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Kein An­spruch auf Hin­zu­zie­hung ei­nes An­walts zu BEM-Ge­sprä­chen

Ar­beit­neh­mer kön­nen nicht ver­lan­gen, dass ihr An­walt bei Ge­sprä­chen über ein be­trieb­li­ches Ein­glie­de­rungs­ma­nage­ment (BEM) teil­nimmt: Lan­des­ar­beits­ge­richt Rhein­land-Pfalz, Ur­teil vom 18.12.2014, 5 Sa 518/14

05.02.2015. Sind Ar­beit­neh­mer so lan­ge und/oder so oft ar­beits­un­fä­hig er­krankt, dass der Ar­beit­ge­ber Ge­sprä­che über ein sog. be­trieb­li­ches Ein­glie­de­rungs­ma­nage­ment (BEM) vor­schlägt, ist das manch­mal der ers­te Schritt hin zu ei­ner Kün­di­gung.

Es ist da­her ver­ständ­lich, dass be­trof­fe­ne Ar­beit­neh­mer in Sor­ge um ih­ren Ar­beits­platz sind und BEM-Ge­sprä­che ger­ne mit Un­ter­stüt­zung durch ei­nen An­walt füh­ren wür­den.

Auch wenn das in man­chen Fäl­len sinn­voll ist - ein Recht dar­auf ha­ben Ar­beit­neh­mer nicht: Lan­des­ar­beits­ge­richt Rhein­land-Pfalz, Ur­teil vom 18.12.2014, 5 Sa 518/14.

Welche Personen sind an Gesprächen im Rahmen eines betrieblichen Eingliederungsmanagements (BEM) zu beteiligen?

Wenn ein Ar­beit­neh­mer in­ner­halb ei­nes Jah­res länger als sechs Wo­chen - un­un­ter­bro­chen oder wie­der­holt - ar­beits­unfähig er­krankt ist, muss der Ar­beit­ge­ber gemäß § 84 Abs.2 Satz 1 Neun­tes Buch So­zi­al­ge­setz­buch (SGB IX) durch ge­mein­sa­me An­stren­gun­gen klären, wie die Ar­beits­unfähig­keit möglichst über­wun­den wer­den und mit wel­chen Leis­tun­gen oder Hil­fen er­neu­ter Ar­beits­unfähig­keit vor­ge­beugt und der Ar­beits­platz er­hal­ten wer­den kann.

Die­se ge­mein­sa­me "Klärung" be­steht in der Re­gel in ge­mein­sa­men Gesprächen und heißt be­trieb­li­ches Ein­glie­de­rungs­ma­nage­ment (BEM). Zu be­tei­li­gen sind nach § 84 Abs.2 SGB IX 

Da­von, dass auch der An­walt des be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mers zu be­tei­li­gen ist, steht da­ge­gen nichts in § 84 Abs.2 SGB IX.

Trotz­dem gibt es Fälle, in de­nen ei­ne an­walt­li­che Be­tei­li­gung sinn­voll wäre, vor al­lem dann, wenn sich Mei­nungs­ver­schie­den­hei­ten darüber ab­zeich­nen, wel­che Ein­satzmöglich­kei­ten bzw. Ar­beitsplätze der ge­sund­heit­lich an­ge­schla­ge­ne Ar­beit­neh­mer sei­nem Ar­beit­ge­ber ab­ver­lan­gen kann. Mögli­cher­wei­se ge­hen BEM-Gespräche auch über in Ver­hand­lun­gen über ei­nen mögli­chen Auf­he­bungs­ver­trag, und auch hier ist es sinn­voll, sich als Ar­beit­neh­mer an­walt­lich be­ra­ten zu las­sen.

Aber dass ei­ne an­walt­li­che Be­tei­li­gung aus Ar­beit­neh­mer­sicht sinn­voll wäre, heißt noch nicht, auf ei­ne sol­che Be­tei­li­gung ei­nen An­spruch ge­genüber dem Ar­beit­ge­ber zu ha­ben.

Im Streit: Lange erkrankte Arbeitnehmerin möchte ihren Anwalt bei BEM-Gesprächen dabei haben

Im Streit­fall war ei­ne langjährig beschäftig­te Ar­beit­neh­me­rin nach ei­ner El­tern­zeit lan­ge er­krankt, so dass der Ar­beit­ge­ber der Ar­beit­neh­me­rin ein BEM vor­schlug. Da­mit war die­se auch ein­ver­stan­den, ver­lang­te aber, dass ihr An­walt an den BEM-Gesprächen teil­neh­men soll­te. Die­ser Wunsch war verständ­lich, denn die Par­tei­en führ­ten be­reits ei­nen Pro­zess über ei­ne von der Ar­beit­neh­me­rin gewünsch­te Ar­beits­zeit­ver­rin­ge­rung.

Da man sich darüber nicht ei­ni­gen konn­te, ver­klag­te die Ar­beit­neh­me­rin ih­ren Ar­beit­ge­ber, und zwar mit dem An­trag, ihn zu ver­pflich­ten, ih­ren An­walt zu den BEM-Gesprächen zwi­schen ihr und ih­rem Ar­beit­ge­ber zu­zu­las­sen. Die­se Kla­ge wies das in ers­ter In­stanz zuständi­ge Ar­beits­ge­richt Mainz ab (Ur­teil vom 25.06.2014, 10 Ca 493/14).

LAG Rheinland-Pfalz: Arbeitnehmer können nicht verlangen, dass ihr Anwalt bei Gesprächen über ein BEM teilnimmt

Auch in der Be­ru­fung vor dem LAG hat­te die Ar­beit­neh­me­rin kein Glück. Auch das LAG war der Mei­nung, die Kläge­rin hätte kei­nen Rechts­an­spruch auf Teil­nah­me ih­res An­walts an den BEM-Gesprächen.

Zur Be­gründung ver­weist das Ge­richt zunächst auf die de­tail­lier­te ge­setz­li­che Re­ge­lung der Fra­ge, wel­che Per­so­nen an ei­nem BEM teil­neh­men sol­len. Da der Ge­setz­ge­ber hier sehr ge­naue Über­le­gun­gen an­ge­stellt hat, wäre es nicht in Ord­nung, den BEM-Teil­neh­mer­kreis über das Ge­setz hin­aus aus­zu­wei­ten.

Auch ei­ne Par­al­le­le zu der Si­tua­ti­on, in der sich der Ar­beit­neh­mer bei ei­ner Anhörung zu ei­ner mögli­chen Ver­dachtskündi­gung be­fin­det, schei­det nach An­sicht der Main­zer Rich­ter aus.

Zwar hat­te das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) vor ei­ni­gen Jah­ren ein­mal an­ge­deu­tet, dass dem Ar­beit­neh­mer bei der Anhörung zu kon­kre­ten Ver­dachts­mo­men­ten das Recht zu­ste­hen könn­te, ei­nen An­walt hin­zu­zie­hen (BAG, Ur­teil vom 13.03.2008, 2 AZR 961/06, S.7, wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 08/043 Anhörung „light“ genügt bei Vor­kennt­nis­sen des Ar­beit­neh­mers für Ver­dachtskündi­gung), doch geht es bei der Anhörung vor ei­ner mögli­chen Ver­dachtskündi­gung dar­um, dass dem Ar­beit­neh­mer sehr schwer­wie­gen­de Pflicht­verstöße vor­ge­wor­fen wer­den.

Da­von kann bei ei­nem BEM kei­ne Re­de sein. Hier geht es nicht um (an­geb­li­che) Pflicht­verstöße, schwer­wie­gen­de Vorwürfe und ei­ne dro­hen­de frist­lo­se Kündi­gung, son­dern um ei­ne ge­mein­sa­me Lösung ge­sund­heit­li­cher Pro­ble­me.

Fa­zit: Das LAG lässt die Möglich­keit of­fen, dass ei­ne An­walts­teil­nah­me an BEM-Gesprächen in außer­gewöhn­li­chen Fällen doch ein­mal be­an­sprucht wer­den kann. Im Nor­mal­fall muss sich der Ar­beit­neh­mer da­ge­gen während ei­nes BEM-Gesprächs auf den Be­triebs­rat und auf die Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung stützen.

Das soll­te aus Ar­beit­neh­mer­sicht zu ver­schmer­zen sein, wenn man sich an die Re­gel hält, in sol­chen Gesprächen nichts "ver­bind­lich fest­zu­klop­fen", son­dern sich im­mer ei­ne Be­denk­zeit aus­zu­bit­ten. Dann kann man die im Gespräch erörter­ten Möglich­kei­ten (Ar­beits­platz­wech­sel, geänder­te Ar­beits­zei­ten usw.) in Ru­he mit sei­nem An­walt be­spre­chen, be­vor man ver­bind­li­che Zu­sa­gen macht.

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Letzte Überarbeitung: 15. September 2016

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