Gebühren­freie Hot­line: 0800 - 440 1 880
Arbeitsrecht aktuell
Jahr

Ka­ren­zent­schä­di­gung nach Er­mes­sen des Ar­beit­ge­bers

Ein Wett­be­werbs­ver­bot, das die Hö­he der Ka­ren­zent­schä­di­gung in das Er­mes­sen des Ar­beit­ge­bers stellt, ist nicht von vorn­her­ein nich­tig: Lan­des­ar­beits­ge­richt Nie­der­sach­sen, Ur­teil vom 09.01.2013, 16 Sa 563/12

29.07.2013. Mit ei­nem nach­ver­trag­li­chen Wett­be­werbs­ver­bot ver­pflich­tet sich der Ar­beit­neh­mer ge­gen Zah­lung ei­ner Ka­ren­zent­schä­di­gung da­zu, auch nach Be­en­di­gung des Ar­beits­ver­hält­nis­ses nicht in Kon­kur­renz zu sei­nem (Ex-)Ar­beit­ge­ber zu tre­ten.

Be­trägt die ver­ein­bar­te Ka­ren­zent­schä­di­gung nicht ent­spre­chend § 74 Abs.2 Han­dels­gestz­buch (HGB) min­des­tens die Hälf­te der zu­letzt be­zo­ge­nen ver­trags­mä­ßi­gen Leis­tun­gen, ist das Wett­be­werbs­ver­bot un­ver­bind­lich, so dass der Ar­beit­neh­mer wäh­len kann, ob er sich dar­an hal­ten möch­te (trotz ge­rin­ger Ent­schä­di­gung) oder nicht (dann ist er frei, kriegt aber na­tür­lich kein Geld).

Ver­ein­ba­ren die Par­tei­en über­haupt kei­ne Ka­ren­zent­schä­di­gung, ist das Wett­be­werbs­ver­bot nich­tig, d.h. es hat von vorn­her­ein kei­ner­lei Rechts­wir­kun­gen.

Frag­lich ist, ob ein Wett­be­werbs­ver­bot die Hö­he der Ka­ren­zent­schä­di­gung kom­plett in das Er­mes­sen des Ar­beit­ge­bers stel­len kann, d.h. ob in die­sem Fall ei­ne Ver­ein­ba­rung über die Ka­ren­zent­schä­di­gung vor­liegt oder nicht. Zu die­ser Fra­ge hat sich das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Nie­der­sach­sen in ei­ner ak­tu­el­len Ent­schei­dung ge­äu­ßert: LAG Nie­der­sach­sen, Ur­teil vom 09.01.2013, 16 Sa 563/12.

Liegt eine Vereinbarung einer Karenzentschädigung vor, wenn deren Höhe in das Ermessen des Arbeitgebers gestellt wird?

Nach der Recht­spre­chung ist ein Wett­be­werbs­ver­bot nich­tig, wenn die Par­tei­en über­haupt kei­ne Ver­ein­ba­rung über die Ka­ren­zentschädi­gung ge­trof­fen ha­ben.

So fin­det man z.B. oft in Ar­beits­verträgen Klau­seln, de­nen zu­fol­ge sich der Ar­beit­neh­mer oh­ne Ge­gen­leis­tung da­zu ver­pflich­tet, auch nach Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses die Kun­den des (Ex-)Ar­beit­ge­bers nicht zu kon­tak­tie­ren oder mit ih­nen Geschäfte zu ma­chen. Sol­che Klau­seln sind nich­tig und brin­gen dem Ar­beit­ge­ber recht­lich nichts.

Frag­lich ist, was man von ei­ner Ver­ein­ba­rung hal­ten soll, die den Ar­beit­ge­ber zwar zur Zah­lung ei­ner Ka­ren­zentschädi­gung ver­pflich­tet, de­ren Höhe aber sei­nem Er­mes­sen überlässt. Ist ei­ne sol­che Klau­sel als ei­ne Ver­ein­ba­rung über ei­ne Ka­ren­zentschädi­gung an­zu­se­hen oder nicht? Falls nicht, wäre die ge­sam­te Wett­be­werbs­ver­ein­ba­rung nich­tig.

Der Streitfall: Firma verpflichtet sich zur Zahlung einer Entschädigung, die "in ihr Ermessen gestellt" wird

In dem vom LAG Nie­der­sach­sen ent­schie­de­nen Fall hat­ten ein Fut­ter­mit­tel­pro­du­zent und ein Ex­port­ver­triebs­mit­ar­bei­ter Streit mit­ein­an­der. Der Ver­trieb­ler hat­te im Ja­nu­ar 2008 an­ge­fan­gen, konn­te aber die bei sei­ner Ein­stel­lung be­spro­che­nen Ver­triebs­zah­len nicht er­rei­chen. Da­her wur­de er Mit­te 2010 gekündigt.

Der Ar­beits­ver­trag ent­hielt ei­ne Wett­be­werbs­ver­ein­ba­rung. De­ren ers­ten zwei Absätze lau­te­ten:

"Der Mit­ar­bei­ter ver­pflich­tet sich, nach Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses für die Dau­er von 2 Jah­ren für kein Kon­kur­renz­un­ter­neh­men selbstständig und un­selbstständig tätig zu wer­den.

Die Fir­ma ver­pflich­tet sich, dem Mit­ar­bei­ter für die Dau­er des Wett­be­werbs­ver­bots ei­ne Entschädi­gung zu zah­len, die in ihr Er­mes­sen ge­stellt wird. Die Ka­ren­zentschädi­gung ist fällig am En­de ei­nes je­den Mo­nats."

Bei Ab­lauf der Kündi­gungs­frist teil­te der Ver­trieb­ler dem Ar­beit­ge­ber vor­sichts­hal­ber schrift­lich mit, dass er sich an das ver­ein­bar­te Wett­be­werbs­ver­bot hal­ten wer­de und da­her um Zah­lung der Ka­ren­zentschädi­gung bit­te.

Der (Ex-)Ar­beit­ge­ber hielt dem Ver­trieb­ler dar­auf­hin vor, er hätte bei der Ein­stel­lung über künf­ti­ge Um­satz­zah­len getäuscht, wes­halb der Ar­beit­ge­ber die An­fech­tung des Ar­beits­ver­trags erklärte (we­gen an­geb­li­cher arg­lis­ti­ger Täuschung). Das Wett­be­werbs­ver­bot sei nich­tig, da ei­ne Ka­ren­zentschädi­gung gar nicht ver­ein­bart sei, so der Ar­beit­ge­ber. Vor­sorg­lich setz­te er die Ka­ren­zentschädi­gung auf 20 Pro­zent der zu­letzt be­zo­ge­nen Vergütung fest.

Das woll­te sich der Ex-Ver­triebs­mit­ar­bei­ter nicht ge­fal­len las­sen und zog ge­gen die An­fech­tung des Ar­beits­ver­trags und die Ver­wei­ge­rung der Ka­ren­zentschädi­gung vor Ge­richt. Das Ar­beits­ge­richt Ol­den­burg stell­te die Un­wirk­sam­keit der An­fech­tung fest und ver­ur­teil­te den Ar­beit­ge­ber zur Zah­lung von Ka­ren­zentschädi­gung ent­spre­chend den ge­setz­li­chen Re­ge­lun­gen, da es die Er­mes­sens­ent­schei­dung des Ar­beit­ge­bers (nur 20 Pro­zent) für un­bil­lig hielt (Ar­beits­ge­richt Ol­den­burg, Teil­ur­teil vom 20.03.2012, 1 Ca 531/10).

LAG Niedersachsen: Ein Wettbewerbsverbot, das die Entschädigung in das Ermessen des Arbeitgebers stellt, ist nicht von vornherein nichtig

Auch das LAG ent­schied ge­gen den Ar­beit­ge­ber, da die von ihm erklärte Arg­listan­fech­tung of­fen­sicht­lich wir­kungs­los war und den Ar­beits­ver­trag samt Wett­be­werbs­ab­re­de da­her nicht aus der Welt schaf­fen konn­te.

Außer­dem mein­te das LAG wie zu­vor auch das Ar­beits­ge­richt, dass im Streit­fall ei­ne Ka­ren­zentschädi­gung wirk­sam ver­ein­bart wor­den war. Dass de­ren Höhe al­lein im Er­mes­sen des Ar­beit­ge­bers stand, änder­te nichts dar­an, dass ein - not­falls ein­klag­ba­rer - An­spruch auf Ka­ren­zentschädi­gung be­stand.

Denn gemäß § 313 Bürger­li­ches Ge­setz­buch (BGB) muss der zu ei­ner Er­mes­sens­leis­tung ver­pflich­te­te Ver­trags­part­ner sein Er­mes­sen kor­rekt (der "Bil­lig­keit" ent­spre­chend) ausüben und der an­de­re Ver­trags­part­ner - hier im Streit­fall der Ar­beit­neh­mer - kann die Er­mes­sens­ausübung ge­richt­lich über­prüfen las­sen. Not­falls setzt das Ge­richt den Um­fang der Leis­tung fest.

Und da sich der Ar­beit­ge­ber hier bei sei­ner Er­mes­sens­ausübung nicht an der ge­setz­li­chen Min­desthöhe der Ka­ren­zentschädi­gung ori­en­tiert hat­te, d.h. an § 74 Abs.2 HGB, hielt das LAG sie oh­ne viel Fe­der­le­sen für un­bil­lig bzw. un­wirk­sam und seg­ne­te die vom Ar­beits­ge­richt vor­ge­nom­me­ne ge­richt­li­che Fest­set­zung ent­spre­chend dem ge­setz­li­chen Mi­ni­mum ab.

Nicht klar ge­sagt hat das LAG aber, ob ei­ne Ka­ren­zentschädi­gung nach Er­mes­sen da­zu führt, dass die Wett­be­werbs­ver­ein­ba­rung un­ver­bind­lich ist, d.h. zu ei­nem Wahl­recht des Ar­beit­neh­mers zwi­schen Be­fol­gung und Nicht­be­fol­gung führt.

Für die Un­ver­bind­lich­keit spricht, dass ei­ne sol­che Klau­sel ja nicht ein­deu­tig klar­stellt, ob der Ar­beit­neh­mer we­nigs­tens das ge­setz­li­che Mi­ni­mum gemäß § 74 Abs.2 HGB er­hal­ten soll, d.h. die Hälf­te sei­ner zu­letzt be­zo­ge­nen Ge­samt­vergütung.

Da das Wett­be­werbs­ver­bot im vor­lie­gen­den Fall oh­ne­hin auf­grund der vom Ar­beit­ge­ber of­fi­zi­ell aus be­trieb­li­chen Gründen aus­ge­spro­che­nen Kündi­gung un­ver­bind­lich ge­wor­den war, und weil der Ar­beit­neh­mer erklärt hat­te, sich an das Ver­bot zu hal­ten, muss­te das LAG die­se Fra­ge nicht ent­schei­den.

Fa­zit: Ein nach­ver­trag­li­ches Wett­be­werbs­ver­bot ist nicht des­halb nich­tig, weil die Ka­ren­zentschädi­gung vom Ar­beit­ge­ber nach sei­nem Er­mes­sen fest­zu­set­zen ist. Ei­ne sol­che Ver­ein­ba­rung führt aber wohl zur Un­ver­bind­lich­keit des Ver­bots, weil nicht klar ge­re­gelt ist, dass der Ar­beit­neh­mer die ge­setz­li­che Min­dest-Ka­ren­zentschädi­gung er­hal­ten soll.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Hin­weis: In der Zwi­schen­zeit, d.h. nach Er­stel­lung die­ses Ar­ti­kels, hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) über den Fall ent­schie­den und das Ur­teil des LAG Nie­der­sach­sen ab­ge­seg­net. In­for­ma­tio­nen zu dem BAG-Ur­teil fin­den Sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 30. Juni 2016

Bewertung:

Auf Facebook teilen Auf Google+ teilen Ihren XING-Kontakten zeigen Beitrag twittern

 

Autorenprofil

Kontakt

Sie erreichen uns jeweils von Montag bis Freitag in der Zeit
von 09:00 bis 19:00 Uhr:

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Berlin

Lützowstraße 32
10785 Berlin
Telefon: 030 - 26 39 62 0
Telefax: 030 - 26 39 62 499

Ansprechpartner:
Rechtsanwalt Dr. Martin Hensche
Fachanwalt für Arbeitsrecht

Rechts­an­walt Chris­toph Hil­de­brandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht

E-Mail: berlin@hensche.de





 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Frankfurt am Main

Schumannstraße 27
60325 Frankfurt am Main
Telefon: 069 - 71 03 30 04
Telefax: 069 - 71 03 30 05

Ansprechpartner:
Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwalt Thomas Becker

E-Mail: frankfurt@hensche.de





 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Hamburg

Neuer Wall 10
20354 Hamburg
Telefon: 040 - 69 20 68 04
Telefax: 040 - 69 20 68 08

Ansprechpartner:
Rechtsanwalt Sebastian Schroeder
Fachanwalt für Arbeitsrecht

E-Mail: hamburg@hensche.de





 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Hannover

Georgstraße 38
30159 Hannover
Telefon: 0511 - 899 77 01
Telefax: 0511 - 899 77 02

Ansprechpartner:
Rechtsanwältin Nina Wesemann
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechts­an­walt Chris­toph Hil­de­brandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht

E-Mail: hannover@hensche.de





 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Köln

Hohenstaufenring 62
50674 Köln
Telefon: 0221 - 709 07 18
Telefax: 0221 - 709 07 31

Ansprechpartner:
Rechtsanwalt Thomas Becker

Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

E-mail: koeln@hensche.de





 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei München

Ludwigstraße 8
80539 München
Telefon: 089 - 21 56 88 63
Telefax: 089 -21 56 88 67

Ansprechpartner:
Rechts­an­wältin Nora Schu­bert

Rechts­an­walt Chris­toph Hil­de­brandt

E-Mail: muenchen@hensche.de





 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Nürnberg

Zeltnerstraße 3
90443 Nürnberg
Telefon: 0911 - 953 32 07
Telefax: 0911 - 953 32 08

Ansprechpartner:
Rechts­an­wältin Nora Schu­bert

Rechts­an­walt Chris­toph Hil­de­brandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht

E-Mail: nuernberg@hensche.de





 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Stuttgart

Königstraße 10c
70173 Stuttgart
Telefon: 0711 - 470 97 10
Telefax: 0711 - 470 97 96

Ansprechpartner:
Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwalt Thomas Becker

E-Mail: stuttgart@hensche.de



 

HINWEIS: Sämtliche Texte dieser Internetpräsenz mit Ausnahme der Gesetzestexte und Gerichtsentscheidungen sind urheberrechtlich geschützt. Urheber im Sinne des Gesetzes über Urheberrecht und verwandte Schutzrechte (UrhG) ist Rechtsanwalt und Fachanwalt für Arbeitsrecht Dr. Martin Hensche, Lützowstraße 32, 10785 Berlin.

Wörtliche oder sinngemäße Zitate sind nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung des Urhebers bzw. bei ausdrücklichem Hinweis auf die fremde Urheberschaft (Quellenangabe iSv. § 63 UrhG) rechtlich zulässig. Verstöße hiergegen werden gerichtlich verfolgt.

© 1997 - 2016:
Rechtsanwalt Dr. Martin Hensche, Berlin
Fachanwalt für Arbeitsrecht
Lützowstraße 32, 10785 Berlin
Telefon: 030 - 26 39 62 0
Telefax: 030 - 26 39 62 499
E-mail: hensche@hensche.de

Presse Karriere Links A bis Z Sitemap Impressum
Gebühren­freie Hot­line: 0800 - 440 1 880