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Job­cen­ter wol­len kran­ke Hartz-IV-Emp­fän­ger schär­fer kon­trol­lie­ren

End­lich Aus­sicht auf ei­nen Job und den Aus­stieg aus Hartz IV: Zum Vor­stel­lungs­ge­spräch kommt es aber nicht, we­gen ei­ner Er­kran­kung - echt oder vor­ge­täuscht. Wer so mehr­fach An­stel­lun­gen ver­spielt, den neh­men die Job­cen­ter jetzt ge­nau­er un­ter die Lu­pe

09.04.2013. (dpa) - Hartz-IV-Emp­fän­ger, die häu­fig Job­cen­ter-Ter­mi­ne oder Vor­stel­lungs­ge­sprä­che we­gen ei­ner Er­kran­kung plat­zen las­sen, müs­sen sich auf schär­fe­re Kon­trol­len ein­stel­len.

Über­führ­ten Blau­ma­chern soll das Ar­beits­lo­sen­geld ge­kürzt wer­den. Bei ei­ner Häu­fung von Kurz­er­kran­kun­gen sind Job­cen­ter seit dem 1. April an­ge­wie­sen, den Me­di­zi­ni­schen Dienst der Kran­ken­kas­sen ein­zu­schal­ten.

Grund­la­ge sei ei­ne Ver­ein­ba­rung zwi­schen der Bun­des­agen­tur, den Kom­mu­nen und den ge­setz­li­chen Kran­ken­kas­sen, sag­te ei­ne Spre­che­rin der Bun­des­agen­tur für Ar­beit (BA), die ei­nen ent­spre­chen­den Be­richt der "Bild-Zei­tung" (Mon­tag) be­stä­tig­te. Es gibt viel Kri­tik.

Zah­len dar­über, wie oft wich­ti­ge Ter­mi­ne von Ar­beits­su­chen­den we­gen kurz­fris­ti­ger Er­kran­kun­gen plat­zen, lie­gen der Bun­des­agen­tur nicht vor. Dass es sol­che Fäl­le ge­be, sei aber in den Job­cen­tern un­strit­tig, sag­te die BA-Spre­che­rin.

Die Ver­mitt­ler hät­ten schon im­mer die Mög­lich­keit ge­habt, den Me­di­zi­ni­schen Dienst der Kran­ken­kas­sen ein­zu­schal­ten. "Mit der Ver­ein­ba­rung ist nun der Ver­fah­rens­ab­lauf, die Kos­ten­fra­ge und die Da­ten­über­mitt­lung zwi­schen den Job­cen­tern und Kran­ken­kas­sen kla­rer ge­re­gelt."

Form­blät­ter mach­ten ei­ne Ge­sund­heits­prü­fung zu ei­nem ernst­zu­neh­men­den Kon­troll­in­stru­ment - von dem sich die BA ei­ne prä­ven­ti­ve Wir­kung er­hof­fe. "Wir sa­gen den Ver­mitt­lern ganz klar: Lasst euch nicht von Leu­ten auf der Na­se her­um­tan­zen, die im­mer dann krank sind, wenn wir mit ih­nen et­was vor­ha­ben", sag­te die Spre­che­rin.

Für den Lin­ken-Po­li­ti­ker Klaus Ernst ist die BA-An­ord­nung "ei­ne An­ma­ßung und Aus­druck ei­ner Un­kul­tur des Miss­trau­ens". Die Ent­schei­dung, ei­nen Pa­ti­en­ten krank­zu­schrei­ben, tref­fe im­mer noch der Arzt und nicht die BA. "Hier wird ganz of­fen­sicht­lich nur nach ei­nem zu­sätz­li­chen Vor­wand ge­sucht, um Geld ein­zu­spa­ren", sag­te Ernst, der Mit­glied im Wahl­kampf­team sei­ner Par­tei ist.

Links­par­tei-Che­fin Kat­ja Kip­ping kün­dig­te in den Zei­tun­gen der "WAZ"-Grup­pe (Diens­tag) an, ih­re Par­tei wer­de "al­le ju­ris­ti­schen und po­li­ti­schen He­bel nut­zen, um das zu kip­pen". "Schnüf­fe­lei im Ärz­te­zim­mer ist in­ak­zep­ta­bel."

Auch Grü­nen-Che­fin Clau­dia Roth kri­ti­sier­te die ver­schärf­ten Kon­trol­len. "Wir hal­ten das für den fal­schen Weg", sag­te sie in Ber­lin. "Das För­dern muss wie­der in den Vor­der­grund, es muss mehr An­ge­bo­te ge­ben." Die Grü­nen plä­die­ren des­halb da­für, die Sank­tio­nen bis zu ei­ner Re­form des Hartz-IV-Sys­tems aus­zu­set­zen.

Der Vor­sit­zen­de der Kas­sen­ärzt­li­chen Bun­des­ver­ei­ni­gung (KBV), An­dre­as Köh­ler, sprach sich eben­falls ge­gen die Maß­nah­men aus: Die Bun­des­agen­tur sei da­bei, "durch bü­ro­kra­ti­sche Kon­troll­maß­nah­men un­ge­recht­fer­tig­tes Miss­trau­en ge­gen die Ärz­te­schaft" zu schü­ren. At­tes­te und Krank­schrei­bun­gen wür­den un­ter me­di­zi­ni­schen Ge­sichts­punk­ten aus­ge­stellt.

Mit den ver­schärf­ten Kon­trol­len re­agie­ren die Job­cen­ter der BA-Spre­che­rin zu­fol­ge kei­nes­wegs auf ei­ne Zu­nah­me von Er­kran­kun­gen oder ei­ne auf­fäl­li­ge Häu­fung frag­wür­di­ger Krank­mel­dun­gen un­ter Hartz-IV-Emp­fän­gern. Im März hät­ten sich et­wa 68 000 von ih­nen krank­ge­mel­det - der Höchst­stand seit Ja­nu­ar 2012. "Das hängt aber wohl eher da­mit zu­sam­men, dass in die­sem Früh­jahr die Zahl der Er­kran­kun­gen in der gan­zen Ge­sell­schaft hoch ist."

Das Er­werbs­lo­sen­fo­rum Deutsch­land in Bonn rüg­te die ver­schärf­ten Ge­sund­heits­kon­trol­len als "neue Hetz­kam­pa­gne" ge­gen Be­zie­her von Hartz IV. Sie zeig­ten, wie un­sen­si­bel die Bun­des­agen­tur mit kran­ken Men­schen um­ge­he, er­klär­te Spre­cher Mar­tin Behrs­ing. Ge­ra­de Men­schen in Ar­mut sei­en si­gni­fi­kant häu­fi­ger krank.

Nä­he­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 17. September 2014

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