Gebühren­freie Hot­line: 0800 - 440 1 880
Urteile zum Arbeitsrecht
Nach Alphabet
   
Schlag­worte: Interessenausgleich, Sozialplan, Betriebsänderung, Leiharbeit
   
Gericht: Bundesarbeitsgericht
Akten­zeichen: 1 AZR 335/10
Typ: Urteil
Ent­scheid­ungs­datum: 18.10.2011
   
Leit­sätze: Bei der Er­mitt­lung der maßgeb­li­chen Un­ter­neh­mens­größe in § 111 Satz 1 Be­trVG sind Leih­ar­beit­neh­mer, die länger als drei Mo­na­te im Un­ter­neh­men ein­ge­setzt sind, mit­zuzählen.
Vor­ins­tan­zen: Arbeitsgericht Hagen Urteil vom 9.12.2009, 3 Ca 1523/09
Landesarbeitsgericht Hamm Urteil vom 31.3.2010, 3 Sa 53/10
   


BUN­DES­AR­BEITS­GERICHT

1 AZR 335/10
3 Sa 53/10
Lan­des­ar­beits­ge­richt

Hamm

 

Im Na­men des Vol­kes!

Verkündet am

18. Ok­to­ber 2011

UR­TEIL

Klapp, Ur­kunds­be­am­ter

der Geschäfts­stel­le

In Sa­chen

Kläger, Be­ru­fungs­be­klag­ter, Be­ru­fungskläger und Re­vi­si­onskläger,

pp.

Be­klag­te, Be­ru­fungskläge­rin, Be­ru­fungs­be­klag­te und Re­vi­si­ons­be­klag­te,

hat der Ers­te Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts auf­grund der münd­li­chen Ver­hand­lung vom 18. Ok­to­ber 2011 durch die Präsi­den­tin des Bun­des­ar­beits­ge­richts Schmidt, die Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Dr. Linck und


- 2 -

Prof. Dr. Koch so­wie die eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Dr. Bro­cker und Schus­ter für Recht er­kannt:

1. Auf die Re­vi­si­on des Klägers wird das Ur­teil des Lan­des­ar­beits­ge­richts Hamm vom 31. März 2010 - 3 Sa 53/10 - teil­wei­se auf­ge­ho­ben und zur Klar­stel­lung wie folgt neu ge­fasst:

Auf die Be­ru­fung des Klägers wird das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Ha­gen vom 9. De­zem­ber 2009 - 3 Ca 1523/09 - teil­wei­se ab­geändert.

a) Die Be­klag­te wird ver­ur­teilt, an den Kläger wei­te­re 2.864,42 Eu­ro brut­to zu zah­len. Im Übri­gen wird die Kla­ge ab­ge­wie­sen.

b) Die wei­ter­ge­hen­de Be­ru­fung des Klägers und die Be­ru­fung der Be­klag­ten wer­den zurück­ge­wie­sen.

c) Von den Kos­ten des Rechts­streits ers­ter In­stanz hat der Kläger 3/5 und die Be­klag­te 2/5, von den Kos­ten der Be­ru­fung hat der Kläger 1/4 und die Be­klag­te 3/4 zu tra­gen.

2. Im Übri­gen wird die Re­vi­si­on des Klägers zurück­ge­wie­sen.

3. Der Kläger hat 1/4 und die Be­klag­te 3/4 der Kos­ten des Re­vi­si­ons­ver­fah­rens zu tra­gen.

Von Rechts we­gen!

Tat­be­stand

Die Par­tei­en strei­ten über die Zah­lung ei­nes Nach­teils­aus­gleichs. 


Der Kläger ist Bo­den­le­ger­hel­fer. Er war bei der Be­klag­ten, die ein Un­ter­neh­men be­treibt, das sich mit dem Ver­kauf und dem Ver­le­gen von Bo­den­belägen be­fasst, seit No­vem­ber 2000 zu ei­nem St­un­den­lohn von zu­letzt 11,00 Eu­ro brut­to bei ei­ner re­gelmäßigen wöchent­li­chen Ar­beits­zeit von 40 St­un­den an­ge­stellt.
 


- 3 -

Die Be­klag­te beschäftig­te bis Mai 2009 re­gelmäßig 20 ei­ge­ne Ar­beit­neh­mer. In der Zeit vom 3. No­vem­ber 2008 bis zum 15. Sep­tem­ber 2009 war bei ihr darüber hin­aus ei­ne Leih­ar­beit­neh­me­rin ein­ge­setzt.

En­de Mai 2009 kündig­te die Be­klag­te den Kläger so­wie zehn wei­te­re Ar­beit­neh­mer zum 30. Sep­tem­ber 2009 aus be­triebs­be­ding­ten Gründen. Zu­vor hat­te sie den bei ihr ge­bil­de­ten Be­triebs­rat über die be­ab­sich­tig­ten Kündi­gun­gen un­ter­rich­tet, den Ver­such ei­nes In­ter­es­sen­aus­gleichs je­doch ab­ge­lehnt. Die Kündi­gungs­schutz­kla­ge des Klägers wur­de durch das Ar­beits­ge­richt rechts­kräftig ab­ge­wie­sen.


Der Kläger hat gel­tend ge­macht, ihm ste­he gemäß § 113 Abs. 3 Be­trVG ein Nach­teils­aus­gleich zu, weil die Be­klag­te auf­grund ih­rer Un­ter­neh­mens­größe ei­nen In­ter­es­sen­aus­gleich hätte ver­su­chen müssen. Bei der Be­rech­nung der Ab­fin­dung sei­en zwei Drit­tel ei­nes Brut­to­mo­nats­ge­halts pro Beschäfti­gungs­jahr in An­satz zu brin­gen.

Der Kläger hat zu­letzt be­an­tragt, 


die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, ihm ei­nen Nach­teils­aus­gleich zu zah­len, des­sen Höhe in das Er­mes­sen des Ge­richts ge­stellt wird, je­doch nicht un­ter 11.431,20 Eu­ro.

Die Be­klag­te hat zur Be­gründung ih­res Kla­ge­ab­wei­sungs­an­trags aus­geführt, sie ha­be re­gelmäßig nicht mehr als 20 Ar­beit­neh­mer beschäftigt. Leih­ar­beit­neh­mer sei­en bei der Er­mitt­lung der Beschäftig­ten­zahl in § 111 Satz 1 Be­trVG nicht zu berück­sich­ti­gen. Der ge­for­der­te Nach­teils­aus­gleich sei zu­dem überhöht.

Das Ar­beits­ge­richt hat die Be­klag­te zur Zah­lung ei­ner Ab­fin­dung in Höhe von 5.715,60 Eu­ro, was ei­nem Drit­tel ei­nes Brut­to­mo­nats­ge­halts pro Beschäfti­gungs­jahr ent­spricht, ver­ur­teilt. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat die Kla­ge ab­ge­wie­sen. Mit der Re­vi­si­on ver­folgt der Kläger sein Zah­lungs­be­geh­ren wei­ter.
 


- 4 -

Ent­schei­dungs­gründe

Die Re­vi­si­on ist über­wie­gend be­gründet. Der Kläger hat ge­gen die Be­klag­te ei­nen An­spruch auf Nach­teils­aus­gleich in Höhe von ins­ge­samt 8.580,02 Eu­ro. Die wei­ter­ge­hen­de Kla­ge ist un­be­gründet.

I. Die Kla­ge ist zulässig. Der An­trag ist hin­rei­chend be­stimmt iSd. § 253 Abs. 2 Nr. 2 ZPO. Der Kläger brauch­te die Höhe der von ihm ge­for­der­ten Ab­fin­dung nicht kon­kret be­zif­fern, son­dern konn­te sie in das Er­mes­sen des Ge­richts stel­len. Nach § 113 Abs. 1 Be­trVG gilt für die Be­mes­sung der Höhe der Ab­fin­dung § 10 KSchG ent­spre­chend. In­ner­halb der dort fest­ge­leg­ten Höchst­gren­zen ent­schei­det das Ge­richt nach bil­li­gem Er­mes­sen. Dem Be­stimmt­heits­er­for­der­nis ist des­halb genügt, wenn - wie hier - die für die Be­mes­sung der Ab­fin­dung maßgeb­li­chen Umstände mit­ge­teilt wer­den (BAG 9. No­vem­ber 2010 - 1 AZR 708/09 - Rn. 9, EzA Be­trVG 2001 § 111 Nr. 6).

II. Der Kläger hat ei­nen An­spruch auf Zah­lung ei­ner Ab­fin­dung als Nach­teils­aus­gleich gemäß § 113 Abs. 3 iVm. Abs. 1 Be­trVG. Die Be­klag­te hat mit der Ent­las­sung von elf Ar­beit­neh­mern ei­ne Be­triebsände­rung iSd. § 111 Satz 3 Nr. 1 Be­trVG durch­geführt, oh­ne hierüber mit dem Be­triebs­rat ei­nen In­ter­es­sen­aus­gleich ver­sucht zu ha­ben.

1. Nach § 111 Satz 1 Be­trVG hat der Ar­beit­ge­ber in Un­ter­neh­men mit in der Re­gel mehr als 20 wahl­be­rech­tig­ten Ar­beit­neh­mern den Be­triebs­rat über ge­plan­te Be­triebsände­run­gen, die we­sent­li­che Nach­tei­le für die Be­leg­schaft oder er­heb­li­che Tei­le der Be­leg­schaft zur Fol­ge ha­ben können, recht­zei­tig und um­fas­send zu un­ter­rich­ten und die ge­plan­ten Be­triebsände­run­gen mit ihm zu be­ra­ten. Gemäß § 111 Satz 3 Nr. 1 Be­trVG gilt die Ein­schränkung des gan­zen Be­triebs oder von we­sent­li­chen Be­triebs­tei­len als Be­triebsände­rung iSd. Sat­zes 1. Ei­ne Be­triebs­ein­schränkung kann da­bei auch durch bloßen Per­so­nal­ab­bau er­fol­gen, der die Zah­len­größen des § 17 Abs. 1 KSchG über­steigt (BAG 9. No­vem­ber 2010 - 1 AZR 708/09 - Rn. 14, EzA Be­trVG 2001 § 111 Nr. 6). Da­zu müssen in Be­trie­ben mit mehr als 20 und we­ni­ger als 60 Ar­beit­neh­mern
 


- 5 -

mehr als fünf Ar­beit­neh­mer in­fol­ge der Be­triebsände­rung ih­ren Ar­beits­platz ver­lie­ren.

2. Die Un­ter­rich­tungs- und Be­ra­tungs­pflicht des Ar­beit­ge­bers nach § 111 Satz 1 Be­trVG be­steht, wenn zum Zeit­punkt des Ent­ste­hens der Be­tei­li­gungs­rech­te des Be­triebs­rats in dem Un­ter­neh­men mehr als 20 wahl­be­rech­tig­te Ar­beit­neh­mer beschäftigt sind. Im Fal­le der Be­triebs­still­le­gung oder der Be­triebs­ein­schränkung ist der Zeit­punkt des ent­spre­chen­den Ent­schlus­ses des Ar­beit­ge­bers maßge­bend (vgl. BAG 16. No­vem­ber 2004 - 1 AZR 642/03 - zu I 1 der Gründe, AP Be­trVG 1972 § 111 Nr. 58 = EzA Be­trVG 2001 § 111 Nr. 2). Nach­dem die Be­klag­te am 20. Mai 2009 den Be­triebs­rat zur Kündi­gung des Klägers und zehn wei­te­rer Ar­beit­neh­mer an­gehört hat­te, ist für die Er­mitt­lung der Un­ter­neh­mens­größe von der Beschäftig­ten­zahl Mit­te Mai 2009 aus­zu­ge­hen. Zu die­ser Zeit beschäftig­te die Be­klag­te in ih­rem Un­ter­neh­men un­strei­tig 20 ei­ge­ne Ar­beit­neh­mer und ei­ne Leih­ar­beit­neh­me­rin.


3. Bei der Er­mitt­lung des Schwel­len­werts von 20 wahl­be­rech­tig­ten Ar­beit­neh­mern sind Leih­ar­beit­neh­mer, die länger als drei Mo­na­te im Un­ter­neh­men ein­ge­setzt sind, mit­zuzählen, ob­wohl sie nicht in ei­nem Ar­beits­verhält­nis zum Ent­lei­her ste­hen.


a) Für ein sol­ches Norm­verständ­nis spricht be­reits der Wort­laut des § 111 Satz 1 Be­trVG. Leih­ar­beit­neh­mer sind Ar­beit­neh­mer und nach § 7 Satz 2 Be­trVG im Be­trieb des Ent­lei­hers wahl­be­rech­tigt, wenn sie dort länger als drei Mo­na­te ein­ge­setzt wer­den. Dies legt na­he, die­sen Per­so­nen­kreis bei der Er­mitt­lung des Schwel­len­werts in § 111 Satz 1 Be­trVG mit­zu­berück­sich­ti­gen (in die­sem Sin­ne auch Fit­ting 25. Aufl. § 111 Rn. 25; Oet­ker GK-Be­trVG 9. Aufl. § 111 Rn. 26 mwN).

b) Rechts­sys­te­ma­tisch ist al­ler­dings zu be­ach­ten, dass nach der Recht­spre­chung des Sieb­ten Se­nats des Bun­des­ar­beits­ge­richts zu den be­triebs­ver­fas­sungs­or­ga­ni­sa­to­ri­schen Schwel­len­wer­ten des § 9 Be­trVG Leih­ar­beit­neh­mer kei­ne Ar­beit­neh­mer des Ent­lei­her­be­triebs iSd. § 9 Be­trVG sind. Bei der Fest­stel­lung der Be­leg­schaftsstärke im Sin­ne die­ser Be­stim­mung sei­en nur be-

- 6 -

triebs­an­gehöri­ge Ar­beit­neh­mer, die in ei­nem Ar­beits­verhält­nis zum Be­triebs­in­ha­ber ste­hen und in des­sen Be­triebs­or­ga­ni­sa­ti­on ein­ge­glie­dert sind, zu berück­sich­ti­gen. Die­se Vor­aus­set­zun­gen erfüll­ten Leih­ar­beit­neh­mer nicht (BAG 10. März 2004 - 7 ABR 49/03 - zu B I 1 a aa der Gründe mwN, BA­GE 110, 27).

c) Das zu § 9 Be­trVG ent­wi­ckel­te Verständ­nis des Be­griffs „wahl­be­rech­tig­te Ar­beit­neh­mer“ kann je­doch nicht oh­ne Berück­sich­ti­gung des je­wei­li­gen Norm­zwecks auf an­de­re Vor­schrif­ten, in de­nen die­ser Be­griff ent­hal­ten ist, über­tra­gen wer­den.


aa) Zweck des § 9 Be­trVG ist si­cher­zu­stel­len, dass die Zahl der Be­triebs­rats­mit­glie­der in ei­nem an­ge­mes­se­nen Verhält­nis zur Zahl der be­triebs­an­gehöri­gen Ar­beit­neh­mer steht, de­ren In­ter­es­sen und Rech­te der Be­triebs­rat zu wah­ren hat. Nur für die­se hat der Be­triebs­rat sämt­li­che nach dem Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­setz be­ste­hen­den Mit­be­stim­mungs­rech­te wahr­zu­neh­men (BAG 10. März 2004 - 7 ABR 49/03 - zu B I 1 a bb der Gründe mwN, BA­GE 110, 27). Dem­ge­genüber be­zweckt der Schwel­len­wert in § 111 Satz 1 Be­trVG, klei­ne­re Un­ter­neh­men vor ei­ner fi­nan­zi­el­len Über­for­de­rung durch So­zi­alpläne zu schützen (da­zu BAG 9. No­vem­ber 2010 - 1 AZR 708/09 - Rn. 18, EzA Be­trVG 2001 § 111 Nr. 6). Mit ihm soll der wirt­schaft­li­chen Leis­tungsfähig­keit des Un­ter­neh­mens Rech­nung ge­tra­gen wer­den. Die­se hat der Ge­setz­ge­ber in § 111 Satz 1 Be­trVG pau­scha­lie­rend nach der An­zahl der im Un­ter­neh­men beschäftig­ten wahl­be­rech­tig­ten Ar­beit­neh­mer be­mes­sen, oh­ne da­bei - wie et­wa in § 23 Abs. 1 Satz 4 KSchG - nach dem Beschäfti­gungs­um­fang zu un­ter­schei­den.


bb) An­ge­sichts die­ser un­ter­schied­li­chen Zwe­cke der Schwel­len­wer­te in § 9 und § 111 Be­trVG ist ei­ne dif­fe­ren­zier­te Aus­le­gung des Be­griffs „wahl­be­rech­tig­te Ar­beit­neh­mer“ ge­bo­ten. Bei ei­ner am Schutz vor fi­nan­zi­el­ler Über­for­de­rung klei­ne­rer Un­ter­neh­men ori­en­tier­ten Aus­le­gung die­ses Tat­be­stands­merk­mals in § 111 Satz 1 Be­trVG ist zu berück­sich­ti­gen, dass Leih­ar­beit­neh­mer wie be­triebs­an­gehöri­ge Ar­beit­neh­mer Ar­beitsplätze be­set­zen und dem Wei­sungs­recht des Ent­lei­hers un­ter­lie­gen. Die­ser zahlt den Leih­ar­beit­neh­mern zwar kein Ar­beits­ent­gelt, er hat je­doch dem Ver­lei­h­un­ter­neh­men das ver­ein­bar­te Ent­gelt für die je­wei­li­ge Ar­beit­neh­merüber­las­sung zu ent­rich­ten. Auch in­so­weit ents­te-


- 7 -

hen dem Ar­beit­ge­ber da­her per­so­nen­be­zo­ge­ne Per­so­nal­kos­ten. Für die Be­stim­mung der wirt­schaft­li­chen Leis­tungsfähig­keit des Un­ter­neh­mens macht es des­halb kei­nen Un­ter­schied, ob die Ar­beitsplätze mit ei­ge­nen Ar­beit­neh­mern oder Leih­ar­beit­neh­mern be­setzt sind. Maßgeb­lich ist al­lein die „Kopf­zahl“ der als Ar­beit­neh­mer beschäftig­ten Per­so­nen. Der Zweck des Schwel­len­werts in § 111 Satz 1 Be­trVG steht des­halb ei­ner Berück­sich­ti­gung von Leih­ar­beit­neh­mern bei der Er­mitt­lung der Be­leg­schaftsstärke nicht ent­ge­gen. Er ver­langt die­se viel­mehr, weil nur so si­cher­ge­stellt wird, dass die Be­tei­li­gungs­rech­te des Be­triebs­rats und die Rech­te der be­triebs­an­gehöri­gen Ar­beit­neh­mer aus §§ 111, 112 Be­trVG bei ei­nem nach der ge­setz­li­chen Wer­tung als aus­rei­chend leis­tungsfähig an­zu­se­hen­den Un­ter­neh­men in An­spruch ge­nom­men wer­den können (eben­so im Er­geb­nis Fit­ting § 111 Rn. 25; Ri­char­di/An­nuß Be­trVG 12. Aufl. § 111 Rn. 23 - so­wie zu § 106 Rn. 11; Oet­ker GK-Be­trVG § 111 Rn. 26; HSW­GNR/Hess Be­trVG 8. Aufl. § 111 Rn. 40; DKKW/Däubler 12. Aufl. § 111 Rn. 25; HWK/Ho­hen­statt/Wil­lem­sen 4. Aufl. § 111 Be­trVG Rn. 14).

d) Leih­ar­beit­neh­mer sind bei der Er­mitt­lung des Schwel­len­werts in § 111 Satz 1 Be­trVG al­ler­dings nur zu berück­sich­ti­gen, wenn sie „wahl­be­rech­tigt“ sind. Er­for­der­lich ist da­her, dass sie ent­spre­chend § 7 Satz 2 Be­trVG länger als drei Mo­na­te in dem Be­trieb ein­ge­setzt sind.

4. Eben­so wie be­triebs­an­gehöri­ge Ar­beit­neh­mer sind Leih­ar­beit­neh­mer bei der Fest­stel­lung der Be­leg­schaftsstärke nach § 111 Satz 1 Be­trVG auch nur mit­zuzählen, wenn sie zu den „in der Re­gel“ Beschäftig­ten gehören. Maßgeb­lich ist da­mit die Per­so­nalstärke, die für das Un­ter­neh­men im All­ge­mei­nen kenn­zeich­nend ist, und nicht, wie vie­le Ar­beit­neh­mer dem Un­ter­neh­men im Zeit­punkt der Ent­schei­dung über die Be­triebsände­rung zufällig an­gehören. Die Fest­stel­lung der maßgeb­li­chen Un­ter­neh­mens­größe er­for­dert re­gelmäßig so­wohl ei­nen Rück­blick als auch ei­ne Pro­gno­se. Wer­den Ar­beit­neh­mer nicht ständig, son­dern le­dig­lich zeit­wei­lig beschäftigt, kommt es für die Fra­ge der re­gelmäßigen Beschäfti­gung dar­auf an, ob sie nor­ma­ler­wei­se während des größten Teils ei­nes Jah­res, dh. länger als sechs Mo­na­te beschäftigt wer­den
 


- 8 -

(BAG 16. No­vem­ber 2004 - 1 AZR 642/03 - zu I 3 der Gründe, AP Be­trVG 1972 § 111 Nr. 58 = EzA Be­trVG 2001 § 111 Nr. 2).


5. Nach die­sen Grundsätzen beschäftig­te die Be­klag­te zum Zeit­punkt ih­rer Ent­schei­dung, elf Ar­beit­neh­mern zu kündi­gen, mehr als 20 wahl­be­rech­tig­te Ar­beit­neh­mer. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat zu Un­recht die ne­ben den 20 be­triebs­an­gehöri­gen Beschäftig­ten vom 3. No­vem­ber 2008 bis zum 15. Sep­tem­ber 2009 bei der Be­klag­ten ein­ge­setz­te Leih­ar­beit­neh­me­rin nicht mit­gezählt. Die­se war ei­ne wahl­be­rech­tig­te Ar­beit­neh­me­rin iSd. § 111 Satz 1 Be­trVG. Dass sie nach dem - vom Kläger be­strit­te­nen - Vor­trag der Be­klag­ten nur vorüber­ge­hend zur Auf­ar­bei­tung der Buch­hal­tung im Zu­ge der Fremd­ver­ga­be von Buchführungs­auf­ga­ben beschäftigt wer­den soll­te, ist da­bei un­er­heb­lich, denn sie war Mit­te Mai 2009 be­reits mehr als ein hal­bes Jahr bei der Be­klag­ten tätig und ein En­de ih­res Ein­sat­zes war auch nach de­ren Dar­le­gun­gen zum Zeit­punkt der Ent­schei­dung über die Ent­las­sung der elf Ar­beit­neh­mer nicht kon­kret ab­seh­bar. Die be­triebs­be­ding­te Kündi­gung von elf Ar­beit­neh­mern stellt ei­ne Be­triebsände­rung iSd. § 111 Satz 3 Nr. 1 Be­trVG dar. Hier­durch wur­den die Zah­len- und Pro­zent­an­ga­ben in § 17 Abs. 1 KSchG deut­lich über­schrit­ten. Die Be­klag­te war des­halb auch ver­pflich­tet, mit dem Be­triebs­rat ei­nen In­ter­es­sen­aus­gleich zu ver­su­chen.

6. Das Ur­teil des Lan­des­ar­beits­ge­richts ist da­nach gemäß § 562 Abs. 1 ZPO auf­zu­he­ben. Es be­darf je­doch kei­ner Zurück­ver­wei­sung an das Be­ru­fungs­ge­richt, der Se­nat kann viel­mehr gemäß § 563 Abs. 3 ZPO in der Sa­che selbst ent­schei­den. Die für die Be­mes­sung der Ab­fin­dungshöhe nach § 113 Abs. 1 Halbs. 2 Be­trVG iVm. § 10 KSchG er­for­der­li­chen Tat­sa­chen hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt fest­ge­stellt, wei­te­rer Sach­vor­trag hier­zu ist nicht zu er­war­ten.

a) Die Be­mes­sung der Ab­fin­dungshöhe hat gemäß § 113 Abs. 1 Halbs. 2 Be­trVG iVm. § 10 KSchG un­ter Berück­sich­ti­gung des Le­bens­al­ters und der Be­triebs­zu­gehörig­keit zu er­fol­gen. Bei der Er­mes­sens­ent­schei­dung sind die Ar­beits­markt­chan­cen und das Aus­maß des be­triebs­ver­fas­sungs­wid­ri­gen Ver­hal­tens zu be­ach­ten (BAG 22. Ju­li 2003 - 1 AZR 541/02 - zu B II 1 der Gründe,
 


- 9 -

BA­GE 107, 91). Der Sank­ti­ons­cha­rak­ter der Ab­fin­dung führt da­zu, dass der Ab­fin­dungs­an­spruch nicht von der fi­nan­zi­el­len Leis­tungsfähig­keit oder in­di­vi­du­el­len Leis­tungs­be­reit­schaft des Ar­beit­ge­bers abhängt (Se­nat 20. No­vem­ber 2001 - 1 AZR 97/01 - zu II 1 c der Gründe, BA­GE 99, 377).


b) Nach die­sen Grundsätzen ist bei der Be­mes­sung der Höhe der Ab­fin­dung von durch­schnitt­li­chen Ar­beits­markt­chan­cen des zum Zeit­punkt des Aus­schei­dens aus dem Be­trieb der Be­klag­ten 42 Jah­re al­ten Klägers aus­zu­ge­hen. Für ei­ne an­de­re Be­wer­tung gibt es kei­ne An­halts­punk­te. Zu Las­ten der Be­klag­ten ist zu berück­sich­ti­gen, dass sie trotz Auf­for­de­rung durch den Be­triebs­rat kei­ne An­stren­gun­gen zum Ab­schluss ei­nes In­ter­es­sen­aus­gleichs un­ter­nom­men hat. Ihr ist da­bei je­doch zu­gu­te­zu­hal­ten, dass die Rechts­fra­ge, ob Leih­ar­beit­neh­mer bei der Er­mitt­lung der Be­leg­schaftsstärke iSd. § 111 Satz 1 Be­trVG mit­zuzählen sind, zum Zeit­punkt ih­rer un­ter­neh­me­ri­schen Ent­schei­dung un­geklärt war. Un­ter Berück­sich­ti­gung die­ser Umstände be­misst sich die dem Kläger zu­ste­hen­de Ab­fin­dung nach dem Re­gel­wert von ei­nem hal­ben Brut­to­mo­nats­ge­halt pro Beschäfti­gungs­jahr. Bei ei­nem St­un­den­lohn von 11,00 Eu­ro brut­to und ei­ner wöchent­li­chen Ar­beits­zeit von 40 St­un­den er­gibt sich ein durch­schnitt­li­cher Brut­to­mo­nats­ver­dienst iHv. 1.906,67 Eu­ro. Un­ter Berück­sich­ti­gung von neun Beschäfti­gungs­jah­ren beträgt die Ab­fin­dung da­mit ins­ge­samt 8.580,02 Eu­ro.

Schmidt 

Koch 

Linck

Bro­cker 

N. Schus­ter

Auf Facebook teilen Auf Google+ teilen Ihren XING-Kontakten zeigen Beitrag twittern

 


zur Übersicht 1 AZR 335/10  

Kontakt

Sie erreichen uns jeweils von Montag bis Freitag in der Zeit
von 09:00 bis 19:00 Uhr:

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Berlin

Lützowstraße 32
10785 Berlin

Telefon: 030 - 26 39 62 0
Telefax: 030 - 26 39 62 499

E-Mail: berlin@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwalt Dr. Martin Hensche
Fachanwalt für Arbeitsrecht

Rechtsanwalt Christoph Hildebrandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht

Rechtsanwältin Nina Wesemann
Fachanwältin für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Frankfurt am Main

Schumannstraße 27
60325 Frankfurt am Main

Telefon: 069 - 71 03 30 04
Telefax: 069 - 71 03 30 05

E-Mail: frankfurt@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwältin Maike Roters
Fachanwältin für Arbeitsrecht
Fachanwältin für Sozialrecht

Rechtsanwalt Thomas Becker



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Hamburg

Neuer Wall 10
20354 Hamburg

Telefon: 040 - 69 20 68 04
Telefax: 040 - 69 20 68 08

E-Mail: hamburg@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwalt Sebastian Schroeder
Fachanwalt für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Hannover

Georgstraße 38
30159 Hannover

Telefon: 0511 - 899 77 01
Telefax: 0511 - 899 77 02

E-Mail: hannover@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Nina Wesemann
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwalt Christoph Hildebrandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Köln

Hohenstaufenring 62
50674 Köln

Telefon: 0221 - 709 07 18
Telefax: 0221 - 709 07 31

E-mail: koeln@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwalt Thomas Becker

Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwältin Maike Roters
Fachanwältin für Arbeitsrecht
Fachanwältin für Sozialrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei München

Ludwigstraße 8
80539 München

Telefon: 089 - 21 56 88 63
Telefax: 089 -21 56 88 67

E-Mail: muenchen@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Nora Schubert

Rechtsanwalt Christoph Hildebrandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Nürnberg

Zeltnerstraße 3
90443 Nürnberg

Telefon: 0911 - 953 32 07
Telefax: 0911 - 953 32 08

E-Mail: nuernberg@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Nora Schubert

Rechtsanwalt Christoph Hildebrandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Stuttgart

Königstraße 10c
70173 Stuttgart

Telefon: 0711 - 470 97 10
Telefax: 0711 - 470 97 96

E-Mail: stuttgart@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Maike Roters
Fachanwältin für Arbeitsrecht
Fachanwältin für Sozialrecht

Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwalt Thomas Becker

Presse Karriere Links A bis Z Sitemap Impressum
Gebühren­freie Hot­line: 0800 - 440 1 880