.2004 gel­ten­den Fas­sung kein ei­genständi­ges Fris­ten­re­gime für die Gel­tend­ma­chung von Rück­gewähransprüchen durch den In­sol­venz­ver­wal­ter mehr, das Vor­rang vor der ta­rif­li­chen Re­ge­lung hätte. Ei­ne ein­schränken­de Aus­le­gung der Ta­rif­klau­sel ist auch nicht we­gen der Be­son­der­hei­ten des In­sol­venz­ver­fah­rens ge­bo­ten.

Vor­ins­tan­zen: Arbeitsgericht Frankfurt/Oder, Urteil vom 21.06.2011 - 3 Ca 26/12
   

Lan­des­ar­beits­ge­richt

Ber­lin-Bran­den­burg  

Verkündet

am 02.11.2012

Geschäfts­zei­chen (bit­te im­mer an­ge­ben)
22 Sa 1238/12

3 Ca 26/12
Ar­beits­ge­richt Frank­furt (Oder)

F.
Ge­richts­beschäftig­te
als Ur­kunds­be­am­ter/in
der Geschäfts­stel­le


 

Im Na­men des Vol­kes

Ur­teil

 

In Sa­chen

Pp

hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg, 22. Kam­mer,
auf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 2. No­vem­ber 2012
durch die Vor­sit­zen­de Rich­te­rin am Lan­des­ar­beits­ge­richt K. als Vor­sit­zen­de
so­wie die eh­ren­amt­li­chen Rich­ter O. und K.

für Recht er­kannt:

I. Die Be­ru­fung des Klägers ge­gen das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Frank­furt (Oder) vom 21.06.2011 – 3 Ca 26/12 – wird auf sei­ne Kos­ten zurück­ge­wie­sen.

II. Die Re­vi­si­on wird zu­ge­las­sen.


B. K. O. M. K.

 


Tat­be­stand

Die Par­tei­en strei­ten über die Ver­pflich­tung des Be­klag­ten zur Rück­zah­lung von Ar­beits­ent­gelt auf­grund ei­ner In­sol­venz­an­fech­tung.

Der Be­klag­te war seit dem 14.03.2005 als Kraft­fah­rer und Bau­wer­ker im Be­trieb der A. & D. T. GmbH (im Fol­gen­den: Schuld­ne­rin) beschäftigt und schloss mit die­ser ei­nen Ver­gleich über die Zah­lung rückständi­ger Vergütung für die Mo­na­te No­vem­ber 2010 bis Fe­bru­ar 2011, des­sen In­halt am 29.03.2011 durch ge­richt­li­chen Be­schluss

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des Ar­beits­ge­richts Frank­furt (Oder) – 5 Ca 386/11 – fest­ge­stellt wor­den ist. Nach­dem die Schuld­ne­rin le­dig­lich die Vergütung für No­vem­ber 2010 ge­zahlt hat­te, be­trieb der Be­klag­te die Zwangs­voll­stre­ckung aus dem Be­schluss. Die Schuld­ne­rin über­wies dar­auf­hin am 09.06.2011 ei­nen Be­trag von 3.584,52 Eu­ro an den Pro­zess­be­vollmäch­tig­ten des Be­klag­ten. Nach­dem wei­te­re Lohn­zah­lun­gen nicht ge­leis­tet wur­den, kündig­te der Be­klag­te sein Ar­beits­verhält­nis am 01.07.2011 frist­los.

Auf den am 21.03.2011 beim Amts­ge­richt Frank­furt (Oder) ein­ge­gan­ge­nen An­trag der DAK auf Eröff­nung des In­sol­venz­ver­fah­rens setz­te das In­sol­venz­ge­richt mit dem Be­schluss vom 16.06.2011 den Kläger als vorläufi­gen In­sol­venz­ver­wal­ter ein und eröff­ne­te mit dem Be­schluss vom 29.08.2011 das In­sol­venz­ver­fah­ren über das Vermögen der Schuld­ne­rin un­ter Be­stel­lung des Be­klag­ten als In­sol­venz­ver­wal­ter.

Mit den Schrei­ben vom 18.10.2011, das dem Be­klag­ten am 19.10.2011 zu­ging, und vom 08.01.2011, teil­te der Kläger dem Be­klag­ten mit, dass die Zah­lung von 3.584,52 Eu­ro an­fecht­bar sei, und mach­te den Rück­gewähran­spruch gel­tend. Der Be­klag­te re­agier­te we­der auf die­ses ers­te noch auf das wei­te­re Schrei­ben.

Die Kla­ge­schrift vom 03.01.2012, mit der der Kläger den An­spruch wei­ter ver­folgt hat, ist am 05.01.2012 beim Ar­beits­ge­richt Frank­furt (Oder) ein­ge­gan­gen und dem Be­klag­ten am 11.01.2012 zu­ge­stellt wor­den. Das Ar­beits­ge­richt hat die Kla­ge mit dem am 21.06.2012 verkünde­ten Ur­teil, auf des­sen Tat­be­stand zur wei­te­ren Dar­stel­lung des erst­in­stanz­li­chen Sach- und Streit­stan­des Be­zug ge­nom­men wird (Bl. 108 bis 110 d.A.), ab­ge­wie­sen und zur Be­gründung im We­sent­li­chen aus­geführt: Die Zah­lung im Rah­men der Zwangs­voll­stre­ckung sei zwar ei­ne nach § 131 Abs. 1 Nr. 1 In­sO an­fecht­ba­re Rechts­hand­lung. Der sich hier­nach aus § 143 Abs. 1 Satz 1 In­sO er­ge­ben­de Rück­gewähran­spruch des Klägers sei je­doch nach § 15 des Bun­des­rah­men­ta­rif­ver­tra­ges für das Bau­ge­wer­be (BRTV) ver­fal­len, da der Kläger die Frist für die ge­richt­li­che Gel­tend­ma­chung nicht ge­wahrt ha­be. Nach der Ent­schei­dung des Ge­mein­sa­men Se­nats der obers­ten Ge­richtshöfe des Bun­des (GmS-OGB 1/09) vom 27.09.2010 sei – ab­wei­chend vom BAG (Ur­teil vom 19.11.2003 – 10 AZR 110/03) – da­von aus­zu­ge­hen, dass es sich bei dem Rück­gewähran­spruch nach ei­ner In­sol­venz­an­fech­tung zu­min­dest um ei­nen An­spruch han­delt, der im Zu­sam­men­hang mit dem Ar­beits­verhält­nis steht, und der In­sol­venz­ver­wal­ter in sei­ner Funk­ti­on als Ar­beit­ge­ber han­delt; auf wel­cher Rechts­grund­la­ge der Rück­zah­lungs­an­spruch be­ru­he, sei un­er­heb­lich.

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Ge­gen die­ses ihm am 25.06.2012 zu­ge­stell­te Ur­teil hat der Kläger mit dem am 29.06.2012 beim Lan­des­ar­beits­ge­richt ein­ge­gan­ge­nen Schrift­satz Be­ru­fung ein­ge­legt und die­se gleich­zei­tig be­gründet.

Er ver­tritt die Auf­fas­sung, dass die ta­rif­ver­trag­li­che Aus­schluss­frist nicht ein­grei­fe und trägt hier­zu vor: Der Rück­gewähran­spruch sei al­lein durch die Eröff­nung des In­sol­venz­ver­fah­rens ent­stan­den, ste­he ihm aus­sch­ließlich in sei­ner Funk­ti­on als In­sol­venz­ver­wal­ter zu und sei von sei­ner Rechts­na­tur ge­ra­de kein An­spruch aus dem Ar­beits­verhält­nis. Nach der Recht­spre­chung des BAG ste­he ein sol­ches ge­setz­li­ches Schuld­verhält­nis außer­halb der Re­ge­lungs­macht der Ta­rif­ver­trags­par­tei­en. Hier­an ände­re sich auch nichts durch die Ent­schei­dung des GmS-OGB, da dort aus­sch­ließlich die Rechts­weg­fra­ge ent­schei­den wor­den sei. Im Zu­sam­men­hang mit dem Ar­beits­verhält­nis ste­hen­de Ansprüche sei­en nur sol­che, die im Grund­satz von den Ar­beits­ver­trags­par­tei­en ge­re­gelt wer­den könn­ten. Zum in­ten­dier­ten Cha­rak­ter der ta­rif­li­chen Aus­schluss­frist pas­se der in­sol­venz­recht­li­che Rück­gewähran­spruch nicht. Bei ih­rer An­wen­dung käme es zu ei­ner Be­vor­zu­gung von Ar­beit­neh­mern, die dem Grund­satz der Gläubi­ger­gleich­be­hand­lung in der In­sO wi­derspräche, und zu ei­ner Um­ge­hung der Verjährungs­re­ge­lung in § 146 In­sO, der ei­ne ab­sch­ließen­de Re­ge­lung ent­hal­te. Im Übri­gen sei nach der Ent­schei­dung des BVerfG vom 01.12.2010 die zwei­stu­fi­ge Aus­schluss­frist des § 15 BRTV we­gen Ver­s­toßes des Grund­rechts auf ef­fek­ti­ven Rechts­schutz ver­fas­sungs­wid­rig und da­mit un­wirk­sam. Ei­nem In­sol­venz­ver­wal­ter sei es we­der zu­mut­bar noch möglich, al­le In­sol­venz­an­fech­tungs­ansprüche in­ner­halb ei­ner sol­chen Aus­schluss­frist zu prüfen und gel­tend zu ma­chen.


Der Kläger be­an­tragt,

das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Frank­furt (Oder) vom 21.06.2012 – 3 Ca 26/12 – ab­zuändern und den Be­klag­ten zu ver­ur­tei­len, an ihn 3.584,52 Eu­ro nebst Zin­sen in Höhe von 5 Pro­zent­punk­ten über dem Ba­sis­zins­satz seit dem 29.08.2011 zu zah­len.


Der Be­klag­te be­an­tragt,

die Be­ru­fung zurück­zu­wei­sen.

Er ver­tei­digt die an­ge­foch­te­ne Ent­schei­dung in Be­zug auf die An­wend­bar­keit der ta­rif­li­chen Aus­schluss­frist mit Rechts­ausführun­gen und trägt im Übri­gen vor:

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Die Gleich­stel­lung al­ler Gläubi­ger un­ter Ein­schluss der For­de­run­gen der Ar­beit­neh­mer auf ih­ren Lohn sei ver­fas­sungs­wid­rig we­gen Ver­s­toßes ge­gen das So­zi­al­staats­prin­zip. Ei­ne Gleich­be­hand­lung al­ler Gläubi­ger lie­ge ge­ra­de nicht vor, da wirt­schaft­lich stärke­re Gläubi­ger, ins­be­son­de­re Fi­nanz­in­sti­tu­te, so­wohl durch § 130 Abs. 1 Satz 2 In­sO als auch durch Ab- und Aus­son­de­rungs­rech­te zusätz­lich ge­si­chert sei­en. Je­den­falls müsse auf­grund der Lohn­ab­rech­nung ein Treu­hand­verhält­nis an­ge­nom­men wer­den. Die Zah­lung auf­grund der Vorpfändung könne, wie das LAG Nürn­berg (Ur­teil vom 30.04.2012 – 7 Sa 557/11) zu­tref­fend an­ge­nom­men ha­be, nicht als in­kon­gru­en­te De­ckung an­ge­se­hen wer­den. Ei­ner Rück­zah­lungs­pflicht ste­he auch ent­ge­gen, dass sein An­spruch ge­gen die Schuld­ne­rin aus ei­ner un­er­laub­ten Hand­lung re­sul­tie­re, weil die­se ihn über ih­re Zah­lungs­unfähig­keit nicht in­for­miert und da­durch ei­ne frühe­re Kündi­gung ver­hin­dert ha­be. Sch­ließlich sei er man­gels Kennt­nis des Eröff­nungs­an­tra­ges und ei­ner Zah­lungs­unfähig­keit gutgläubig ge­we­sen, so dass we­gen Kon­gru­enz ei­ne An­fech­tung aus­schei­de.

We­gen der wei­te­ren Ein­zel­hei­ten des Par­tei­vor­brin­gens in der Be­ru­fungs­in­stanz wird auf den vor­ge­tra­ge­nen In­halt der ge­wech­sel­ten Schriftsätze nebst An­la­gen so­wie auf die Sit­zungs­nie­der­schrift Be­zug ge­nom­men.

 

Ent­schei­dungs­gründe


1. Die gemäß §§ 8 Abs. 2, 64 Abs. 1 ArbGG statt­haf­te und nach dem Be­schwer­de­wert gemäß § 64 Abs. 2 b) ArbGG zulässi­ge Be­ru­fung des Klägers ist form- und frist­ge­recht ein­ge­legt und be­gründet wor­den, §§ 66 Abs. 1 Satz 1, 64 Abs. 6 Satz 1 ArbGG, 518, 519 Abs. 1 und 3 ZPO.

2. In der Sa­che hat die Be­ru­fung kei­nen Er­folg. Der Kläger hat zwar ei­nen Rück­gewähran­spruch zur In­sol­venz­mas­se nach § 143 Abs. 1 Satz 1 In­sO in der ge­for­der­ten Höhe er­wor­ben. Die­ser An­spruch ist je­doch nach § 15 Abs. 2 BRTV we­gen nicht recht­zei­ti­ger ge­richt­li­cher Gel­tend­ma­chung ver­fal­len.

2.1 Ent­ge­gen der An­sicht des Be­klag­ten ist die nach Ein­lei­tung der Zwangs­voll­stre­ckung aus dem Ver­gleich vom 29.03.2011 am 09.06.2011 ge­leis­te­te

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Zah­lung in Höhe von 3.584,52 Eu­ro ei­ne Rechts­hand­lung, die nach §§ 129 Abs. 1, 131 Abs. 1 Nr. 1 In­sO an­fecht­bar ist mit der Fol­ge, dass das Er­lang­te nach § 143 Abs. 1 Satz 1 In­sO zur In­sol­venz­mas­se zurück­zu­gewähren ist.

2.1.1 Die tat­be­stand­li­chen Vor­aus­set­zun­gen der in­kon­gru­en­ten De­ckung nach § 131 Abs. 1 Nr. 1 In­sO lie­gen vor. Da­nach ist ei­ne Rechts­hand­lung an­fecht­bar, die ei­nem In­sol­venzgläubi­ger ei­ne Si­che­rung oder Be­frie­di­gung gewährt oder ermöglicht hat, die er nicht oder nicht in der Art oder nicht zu der Zeit zu be­an­spru­chen hat­te, wenn die Hand­lung im letz­ten Mo­nat vor dem An­trag auf Eröff­nung des In­sol­venz­ver­fah­rens oder nach die­sem An­trag vor­ge­nom­men wor­den ist.

2.1.1.1 Dem Be­klag­ten stand zum Zeit­punkt der Zah­lung zwar ein fälli­ger Ent­gelt­an­spruch nach § 611 BGB in Ver­bin­dung mit dem Ar­beits­ver­trag für die Mo­na­te De­zem­ber 2010 bis Fe­bru­ar 2011 zu. Er hat­te die Leis­tung je­doch nicht „in der Art“ zu be­an­spru­chen.

2.1.1.1.1 Nach der Recht­spre­chung des BAG (vgl. nur Ur­teil vom 19.05.2011 – 6 AZR 736/09 – NZI 2011, 644 ff. [645]) so­wie des BGH (vgl. et­wa Ur­teil vom 23.03.2006 – IX ZR 116/03 – NZI 2006, 397 ff. [398]), der sich die Kam­mer an­sch­ließt, ist ei­ne während der „kri­ti­schen“ Zeit im We­ge der Zwangs­voll­stre­ckung er­lang­te Si­cher­heit oder Be­frie­di­gung als in­kon­gru­ent an­zu­se­hen. Da­bei wird die In­kon­gru­enz aus der zeit­li­chen Vor­zie­hung des in­sol­venz­recht­li­chen Gleich­be­hand­lungs­grund­sat­zes und der da­mit ver­bun­de­nen Zurück­drängung des – die Ein­zelzwangs­voll­stre­ckung be­herr­schen­den – Prio­ritätsprin­zips so­wie aus der Erwägung her­ge­lei­tet, dass nach Ein­tritt der Kri­se und der da­mit ver­bun­de­nen ma­te­ri­el­len In­sol­venz ei­ne Un­gleich­be­hand­lung nicht mehr durch den Ein­satz staat­li­cher Zwangs­mit­tel in­sol­venz­fest er­zwun­gen wer­den soll (BGH 09.09.1997 – IX ZR 14/97 – NJW 1997, 3445). Das – mit ei­nem „Wett­lauf der Gläubi­ger“ ver­bun­de­ne – Prio­ritätsprin­zip führt nur so lan­ge zu mit dem Zweck des In­sol­venz­ver­fah­rens im Ein­klang ste­hen­den Er­geb­nis­sen, wie für die zurück­ge­setz­ten Gläubi­ger noch die Aus­sicht be­steht, sich aus an­de­ren Vermögens­ge­genständen des Schuld­ners zu be­frie­di­gen. Ist dies nicht mehr der Fall, wo­von im „kri­ti­schen“ Zeit­raum aus­zu­ge­hen ist, tritt die Be­fug­nis des Gläubi­gers, sich mit Hil­fe ho­heit­li­cher Zwangs­maßnah­men ei­ne rechts­beständi­ge Si­che­rung oder Be­frie­di­gung der ei­ge­nen fälli­gen For­de­run­gen zu ver­schaf­fen, hin­ter dem Schutz der Gläubi­ger­ge­samt­heit zurück (vgl. BAG 19.05.2011 – 6 AZR 736/09 – a.a.O., mit wei­te­ren Nach­wei­sen).

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2.1.1.1.2 Ein hier­von ab­wei­chen­der ge­setz­ge­be­ri­scher Wil­le ist nicht dar­aus ab­zu­lei­ten, dass Art. 2 Nr. 4 des Ent­wurfs ei­nes „Ge­setz(es) zum Pfändungs­schutz der Al­ters­vor­sor­ge und zur An­pas­sung des Rechts der In­sol­venz­an­fech­tung“ (BT-Drucks. 16/886 S. 5) ei­ne Ergänzung des § 131 Abs. 1 In­sO da­hin­ge­hend vor­ge­se­hen hat­te, dass ei­ne Rechts­hand­lung nicht al­lein da­durch zu ei­ner sol­chen nach Satz 1 wer­de, dass der Gläubi­ger die Si­che­rung oder Be­frie­di­gung durch Zwangs­voll­stre­ckung er­langt hat. Die­se Ände­rung ist – auf­grund der Be­schluss­emp­feh­lung des Rechts­aus­schus­ses des Deut­schen Bun­des­ta­ges (BT-Drucks. 16/3844, S. 11) un­ter Hin­weis auf die Un­ver­ein­bar­keit mit dem Grund­satz der Gläubi­ger­gleich­be­hand­lung – nicht Ge­setz ge­wor­den, so dass die Recht­spre­chung in­so­weit ei­ne ge­setz­ge­be­ri­sche Le­gi­ti­ma­ti­on er­fah­ren hat (vgl. BAG 19.05.2011 – 6 AZR 736/09 – a.a.O., I. 4. a) der Gründe).

2.1.1.1.3 Da­mit ist auch das Ar­gu­ment des Be­klag­ten, dass dann, wenn die Schuld­ne­rin zum glei­chen Zeit­punkt frei­wil­lig die Ent­gelt­for­de­rung aus dem Ver­gleich erfüllt hätte, ei­ne An­fecht­bar­keit nicht vor­ge­le­gen hätte und ei­ne sol­che Un­gleich­be­hand­lung nicht nach­voll­zieh­bar sei, nicht durch­grei­fend. Die ge­genüber § 130 Abs. 1 In­sO verschärf­te Haf­tung nach § 131 Abs. 1 In­sO recht­fer­tigt sich dar­aus, dass der Gläubi­ger, der staat­li­che Zwangs­maßnah­men in An­spruch nimmt oder an­droht, an­ders als der Gläubi­ger, der ei­ne frei­wil­li­ge Zah­lung ent­ge­gen­nimmt, ak­tiv auf das zur Be­frie­di­gung al­ler Gläubi­ger un­zu­rei­chen­de Vermögen des Schuld­ners zu­greift und zu­gleich an­de­re Gläubi­ger vor ei­nem sol­chen Zu­griff aus­sch­ließt (BAG 19.05.2011 – 6 AZR 736/09 – a.a.O, I. 4. b) der Gründe).

2.1.1.2 Oh­ne Er­folg be­ruft sich der Be­klag­te auf sei­ne Un­kennt­nis ei­ner Zah­lungs­unfähig­keit der Schuld­ne­rin und ei­nes Eröff­nungs­an­tra­ges.

An­ders als nach § 130 Abs. 1 Nr. 2 In­sO ist bei ei­ner in­kon­gru­en­ten De­ckung nach § 131 Abs. 1 In­sO ei­ne da­hin­ge­hen­de Kennt­nis des Gläubi­gers zum Zeit­punkt der Hand­lung nicht Vor­aus­set­zung für die An­fecht­bar­keit. Ei­ner Pri­vi­le­gie­rung ei­nes „gutgläubi­gen“ Ar­beit­neh­mers im Rah­men der Aus­le­gung der Be­rei­che­rungs­re­ge­lung steht die Gleich­stel­lung des An­fech­tungs­geg­ners mit ei­nem bösgläubi­gen Be­rei­chungs­schuld­ner in § 143 Abs. 1 Satz 2 In­sO ent­ge­gen (BAG vom 19.05.2011 – 6 AZR 736/09 – a.a.O., I. 5. e) der Gründe).

2.1.1.3 Ob bei ei­nem Bar­geschäft nach § 142 In­sO dann ei­ne In­kon­gru­enz nach § 131 In­sO an­zu­neh­men ist, wenn die Leis­tung im Rah­men der

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Zwangs­voll­stre­ckung er­langt wur­de, be­darf hier kei­ner nähe­ren Ausführun­gen, da vor­lie­gend die Vor­aus­set­zun­gen ei­nes Bar­geschäfts nicht vor­lie­gen.

Die Zah­lung vom 09.06.2011 be­zieht sich auf Ar­beits­leis­tun­gen bis ein­sch­ließlich Fe­bru­ar 2011, so dass der Drei­mo­nats­zeit­raum (vgl. hier­zu BAG vom 06.10.2011 – 6 AZR 262/10 – NZI 2011, 981 ff.) über­schrit­ten ist.

2.1.2 Sch­ließlich greift auch nicht der Ein­wand des Be­klag­ten, die An­nah­me ei­ner in­kon­gru­en­ten De­ckung sei durch ein auf­grund der Lohn­ab­rech­nung be­gründe­tes Treu­hand­verhält­nis aus­ge­schlos­sen.

Ab­ge­se­hen da­von, dass sich die vom Be­klag­ten zi­tier­te Recht­spre­chung des BGH (Ur­teil vom 11.04.2002 – IX ZR 211/01 – NZI 2002, 378 ff.) auf ein Treu­hand­verhält­nis in Be­zug auf ab­ge­rech­ne­te, als Gut­ha­ben in den Buch­hal­tungs­un­ter­la­gen aus­ge­wie­se­ne So­zi­al­ver­si­che­rungs­beiträge be­zieht, fehlt es an ei­nem Vor­trag des Be­klag­ten zur Be­gründung ei­nes sol­chen Treu­hand­verhält­nis­ses; die Lohn­ab­rech­nung selbst stellt le­dig­lich ei­ne Wis­sens- und kei­ne Wil­lens­erklärung dar.

2.1.3 Nicht nach­voll­zieh­bar ist der Hin­weis des Be­klag­ten auf ei­ne un­er­laub­te Hand­lung der Schuld­ne­rin, was ei­nem Rück­gewähran­spruch ent­ge­gen ste­hen soll.

Der Be­klag­te hat ei­nen sol­chen An­spruch, des­sen Vor­aus­set­zun­gen er im Übri­gen auch nicht dar­ge­legt hat, we­der ge­genüber der Schuld­ne­rin gel­tend ge­macht noch ist auf hier­auf ge­leis­tet wor­den. Auch ist nicht er­kenn­bar, wie sich ein even­tu­el­ler Scha­dens­er­satz­an­spruch auf den in­sol­venz­recht­li­chen Rück­gewähran­spruch aus­wir­ken soll; § 89 In­sO stellt in­so­weit kei­nen Zu­sam­men­hang her.

2.1.4 Auch die Ausführun­gen des Be­klag­ten zur ver­meint­li­chen Ver­fas­sungs­wid­rig­keit des Rück­gewähran­spruchs in der vor­lie­gen­den Kon­stel­la­ti­on ste­hen der Be­gründung ei­nes An­spruchs des Klägers nicht ent­ge­gen.

Ab­ge­se­hen da­von, dass ei­ne Ver­fas­sungs­wid­rig­keit der §§ 131, 143 In­sO al­len­falls ei­ne Vor­la­ge­pflicht nach Art. 100 GG auslösen könn­te, die vor­lie­gend man­gels Ent­schei­dungs­er­heb­lich­keit oh­ne­hin nicht in Be­tracht käme, hat die Kam­mer auch

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kei­ne Zwei­fel an der Ver­ein­bar­keit der Aus­le­gung der ge­nann­ten Nor­men mit den Grund­rech­ten und dem So­zi­al­staats­ge­bot.

Die Ver­pflich­tung ei­nes Ar­beit­neh­mers, den auf­grund (vor-)ge­leis­te­ter Ar­beit ver­dien­ten Lohn zurück­zah­len zu müssen, mag für den Be­trof­fe­nen schwer nach­voll­zieh­bar sein und dem Ge­rech­tig­keits­emp­fin­den der Mehr­zahl der Rechts­un­ter­wor­fe­nen zu­wi­der­lau­fen. Die Be­sei­ti­gung der Pri­vi­le­gie­rung von Ar­beits­ein­kom­men in der In­sol­venz, wie sie noch durch die Zu­ord­nung von Vergütungsrückständen in § 59 Abs. 1 Nr. 3 a) KO ge­re­gelt war, er­folg­te im In­ter­es­se der Gleich­be­hand­lung der Gläubi­ger. Ein Ver­s­toß ge­gen den Gleich­heits­grund­satz kann ent­ge­gen der An­sicht des Be­klag­ten nicht dar­in ge­se­hen wer­den, dass ins­be­son­de­re Fi­nanz- und Kre­dit­in­sti­tu­te Ab- und Aus­son­de­rungs­rech­te in der In­sol­venz gel­tend ma­chen können; bei ent­spre­chen­den Si­che­run­gen stünden sol­che Rech­te auch an­de­ren Gläubi­gern zu. Als dem So­zi­al­staats­prin­zip genügen­de Berück­sich­ti­gung der exis­ten­zi­el­len Be­deu­tung der Ar­beits­vergütung ist der An­spruch auf In­sol­venz­geld nach § 165 SGB III an­zu­se­hen, auch wenn die­ser im Ein­zel­fall – wie vor­lie­gend – nicht den ge­sam­ten Lohn­aus­fall ab­deckt. Der Vergütungs­an­spruch lebt nach § 144 Abs. 1 In­sO wie­der auf, so dass zu­min­dest die Chan­ce be­steht, we­nigs­tens ei­ne quo­ta­le Be­frie­di­gung zu er­rei­chen.

2.2 Der hier­nach ent­stan­de­ne Rück­gewähran­spruch ist nach § 15 BRTV ver­fal­len.

2.2.1 Der BRTV vom 04.07.2002 i. d. F. vom 20.08.2007 fand auf das Ar­beits­verhält­nis des Be­klag­ten mit der Schuld­ne­rin auf­grund sei­ner All­ge­mein­ver­bind­lich­keit und nach sei­nem fach­li­chen und persönli­chen Gel­tungs­be­reich An­wen­dung; so­weit der Kläger letz­te­res zunächst be­strit­ten hat­te, hat er nach Vor­la­ge des Ar­beits­ver­tra­ges, aus dem sich die Beschäfti­gung als ge­werb­li­cher Ar­beit­neh­mer er­gibt, sein Be­strei­ten nicht auf­recht er­hal­ten.

Durch die Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses zum 01.07.2011 ist die An­wen­dung des BRTV nicht hinfällig ge­wor­den.

2.2.2 Der Kläger hat die Aus­schluss­frist des § 15 BRTV nicht ge­wahrt.

Er hat mit sei­nem Schrei­ben vom 18.10.2011, das dem Be­klag­ten am Fol­ge­tag zu­ge­gan­gen ist, den An­spruch zunächst in­ner­halb der Frist des § 15 Abs. 1 BRTV

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recht­zei­tig gel­tend ge­macht, da der Rück­gewähran­spruch mit der In­sol­ven­zeröff­nung am 29.08.2011 ent­stan­den ist.

Nach­dem der Be­klag­te hier­auf je­doch nicht re­agiert hat­te, hätte er in­ner­halb von zwei Mo­na­ten nach Ab­lauf der zweiwöchi­gen Erklärungs­frist Kla­ge er­he­ben müssen. Da die Erklärungs­frist am 03.11.2011 ab­ge­lau­fen ist, hätte die Kla­ge bis ein­sch­ließlich 03.01.2012 er­ho­ben wer­den müssen. Der Kla­ge­ein­gang am 05.01.2012, ei­nem Don­ners­tag, wahrt die­se Frist nicht.

2.2.3 Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Klägers ist die ta­rif­li­che Aus­schluss­frist auf den Rück­gewähran­spruch an­wend­bar.

2.2.3.1 Ei­ne Un­an­wend­bar­keit des § 15 Abs. 2 BRTV folgt nicht be­reits, wie der Kläger meint, aus ei­ner Ver­fas­sungs­wid­rig­keit. Von ei­ner sol­chen ist das BVerfG in dem vom Kläger zi­tier­ten Be­schluss vom 01.12.2010 – 1 BvR 1682/07 – nicht aus­ge­gan­gen. Viel­mehr hat es ei­ne ge­gen Art. 2 Abs. 1 i.V.m. Art. 20 Abs. 3 GG ver­s­toßen­de un­zu­mut­ba­re Er­schwe­rung des Zu­gangs zu den Ge­rich­ten durch ei­ne Ent­schei­dung ei­nes LAG dar­in ge­se­hen, dass dort zur Wah­rung der zwei­ten Stu­fe ei­ner ta­rif­li­chen Aus­schluss­klau­sel ei­ne be­zif­fer­te ge­richt­li­che Gel­tend­ma­chung sol­cher Ansprüche ei­nes Ar­beit­neh­mers ver­langt wur­de, die vom Aus­gang des Rechts­streits über den Be­stand des Ar­beits­verhält­nis­ses abhängig wa­ren.

Ab­ge­se­hen da­von, dass die hier streit­ge­genständ­li­che Aus­schluss­klau­sel für der­ar­ti­ge Fälle ei­ne ge­son­der­te Re­ge­lung enthält, be­durf­te es zur Wah­rung des Grund­rechts auf ef­fek­ti­ven Rechts­schutz nur der Ände­rung der Recht­spre­chung zur Aus­le­gung der ta­rif­li­chen Ver­fall­klau­sel, die das BAG mitt­ler­wei­le (Ur­teil vom 19.09.2012 – 5 AZR 924/11) voll­zo­gen hat, in­dem es die un­be­zif­fer­te Gel­tend­ma­chung aus­rei­chen lässt.

2.2.3.2 Der streit­ge­genständ­li­che Rück­gewähran­spruch des Klägers fällt auch in­halt­lich un­ter die ta­rif­li­che Aus­schluss­klau­sel.

2.2.3.2.1 § 15 BRTV er­fasst nach sei­nem Wort­laut al­le bei­der­sei­ti­gen Ansprüche aus dem Ar­beits­verhält­nis und sol­che, die mit dem Ar­beits­verhält­nis in Ver­bin­dung ste­hen.

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Der An­spruch des In­sol­venz­ver­wal­ters ge­gen ei­nen Ar­beit­neh­mer auf Rück­gewähr ver­dien­ten Ar­beits­ent­gelts nach § 143 Abs. 1 In­sO stellt ei­nen sol­chen An­spruch dar. Die Ent­schei­dung des GmS-OBG vom 27.09.2010 – GmS-OBG 1/09 – zum Rechts­weg für ent­spre­chen­de Kla­gen ist nach Auf­fas­sung der Kam­mer auf die Ein­ord­nung des An­spruchs über­trag­bar. Dort ist aus­geführt, dass es sich um ei­nen bürger­li­che Rechts­strei­tig­keit zwi­schen Ar­beit­neh­mern und Ar­beit­ge­bern aus dem Ar­beits­verhält­nis, § 2 Abs. 1 Nr. 3. a) ArbGG han­delt, da Streit­ge­gen­stand nicht die in­sol­venz­recht­li­che An­fech­tung als sol­che sei, son­dern die Rück­ab­wick­lung ei­ner ar­beits­recht­li­chen Leis­tungs­be­zie­hung, wes­halb die die Rechts­na­tur des An­fech­tungs­rechts nach den §§ 129 ff. In­sO oh­ne Be­lang sei. Auch han­de­le es sich um ei­ne Strei­tig­keit zwi­schen Ar­beit­ge­ber und Ar­beit­neh­mer, da der In­sol­venz­ver­wal­ter für Ansprüche aus dem Ar­beits­verhält­nis für die Dau­er des In­sol­venz­ver­fah­rens Ar­beit­ge­ber im Sin­ne des § 2 Abs. 1 Nr. 3 ArbGG sei, da er mit der In­sol­ven­zeröff­nung in die Ar­beit­ge­ber­stel­lung des Schuld­ners ein­tre­te und die Funk­ti­on des Ar­beit­ge­bers während die­ser Zeit statt des Ver­trags­ar­beit­ge­bers ausübe. Da­bei sei es un­er­heb­lich, ob der In­sol­venz­ver­wal­ter auf­grund des nach § 80 Abs. 1 In­sO auf ihn über­ge­gan­ge­nen Ver­wal­tungs- und Verfügungs­rechts tätig wer­de oder er auf­grund ei­nes ihm von der In­sol­venz­ord­nung an­der­wei­tig ein­geräum­ten Rechts – wie u.a. dem An­fech­tungs­recht nach den §§ 129 ff. In­sO – auf das Ar­beits­verhält­nis ein­wir­ke.

Hier­aus folgt, dass auch in Be­zug auf die Ein­ord­nung des Rück­gewähran­spruchs ge­gen den Ar­beit­neh­mer nicht ein­ge­wandt wer­den kann, dass der In­sol­venz­ver­wal­ter hier nicht als Ar­beit­ge­ber han­de­le, da nur ihm in sei­ner Funk­ti­on als In­sol­venz­ver­wal­ter, nicht je­doch ei­nem sons­ti­gen Ar­beit­ge­ber ein In­sol­venz­an­fech­tungs­recht, das zu dem Rück­zah­lungs­an­spruch führt, zu­ste­he.

2.2.3.2.2 Ei­ne Ein­schränkung der ta­rif­li­chen Re­ge­lung da­hin­ge­hend, dass ein aus ei­ner In­sol­venz­an­fech­tung re­sul­tie­ren­der Rück­gewähran­spruch aus­ge­nom­men sein soll, folgt nicht aus ei­ner Be­schränkung der Re­ge­lungs­macht der Ta­rif­ver­trags­par­tei­en.

Bei der ta­rif­li­chen Aus­schluss­klau­sel han­delt es sich um ei­ne In­halts­norm i. S. d. § 1 Abs. 1 TVG, die grundsätz­lich in­ner­halb der Re­ge­lungs­kom­pe­tenz der Ta­rif­ver­trags­par­tei­en liegt. Da­bei ist in der Recht­spre­chung an­er­kannt, dass Gel­tend­ma­chungs­fris­ten auch für sol­che Ansprüche ge­re­gelt wer­den können, die auf nicht dis­po­si­ti­ven ge­setz­li­chen Nor­men be­ru­hen (vgl. et­wa für

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Scha­dens­er­satz­ansprüche aus un­er­laub­ter Hand­lung BAG vom 18.08.2011 – 8 AZR 187/10 – zi­tiert nach ju­ris), da der An­spruch als sol­cher nicht verändert bzw. be­schränkt wird (vgl. zur Ab­gel­tung des ge­setz­li­chen Min­des­t­ur­laubs BAG vom 09.08.2011 – 9 AZR 365/10 – NZA 2011, 1421 ff.).

So­weit in der Recht­spre­chung in Be­zug auf den Rück­gewähran­spruch aus § 143 Abs. 1 In­sO et­was An­de­res an­ge­nom­men wird (so BAG vom 19.11.2003 – 10 AZR 110/03 – NZA 2004, 208 ff.), wird le­dig­lich auf die Mei­nung in der – in­sol­venz­recht­li­chen – Li­te­ra­tur ver­wie­sen, oh­ne die Be­schränkung der ta­rif­li­chen Re­ge­lungs­macht wei­ter zu be­gründen. Die Kam­mer sieht kei­nen Grund, den in­sol­venz­recht­lich be­gründe­ten An­spruch auf Rück­zah­lung von Ar­beits­ent­gelt nur we­gen sei­ner Be­gründung im In­sol­venz­recht was die Re­ge­lungs­kom­pe­tenz an­be­langt, an­ders zu be­han­deln als an­de­re ge­setz­li­chen Ansprüche, die nicht ta­rif­dis­po­si­tiv sind.

2.2.3.2.3 Ei­ne ein­schränken­de Aus­le­gung der Ta­rif­re­ge­lung ist auch nicht im Hin­blick dar­auf ge­bo­ten, dass die In­sol­venz­an­fech­tung ein ge­setz­li­ches Schuld­verhält­nis be­gründet. und der Rück­gewähran­spruch hier­aus re­sul­tiert.

Die Aus­le­gung des nor­ma­ti­ven Teils ei­nes Ta­rif­ver­tra­ges folgt nach der ständi­gen Recht­spre­chung des BAG den für die Aus­le­gung von Ge­set­zen gel­ten­den Re­geln. Aus­zu­ge­hen ist zunächst vom Ta­rif­wort­laut. Zu er­for­schen ist der maßgeb­li­che Sinn der Erklärung, oh­ne an Buch­sta­ben zu haf­ten. Der wirk­li­che Wil­le der Ta­rif­ver­trags­par­tei­en und da­mit der von ih­nen be­ab­sich­tig­te Sinn und Zweck der Ta­rif­norm sind mit zu berück­sich­ti­gen, so­weit sie in den ta­rif­li­chen Nor­men ih­ren Nie­der­schlag ge­fun­den ha­ben. Ta­rif­li­che Aus­schluss­klau­seln sind nach dem mit ei­ner wei­ten For­mu­lie­rung ver­folg­ten Ziel, Rechts­klar­heit und Rechts­si­cher­heit her­bei­zuführen, sind nicht eng aus­zu­le­gen (BAG vom 18.08.2011 – 8 AZR 187/10 – zi­tiert nach ju­ris, Rn. 25 f.).

Die­se Aus­le­gung führt nicht da­zu, dass ein An­spruch, der auf ei­nem ge­setz­li­chen Schuld­verhält­nis, § 241 BGB, be­ruht, das sich aus Nor­men er­gibt, die nicht dem Ar­beits­recht zu­zu­ord­nen sind, nicht von der ta­rif­li­chen Aus­schluss­klau­sel er­fasst ist. So un­ter­liegt es kei­nem Zwei­fel, dass auch Auf­wen­dungs­er­satz­ansprüche nach § 670 BGB von ta­rif­li­chen Aus­schluss­klau­seln, er­fasst wer­den.

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Dem ent­spricht auch die Recht­spre­chung des BAG (Ur­teil vom 18.12.2008 – 8 AZR 105/08 – AP § 717 Nr. 9) zur Er­stre­ckung ei­ner ta­rif­li­chen Aus­schluss­frist auf ei­nen Scha­dens­er­satz­an­spruch nach § 717 Abs. 2 ZPO. Auch hier han­delt es sich um ein ge­setz­li­ches Schuld­verhält­nis, aus dem der Rück­zah­lungs­an­spruch be­gründet ist. Dass der An­spruch nicht aus dem Ar­beits­ver­trag re­sul­tie­ren muss, hält das BAG zu Recht für un­er­heb­lich. Wes­halb zwi­schen ei­nem Rück­gewähran­spruch nach § 143 Abs. 1 In­sO und ei­nem Scha­dens­er­satz­an­spruch nach § 717 Abs. 2 ZPO hin­sicht­lich des Ein­grei­fens ei­ner ta­rif­li­chen Aus­schluss­frist dif­fe­ren­ziert wer­den müss­te, er­sch­ließt sich der er­ken­nen­den Kam­mer nicht (so auch LAG Nürn­berg vom 05.09.2012 – 4 Sa 561/11 – zi­tiert nach ju­ris; a. A. LAG Ber­lin vom 12.09.2012 – 4 Sa 1166/12 – oh­ne je­doch auf die­se Recht­spre­chung ein­zu­ge­hen).

2.2.3.2.4 Die ta­rif­li­che Ver­fall­klau­sel wird vor­lie­gend auch nicht durch ei­ne spe­zi­al­ge­setz­li­che Fris­ten­re­ge­lung ver­drängt.

Während § 41 Abs. 1 Satz 1 KO zur Ausübung der An­fech­tung noch ei­ne Aus­schluss­frist von ei­nem Jahr vor­sah, ent­hielt § 146 Abs. 1 In­sO in der vom 01.01.1999 bis zum 14.12.2004 gel­ten­den Fas­sung die Re­ge­lung, dass der An­fech­tungs­an­spruch in zwei Jah­ren seit der Eröff­nung des In­sol­venz­ver­fah­rens verjährt.

Die­se Nor­men ent­hal­ten auch nach An­sicht der er­ken­nen­den Kam­mer ei­genständi­ge Fris­ten­re­ge­lun­gen, die für die An­wen­dung ta­rif­li­cher Aus­schluss­fris­ten kei­nen Raum las­sen. Et­was an­de­res gilt je­doch seit In­kraft­tre­ten der Neu­fas­sung des § 146 Abs. 1 In­sO durch Art. 5 Nr. 3 des Ge­set­zes zur An­pas­sung der Verjährungs­vor­schrif­ten an das Ge­setz zur Mo­der­ni­sie­rung des Schuld­rechts vom 09.12.2004 (BGBl I, S. 3214) am 15.12.2004. Nun­mehr wird für die Verjährung des An­fech­tungs­an­spruchs le­dig­lich auf die Re­ge­lun­gen über die re­gelmäßige Verjährung nach dem Bürger­li­chen Ge­setz­buch ver­wie­sen. Die­se all­ge­mei­nen Verjährungs­vor­schrif­ten ge­hen je­doch ta­rif­li­chen Gel­tend­ma­chungs­fris­ten grundsätz­lich nicht vor. Da­bei ist auch zu berück­sich­ti­gen, dass es nach der nun­meh­ri­gen ge­setz­li­chen Kon­struk­ti­on nicht mehr der Ausübung ei­nes An­fech­tungs­rechts be­darf, son­dern nur der Gel­tend­ma­chung der mit der Eröff­nung des In­sol­venz­ver­fah­rens bei Vor­lie­gen der Vor­aus­set­zun­gen ei­ner an­fecht­ba­ren Rechts­hand­lung ent­ste­hen­de Rück­gewähran­spruch nach § 143 Abs. 1 In­sO.

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Aus den Be­son­der­hei­ten des In­sol­venz­ver­fah­rens er­gibt sich kei­ne an­de­re Aus­le­gung. Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Klägers ist die Ein­hal­tung der ta­rif­li­chen Gel­tend­ma­chungs­fris­ten nicht fak­tisch unmöglich. Ab­ge­se­hen da­von, dass der Kläger vor­lie­gend of­fen­sicht­lich nicht ge­hin­dert war, in­ner­halb von zwei Mo­na­ten ab Fällig­keit des In­sol­venz­an­fech­tungs­an­spruchs, al­so des Rück­zah­lungs­an­spruchs, des­sen Be­ste­hen zu er­mit­teln und die­sen ge­genüber dem Ar­beit­neh­mer schrift­lich gel­tend zu ma­chen. Hier­bei ist zu berück­sich­ti­gen, dass die Über­prüfung von Zah­lun­gen an Ar­beit­neh­mer in den „kri­ti­schen“ Zeiträum­en je­den­falls der §§ 130, 131 In­sO ein über­schau­ba­rer Vor­gang ist, für den der In­sol­venz­ver­wal­ter ins­be­son­de­re in Be­trie­ben mit größerer Beschäftig­ten­zahl ent­spre­chen­de Dienst­leis­tun­gen im We­ge der De­le­ga­ti­on in An­spruch neh­men kann. Ab­ge­se­hen hier­von kann ei­ne der­ar­ti­ge Über­prüfung be­reits im Rah­men der vorläufi­gen In­sol­venz­ver­wal­tung vor­be­rei­tet wer­den, so dass sich ein mehr­mo­na­ti­ger – vor­lie­gen ca. zwei­mo­na­ti­ger – Vor­lauf er­gibt.

3. Die Kos­ten­ent­schei­dung be­ruht auf § 97 Abs. 1 ZPO. Die Re­vi­si­on war nach § 72 Abs. 2 Nr. 1 und 2 ArbGG zu­zu­las­sen.


Rechts­mit­tel­be­leh­rung

Ge­gen die­ses Ur­teil kann von dem Kläger bei dem

Bun­des­ar­beits­ge­richt,
Hu­go-Preuß-Platz 1, 99084 Er­furt
(Post­adres­se: 99113 Er­furt),

Re­vi­si­on ein­ge­legt wer­den.

Die Re­vi­si­on muss in­ner­halb
ei­ner Not­frist von ei­nem Mo­nat
schrift­lich beim Bun­des­ar­beits­ge­richt ein­ge­legt wer­den.

Sie ist gleich­zei­tig oder in­ner­halb
ei­ner Frist von zwei Mo­na­ten
schrift­lich zu be­gründen.

Bei­de Fris­ten be­gin­nen mit der Zu­stel­lung des in vollständi­ger Form ab­ge­setz­ten Ur­teils, spätes­tens aber mit Ab­lauf von fünf Mo­na­ten nach der Verkündung.

Die Re­vi­si­ons­schrift muss die Be­zeich­nung des Ur­teils, ge­gen das die Re­vi­si­on ge­rich­tet wird und die Erklärung ent­hal­ten, dass ge­gen die­ses Ur­teil Re­vi­si­on ein­ge­legt wer­de.
 


15

Die Re­vi­si­ons­schrift und die Re­vi­si­ons­be­gründung müssen von ei­nem Pro­zess­be­vollmäch­tig­ten un­ter­zeich­net sein. Als sol­che sind außer Rechts­anwälten nur fol­gen­de Stel­len zu­ge­las­sen, die zu­dem durch Per­so­nen mit Befähi­gung zum Rich­ter­amt han­deln müssen:

• Ge­werk­schaf­ten und Ver­ei­ni­gun­gen von Ar­beit­ge­bern so­wie Zu­sam­men­schlüsse sol­cher Verbände für ih­re Mit­glie­der oder für an­de­re Verbände oder Zu­sam­men­schlüsse mit ver­gleich­ba­rer Aus­rich­tung und de­ren Mit­glie­der,
• ju­ris­ti­sche Per­so­nen, de­ren An­tei­le sämt­lich im wirt­schaft­li­chen Ei­gen­tum ei­ner der vor­ge­nann­ten Or­ga­ni­sa­tio­nen ste­hen, wenn die ju­ris­ti­sche Per­son aus­sch­ließlich die Rechts­be­ra­tung und Pro­zess­ver­tre­tung die­ser Or­ga­ni­sa­ti­on und ih­rer Mit­glie­der oder an­de­rer Verbände oder Zu­sam­men­schlüsse mit ver­gleich­ba­rer Aus­rich­tung und de­ren Mit­glie­der ent­spre­chend de­ren Sat­zung durchführt, und wenn die Or­ga­ni­sa­ti­on für die Tätig­keit der Be­vollmäch­tig­ten haf­tet.

Der Schrift­form wird auch durch Ein­rei­chung ei­nes elek­tro­ni­schen Do­ku­ments i. S. d. § 46 c ArbGG genügt. Nähe­re In­for­ma­tio­nen da­zu fin­den sich auf der In­ter­net­sei­te des Bun­des­ar­beits­ge­richts un­ter www.bun­des­ar­beits­ge­richt.de.


Für den Be­klag­ten ist kein Rechts­mit­tel ge­ge­ben.

 

 

B. K. O. M. K.

 

 

 

 


Hin­weis der Geschäfts­stel­le
Das Bun­des­ar­beits­ge­richt bit­tet, sämt­li­che Schriftsätze in sie­ben­fa­cher Aus­fer­ti­gung ein­zu­rei­chen.

 

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