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Urteile zum Arbeitsrecht
Nach Alphabet
   
Schlag­worte: Altersdiskriminierung, Betriebsrente
   
Gericht: Landesarbeitsgericht Köln
Akten­zeichen: 9 Sa 1/09
Typ: Urteil
Ent­scheid­ungs­datum: 06.05.2009
   
Leit­sätze: So­weit die ra­tier­li­che Kürzung der Ver­sor­gungs­an­wart­schaft ei­nes vor­zei­tig aus­ge­schie­de­nen Ar­beit­neh­mers nach § 2 Abs 1 S 1 Be­trAVG mit­tel­bar zur Fol­ge hat, dass jünge­re Ar­beit­neh­mer un­ter im Übri­gen glei­chen sons­ti­gen Vor­aus­set­zun­gen ei­ne ge­rin­ge­re An­wart­schaft er­lan­gen als älte­re Ar­beit­neh­mer, ist die­se Be­nach­tei­li­gung im Sin­ne des Art 2 Abs 2 lit. i Richt­li­nie 2000/78/EG (ju­ris EGRL 78/2000) durch ein rechtmäßiges Ziel sach­lich ge­recht­fer­tigt und sind die Mit­tel zur Er­rei­chung die­ses Ziels an­ge­mes­sen und er­for­der­lich.
Vor­ins­tan­zen: Arbeitsgericht Köln, Urteil vom 20.08.2008, 3 Ca 4640/07
   

Lan­des­ar­beits­ge­richt Köln, 9 Sa 1/09

 

Te­nor:

1. Die Be­ru­fung des Klägers ge­gen das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Köln vom 20.08.2008 – 3 Ca 4640/07 – wird kos­ten­pflich­tig zurück­ge­wie­sen.

2. Die Re­vi­si­on ge­gen die­ses Ur­teil wird zu­ge­las­sen.

 

Tat­be­stand:

Die Par­tei­en strei­ten über die Be­rech­nung der vom be­klag­ten P als Träger der ge­setz­li­chen In­sol­venz­si­che­rung (P ) zu si­chern­den Ver­sor­gungs­an­wart­schaft des Klägers.

Der Kläger, ge­bo­ren am 26. Ju­li 1952, war vom 1. No­vem­ber 1982 bis zum 31. De­zem­ber 2007 bei der I GmbH & Co. KG (im Wei­te­ren: Ar­beit­ge­be­rin) beschäftigt.

Bei der Ar­beit­ge­be­rin be­stand ei­ne Ver­sor­gungs­ord­nung (Ver­sor­gungs­werk 2) vom 1. Ja­nu­ar 1979. Die­se lau­tet aus­zugs­wei­se:

§ 1 Art der Fir­men­ren­ten

Nach Auf­nah­me in das Ver­sor­gungs­werk und nach Erfüllung der je­wei­li­gen An­spruchs­vor­aus­set­zun­gen wer­den als Ver­sor­gungs­leis­tun­gen gewährt:

a. Al­ters­ren­ten an Be­triebs­an­gehöri­ge, die nach Er­rei­chen der Al­ters­gren­ze in den Ru­he­stand tre­ten...

§ 6 Höhe der Fir­men­ren­te

Als Al­ters­ren­te .... erhält der Mit­ar­bei­ter vor­be­halt­lich der Son­der­re­ge­lun­gen in § 2 Abs. 2, 5 Abs. 4 und § 9 b

für die ers­ten 10 an­re­chen­ba­ren Dienst­jah­re pro Jahr 0,15 %

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vom 11. bis 15. an­re­chen­ba­ren Dienst­jahr pro Jahr 0,25 %

vom 16. bis 20. an­re­chen­ba­ren Dienst­jahr pro Jahr 0,30 %

vom 21. bis 25. an­re­chen­ba­ren Dienst­jahr pro Jahr 0,35 %

vom 25. bis 30. an­re­chen­ba­ren Dienst­jahr pro Jahr 0,40 %,

höchs­tens je­doch 8 % des ru­he­geldfähi­gen Ein­kom­mens bis zur je­wei­li­gen Bei­trags­be­mes­sungs­gren­ze in der ge­setz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung nach 30 an­re­chen­ba­ren Dienst­jah­ren.

§ 11 Un­ver­fall­ba­re An­wart­schaf­ten bei vor­zei­ti­gem Aus­schei­den 

(1) Auch vor Ein­tritt des Ver­sor­gungs­fal­les aus­ge­schie­de­ne Mit­ar­bei­ter er­hal­ten ih­re An­wart­schaf­ten auf Ver­sor­gungs­leis­tun­gen, so­fern sie bei ih­rem Aus­schei­den min­des­tens das 35. Le­bens­jahr voll­endet ha­ben und die Ver­sor­gungs­zu­sa­ge für sie min­des­tens 10 Jah­re be­stan­den hat...

(3) Die Höhe der Ver­sor­gungs­leis­tun­gen wird aus der Leis­tung er­mit­telt, die den Mit­ar­bei­tern ... im Ver­sor­gung­fall zustände, wenn die Mit­ar­bei­ter nicht vor­zei­tig aus­ge­schie­den wären. Von die­ser Leis­tung wird der Teil als Ren­te ge­zahlt, der dem Verhält­nis der Dau­er der tatsächli­chen Be­triebs­zu­gehörig­keit zu der Zeit von Be­ginn der Be­triebs­zu­gehörig­keit bis zur Voll­endung des 65. Le­bens­jah­res ent­spricht....

Am 1. Sep­tem­ber 2005 wur­de das In­sol­venz­ver­fah­ren über das Vermögen der Ar­beit­ge­be­rin eröff­net. 

Der Be­klag­te er­teil­te dem Kläger am 7. Fe­bru­ar 2007 ei­nen An­wart­schafts­aus­weis, wo­nach er für die si­chern­de un­ver­fall­ba­re Ren­ten­an­wart­schaft mit ei­nem An­teil von 65,3206 % ein­tritts­pflich­tig ist und sich ei­ne zu si­chern­de Leis­tung in Höhe von EUR 229,54 er­gibt. We­gen der Ein­zel­hei­ten der Be­rech­nung wird auf Bl. 14 – 15 d. A. ver­wie­sen.

Da­ge­gen wen­det sich der Kläger mit der vor­lie­gen­den Kla­ge, die am 18. Mai 2007 ein­ge­gan­gen ist. 

Der Kläger meint, die Be­rech­nung der zu si­chern­den Leis­tung ent­spre­chend § 7 Abs. 2 S. 3 Be­trAVG i. V. m. § 2 Abs. 1 S. 1 Be­trAVG und 11 Abs. 3 der Ver­sor­gungs­ord­nung stel­le ei­ne nach
eu­ro­pa­recht­li­chen Vor­schrif­ten un­zulässi­ge Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung dar, weil sich für die jünge­ren Ar­beit­neh­mer bei der Be­rech­nung des Zeit­wert­fak­tors die Dau­er ih­rer mögli­chen Be­triebs­zu­gehörig­keit bis zur Voll­endung des 65. Le­bens­jah­res nach­tei­lig im Ver­gleich zu älte­ren Ar­beit­neh­mern aus­wir­ke.

Das Ar­beits­ge­richt Köln hat durch Ur­teil vom 20. Au­gust 2008 die Kla­ge ab­ge­wie­sen. 

Das Ur­teil ist dem Kläger am 29. De­zem­ber 2008 zu­ge­stellt wor­den. Er hat hier­ge­gen am 2. Ja­nu­ar 2009 Be­ru­fung ein­le­gen und die­se am 21. Ja­nu­ar 2009 be­gründen las­sen.

Er ver­weist auf erst­in­stanz­li­che Ver­gleichs­bei­spie­le, aus de­nen sich er­ge­be, dass durch die ra­tier­li­che Be­rech­nung nach § 2 Abs. 1 S. 1 Be­trAVG vor­zei­tig aus­schei­den­de jünge­re Ar­beit­neh­mer bei glei­cher Dau­er der Be­triebs­zu­gehörig­keit be­nach­tei­ligt würden ge­genüber älte­ren Ar­beit­neh­mern. Da sich für ei­nen (fik­ti­ven) Ar­beit­neh­mer, der am 31. Ok­to­ber 1947 ge­bo­ren sei, und der – wie er – am 1. No­vem­ber 1982 bei der Be­klag­ten ein­ge­tre­ten sei, bei glei­chen Ent­gelt­be­din­gun­gen ei­ne vom Be­klag­ten zu si­chern­de Ren­ten­an­wart­schaft in Höhe von EUR 296,34 er­ge­be, ver­lan­ge er Fest­stel­lung, dass der Be­klag­te sei­ne Ren­ten­an­wart­schaft in glei­cher Höhe zu si­chern ha­be.

Der Kläger be­an­tragt, 

un­ter Abände­rung des Ur­teils des Ar­beits­ge­richts Köln vom 20. Au­gust 2008 – 3 Ca 4640/07 –

1. fest­zu­stel­len, dass er bei Ein­tritt des Ver­sor­gungs­fal­les mit Voll­endung des 65. Le­bens­jah­res An­spruch auf ei­ne Be­triebs­ren­te von EUR 296,34 mo­nat­lich hat,

2. hilfs­wei­se fest­zu­stel­len, dass bei der Be­rech­nung sei­ner be­trieb­li­chen Al­ters­ver­sor­gung ein Zeit­wert­fak­tor von 0,761110 zu­grun­de zu le­gen ist.

Der Be­klag­te be­an­tragt, 

die Be­ru­fung zurück­zu­wei­sen. 

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Er ver­tei­digt mit Rechts­ausführun­gen die Kla­ge­ab­wei­sung durch das erst­in­stanz­li­che Ge­richt.

Ins­be­son­de­re weist er dar­auf hin, dass die nach § 2 Abs. 1 S. 1 Be­trAVG vor­zu­neh­men­de Be­rech­nung jünge­re Ar­beit­neh­mer bei der Er­mitt­lung der Ver­sor­gungs­leis­tung begüns­ti­ge, die dem Ar­beit­neh­mer oh­ne das vor­zei­ti­ge Aus­schei­den zu­ge­stan­den hätte.

We­gen der wei­te­ren Ein­zel­hei­ten des Sach- und Streit­stan­des wird auf den Ak­ten­in­halt ver­wie­sen. 

E n t s c h e i d u n g s g r ü n d e :

I. Die Be­ru­fung ist zulässig.

Sie ist nach § 64 Abs. 2 b ArbGG statt­haft und wur­de in­ner­halb der Fris­ten nach § 66 Abs. 1 S. 1 ArbGG ein­ge­legt und be­gründet.

II. Die Be­ru­fung hat in der Sa­che kei­nen Er­folg.

Im Er­geb­nis hat das Ar­beits­ge­richt Köln zu Recht die Kla­ge ab­ge­wie­sen. 

Bei der Be­rech­nung der vom Be­klag­ten zu si­chern­den Leis­tung ist zu­tref­fend ein Zeit­wert­fak­tor von 0,589530 zu­grun­de ge­legt wor­den, so dass sich bei ei­ner Quo­te von un­strei­tig 65,3206 % ei­ne zu si­chern­de Leis­tung in Höhe von EUR 229,54 er­gibt.

1. Zwi­schen den Par­tei­en be­steht kein Streit darüber, dass der Be­klag­te nach den Vor­schrif­ten des Be­triebs­ren­ten­ge­set­zes (§ 7 Abs. 2 S. 3 i. V. m. § 2 Abs. 1 S. 1 Be­trAVG) und in Übe­rein­stim­mung mit den Be­stim­mun­gen der Ver­sor­gungs­ord­nung (§ 11 Abs. 3 Ver­sor­gungs­werk 2) den Zeit­wert­fak­tor und die Höhe der zu si­chern­den Leis­tung rich­tig be­rech­net hat. Ver­fas­sungs­recht­li­che Be­den­ken ge­gen ei­ne Ver­ein­bar­keit von § 2 Abs. 1 Be­trAVG mit Art. 3 Abs. 1 GG be­ste­hen nicht (vgl. da­zu: BVerfG, Be­schluss vom 15. Ju­li 1998 – 1 BvR 1554/89 u. 1 BvR 963, 964/94 - ).

2. Ein An­spruch er­gibt sich auch nicht nach den Be­stim­mun­gen des All­ge­mei­nen Gleich­be­hand­lungs­ge­set­zes vom 14. Au­gust 2006.

a. Zwar gilt das All­ge­mei­ne Gleich­be­hand­lungs­ge­setz trotz der in § 2 Abs. 2 S. 2 AGG ent­hal­te­nen Ver­wei­sung auf das Be­triebs­ren­ten­ge­setz auch für die be­trieb­li­che Al­ters­ver­sor­gung. Die­se Vor­schrift des AGG hat viel­mehr als Kol­li­si­ons­re­gel Be­deu­tung. Wenn und so­weit das Be­trAVG Aus­sa­gen hin­sicht­lich be­stimm­ter Un­ter­schei­dun­gen enthält, die ei­nen Be­zug zu den in § 1 AGG erwähn­ten Merk­ma­len ha­ben, hat das AGG ge­genüber die­sen älte­ren Be­stim­mun­gen kei­nen Vor­rang. Viel­mehr bleibt es bei den Re­ge­lun­gen im Be­triebs­ren­ten­ge­setz, ins­be­son­de­re auch hin­sicht­lich der an das Merk­mal "Al­ter" an­knüpfen­den Vor­schrif­ten zur ge­setz­li­chen Un­ver­fall­bar­keit, § 1 b Be­trAVG, und im Hin­blick dar­auf, dass das Be­triebs­ren­ten­ge­setz ei­ne fes­te Al­ters­gren­ze vor­aus­setzt, § 2 Abs. 1 Be­trAVG (vgl. da­zu: BAG, Ur­teil vom 11. De­zem­ber 2007 – 3 AZR 249/06 - ).

Ge­ra­de die mögli­che Be­triebs­zughörig­keit bis zu die­ser fes­ten Al­ters­gren­ze als Be­rech­nungs­größe bei der zeit­an­tei­li­gen Quo­tie­rung der Ver­sor­gungs­an­wart­schaft nach § 2 Abs. 1 Be­trAVG be­an­stan­det aber der Kläger.

b. Es ist zu­dem frag­lich, ob der Si­che­rungs­an­spruch des Klägers ge­gen den Be­klag­ten nach § 7 Abs. 2 Be­trAVG un­ter die zeit­li­che Gel­tung des AGG fällt.

Nach Art. 4 des Ge­set­zes zur Um­set­zung eu­ropäischer Richt­li­ni­en zur Ver­wirk­li­chung des Grund­sat­zes der Gleich­be­hand­lung, das am 17. Au­gust 2006 verkündet wur­de, trat das AGG am 18. Au­gust 2006 in Kraft. Über­g­angs­be­stim­mun­gen fin­den sich in § 33 AGG. Da­nach ist neu­es Recht nicht auf Sach­ver­hal­te an­zu­wen­den, die am 18. Au­gust 2006 be­reits ab­ge­schlos­sen wa­ren, wo­bei die Be­nach­tei­li­gungs­hand­lung maßgeb­lich ist (vgl. da­zu: BAG, Ur­teil vom 14. Ja­nu­ar 2009 – 3 AZR 20/07 - ).

Mit Ein­tritt des Si­che­rungs­fal­les am 1. Sep­tem­ber 2005 hat der Kläger ei­nen be­ding­ten An­spruch ge­gen den Be­klag­ten er­hal­ten, der im Ver­sor­gungs­fall zum Leis­tungs­an­spruch wird. Die Be­mes­sung der Leis­tun­gen des Be­klag­ten be­misst sich aus­sch­ließlich nach den bis zum Si­che­rungs­fall zurück­ge­leg­ten Zei­ten der Be­triebs­zu­gehörig­keit, auch dann wenn - wie im vor­lie­gen­den Fall – der Ar­beit­neh­mer nach Ein­tritt des Si­che­rungs­fal­les wei­ter im Un­ter­neh­men bleibt (vgl. ErfK-St­ein­mey­er, 8. Aufl., § 7 Be­trAVG Rdn. 59). Dies spricht dafür, dass nach § 33 AGG das neue Recht nicht an­zu­wen­den

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ist.

3. Der gel­tend ge­mach­te An­spruch er­gibt sich auch nicht aus eu­ro­pa­recht­li­chen Be­stim­mun­gen der Richt­li­nie 2000/78/EG des Ra­tes vom 27. No­vem­ber 2000.

a. Nach den Ge­mein­schafts­verträgen gel­ten Richt­li­ni­en grundsätz­lich nicht un­mit­tel­bar, son­dern erst nach Um­set­zung in das na­tio­na­le Recht durch die Mit­glieds­staa­ten. Ei­ne Ver­pflich­tung des Mit­glieds­staa­tes, Richt­li­ni­en un­mit­tel­bar an­zu­wen­den, be­steht aus­nahms­wei­se dann, wenn die Um­set­zungs­frist ab­ge­lau­fen ist und die Richt­li­nie so ge­nau for­mu­liert ist, dass aus ihr oh­ne Um­set­zungs­spiel­raum Rech­te ab­ge­lei­tet wer­den können. Die Um­set­zungs­frist war hin­sicht­lich des Ver­bots der Be­nach­tei­li­gung we­gen des Al­ters am 1. Sep­tem­ber 2005 noch nicht ab­ge­lau­fen, da die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land von der in Art. 18 Abs. 2 RL 2000/78/EG ein­geräum­ten Möglich­keit Ge­brauch ge­macht hat­te, die Um­set­zungs­frist bis zum 2. De­zem­ber 2006 zu verlängern. Ei­ne Bin­dung an die Richt­li­ni­en vor Ab­lauf die­ser Um­set­zungs­frist er­gab sich auch nicht durch Art. 13 EG (vgl. EuGH, Ur­teil vom 23. Sep­tem­ber 2008 – C – 427/06 – Bartsch; BAG, Ur­teil vom 14. Ok­to­ber 2008 – 9 AZR 511/07 - ).

b. Da der Si­che­rungs­fall be­reits vor der Um­set­zung der Richt­li­nie 2000/78/EG ein­ge­tre­ten war und we­der die Ver­sor­gungs­ord­nung ei­ne Maßnah­me zur Um­set­zung der Richt­li­nie dar­stell­te (vgl. da­zu: EuGH, Ur­teil vom 23. Sep­tem­ber 2008 – C – 427/06 -), noch die für die ra­tier­li­che Be­rech­nung der Ver­sor­gungs­an­wart­schaft be­stim­men­den Vor­schrif­ten des Be­trAVG in­so­weit geändert wor­den wa­ren, ist be­reits zwei­fel­haft, ob Ge­mein­schafts­recht über­haupt be­trof­fen ist.

c. Aber selbst wenn die Richt­li­nie an­wend­bar ist, liegt kein Ver­s­toß ge­gen Ge­mein­schafts­recht vor. 

aa. Zwar ist dem Kläger zu­zu­ge­ben, dass die ra­tier­li­che Kürzung nach § 2 Abs. 1 Be­trAVG mit­tel­bar zur Fol­ge hat, dass jünge­re Ar­beit­neh­mer un­ter im Übri­gen glei­chen sons­ti­gen Vor­aus­set­zun­gen ei­ne ge­rin­ge­re An­wart­schaft er­lan­gen als älte­re Ar­beit­neh­mer (vgl. da­zu auch: Rolfs NZA 2008, S. 553, 555; Adom­eit/Mohr, ZfA 2008, S. 449, 465). Sie wer­den hin­sicht­lich der Dau­er ih­rer mögli­chen Be­triebs­zu­gehörig­keit bis zur fes­ten Ren­ten­al­ters­gren­ze be­nach­tei­ligt.

bb. Je­doch ist die­se Be­nach­tei­li­gung im Sin­ne des Art. 2 Abs. 2 lit. i Richt­li­nie 2000/78/EG durch ein rechtmäßiges Ziel sach­lich ge­recht­fer­tigt. Zu­dem sind die Mit­tel zur Er­rei­chung die­ses Ziels an­ge­mes­sen und er­for­der­lich.

Zweck der Be­rech­nungs­wei­se ist es, ei­ne all­ge­mein gülti­ge, vom In­halt des kon­kre­ten Ver­sor­gungs­ver­spre­chens un­abhängi­ge Re­gel zu sta­tu­ie­ren, die die Be­triebs­treue als ei­nen ent­schei­den­den ty­pi­schen Be­rech­nungs­fak­tor ho­no­riert. Ihr An­wen­dungs­be­reich ist auf leis­tungs­ori­en­tier­te Ver­sor­gungs­zu­sa­gen be­schränkt. Sie geht nicht über das Er­for­der­li­che hin­aus. Im Er­geb­nis er­weist sie sich auch als an­ge­mes­sen, weil bei ei­nem Ar­beit­neh­mer, der den Be­trieb in jünge­ren Jah­ren verlässt, die in der auf das Er­rei­chen des Ren­ten­al­ters aus­ge­leg­ten Ver­sor­gungs­ord­nung zum Aus­druck kom­men­de Er­war­tung vollständi­ger Be­triebs­treue in größerem Aus­maß be­ein­träch­tigt wird als bei ei­nem älte­ren Ar­beit­neh­mer (vgl. da­zu: Rolfs a. a. O., S. 556 m. w. N., Adom­eit/Mohr a. a. O., S. 465).

Da­bei ist auch zu be­ach­ten, dass nach der Recht­spre­chung des EuGH den Mit­glied­staa­ten ein wei­ter Er­mes­sens­spiel­raum bei der Wahl zur Er­rei­chung ih­rer Zie­le im Be­reich der Ar­beits- und So­zi­al­po­li­tik zu­steht (vgl. EuGH, Ur­teil vom 22. No­vem­ber 2005 – C – 144/04 – Man­gold). Es muss zu­dem be­ach­tet wer­den, dass es hier nicht um die Leis­tun­gen des Ar­beit­ge­bers geht, der die Ver­sor­gungs­zu­sa­ge er­teilt hat, son­dern (nur) um die Aus­ge­stal­tung des ge­setz­li­chen In­sol­venz­schut­zes für be­trieb­li­che Ru­he­gel­der. Die­ser Schutz wird durch Zwangs­beiträge gewähr­leis­tet.

cc. Sch­ließlich weist der Be­klag­te zu­tref­fend dar­auf hin, dass nach der hier maßgeb­li­chen Ver­sor­gungs­ord­nung jünge­re Ar­beit­neh­mer zwar bei der Be­rech­nungs­größe "mögli­che Be­triebs­zu­gehörig­keit" be­nach­tei­ligt wer­den können, dafür aber bei der Be­rech­nungs­größe "des oh­ne das vor­zei­ti­ge Aus­schei­den er­reich­ba­ren Ver­sor­gungs­an­spruchs" ei­ne Be­vor­zu­gung er­hal­ten. Denn die Erhöhung des pro­zen­tua­len Stei­ge­rungs­be­tra­ges pro Dienst­jahr von 0,15 % bis auf 0,40 % ab dem 25. an­re­chen­ba­ren Dienst­jahr begüns­tigt die Ar­beit­neh­mer, die noch ei­ne lan­ge Be­triebs­zu­gehörig­keit bis zum Er­rei­chen der fes­ten Ren­ten­al­ters­gren­ze zurück­zu­le­gen hat­ten. Ge­ra­de der vor­lie­gen­de Fall zeigt, dass die ra­tier­li­che Kürzung nach § 2 Abs. 1 Be­trAVG nicht nur ein prak­ti­ka­bles und bewähr­tes Be­rech­nungs­mo­dell bei der Er­mitt­lung der zu si­chern­den Ren­ten­an­wart­schaf­ten ist, son­dern auch grundsätz­li­chen Ge­rech­tig­keits­erwägun­gen genügt. Sie berück­sich­tigt an­ge­mes­sen die Höhe der je­weils er­dien­ten be­trieb­li­chen Zu­satz­ver­sor­gung und ist für al­le Ver­sor­gungs­sys­te­me ein­sch­ließlich der

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Ge­samt­ver­sor­gungs­zu­sa­gen glei­cher­maßen ge­eig­net (so BVerfG, Be­schluss vom 15. Ju­li 1998 - 1 BvR 1554/89 und 1 BvR 963, 964/94 zur Ver­ein­bar­keit mit Art. 3 Abs. 1 GG).

Nach al­le­dem war die Be­ru­fung mit der Kos­ten­fol­ge nach § 97 ZPO zurück­zu­wei­sen. 

Die Re­vi­si­on war we­gen der grundsätz­li­chen Be­deu­tung des Rechts­streits für das Be­triebs­ren­ten­recht zu­zu­las­sen.

R e c h t s mit t e l b e l e h r u n g :

Ge­gen die­ses Ur­teil kann von 

RE­VISION

ein­ge­legt wer­den.

Die Re­vi­si­on muss in­ner­halb ei­ner Not­frist* von ei­nem Mo­nat schrift­lich beim 

Bun­des­ar­beits­ge­richt 

Hu­go-Preuß-Platz 1

99084 Er­furt 

Fax: 0361 2636 2000 

ein­ge­legt wer­den. 

Die Not­frist be­ginnt mit der Zu­stel­lung des in vollständi­ger Form ab­ge­fass­ten Ur­teils, spätes­tens mit Ab­lauf von fünf Mo­na­ten nach der Verkündung.

Die Re­vi­si­ons­schrift muss von ei­nem Be­vollmäch­tig­ten un­ter­zeich­net sein. Als Be­vollmäch­tig­te sind nur zu­ge­las­sen:

1. Rechts­anwälte,
2. Ge­werk­schaf­ten und Ver­ei­ni­gun­gen von Ar­beit­ge­bern so­wie Zu­sam­men­schlüsse sol­cher Verbände für ih­re Mit­glie­der oder für an­de­re Verbände oder Zu­sam­men­schlüsse mit ver­gleich­ba­rer Aus­rich­tung und de­ren Mit­glie­der,
3. ju­ris­ti­sche Per­so­nen, de­ren An­tei­le sämt­lich im wirt­schaft­li­chen Ei­gen­tum ei­ner der in Nr. 2 be­zeich­ne­ten Or­ga­ni­sa­tio­nen ste­hen, wenn die ju­ris­ti­sche Per­son aus­sch­ließlich die Rechts­be­ra­tung und Pro­zess­ver­tre­tung der Mit­glie­der die­ser Or­ga­ni­sa­ti­on oder ei­nes an­de­ren Ver­ban­des oder Zu­sam­men­schlus­ses mit ver­gleich­ba­rer Aus­rich­tung ent­spre­chend de­ren Sat­zung durchführt und wenn die Or­ga­ni­sa­ti­on für die Tätig­keit der Be­vollmäch­tig­ten haf­tet.

In den Fällen der Zif­fern 2 und 3 müssen die Per­so­nen, die die Re­vi­si­ons­schrift un­ter­zeich­nen, die Befähi­gung zum Rich­ter­amt ha­ben.

Ei­ne Par­tei die als Be­vollmäch­tig­ter zu­ge­las­sen ist, kann sich selbst ver­tre­ten. 

* ei­ne Not­frist ist un­abänder­lich und kann nicht verlängert wer­den.

Schwartz

Dumm

Hes­ter

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