Gebühren­freie Hot­line: 0800 - 440 1 880
Urteile zum Arbeitsrecht
Nach Alphabet
   
Schlag­worte: Kündigung: Außerordentlich, Beleidigung
   
Gericht: Arbeitsgericht Herford
Akten­zeichen: 2 Ca 1394/10
Typ: Urteil
Ent­scheid­ungs­datum: 18.02.2011
   
Leit­sätze: So­weit Ro­man­veröffent­li­chun­gen von Ar­beit­neh­mern un­ter den Schutz von Art. 5 Abs. 3 GG fal­len und kei­ne Persönlich­keits­rech­te an­de­rer ver­let­zen, kann ei­ne außer­or­dent­li­che Kündi­gung kei­nen Er­folg ha­ben.
Vor­ins­tan­zen:
   

Tat­be­stand:

Die Par­tei­en strei­ten im An­wen­dungs­be­reich des Kündi­gungs­schutz­ge­set­zes und Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­setz­tes um die Wirk­sam­keit der ar­beit­ge­ber­sei­tig aus­ge­brach­ten außer­or­dent­li­chen Kündi­gung vom 10.11.2008, vor­dem Hin­ter­grund ei­ner Buch­veröffent­li­chung des Klägers als so­ge­nann­ter Büro-Ro­man mit dem Ti­tel "Wer die Hölle fürch­tet, kennt das Büro nicht".

Die Be­klag­te ist ein Küchenmöbel­her­stel­ler mit über 300 Beschäftig­ten. 

Der Kläger ist am 07.09.1960 ge­bo­ren, ver­hei­ra­tet und Va­ter zwei­er un­ter­halts­be­rech­tig­ter Kin­der.

Der Kläger ist seit dem 01.07.1998 bei der Be­klag­ten als Sach­be­ar­bei­ter in der Ab­tei­lung "Sach­be­ar­bei­tung Ver­kauf/Ex­port" ein­ge­setzt. Auf den Ar­beits­ver­trag vom 29.04.1998 wird Be­zug ge­nom­men (Bl. 4 ff. d. A.).

Der Kläger ist fer­ner Mit­glied des Be­triebs­ra­tes bei der Be­klag­ten. 

Der Kläger hat­te in der 43. Ka­len­der­wo­che 2010 ein Buch un­ter sei­nem Na­men veröffent­licht mit dem Ti­tel "Wer die Hölle fürch­tet, kennt das Büro nicht".

Der Kläger bot die­ses Buch auch in der 43. Ka­len­der­wo­che während der Ar­beits­zeit an Kol­le­gen zum Ver­kauf an.

Ob das Buch in rechts­er­heb­li­cher Art und Wei­se be­lei­di­gen­de, ehr­ver­let­zen­de, ausländer­feind­li­che und se­xis­ti­sche Äußerun­gen ge­gen die Be­klag­te und de­ren Be­leg­schaft enthält oder gar straf­recht­lich Re­le­van­tes in der Per­son des Klägers wie­der­gibt, ist
Aus­gangs­punkt des Rechts­streits.

Die Be­klag­te je­den­falls hörte mit Schrei­ben vom 08.11.2010 den Be­triebs­rat zur be­ab­sich­tig­ten außer­or­dent­li­chen Kündi­gung des Klägers an. Die elf­sei­ti­ge Anhörung lau­tet wie folgt:

....

Der Be­triebs­rat er­teil­te sei­ne Zu­stim­mung mit Schrei­ben vom 09.11.2010 (Bl. 26 d. A.) zur be­ab­sich­tig­ten Kündi­gung des Klägers.

Am 10.11.2010 ging dem Kläger die außer­or­dent­li­che Kündi­gung vom 10.11.2010 (Bl. 8 d. A.) zu.

Hier­ge­gen wen­det sich der Kläger mit Kündi­gungs­schutz­kla­ge vom 11.11.2010, bei Ge­richt am Fol­ge­tag ein­ge­gan­gen.

Der Kläger weist dar­auf hin, dass schon nach dem Buch­co­ver des Buch­ti­tels es sich um ei­nen "Ro­man" han­delt. Ei­nem un­be­fan­ge­nen Be­trach­ter dränge sich be­reits des­halb auf, dass es sich um fik­ti­ve Per­so­nen und um fik­ti­ve Hand­lun­gen han­de­le, ge­schrie­ben aus ei­ner sub­jek­ti­ven Erzähl­po­si­ti­on, nämlich des Ich-Erzählers "Jo­ckel Beck".

Un­strei­tig heißt es im Vor­spann des Bu­ches, di­rekt nach dem In­halt: 

"In die­ser Ge­schich­te geht es um Per­so­nen und Hand­lun­gen, die natürlich frei er­fun­den sind. Soll­te Euch viel­leicht doch die ei­ne oder an­de­re Per­son er­staun­lich be­kannt vor­kom­men, kann das nur dar­an lie­gen, dass es wohl in je­der Fir­ma ei­nen Kol­le­gen gibt, a den die über­zeich­ne­te Be­schrei­bung mei­ner Cha­rak­te­re pas­sen könn­te. Ihr könnt Euch ja ein­fach Eu­re Kol­le­gen in die­se Ge­schich­te hin­ein­den­ken, dann wird es si­cher noch amüsa für Euch. Doch in Wirk­lich­keit kann es sol­che merkwürdi­gen Fi­gu­ren ja gar nicht ge­ben, oder...?"

Un­strei­tig wird die Fir­ma der Be­klag­ten nicht im Buch be­nannt oder be­zeich­net, auch ist kein re­al exis­tie­ren­der Na­me von Ar­beit­neh­mern/Ar­beit­neh­me­rin­nen oder der Geschäftsführung der Be­klag­ten als Per­son ge­nannt wor­den.

Der Kläger be­haup­tet auch, kei­ne hand­lungs­spe­zi­fi­schen oder sons­ti­gen Umstände auf­ge­grif­fen zu ha­ben, die ei­ne Iden­ti­fi­ka­ti­on zu­ließen.

Der Kläger weist dar­auf hin, dass es sich eben nicht um ein Sach­buch han­de­le, son­dern um ei­nen fik­ti­ven Ro­man.

Al­lein schon die Ge­genüber­stel­lung der Per­son "Han­nes" aus dem Buch mit dem Ar­beits­kol­le­gen O1 M3 (sie­he im Ein­zel­nen Bl. 35 d. A.) ma­che deut­lich, dass hier kei­ne Übe­rein­stim­mung in der Per­son her­zu­stel­len sei.

Die ver­meint­li­chen Kündi­gungs­gründe mach­ten deut­lich, dass die Be­klag­ten­sei­te of­fen­bar nicht zwi­schen Fik­ti­on und Rea­lität un­ter­schei­den könne. Nicht der von der Be­klag­ten viel zi­tier­te "un­be­fan­ge­ne Be­trach­ter", son­dern die Geschäfts­lei­tung der Be­klag­ten selbst ver­men­ge Rea­lität und Fik­ti­on.

Im Übri­gen sei das Ver­fas­sen ei­nes Ro­mans als außer­be­trieb­li­che Ak­ti­vität des Klägers zu wer­ten.

Kei­nes­falls ha­be der Kläger durch die Buch­veröffent­li­chung den Be­triebs­frie­den gestört; die Be­klag­te sei eben nicht die Fir­ma in der der Ich-Erzähler des Ro­mans, Jo­ckel Beck, ar­bei­tet.

Der Kläger be­strei­tet, dass ein­zel­ne Ar­beit­neh­mer ei­ne Zu­sam­men­ar­beit mit dem Kläger ver­wei­gern würden; zu vie­len der im Anhörungs­schrei­ben be­nann­ten Ar­beit­neh­mer hätte der Kläger kei­nen di­rek­ten Kon­takt.

Un­strei­tig hat sich der Kläger mit Frau B2 un­ter­hal­ten und ihr aus­drück­lich ver­si­chert, dass die Ro­man­fi­gur "Fat­ma" mit ihr über­haupt nichts zu tun hat. Ar­beits­tech­ni­sche Berührungs­punk­te mit Frau B2 be­ste­hen un­strei­tig nicht. Frau B2 hat dem Kläger ge­genüber nicht geäußert, dass sie nicht mehr mit ihm zu­sam­men ar­bei­ten würde.

Un­strei­tig ist auch ge­blie­ben, dass ein Mit­glied der Geschäfts­lei­tung, Herr M3, mit Auszügen des Ro­mans durch die Fir­ma ge­gan­gen ist, um Ar­beit­neh­mer zu fin­den, die sich durch die Ro­man­fi­gu­ren an­ge­spro­chen und ggf. be­lei­digt gefühlt ha­ben könn­ten – aus Sicht des Klägers ist es nicht hin­zu­neh­men, dass sei­tens der Geschäfts­lei­tung der Be­klag­ten of­fen­sicht­lich Stim­mung ge­gen den Kläger ge­macht wor­den ist, um die­sem an­sch­ließend vor­zu­wer­fen, er – der Kläger – störe den Be­triebs­frie­den.

Im Übri­gen be­ruft sich der Kläger aus­drück­lich auf die Frei­heit der Kunst, Ar­ti­kel 5 Abs. 3 Grund­ge­setz. In­so­fern sei der An­satz der Be­klag­ten falsch, dass der Kläger ge­gen das Grund­recht der Mei­nungs­frei­heit ver­s­toßen ha­be. Der Kläger ha­be zu kei­nem der in der Anhörung be­nann­ten Kol­le­gen und auch nicht zu der Be­klag­ten ir­gend­wel­che Mei­nungsäußerun­gen ab­ge­ge­ben.

Hin­sicht­lich der Ar­beit­neh­me­rin B2 be­strei­tet der Kläger die im Anhörungs­schrei­ben vor­ge­tra­ge­ne Ar­beits­unfähig­keit und stellt klar, dass in der Pas­sa­ge über "Fat­ma" das Wort "Frei­er" be­klag­ten­sei­tig völlig falsch aus­ge­legt wor­den sei, als hier of­fen­sicht­lich po­ten­ti­el­le Ehe­kan­di­da­ten ge­meint ge­we­sen sind und nichts an­de­res.

Auch könne der Kläger nicht dafür ver­ant­wort­lich ge­macht wer­den, dass an­de­re Ar­beit­neh­mer, zum Bei­spiel die Ar­beit­neh­me­rin L1, die Kol­le­gin Frau B2 als "Fat­ma" be­zeich­net ha­ben.

Der Kläger be­strei­tet auch, dass die ein­zel­nen be­nann­ten Ar­beit­neh­mer sich persönlich an­ge­grif­fen und dis­kre­di­tiert gefühlt ha­ben und nicht mehr mit dem Kläger zu­sam­men ar­bei­ten möch­ten.

Wei­ter weist der Kläger dar­auf hin, dass zum Bei­spiel für die Ro­man­fi­gur "Sch­mitt­chen" of­fen­sicht­lich kei­ne Per­son im Be­trieb der Be­klag­ten ge­fun­den wor­den ist, die sich hier­mit iden­ti­fi­zie­ren könn­te.

Ei­ne Wie­der­ho­lungs­ge­fahr be­ste­he aus­drück­lich nicht; ins­be­son­de­re be­ab­sich­tigt der Kläger ge­ra­de nicht, wei­te­re Bücher zu ver­fas­sen.

Der Kläger hält den Aus­spruch ei­ner außer­or­dent­li­chen Kündi­gung für rechts­grund­los. 

Der Kläger be­an­tragt, 

fest­zu­stel­len, dass das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en durch die außer­or­dent­li­che frist­lo­se Kündi­gung der Be­klag­ten vom 10.11.2010, zu­ge­gan­gen am 10.11.2010, nicht auf­gelöst wor­den ist, son­dern un­gekündigt fort­be­steht.

Die Be­klag­te be­an­tragt, 

die Kla­ge ab­zu­wei­sen.

Die Be­klag­ten­sei­te geht in der Kla­ge­er­wi­de­rung vom 19.01.2011 auf die Be­triebs­rats­anhörung vom 08.11.2010 im Ein­zel­nen ein.

Im Fal­le der Frau B2 könne ei­ne Par­al­le­lität zwi­schen Buch und Rea­lität nicht an­ge­zwei­felt wer­den; so­wohl in der Na­tio­na­lität als auch von der körper­li­chen Be­schrei­bung her könne nur Frau B2 ge­meint sein. Die­se Einschätzung würde von vie­len Ar­beit­neh­mer/in­nen der Be­klag­ten ge­teilt. Denn die Zahl der türki­schen Ar­beit­neh­mer/in­nen bei der Be­klag­ten im An­ge­stell­ten­be­reich sei über­schau­bar.

Sämt­li­che ver­ant­wort­li­chen Ab­tei­lungs­lei­ter sei­en sich ei­nig, dass auf­grund des Bu­ches des Klägers und der dar­aus re­sul­tie­ren­den Un­ru­hen, ins­be­son­de­re in­ner­halb der Ver­wal­tung, und auch we­gen der Ver­let­zung der Gefühle der Be­leg­schaft, auf gar kei­nen Fall ei­ne Wei­ter­beschäfti­gung des Klägers ak­zep­tiert wer­den könne.

Die Ab­tei­lungs­lei­ter hätten die Geschäftsführer in­so­weit wis­sen las­sen, dass ei­ne Wei­ter­beschäfti­gung des Klägers zu ei­nem "Auf­stand" führen würde.

Die Be­klag­te stellt die Fra­ge, was sie mit ei­nem Ar­beit­neh­mer – dem Kläger – an­fan­gen sol­le, der im Rah­men ei­nes Ar­beits­verhält­nis­ses "nach ei­ge­nen Be­kun­dun­gen Straf­tat­bestände be­geht oder zu­min­dest hier­zu be­reit ist".

Im­mer wie­der fal­le auf, dass der Kläger die Rea­lität mit sei­nen Fan­ta­si­en ver­mi­sche. Durch die­se Ver­men­gung von Rea­lität und Fan­ta­sie dränge sich dem un­be­fan­ge­nen Le­ser der Ver­dacht auf, dass es ähn­li­che oder gleich­ge­la­ger­te Vorgänge bei der Be­klag­ten tatsächlich ge­be. Dies dis­kre­di­tie­re nicht nur die Be­leg­schaft, son­dern auch die Geschäfts­lei­tung der Be­klag­ten.

Ein­zig und al­lein aus dem Grun­de, dass sich ver­schie­de­ne Ar­beit­neh­mer/in­nen der Be­klag­ten durch das Buch persönlich an­ge­grif­fen gefühlt hätten, hätten sich auch die Geschäftsführer der Be­klag­ten mit dem Buch aus­ein­an­der­set­zen müssen. Im Er­geb­nis ha­be der Kläger durch die Buch­veröffent­li­chung den Ar­beits­frie­den in ei­ner Art und Wei­se gestört, wie es die Be­klag­te noch nicht er­lebt ha­be. Da­bei sei be­son­ders zu berück­sich­ti­gen, dass es sich nicht um ei­ne ein­ma­li­ge Ent­glei­sung han­de­le, son­dern um ein "ge­plan­tes" Buch.

Die Be­klag­te stel­le sich die Fra­ge, aus wel­chem Grun­de der Kläger in ei­nem Un­ter­neh­men ar­bei­ten möch­te, "in dem ei­ne sol­che Kul­tur herrscht, wie er sie in sei­nem Buch ge­schil­dert hat."

Im Er­geb­nis sei­en die Dar­stel­lun­gen des Klägers in dem Buch als ausländer­feind­lich, ehr­ver­let­zend, be­lei­di­gend und se­xis­tisch ein­zu­stu­fen.

Außer­halb der Be­triebs­rats­anhörung be­haup­tet die Be­klag­te auch, dass der Kläger sich die ent­spre­chen­den No­ti­zen für den Buch­in­halt am Ar­beits­platz ge­macht ha­be und zwar über Mo­na­te und Jah­re hin­weg und dass die dau­er­haf­ten Aus­wir­kun­gen auf Frau B2 nicht ab­seh­bar sei­en.

Im Übri­gen würde das in Aus­sicht stel­len ei­nes "Fort­set­zungs­ro­mans" den wei­te­ren Be­triebs­frie­den stören.

Durch das Buch sei ei­ne wei­te­re Zu­sam­men­ar­beit mit dem Kläger nicht mehr möglich; die be­trof­fe­nen be­lei­dig­ten Ar­beit­neh­mer/in­nen for­der­ten ei­ne Be­en­di­gung des mit dem Kläger be­ste­hen­den Ar­beits­verhält­nis­ses – die­se For­de­rung be­ste­he bis heu­te.

We­gen des ge­sam­ten Vor­trags der Par­tei­en wird auf die ge­wech­sel­ten Schriftsätze nebst An­la­gen und Pro­to­kol­le ver­wie­sen, die sämt­li­che Ge­gen­stand der münd­li­chen Ver­hand­lung wa­ren.

Ent­schei­dungs­gründe:

A. 

Die Kla­ge ist zulässig und be­gründet. 

Die außer­or­dent­li­che Kündi­gung vom 10.11.2010 hat das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en nicht be­en­det.

Die aus­ge­brach­te ar­beit­ge­ber­sei­ti­ge Kündi­gung vom 10.11.2010 ist rechts­un­wirk­sam. Sie erfüllt nicht die Vor­aus­set­zun­gen des § 626 Abs. 1 BGB.

Nach § 626 Abs. 1 BGB kann das Dienst­verhält­nis von je­dem Ver­trags­teil aus wich­ti­gem Grund oh­ne Ein­hal­tung ei­ner Kündi­gungs­frist gekündigt wer­den, wenn Tat­sa­chen vor­lie­gen, auf­grund de­rer dem Kündi­gen­den un­ter Berück­sich­ti­gung al­ler Umstände des Ein­zel­fal­les und un­ter Abwägung der In­ter­es­sen bei­der Ver­trags­tei­le die Fort­set­zung des Dienst­verhält­nis­ses bis zum Ab­lauf der Kündi­gungs­frist, oder bis zu der ver­ein­bar­ten Be­en­di­gung des Dienst­verhält­nis­ses, nicht zu­ge­mu­tet wer­den kann.

Nach § 626 Abs. 1 BGB ist bei al­len Kündi­gungs­gründen ei­ne Berück­sich­ti­gung al­ler Umstände des Ein­zel­fal­les und ei­ne Abwägung der je­wei­li­gen In­ter­es­sen bei­der Ver­trags­tei­le er­for­der­lich. Die­ses Er­for­der­nis schließt es aus, be­stimm­te Tat­sa­chen oh­ne Rück­sicht auf die Be­son­der­hei­ten des Ein­zel­fal­les stets als wich­ti­gen Grund zur außer­or­dent­li­chen Kündi­gung an­zu­er­ken­nen; es gibt im Rah­men des § 626 Abs. 1 BGB kei­ne ab­so­lu­ten Kündi­gungs­gründe (sie­he schon BAG im Ur­teil vom 23.01.1963 in AP Nr. 8 zu § 124 a Ge­wer­be­ord­nung).

Das Vor­lie­gen ei­nes wich­ti­gen Grun­des ist da­bei in zwei Ab­schnit­ten zu prüfen. Vor­ran­gig ist zu prüfen, ob ein be­stimm­ter Grund an sich ge­eig­net ist, ei­ne außer­or­dent­li­che Kündi­gung zu recht­fer­ti­gen. So­fern dies be­jaht wird, be­darf es nach § 626 Abs. 1 BGB wei­ter der Prüfung, ob die Fort­set­zung des Ar­beits­verhält­nis­ses un­ter Berück­sich­ti­gung der kon­kre­ten Umstände des Ein­zel­fal­les und der Abwägung der In­ter­es­sen bei­der Ver­trags­tei­le zu­mut­bar ist oder nicht (so ständi­ge Rechts­spre­chung des BAG seit dem Ur­teil vom 17.05.1984 in AP Nr. 14 zu § 626 BGB Ver­dacht straf­ba­rer Hand­lung; sie­he auch BAG vom 27.04.2006 in NZA 2006, Sei­te 1033).

Als im Ver­hal­ten des Ar­beit­neh­mers lie­gen­de Gründe für ei­ne außer­or­dent­li­che Kündi­gung kom­men vor al­lem Verstöße ge­gen die dem Ar­beit­neh­mer ob­lie­gen­den Ver­pflich­tun­gen aus dem Ar­beits­verhält­nis in Be­tracht, ins­be­son­de­re Verstöße ge­gen die Ar­beits­pflicht. Auch Verstöße ge­gen Loya­litäts­pflich­ten und die Pflich­ten auf Wah­rung des Be­triebs­frie­dens – so­ge­nann­te Ne­ben­pflich­ten aus dem Ar­beits­verhält­nis - können als außer­or­dent­li­cher Kündi­gungs­grund in Fra­ge kom­men.

Aus­gangs­punkt bei der Fra­ge nach ei­nem außer­or­dent­li­chen Kündi­gungs­grund ist da­mit die Fest­stel­lung ei­ner rechts­wid­ri­gen Ver­trags­pflicht­ver­let­zung

Der Kündi­gen­de ist für die Vor­aus­set­zung des wich­ti­gen Grun­des dar­le­gungs- und be­weis­pflich­tig; et­wai­ge recht­fer­ti­gen­de Gründe hat der Ar­beit­neh­mer sub­stan­ti­iert dar­zu­le­gen – es ist dann Auf­ga­be des Ar­beit­ge­bers zu be­wei­sen, dass Recht­fer­ti­gungs­gründe nicht vor­la­gen (sie­he un­ter an­de­rem BAG vom 26.08.1993 in NZA 1994, Sei­te 63).

Die Veröffent­li­chung des Bu­ches mit dem Ti­tel "Wer die Hölle fürch­tet, kennt das Büro nicht" durch den Kläger stellt kei­nen an sich ge­eig­ne­ten wich­ti­gen Grund für den Aus­spruch ei­ner außer­or­dent­li­chen Kündi­gung nach § 626 I BGB dar.

I. 

Ins­be­son­de­re hat der Kläger durch die Buch­veröffent­li­chung kei­ne Persönlich­keits­rech­te ver­letzt – we­der die der Kol­le­gen/Kol­le­gin­nen noch die der Geschäfts­lei­tung.

Das all­ge­mei­ne Persönlich­keits­recht aus Art. 2 Abs. 1, Art. 1 Abs. 1 GG gilt dann als ver­letzt, wenn der Be­trof­fe­ne er­kenn­bar zum Ge­gen­stand ei­ner me­dia­len Dar­stel­lung ge­macht wird. Nach der Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts im so­ge­nann­ten Es­ra-Fall (ein au­to­bio­gra­phi­scher Lie­bes­ro­man von Ma­xim Bil­ler, sie­he Be­schluss vom 13.06.2007, 1 BVR 1783/05 in BVerfGE 119,1 = NJW 2008, Sei­te 39) ist bei der Abwägung mit dem Grund­recht der Kunst­frei­heit aus Art. 5 Abs. 3 GG auf die mögli­che Er­kenn­bar­keit der rea­len Per­son in der Ge­stalt des im Ro­man fik­tio­na­len Prot­ago­nis­ten ab­zu­stel­len. Erst wenn bei sol­chen Bio­gra­phi­en oh­ne we­sent­li­che Ab­wei­chung von der Wirk­lich­keit ei­ne Dar­stel­lung ei­ner re­al exis­tie­ren­den Per­son er­zielt wird, liegt ein Ein­griff in das Persönlich­keits­recht vor (sie­he auch BGH in NJW 2005, Sei­te 2844). Da­bei ist zu be­ach­ten, dass die Kunst­frei­heit das Recht zur Ver­wen­dung von Vor­bil­dern aus der Le­bens­wirk­lich­keit po­si­tiv mit ein­sch­ließt – so aus­drück­lich das BVerfG, a.a.O., un­ter Nr. 3 im Leit­satz).

Für den Fall, dass Persönlich­keits­rech­te be­trof­fen sind, ist zu fra­gen, ob der ho­he Stel­len­wert der Kunst­frei­heit in Art. 5 Abs. 3 GG Be­ein­träch­ti­gun­gen von Persönlich­keits­rech­ten im We­ge der Wech­sel­wir­kung mögli­cher­wei­se recht­fer­tigt. Hier­bei hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ei­ne kunst­spe­zi­fi­sche Be­trach­tungs­wei­se an­ge­legt, um ei­nen et­wai­gen Wirk­lich­keits­be­zug des Ro­mans zu er­mit­teln. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ver­mu­tet da­bei zu­guns­ten des Au­tors ei­ne Fik­tio­na­lität des Wer­kes (sie­he Leit­satz Nr. 2 der Ent­schei­dung des BverfG a.a.O.). Et­was an­de­res gilt erst dann, wenn der Ro­man­au­tor ei­nen Fak­ti­zitäts­an­spruch selbst er­hebt; das kann zum Bei­spiel dann der Fall sein, wenn der Au­tor des Ro­mans dem Le­ser ge­genüber ei­nen Wahr­heits­an­spruch an sei­nen Schil­de­run­gen er­hebt.

Ab­zu­stel­len ist da­bei auch auf die Fra­ge, ob der Le­ser die Per­so­nen­be­schrei­bung im Ro­man für wahr hal­ten muss. Je mehr ei­ne künst­le­ri­sche Dar­stel­lung be­son­ders geschütz­te Di­men­sio­nen des Persönlich­keits­rechts (ins­be­son­de­re der In­tim­sphäre) berührt, des­to stärker muss die Fik­tio­na­li­sie­rung im Ro­man sein, um nicht zu ei­ner Persönlich­keits­rechts­ver­let­zung zu ge­lan­gen.

In ei­ner ab­wei­chen­den Mei­nung von 2 Rich­tern zur oben be­nann­ten Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts­ent­schei­dung wur­de so­gar bemängelt, dass für die rei­ne Fik­ti­on im en­ge­ren Sin­ne, das heißt, für Wer­ke, die der rei­nen Fan­ta­sie des Au­tors ent­sprun­gen sind, die zufällig aber auch der Rea­lität ähnel­ten, per se die Kunst­frei­heit gel­ten müsse. Nur dann, wenn der Au­tor gar nicht erst ver­su­che, auf ei­ne Kunst­ebe­ne zu ge­lan­gen, son­dern das Rea­le schil­de­re, ha­be das Persönlich­keits­recht vom Be­trof­fe­nen Vor­rang.

Ab­zu­stel­len ist al­so dar­auf, ob der Au­tor ei­nes Ro­mans mit der Ver­zah­nung von Wahr­heit und Fik­ti­on spielt und be­wusst Gren­zen ver­schwim­men lässt. Kann da­bei ein ob­jek­tiv be­son­ne­ner und verständi­ger Le­ser er­ken­nen, dass sich der Ro­man­text nicht in ei­ner re­por­ta­gen­haf­ten Schil­de­rung ei­ner re­al­exis­tie­ren­den Per­son und von rea­len Er­eig­nis­sen erschöpft, son­dern viel­mehr auf ei­ner da­hin­ter­lie­gen­den Ebe­ne spielt, so können Persönlich­keits­rech­te nach der oben be­nann­ten Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts ge­ra­de nicht be­trof­fen sein.

Ent­spre­chen­des gilt auch für Sa­ti­re-Ro­ma­ne. Grundsätz­lich sind bei ei­ner Kol­li­si­on mit dem Persönlich­keits­recht ei­nes Be­trof­fe­nen der Aus­sa­ge­kern und die sa­ti­ri­sche Ein­klei­dung zu un­ter­schei­den. Ent­schei­dend ist die Fra­ge, ob ei­ne Kund­ga­be der Miss­ach­tung vor­liegt. Da­bei ge­nießt die sa­ti­ri­sche Ein­klei­dung ge­genüber dem Aus­sa­ge­kern höhe­ren Schutz, weil es der Sa­ti­re we­sens­ei­gen ist, mit Ver­frem­dun­gen, Ver­zer­run­gen und Über­trei­bun­gen zu ar­bei­ten. Die Sa­ti­re will vor­der­gründig zum La­chen rei­zen mit dem Ziel, die Auf­merk­sam­keit des Le­sers auf ih­ren Ge­gen­stand zu len­ken. Ob sie dem gu­ten Ge­schmack ent­spricht, kann an die­ser Stel­le kei­ne Rol­le spie­len, weil die Sa­ti­re we­gen des im Art. 5 Abs. 3 GG ver­an­ker­ten Zen­sur­ver­bots grundsätz­lich kei­ner Ni­veau­kon­trol­le un­ter­liegt (sie­he auch BGH vom 12.10.1993, VI ZR 23/93 in NJW 1994, Sei­te 124 und BVerfG vom 3.6.1987, 1 BvR 313/85 in BVerfGE 75, Sei­te 369 = NJW 1987, Sei­te 2661).

Die be­klag­ten­sei­tig vor­ge­tra­ge­nen Aus­schnit­te aus dem Buch "Wer die Hölle fürch­tet, kennt das Büro nicht", sind un­ter Berück­sich­ti­gung der Be­triebs­rats­anhörung vom 08.11.2010, für

das Ge­richt hin­rei­chen­der Be­leg ge­nug, dass sich der Kläger auf Art. 5 Abs. 3 GG für die Veröffent­li­chung sei­nes Wer­kes be­ru­fen kann. Der Ro­man ist, wie in dem Vor­spann des Bu­ches aus­geführt, Fik­ti­on – und kein Ta­ge­buch.

We­der in der Be­triebs­rats­anhörung nach §§ 102 Abs. 1, 103 Be­trVG, noch in der Kla­ge­er­wi­de­rung gibt es über­zeu­gen­de Ansätze für ei­ne Über­set­zung des Ro­mans 1 zu 1 mit der Wirk­lich­keit von Per­so­nen, Be­triebs­abläufen und sons­ti­gen Ge­ge­ben­hei­ten bei der Be­klag­ten. Es fehlt ei­ne sub­stan­ti­el­le Dar­le­gung, dass die der Ro­man­fi­gur (als Ich-Erzähler) zu­zu­schrei­ben­den Ver­hal­tens­auffällig­kei­ten (in­cl. der ver­meint­li­chen Erfüllung von Straf­tat­beständen) ir­gend­ei­nen tatsächli­chen Be­zug und Wahr­heits­ge­halt zu re­al exis­tie­ren­den Per­so­nen im Be­trieb der Be­klag­ten hat. Nach der Lo­gik der Be­klag­ten hätten dann noch zahl­rei­che wei­te­re Kündi­gung an­ge­dacht wer­den müssen. Aber die Be­klag­te er­kennt die­ses Di­lem­ma im Kern­punkt selbst, als sie in ih­rer Be­gründung der Kündi­gung die Ver­mi­schung von Rea­lität und Fan­ta­sie im­mer wie­der selbst fest­stellt.

Die Be­klag­te über­sieht, dass sich die im Buch auf­ge­grif­fe­nen Be­triebs­struk­tu­ren auch in an­de­ren Be­trie­ben wie­der fin­den las­sen: Geschäftsführer, Be­triebs­rat, Buch­hal­tungs­ab­tei­lung, Ver­kaufs­ab­tei­lung, Ein­kaufs­ab­teil­lung usw. sind den meis­ten Fir­men­struk­tu­ren im­ma­nent. In vie­len Fir­men wer­den sich auch Mit­ar­bei­ter an­de­rer Na­tio­na­litäten als der Deut­schen fin­den las­sen; es wird auch des Öfte­ren Mit­ar­bei­ter mit Haarzöpfen ge­ben.

Schon die Ge­genüber­stel­lung mit der Ro­man­fi­gur Han­nes zum Mit­ar­bei­ter O1 M3 auf Bl. 35 d. A. macht klar, dass Tei­le der Be­leg­schaft und die Geschäftsführung der Be­klag­ten zwang­haft Ge­mein­sam­kei­ten zwi­schen dem Ro­man und ih­rem Be­trieb ge­sucht ha­ben, die sich aus der Fik­tio­na­lität des Ro­mans tatsächlich so gar nicht dar­stel­len las­sen.

Die Be­klag­te verfällt in ein Ar­gu­men­ta­ti­ons­sche­ma, jeg­li­che Ro­man­schil­de­rung als wahr an­zu­neh­men und als re­al an­zu­se­hen. Hier­aus lei­tet dann die Be­klag­te teil­wei­se ein­zel­ne und auch ab­sur­de Kündi­gungs­gründe ab; dass es sich bei dem Ro­man tatsächlich um Fik­ti­on han­delt – al­len­falls in par­ti­el­ler und ver­frem­de­ter An­leh­nung an ein­zel­ne Wirk­lich­kei­ten – blen­det die Be­klag­te bei ih­rer Ar­gu­men­ta­ti­on ei­ner­seits vollständig aus, er­kennt aber an meh­re­ren Stel­len, dass der Kläger sei­ne Rea­lität mit sei­ner Fik­ti­on ver­mi­sche. Die­se Ver­men­gung von Rea­lität und Fan­ta­sie in ei­ner ro­man­haf­ten Dar­stel­lung kann aber nicht zu Ehr­ver­let­zun­gen und Persönlich­keits­rechts­ver­let­zun­gen oder zu Be­lei­di­gun­gen führen, so­weit sie nicht die oben auf­ge­zeig­ten Gren­zen des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts und des Bun­des­ge­richts­hofs zur Fra­ge der Ver­let­zung des Persönlich­keits­rechts über­schrei­ten. Auf bloße Be­find­lich­kei­ten der ver­meint­lich be­trof­fe­nen Per­so­nen kann al­lei­ne nicht ab­ge­stellt wer­den.

Die­se Gren­zen über­schrei­tet der Ro­man des Klägers in den dem Ge­richt dar­ge­stell­ten Auszügen of­fen­sicht­lich nicht; ergänzend sei auch an­ge­merkt, dass längst nicht die ge­sam­te Ar­beit­neh­mer­schaft der Be­klag­ten sich als be­trof­fen an­sieht.

Wie be­reits oben dar­auf hin­ge­wie­sen ist der Um­stand, dass Tei­le der Ar­beit­neh­mer­schaft der Be­klag­ten Ro­man­fi­gu­ren auf das äußere Er­schei­nungs­bild und in ei­nem Fall zusätz­lich auf die Na­tio­na­lität re­du­zie­ren, oh­ne die Ge­samt­per­son und Hand­lun­gen aus der Rea­lität da­bei im Au­ge zu be­hal­ten, ist ein De­fi­zit im Aus­gangs­punkt zur Aus­spra­che und Vor­be­rei­tung der außer­or­dent­li­chen Kündi­gung vom 10.11.2010. Nach Art der "Ro­si­nen-Theo­rie" wer­den nur sol­che ver­meint­li­che Übe­rein­stim­mun­gen aus dem Buch mit der Le­bens­wirk­lich­keit her­aus­ge­pickt, die für sich ei­nen ers­ten Rück­schluss auf ei­ne mögli­che Per­son im Be­trieb zu­las­sen. Da­bei wird be­klag­ten­sei­tig das äußere Er­schei­nungs­bild der Per­son von dem in­ne­ren Er­schei­nungs­bild (Cha­rak­ter, Psy­che, usw.) völlig los­gelöst be­ur­teilt. Statt ein Ge­samt­bild der im Ro­man dar­ge­stell­ten Persönlich­kei­ten wahr­zu­neh­men, wird auf ein paar krass ins Au­ge sprin­gen­der Ein­zel­hei­ten re­du­ziert. Erst die­se Re­du­zie­rung und die an­sch­ließen­de, dar­auf ba­sie­ren­de Gleich­schal­tung von Ro­man­fi­gur zu mögli­cher­wei­se re­al exis­tie­ren­den Per­so­nen kann das Vor­ge­hen der Kol­le­gen und der Be­klag­ten erklären, recht­fer­tig aber kei­ne außer­or­dent­li­che Kündi­gung.

Vor die­sem Hin­ter­grund wird sich die Be­klag­te auch fra­gen las­sen müssen, ob im Fall der Ro­man­fi­gur Fat­ma die Re­ak­ti­on der Ar­beit­neh­me­rin Frau B. nicht eher durch die Re­ak­ti­on der Kol­le­gen her­vor­ge­ru­fen wor­den ist als durch den Ro­man des Klägers selbst.

Im Er­geb­nis ist fest­zu­hal­ten, dass sich der Kläger durch die Buch­veröffent­li­chung des Ro­mans "Wer die Hölle fürch­tet, kennt das Büro nicht" sich kei­ner (ar­beits­ver­trag­li­chen) Rechts­ver­let­zung schul­dig ge­macht hat.

II. 

Dass der Kläger selbst Straf­tat­bestände in Per­son der Schil­de­rung des Ich-Erzählers Jo­ckel Beck re­al erfüllt ha­ben soll ist ar­gu­men­ta­tiv und tatsächlich we­der sub­stan­ti­ell dar­ge­legt noch be­weis­bar. Noch­mals: das Buch ist of­fen­sicht­lich ein Ro­man und kein Ta­ge­buch.

III. 

Der Kläger hat mit der Buch­veröffent­li­chung auch kei­ne Ne­ben­pflich­ten aus dem Ar­beits­ver­trag nach § 241 Abs. 2 BGB ver­letzt und hat da­mit auch nicht in zu­re­chen­ba­rer Wei­se den Be­triebs­frie­den gestört.

Übli­cher Wei­se wer­den un­ter dem Be­griff Be­triebs­frie­den Störun­gen ei­nes Ar­beit­neh­mers gezählt, der Ar­beits­kol­le­gen zu op­po­si­tio­nel­len Ver­hal­ten ge­gen den Ar­beit­ge­ber, zum Ver­trags­bruch etc. aus­wie­gelt und ver­sucht, be­wusst den Be­triebs­frie­den zu stören. In ei­ner sol­chen Si­tua­ti­on wäre die Rück­sicht­nah­me­pflicht aus dem Ar­beits­ver­trag ver­letzt. Grundsätz­lich ist der Ar­beit­neh­mer zur ver­trau­ens­vol­len Zu­sam­men­ar­beit zwi­schen
Ar­beit­ge­ber und Ar­beits­kol­le­gen ver­pflich­tet. Er hat die Pri­vat­sphäre von Ar­beit­ge­ber und Ar­beits­kol­le­gen zu be­ach­ten. Pri­va­te Kon­flik­te dürfen nicht in den Be­trieb über­tra­gen wer­den. Wird der Be­triebs­frie­den durch ak­ti­ve Hand­lun­gen gestört, die das fried­li­che Zu­sam­men­ar­bei­ten der Ar­beit­neh­mer­schaft un­ter­ein­an­der und mit dem Ar­beit­ge­ber erschüttern oder nach­hal­tig be­ein­träch­ti­gen und nach­tei­li­ge be­trieb­li­che Aus­wir­kun­gen et­wa durch ei­ne Störung des Be­triebs­ab­laufs ha­ben, kann ei­ne ver­hal­tens­be­ding­te, or­dent­li­che Kündi­gung ge­recht­fer­tigt sein (so BAG vom 15.12.1977 in EZA § 626 BGB neue Fas­sung Nr. 61).

Vor­aus­set­zung ist al­ler­dings auch hier, dass das Ver­hal­ten dem Ar­beit­neh­mer als Ver­trags­pflicht­ver­let­zung vor­werf­bar ist. Auch dürfen die Grund­rech­te des Ar­beit­neh­mers ins­be­son­de­re sei­ne Mei­nungs­frei­heit und die Kunst­frei­heit aus Art. 5 Abs. 3 GG nicht un­verhält­nismäßig be­schränkt wer­den (sie­he BAG vom 24.06.2004 in EZA §1 KSchG ver­hal­tens­be­ding­te Kündi­gung Nr. 65).

Ei­ne außer­or­dent­li­che Kündi­gung kommt we­gen des Grund­sat­zes der Verhält­nismäßig­keit erst bei schwer­wie­gen­den Störun­gen des Be­triebs­frie­dens oder des Ar­beits­ab­laufs in Be­tracht. Im Übri­gen trifft den Ar­beit­ge­ber bei Strei­tig­kei­ten un­ter Ar­beit­neh­mern, die ei­nen ge­ord­ne­ten Be­triebs­ab­lauf gefähr­den können, ei­ne be­son­de­re Ver­mitt­lungs­pflicht (sie­he BAG vom 14.05.1964 in AP § 242 BGB, Kündi­gung Nr. 5).

Der Kläger hat mit der Buch­veröffent­li­chung wie oben fest­ge­stellt nicht die Gren­zen des Art. 5 Abs. 3 GG über­schrit­ten. Et­wai­ge ‚Störun­gen’ im be­trieb­li­chen Frie­den sind da­mit hin­zu­neh­men, vor al­lem, wenn sie auf Über­in­ter­pre­ta­tio­nen be­ru­hen.

IV. 

Die streit­ge­genständ­li­che Kündi­gung vom 10.11.2010 ist auch nicht un­ter dem Ge­sichts­punkt ei­ner Druck-Kündi­gung § 626 Abs. 1 BGB halt­bar.

Ei­ne Druck-Kündi­gung liegt vor, wenn von der Be­leg­schaft, vom Be­triebs­rat oder von Kun­den des Ar­beit­ge­bers un­ter An­dro­hung von kon­kre­ten Nach­tei­len (z. B. An­dro­hung von Kündi­gung, Ver­wei­ge­rung der Zu­sam­men­ar­beit, Ab­bruch der Geschäfts­be­zie­hung) die Ent­las­sung ei­nes be­stimm­ten Ar­beit­neh­mers ver­langt wird (sie­he bei­spiel­haft BAG in der Ent­schei­dung vom 18.09.1975 in EZA § 626 BGB Druck-Kündi­gung Nr. 1).

Ei­ne Form der Druck-Kündi­gung zeich­net sich da­durch aus, dass das Ent­las­sungs­be­geh­ren ob­jek­tiv durch das Vor­lie­gen ei­nes ver­hal­tens- oder per­so­nen­be­ding­ten Grun­des im Sin­ne von § 1 Abs. 2 S. 1 KSchG ge­recht­fer­tigt ist. Man spricht hier von ei­ner so­ge­nann­ten un­ech­ten Druck-Kündi­gung.

Fehlt es an ei­nem ver­hal­tens- oder per­so­nen­be­ding­ten Kündi­gungs­grund, kommt als zwei­te Form die Kündi­gung aus be­triebs­be­ding­ten Gründen in Be­tracht, da der Weg­fall der Beschäfti­gungsmöglich­keit dann durch in­ner- oder außer­be­trieb­li­che Umstände be­dingt ist und ge­ra­de nicht auf den mit dem Ver­hal­ten oder mit der Persönlich­keit zu­sam­menhängen­den Umständen be­ruht (sie­he BAG vom 19.06.1986 in EZA § 1 KSchG be­triebs­be­ding­te Kündi­gung Nr. 39).

1. Dass dem Kläger ver­hal­tens- oder per­so­nen­be­ding­te Kündi­gungs­gründe nicht vor­ge­hal­ten wer­den können, hat das Ge­richt be­reits oben un­ter I. aus­geführt un­ter Hin­weis auf Ar­ti­kel 5 Abs. 3 GG.

2. a) Die Fälle ei­ner be­triebs­be­ding­ten Druck-Kündi­gung sind da­ge­gen sel­ten und wer­den teil­wei­se so­gar ganz ab­ge­lehnt (sie­he KR in KSchG § 1 Rd.-Nr. 586 m. w. N.).

Letz­te­res vor al­lem vor dem Hin­ter­grund, dass das Recht nicht dem Un­recht wei­chen muss. Die Fra­ge die sich bei be­triebs­be­ding­ten Druck-Kündi­gun­gen auf­tut ist, ob bei rechts­wid­ri­gen Dro­hun­gen es dem Ar­beit­ge­ber zu­mut­bar sein kann, den Ein­tritt er­heb­li­cher Schäden zu ris­kie­ren, wenn ein mil­de­res Mit­tel als die Kündi­gung fehlt. Die Be­ur­tei­lung für den Ar­beit­ge­ber wird be­son­ders dann schwer, wenn es ihm gar nicht möglich ist, die zur Be­gründung des Drucks er­ho­be­nen Vorwürfe zu über­prüfen. Das ist im vor­lie­gen­den Fall je­doch in­so­weit an­ders, als auch der Ar­beit­ge­ber hätte er­ken­nen müssen, dass der veröffent­lich­te Ro­man des Klägers un­ter den Schutz von Art. 5 Abs. 3 GG fällt.

Wei­te­re Vor­aus­set­zun­gen ei­ner be­triebs­be­ding­ten Druck-Kündi­gung ist, dass der Ar­beit­ge­ber sich zunächst schützend vor den be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer stellt und al­le zu­mut­ba­ren Mit­tel ein­setzt, um die Be­leg­schaft und die Per­son, von de­nen der Druck aus­geht, von ih­rer Dro­hung ab­zu­brin­gen (so schon BAG in der Ent­schei­dung vom 18.09.1975 in EZA § 626 BGB Druck-Kündi­gung Nr. 1). Kon­kre­te Dar­le­gun­gen hier­zu las­sen die Be­triebs­rats­anhörung und der Pro­zess­vor­trag ver­mis­sen

b) Soll­ten hin­ter dem (Druck-)Kündi­gungs­be­geh­ren gar dis­kri­mi­nie­ren­de Mo­ti­ve des Ar­beit­neh­mers ste­hen, ist der Ar­beit­ge­ber ver­pflich­tet, die ihm gem. § 12 AGG ge­genüber Ar­beit­neh­mern und nach § 19 AGG ge­genüber Geschäfts­part­nern zu­ste­hen­den Ab­wehrmöglich­kei­ten aus­zuschöpfen. Nur wenn trotz al­lem ein be­stimm­tes an­ge­droh­tes Ver­hal­ten nicht zu ver­hin­dern ist und dem Ar­beit­ge­ber da­durch schwe­re wirt­schaft­li­che Be­ein­träch­ti­gun­gen dro­hen würden, kann die Kündi­gung so­zi­al ge­recht­fer­tigt sein. Da­bei muss die Kündi­gung nach den Grundsätzen der Verhält­nismäßig­keit das Ein­zi­ge in Be­tracht kom­men­de Mit­tel sein, um et­wai­ge Schäden ab­zu­wen­den.

c) In­wie­weit der Ar­beit­ge­ber vor­lie­gend durch die un­be­strit­te­ne Dar­stel­lung des Klägers, Tei­le der Geschäftsführung hätten of­fen im Be­trieb nach Par­al­le­len zum Ro­man ge­fragt, ei­ne et­wai­ge Druck­si­tua­ti­on selbst im Be­trieb mit her­bei geführt ha­ben könn­te, kann da­hin ge­stellt sein blei­ben.

Die Be­ru­fung des Be­klag­ten dar­auf, dass nach Aus­sa­ge al­ler Ab­tei­lungs­lei­ter es im Fall ei­ner Fortführung des Ar­beits­verhält­nis­ses mit dem Kläger zu ei­nem "Auf­stand" kom­men würde, ist kein aus­rei­chen­der Sach­vor­trag für die An­nah­me, dass ei­ne außer­or­dent­li­che Druck-Kündi­gung un­umgäng­lich ge­we­sen ist am 10.11.2010. Ins­be­son­de­re bei der Be­triebsstärke der Be­klag­ten im Verhält­nis zu der nur sehr ge­rin­gen An­zahl ver­meint­lich be­trof­fe­ner Ar­beit­neh­mer in Per­son des Ro­mans, die nicht ein­mal al­le in ei­nem di­rek­ten Kon­takt mit dem Kläger im Be­triebs­ab­lauf stan­den, lässt sich der ent­spre­chen­de Vor­trag der Be­klag­ten we­der nach­voll­zie­hen noch erklären.

IV. 

Im Er­geb­nis ist der Ro­man des Klägers als das zu se­hen und zu neh­men was er ist: Fik­ti­on.

Da der Kläger sich auf die Kunst­frei­heit nach Art. 5 Abs. 3 GG bei sei­ner Ro­man­veröffent­li­chung be­ru­fen kann, steht auch fest, dass es bei ei­ner Ver­men­gung von Rea­lität und Fan­ta­sie in sei­ner ro­man­haf­ten Dar­stel­lung nicht zu Ehr­ver­let­zun­gen, Persönlich­keits­rechts­ver­let­zun­gen oder Be­lei­di­gun­gen bei an­de­ren Ar­beit­neh­mern ge­kom­men sein kann, da die auf­ge­zeig­ten Gren­zen bei der Fra­ge der Ver­let­zung von Persönlich­keits­rech­ten ge­ra­de nicht kläger­sei­tig über­schrit­ten wor­den sind. Kei­ner der ver­meint­lich Be­trof­fe­nen hat recht­li­che Schrit­te ge­gen den Kläger ein­ge­lei­tet.

Da­mit kann dem Kläger auch nicht un­ter­stellt wer­den, er ver­hal­te sich ge­genüber Mit­ar­bei­tern und der Geschäftsführung der Be­klag­ten be­lei­di­gend, ehr­ver­let­zend, ausländer­feind­lich oder se­xis­tisch. Die­ser Vor­wurf ist vor dem Hin­ter­grund von Art. 5 Abs. 3 GG und der Ein­stu­fung des Bu­ches als Ro­man nicht halt­bar.

V. 

Wei­te­re Ansätze für die An­nah­me ei­nes außer­or­dent­li­chen Kündi­gungs­grun­des be­tref­fend die Kündi­gung vom 10.11.2010 wa­ren für das Ge­richt nicht er­kenn­bar, bzw. konn­ten auch nicht berück­sich­tigt wer­den vor dem Hin­ter­grund der Be­triebs­rats­anhörung vom 08.11.2010. Ob der Kläger zum Bei­spiel tatsächlich ei­nen Fort­set­zungs­ro­man be­ab­sich­tigt (was er be­strei­tet) als auch zur Fra­ge von dau­er­haf­ten Aus­wir­kun­gen auf die Ar­beit­neh­me­rin Frau B., ist der Be­triebs­rats­anhörung nicht zu ent­neh­men. Eben­so we­nig die ver­meint­lich kon­kre­ten Aus­wir­kun­gen auf den "Be­triebs­frie­den". Denn auch ei­ne außer­or­dent­li­che Kündi­gung § 626 BGB kann im Er­geb­nis nur vor dem Hin­ter­grund der tatsächli­chen Be­triebs­rats­anhörung nach § 102 I S. 2 Be­trVG er­fol­gen. So­weit der Be­triebs­rat zu Kündi­gungs­gründen und Ein­zel­hei­ten der Kündi­gung nicht gehört wor­den ist, können die­se auch nicht nachträglich als Be­gründung her­an­geführt und nach­ge­scho­ben wer­den, so auch nicht die Be­haup­tung, der Kläger ha­be sich während der Ar­beits­zeit über Mo­na­te hin­weg No­ti­zen ge­macht.

B. 

Die Kos­ten­ent­schei­dung be­ruht auf § 91 Abs. 1 ZPO.

Die un­ter­lie­gen­de Par­tei trägt die Kos­ten des Rechts­streits.

C. 

Die Streit­wert­fest­set­zung be­ruht auf § 61 Abs. 1 ArbGG i. V. m. § 42 Abs. 3 GKG.

Auf Facebook teilen Auf Google+ teilen Ihren XING-Kontakten zeigen Beitrag twittern

 


zur Übersicht 2 Ca 1394/10  

Kontakt

Sie erreichen uns jeweils von Montag bis Freitag in der Zeit
von 09:00 bis 19:00 Uhr:

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Berlin

Lützowstraße 32
10785 Berlin

Telefon: 030 - 26 39 62 0
Telefax: 030 - 26 39 62 499

E-Mail: berlin@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwalt Dr. Martin Hensche
Fachanwalt für Arbeitsrecht

Rechtsanwalt Christoph Hildebrandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht

Rechtsanwältin Nina Wesemann
Fachanwältin für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Frankfurt am Main

Schumannstraße 27
60325 Frankfurt am Main

Telefon: 069 - 71 03 30 04
Telefax: 069 - 71 03 30 05

E-Mail: frankfurt@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwältin Maike Roters
Fachanwältin für Arbeitsrecht
Fachanwältin für Sozialrecht

Rechtsanwalt Thomas Becker



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Hamburg

Neuer Wall 10
20354 Hamburg

Telefon: 040 - 69 20 68 04
Telefax: 040 - 69 20 68 08

E-Mail: hamburg@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwalt Sebastian Schroeder
Fachanwalt für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Hannover

Georgstraße 38
30159 Hannover

Telefon: 0511 - 899 77 01
Telefax: 0511 - 899 77 02

E-Mail: hannover@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Nina Wesemann
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwalt Christoph Hildebrandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Köln

Hohenstaufenring 62
50674 Köln

Telefon: 0221 - 709 07 18
Telefax: 0221 - 709 07 31

E-mail: koeln@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwalt Thomas Becker

Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwältin Maike Roters
Fachanwältin für Arbeitsrecht
Fachanwältin für Sozialrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei München

Ludwigstraße 8
80539 München

Telefon: 089 - 21 56 88 63
Telefax: 089 -21 56 88 67

E-Mail: muenchen@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Nora Schubert

Rechtsanwalt Christoph Hildebrandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Nürnberg

Zeltnerstraße 3
90443 Nürnberg

Telefon: 0911 - 953 32 07
Telefax: 0911 - 953 32 08

E-Mail: nuernberg@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Nora Schubert

Rechtsanwalt Christoph Hildebrandt
Fachanwalt für Arbeitsrecht



 

Hensche Rechtsanwälte
Kanzlei Stuttgart

Königstraße 10c
70173 Stuttgart

Telefon: 0711 - 470 97 10
Telefax: 0711 - 470 97 96

E-Mail: stuttgart@hensche.de

Ansprechpartner:

Rechtsanwältin Maike Roters
Fachanwältin für Arbeitsrecht
Fachanwältin für Sozialrecht

Rechtsanwältin Dr. Simone Wernicke
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Rechtsanwalt Thomas Becker

Presse Karriere Links A bis Z Sitemap Impressum
Gebühren­freie Hot­line: 0800 - 440 1 880