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Kla­ge ge­gen sau­di­schen Di­plo­ma­ten zu­läs­sig

BAG: Die Lohn- und Schmer­zens­geld­kla­ge Prof. Pfarrs we­gen Aus­beu­tung ei­ner Haus­an­ge­stell­ten ist zu­läs­sig: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 22.08.2012, 5 AZR 949/11
23.08.2012. Es ist ein of­fe­nes Ge­heim­nis, dass die Ar­beits­be­din­gun­gen von Bot­schafts­an­ge­stell­ten oft er­bärm­lich schlecht sind. Ge­rin­ge Be­zah­lung, Angst vor un­be­grün­de­ten Ent­las­sun­gen und Lohn­prel­le­rei sind an der Ta­ges­ord­nung. Hin­zu kom­men in Ein­zel­fäl­len so­gar Ge­walt­tä­tig­kei­ten und An­grif­fe auf die per­sön­li­che Frei­heit, wenn Haus­an­ge­stell­te von Bot­schafts­an­ge­hö­ren wie Leib­ei­ge­ne "ge­hal­ten" wer­den.

Recht­li­cher Hin­ter­grund die­ser Aus­beu­tung von Bot­schafts­an­ge­stell­ten sind die ho­hen Hür­den, die be­trof­fe­ne Ar­beit­neh­mer über­win­den müs­sen, wenn sie mit Aus­sicht auf Er­folg vor die deut­schen Ar­beits­ge­rich­te zie­hen wol­len. Denn nach dem Völ­ker­recht un­ter­lie­gen Bot­schaf­ten und die ho­heit­lich tä­ti­gen Di­plo­ma­ten nicht der Ge­richts­bar­keit des Emp­fangs­staats. Da­her sind sie in Deutsch­land "im­mun“ ge­gen­über der Recht­spre­chung der deut­schen Ar­beits­ge­rich­te.

Die­se Son­der­stel­lung hat­te der Eu­ro­päi­scher Ge­richts­hof (EuGH) vor ei­nem Mo­nat be­reits deut­lich ein­ge­schränkt (EuGH, Ur­teil vom 19.07.2012, C-154/11 - Ma­ham­dia, wir be­rich­te­ten in: Ar­beits­recht ak­tu­ell: 12/266 Bot­schafts­an­ge­stell­te aus­län­di­scher Staa­ten kön­nen vor deut­schen Ar­beits­ge­rich­ten kla­gen). Mit ei­ner Ent­schei­dung vom gest­ri­gen Ta­ge hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) nach­ge­zo­gen und die Kla­ge der be­kann­ten Ar­beits­rechts­pro­fes­so­rin Hei­de Pfarr für zu­läs­sig er­klärt. Mit ih­rer Kla­ge hat­te Prof. Pfarr Lohn- und Schmer­zens­geld­an­sprü­che ei­ner in­do­ne­si­schen Haus­an­ge­stell­ten ge­macht, nach­dem sie sich die­se An­sprü­che zu­vor hat­te ab­tre­ten las­sen: BAG, Ur­teil vom 22. Au­gust 2012 - 5 AZR 949/11.

Gilt die Immunität ausländischer Diplomaten von der deutschen Arbeitsgerichtsbarkeit auch bei "schweren" Rechtsverletzungen?

Gemäß § 18 Ge­richts­ver­fas­sungs­ge­setz (GVG) sind ausländi­sche Di­plo­ma­ten, ih­re Fa­mi­li­en­mit­glie­der und ih­re pri­va­ten Haus­an­ge­stell­ten von der deut­schen Ge­richts­bar­keit be­freit. Ein­zel­hei­ten da­zu fin­den sich im Wie­ner Übe­r­ein­kom­men über di­plo­ma­ti­sche Be­zie­hun­gen vom 18.04.1961 (Bun­des­ge­setz­bl. 1964 II S. 957ff.). Auf­grund die­ser Vor­schrif­ten kann ein ausländi­scher Di­plo­mat in Deutsch­land nicht vor ei­nem Zi­vil­ge­richt ver­klagt wer­den. Auch ei­ne Kla­ge vor ei­nem deut­schen Ar­beits­ge­richt ist da­mit aus­ge­schlos­sen.

Man kann sich al­ler­dings fra­gen, ob die­se Pri­vi­le­gie­rung auch bei "be­son­ders schwe­ren" Rechts­ver­let­zun­gen gilt. Miss­han­delt ein ausländi­scher Di­plo­mat ei­nen Haus­an­ge­stell­ten über Mo­na­te hin­weg, er­laubt ihm kei­nen Aus­gang und zahlt er ihm oben­drein nicht ein­mal den ver­spro­che­nen Lohn, ist es ei­ne schwer zu er­tra­gen­de Recht­los­s­tel­lung, wenn der Be­trof­fe­ne dar­auf ver­wie­sen wird, er können den Di­plo­ma­ten doch in sei­nem Her­kunfts­staat ver­kla­gen. Denn sol­che Kla­gen sind von Deutsch­land aus kaum zu führen und da­her meist aus­sichts­los.

Die deut­schen Ar­beits­ge­rich­te sind al­ler­dings nicht ge­willt, von § 18 GVG ei­ne Aus­nah­me für "schwe­re" Rechts­ver­let­zun­gen zu ma­chen.

Diplomat aus Saudi-Arabien soll seine indonesische Hausangestellte misshandelt, gedemütigt und nicht bezahlt haben

In dem Streit­fall soll ein Di­plo­mat aus Sau­di-Ara­bi­en ei­ne in­do­ne­si­sche Haus­an­ge­stell­te in der Zeit von April 2009 bis Ok­to­ber 2010 an­geb­lich miss­han­delt, ge­demütigt und nicht be­zahlt ha­ben.

Die Haus­an­ge­stell­te er­hob den Vor­wurf, sie ha­be den Haus­halt des Di­plo­ma­ten nicht ver­las­sen dürfen und sei zur Ar­beits­leis­tung an sie­ben Ta­gen in der Wo­che mit Ar­beits­zei­ten von bis zu zwan­zig St­un­den am Tag an­ge­hal­ten wor­den. Außer­dem ha­be sie ständig körper­li­che Miss­hand­lun­gen und Er­nied­ri­gun­gen durch den Di­plo­ma­ten und sei­ne Fa­mi­li­en­an­gehöri­gen dul­den müssen.

Ent­ge­gen der ver­trag­li­chen Ver­ein­ba­rung ha­be der Di­plo­mat ihr kei­ne ei­ge­ne Un­ter­kunft gewährt. Viel­mehr ha­be sie oh­ne Ma­trat­ze und war­me Klei­dung mit ei­ner dünnen De­cke auf dem Bo­den des Kin­der­zim­mers schla­fen müssen. Die ver­spro­che­ne Ver­pfle­gung ha­be aus Es­sens­res­ten be­stan­den. Der Di­plo­mat be­stritt die Vorwürfe.

Im Fe­bru­ar 2011 trat Prof. Dr. Hei­de Pfarr auf den Plan. Sie war lan­ge Jah­re Wis­sen­schaft­li­che Di­rek­to­rin des Wirt­schafts- und So­zi­al­wis­sen­schaft­li­chen In­sti­tuts (WSI) und Geschäftsführe­rin der Hans-Böck­ler-Stif­tung. Sie ließ sich die Ansprüche der Haus­an­ge­stell­ten ge­gen den Di­plo­ma­ten ab­tre­ten und zog vor das Ar­beits­ge­richt Ber­lin, wo sie Lohn und Scha­dens­er­satz ein­klag­te, im­mer­hin et­wa 70.000,00 EUR. Das Ar­beits­ge­richt Ber­lin wies ih­re Kla­ge ab und be­gründe­te das mit der Im­mu­nität des ver­klag­ten Di­plo­ma­ten (Ar­beits­ge­richt Ber­lin, Ur­teil vom 14.06.2011, 36 Ca 3627/11).

Auch das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Ber­lin-Bran­den­burg ent­schied ge­gen Prof. Pfarr, da es die Im­mu­nität des sau­di­schen Di­plo­ma­ten als vor­ran­gig be­wer­te­te. Ei­ne Aus­nah­me von § 18 GVG bei für "schwe­re" Rechts­ver­let­zun­gen woll­te das LAG nicht ma­chen (LAG Ber­lin-Bran­den­burg, Ur­teil vom 09.11.2011, 17 Sa 1468/11).

BAG: Nach der Ausreise des verklagten Diplomaten ist die Klage vor den deutschen Arbeitsgerichten zulässig

Das BAG hob das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts und das des LAG auf und erklärte die Kla­ge für zulässig. Dem­ent­spre­chend ver­wies es die Kla­ge wie­der zurück an das Ar­beits­ge­richt.

Zur Be­gründung be­rief sich das BAG auf Art. 39 Abs. 2 des Wie­ner Übe­r­ein­kom­mens. Nach die­ser Vor­schrift en­det die Im­mu­nität ausländi­scher Di­plo­ma­ten mit ih­rer Aus­rei­se aus dem Emp­fangs­staat. Und mitt­ler­wei­le war der ver­klag­te Di­plo­mat aus Deutsch­land aus­ge­reist. Das er­gab ei­ne Aus­kunft beim Auswärti­gen Amt, die das BAG ein­ge­holt hat­te. Dem­zu­fol­ge muss­te das BAG da­von aus­ge­hen, dass der ver­klag­te Di­plo­mat auf­grund der Aus­rei­se sei­ne di­plo­ma­ti­schen Vor­rech­te ver­lo­ren hat­te.

Das BAG lässt die zwi­schen den Par­tei­en strei­ti­gen Rechts­fra­gen aus­drück­lich of­fen. Die wich­tigs­te die­ser Fra­gen war, ob die Im­mu­nität ei­nes Di­plo­ma­ten bei be­son­ders "schwe­ren" ge­gen ihn er­ho­be­nen Vorwürfe mögli­cher­wei­se ge­ne­rell ein­ge­schränkt ist, d.h. ob § 18 GVG in sol­chen Fällen nicht gilt. Zu die­ser Fra­ge äußert sich das BAG nicht.

Fa­zit: Das BAG-Ur­teil ist ei­ne Ein­zel­fall­ent­schei­dung in ei­nem po­li­tisch be­son­ders bri­san­ten Fall, enthält aber kei­ne all­ge­mei­nen Ver­bes­se­run­gen des Rechts­schut­zes zu­guns­ten von Bot­schafts­an­gehöri­gen. So­lan­ge sich ein ak­kre­di­tier­ter ausländi­scher Di­plo­mat in Deutsch­land aufhält, gilt da­her wei­ter­hin § 18 GVG in Ver­bin­dung mit dem Wie­ner Übe­r­ein­kom­men über di­plo­ma­ti­sche Be­zie­hun­gen vom 18.04.1961. Auf­grund die­ser Vor­schrif­ten ist ei­ne ge­gen ei­nen Di­plo­ma­ten ge­rich­te­ten Zi­vil­kla­ge in Deutsch­land aus­ge­schlos­sen, und zwar auch bei an­geb­lich "schwe­ren" Rechts­verstößen.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Hin­weis: In der Zwi­schen­zeit, d.h. nach Er­stel­lung die­ses Ar­ti­kels, hat das BAG sei­ne Ent­schei­dungs­gründe veröffent­licht. Das vollständig be­gründe­te Ur­teil des BAG fin­den Sie hier:

 

Letzte Überarbeitung: 3. November 2016

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